Interview mit Grit Richter

geführt von Ralf Steinberg

 

Das letzte Jahrzehnt brachte viel Bewegung in die deutschsprachige Phantastikszene und zu den wichtigsten Motoren zählten dabei die engagierten Kleinverlage. Am Art Skript Phantastik Verlag führte dabei kein Weg vorbei und endlich gibt es auch bei uns ein Interview mit seiner Verlegerin Grit Richter.

 

Grit Richter auf der Buch Berlin 2017
Grit Richter auf der Buch Berlin 2017

Fantasyguide: Hallo Grit, seit 2012 führst du Deinen Art Skript Phantastik Verlag. Was hat sich an der Verlagsarbeit in all den Jahren für Dich verändert?

 

Grit Richter: Im Großen und Ganzen ist die Verlagsarbeit gleich geblieben. Ich suche Geschichten, ich erschaffe Bücher, ich verkaufe sie. Aber im Detail sind viele Kleinigkeiten einfacher geworden. Über Social Media erreicht man viel mehr Menschen und kann einen direkten Draht zur Leserschaft aufbauen. Durch den eigenen Online-Shop (der einfach aufzubauen und zu bedienen ist), bin ich unabhängiger von den Großhändlern geworden und kann die Leserschaft direkt beliefern. Es sind viele kleine und große Cons und Messen entstanden, die die Verlagswelt bereichern (wenn sie nicht gerade durch Corona gebremst werden). All diese kleinen Dinge und vieles mehr machen es heutzutage so viel einfacher eine Verlegerin zu sein.

 

Fantasyguide: Corona hat die Aktivitäten auf Cons und Messen in diesem Jahr fast komplett zum Erliegen gebracht und dennoch gab es eine große Welle der Solidarität. Wie erlebst Du solche Aktionen wie #Bücherhamstern?

 

Grit Richter: Da ich #Bücherhamstern selbst mit ins Leben gerufen habe, bin ich natürlich sehr stolz auf diese Aktion. Sie verbindet Autor*innen, Verlage und deren Werke mit einem lesenden Publikum, dass aktiv nach neuen Büchern sucht. Gerade wenn man nicht über Messen und Cons laufen kann ist es umso wichtiger, dass die Neuheiten über Social Media bekannt gemacht werden. Gerade da zeigt sich auch die große Solidarität der Leser*innen, die gerne bereit sind Neuheiten auch direkt beim Verlag zu bestellen um diesen zu unterstützen.

 

Melanie Schneider und Grit auf der Buch Berlin 2014
Melanie Schneider und Grit auf der Buch Berlin 2014

Fantasyguide: Neben dem Brotjob noch ein so komplexes »Hobby« zu betreiben, ist bestimmt nicht immer einfach. Ist Zeitmanagement etwas, was dir in die Wiege gelegt wurde oder kämpfst Du Dich Tag für Tag durch einen Berg auf Dich einstürzender Dinge?

 

Grit Richter: Zeitmanagement ist etwas, dass ich mühevoll lernen musste. Am Anfang war der Verlag noch nicht so groß und ich habe ihn einfach nach meiner regulären Arbeit betreut. Mit der Zeit wurde er größer und die Arbeit umfangreicher. Ich habe Abends einfach so lange gearbeitet, bis ich müde wurde. Die Wochenenden waren voll mit Verlagsarbeit und »nebenher« hab ich immer verschiedene Brotjobs gemacht. Zur Leipziger Buchmesse 2016 hatte ich dann einen sehr heftigen Nervenzusammenbuch. Das war schrecklich, hat mich aber auch aufgeweckt, seither arbeite ich extrem strukturiert. Ich habe klare Arbeitszeiten. Meinen Brotjob mache ich mittlerweile auch im Homeoffice. Beide Arbeiten sind zeitlich voneinander getrennt und die Wochenenden sind frei (es sei denn irgendein Projekt muss dringend fertig werden). Ich kann nur jedem empfehlen, sich selbst geregelte Arbeitszeiten zu geben. Gerade, wenn man so viel Spaß an seiner Arbeit hat, wie ich an meinem Verlag, ist es schwer, sich selbst zu stoppen. Aber man muss es machen, sonst überarbeitet man sich schnell.

 

Auferstanden von Melanie Vogltanz
Auferstanden von Melanie Vogltanz

Fantasyguide: Dein Coverdesign war ja schon immer verspielt und kunstfertig, die mit Gold verzierten Bände der Reihe Schwarzes Blut von Melanie Vogltanz sind aber etwas ganz besonderes. Wie gehst Du an das Erschaffen eines Buchdesigns heran?

 

Grit Richter: Seit Ende 2019 nehme ich wieder verstärkt Design-Aufträge an. Coverdesign und Buchsatz sind dabei meine Kernkompetenzen. Melanie Vogltanz war eine der ersten Kundinnen, die ich in dem Bereich hatte. Das Konzept für Ihre »Schwarzes Blut« Reihe haben wir gemeinsam erarbeitet. Sie brachte die düsteren Illustrationen mit, ich habe das ganze in Szene gesetzt. Später hatte sie auch die Idee mit der Goldprägung, die von mir umgesetzt wurde. Grundsätzlich ist es nicht unüblich, dass Autor*innen oder Verlage, die bei mir ein Cover in Auftrag geben, auch eigene Bilder mitbringen, die sie verarbeitet haben möchten. In meinem eigenen Verlag entstehen die Cover immer in sehr enger Zusammenarbeit mit den Autor*innen (wenn diese das möchten, es gibt auch Fälle, in denen das Design ganz mir überlassen wird). Ich arbeite nach der Philosophie, dass das Cover die Essenz der Geschichte widerspiegeln soll. Im Idealfall betrachtet jemand das Cover und weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte geht. Grundlage für meine Arbeit ist dabei der Klapptext oder auch eine Zusammenfassung. Für meinen Verlag lese ich natürlich immer die Manuskripte, aber für die Arbeit als Coverdesignerin wäre das zu aufwändig. Es ist daher wichtig, dass der*die Autor*in mir sagen kann, was der Kernpunkt seiner*ihrer Geschichte ist. Genau das kommt dann aufs Cover.

 

Archibald Leach und Grit auf dem BuCon 2018
Archibald Leach und Grit auf dem BuCon 2018

Fantasyguide: Bist Du eher beständig in der Wahl Deiner Zeichen- und Designwerkzeuge oder besteht Dein Künstlerinnenleben aus sich abwechselnden Phasen? Wie experimentierfreudig bist Du?

 

Grit Richter: Ich bin sehr experimentierfreudig! Wenn ich Cover komplett selbst erstelle lasse ich mich oft vom amerikanischen Büchermarkt inspirieren. Ich habe auf Pinterest eine riesige Cover-Sammlung aufgebaut, die ich mir immer wieder anschaue, wenn ich nicht weiterkomme. Als Künstler*in lernt man sie aus, egal ob Coverdesign oder schreiben, man sollte sich immer weiterentwickeln und neue Einflüsse zulassen.

Für manche Cover hole ich mir gerne professionelle Illustrator*innen mit ins Boot, weil es besser zur Geschichte passt. Das sieht man z. B. beim Cover von Archibald Leach und die Monstrositäten des Marquis de Mortemarte, dass eine Illustration von Martin Schlierkamp zur Grundlage hat. Ich liebe seinen Stil, der mich sofort an die alten Indiana Jones Filme erinnert hat. Mein Job ist es dann »nur noch«, die Illustration in ein Cover einzubinden, die Schrift richtig zu platzieren, kleine ergänzende Elemente einzufügen usw.

 

Ein paar Cover aus meinem Verlag haben auch schon ein Re-Design erfahren, weil ich nach einer gewissen Zeit gemerkt habe, dass sie nicht laufen. Ein neues Cover wirkt da Wunder. Als Verlegerin und Grafikerin hinterfrage ich mich immer wieder selbst, überdenke meine Wege und probiere neue Sachen aus. Oft erschließt man sich genau dadurch dann eine ganz neue Zielgruppe.

 

Fantasyguide: Ich bin großer Fan von gestalteten Buchseiten, seien es besonders gesetzte Seitenzahlen, Kapitelverzierungen, gestalterische Gimicks – Du baust das ja auch gerne ein. Wie sind da Deine Erfahrungen mit dem Feedback Deiner LeserInnen?

 

Grit Richter: Ich bekomme im Großen und Ganzen viel Lob für die aufwendig gestalteten Innenseiten und das freut mich sehr. Gerade im Phantastik-Bereich ist das sehr beliebt. Es ist einfach eine weitere Form die Leserschaft anzusprechen. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte die Bücher noch passend zur Geschichte parfümieren, um neben Augen (sehen) und Händen (fühlen) auch noch die Nase der Leser*innen anzusprechen (wert*e Leser*in, stellen Sie sich hier das Bild einer verrückten Wissenschaftlerin vor, danke ^^).

In meinen letzten Anthologien habe ich die Autor*innen-Vitas direkt vor die jeweiligen Geschichten gesetzt und sie ins Design mit eingebunden. Ich wollte diesen Schritt gehen, damit die Leser*innen direkt wissen, wer die Person ist, der*die diese Geschichte geschrieben hat. Normalerweise findet man Autor*innen-Vitas gesammelt am Ende einer Anthologie, aber wer schaut da schon nach!? Die Autor*innen haben sich durchweg über diese Entscheidung gefreut. Allerdings kam negatives Feedback von anderen Herausgeber*innen, was mich sehr verwundert hat. Die Kernaussage war: So macht man das nicht, niemand macht das so, das ist nicht richtig. Wenn ich sowas lese, explodiere ich innerlich schon ein bisschen, weil ich mir denke: WARUM? Es gibt keine Regeln, wo eine Autor*innen-Vita zu stehen hat und wenn es eine Regel gäbe, wäre sie doof. An solchen Reaktionen merkte ich dann manchmal die Engstirnigkeit, die an vielen Orten in der Phantastik herrscht. Es kam aber auch die eine oder andere Reaktion von anderen Verleger*innen, dass sie die Aktion gut finden und das nun ebenso machen möchten. Das freut mich dann wieder.

 

Grit auf dem BuCon 2019
Grit auf dem BuCon 2019

Fantasyguide: Gibt es auch Grenzen dieser Gestaltungsmittel, die nicht funktionieren oder zuviel sind?

 

Grit Richter: Ja, meine Grenzen liegen ganz sicher bei den Seitenzahlen. Meine große Schwäche! Es ist mir schon drei Mal passiert, dass ich Seitenzahlen in einer Schrift setzte, die man nicht gut erfassen kann. Gerade wenn dann nach einer bestimmten Seite gesucht wird (z. B. in Anthologien), ist das Theater groß, wenn man die Seitenzahl nicht lesen kann.

Schrift ist grundsätzlich gleichzeitig meine größte Stärke und Schwäche. Ich liebe Schriften, aber ich neige dazu mich komplett in ihnen zu verlieren und am Ende kann keiner den Titel lesen, der da auf dem Buch steht. Das ist natürlich ein KO-Kriterium. Da muss ich immer sehr aufpassen. Lesbarkeit ist IMMER das oberste Gebot, egal wie schön verschnörkelt die Schrift ist.

 

Fantasyguide: Melanie Vogltanz gehört zu den AutorInnen, die gerade erst auch negative Auswüchse des Verlagswesens erlebten. Ist das vielleicht auch ein Problem mangelnden Wissens über die Verlagstätigkeit? Wie hast Du Dir das nötige Wissen angeeignet?

 

Grit Richter: Bevor ich den Verlag gegründet habe, hab ich tatsächlich das Buch Verlagsgründung in Deutschland gekauft. Ich hab es gelesen und achte »Joa, bekomme ich hin!« Alles andere habe ich mir später selbst angeeignet. Verlegerkollegen wie Torsten Low waren da immer sehr hilfreich im Tipps und Ratschläge geben. Man muss keine Ausbildung zur Verleger*in gemacht haben, um einen Verlag zu gründen, jeder kann das machen. Aber man sollte (genau wie beim Grafikdesign) an sich selbst den Anspruch haben immer besser zu werden und sich weiterzubilden. Das alles schützt einen aber auch nicht vor Fehlern oder Niederschlägen. Ich habe, gerade in meiner Anfangszeit, viele Fehler gemacht, an denen ich jetzt noch finanziell zu knabbern habe. Ich habe mit Leuten zusammengearbeitet, die mir nicht gut getan haben oder in Projekte investiert, die nichts gebracht haben. Klar ist das scheiße, aber man muss diese Widrigkeiten überwinden und aus ihnen lernen und versuchen den gleichen Fehler nicht zweimal zu machen.

 

BuCon 2015, DPP-Verleihung: Grit ganz aus dem Häuschen
BuCon 2015, DPP-Verleihung: Grit ganz aus dem Häuschen

Fantasyguide: Wenn man Dich erlebt, begegnet man einer quirligen jungen Frau, die mit ganzer Leidenschaft für ihre Bücher, Projekte und AutorInnen brennt. Was motiviert Dich und was hilft Dir, wenn es mal nicht so toll läuft?

 

Grit Richter: Ich bin ein positiver Mensch und versuche auch immer an allem etwas gutes zu finden. Wenn es aber wirklich mal gar nicht gut läuft, dann schalte ich komplett ab. Ich lasse meinen Verlag dann auch mal liegen, verzeihe mich aufs Sofa und schaue Netflix und spiele irgendwas auf der PlayStation (wenn ich sauer bin, spiele ich vornehmlich Tomb Raider und suche ein Level in dem ich laut schreiend Idioten umballern kann – Bestes Anger Management ever!). Sollte das nicht helfen, jammere ich bei Freunden rum, die finden meist die richtigen Worte für mich. Wenn ich ein bisschen Abstand gewonnen hab fällt mir dann meist auch die Lösung für meine Probleme ein und dann läuft alles wieder.

 

Fantasyguide: Auf Twitter kann man Dich auch als streitbar und wortgewandt erleben, wenn es darum geht Stellung zu beziehen. Welches Maß an Politik hältst Du für Deine Tätigkeit als Verlegerin als unverzichtbar und trennst Du da überhaupt zwischen der Privatperson und der Unternehmerin?

 

Grit Richter: Das ist spannend, weil ich meist das Gefühl habe 70% von allem, was ich auf Twitter sagen/schreiben will, zurückzuhalten, gerade weil ich auch als Unternehmerin dort auftrete. Ich habe mir jedoch angewöhnt lieber zu sagen was ich gut finde, als zu sagen, was ich schlecht finde. Z. B. könnte ich sagen »Diese blau/brauen Parteien sind scheiße!«, aber ich sage lieber etwas, von dem ich weiß, dass diese blau/braunen Parteien es hassen. Also sage ich »REGENBOGEN für alle! Zeigt mehr Diversität, LGBTQi+ ist super, supportet eure lokale Drag Queen!« usw. Ich will nicht auf all das aufmerksam machen was scheiße läuft in Deutschland, ich will lieber das zeigen, was richtig geil ist. Und im Umkehrschluss finden dann auch Leute zu mir, die genau diese Meinung auch vertreten und sie in tolle Geschichten verpacken, die ich dann veröffentlichen kann.

 

FunFact! Früher habe ich ganz selten Kurzgeschichten mit Diversität oder LGBTQi+ Figuren bekommen. Seit ich in meinen Ausschreibungen aber klar kommuniziere, dass man mir Geschichten mit diesem Content gerne schicken darf, bekomme ich sie auch. Ich las später, dass viele Autor*innen, die diese Thematiken bedienen, von Herausgeber*innen angeblafft wurden, was ihnen einfiele, sowas einzusenden. Daher haben diese Autor*innen angefangen darauf zu achten, bei welchen Verlagen ihre Geschichten willkommen sind. Total crazy irgendwie, aber so ist es wohl.

 

Grit und Melanie auf dem BuCon 2015
Grit und Melanie auf dem BuCon 2015

Fantasyguide: Die Phantastikszene ist meines Empfindens nach sehr heterogen, besteht aber aus diversen Blasen, die sich kaum durchmischen. Ist das auch Deine Beobachtung? Würdest Du etwas ändern wollen?

 

Grit Richter: Poar, ja man! Die deutschsprachige Phantastik ist sooooo lahm! Es werden noch immer die gleichen Bücher wie vor 20-30 Jahren geschrieben. Alles fühlt sich irgendwie ewiggleich an. Alle Vampire sind säuselnde Schönlinge, alle Elfen/Elben sind weiß, alle Zwerge sind männlich usw. Aber WEHE jemand wagt mal was neues, das geht GAR NICHT! Da brechen Grundsatzdiskussionen los, wenn in einem High Fantasy Roman Schießpulver vorkommt, weil das passt ja nicht ins mittelalterliche Europa und wir wissen ja alle, dass jede High Fantasy Welt nur das mittelalterliche Europa ist! *Sarkasmus aus*

Es scheint echt schwer zu sein, solche alten Regeln zu durchbrechen. Daher bin ich sehr froh, dass es mittlerweile echt viele Selfpublisher und Kleinverlage gibt, die sich eher abseits vom Mainstream aufhalten und Bücher machen, die es nicht schon 1.000x gab. Zusammen können wir das homogene Einerlei durchbrechen und geilen Scheiß unters Volk bringen.

 

Fantasyguide: Sicherlich helfen dabei auch Aktionen wie #MehrUnfug – nach meinem Eindruck perfekt für Dich, oder schätze ich Dich da falsch ein?

 

Grit Richter: Auch diesen Hashtag habe ich selbst ein bisschen mitgepushed. Erfunden hat ihn Ingrid Pointecker vom Verlag ohneohren. Und er hilft sehr. In meinem SpreadShirtShop kann man sich den Hashtag auch auf T-Shirts drucken lassen. Der Hashtag hilft in jedem Fall Leute zu verbinden. Menschen, die außergewöhnliche Bücher schreiben und Menschen, die diese Bücher lesen möchten. Aber es werden auch viele Diskussionen geführt, was man machen kann, was man plant, etc. Twitter ist wirklich ein guter Ort um Anregungen zu finden.

 

Steampunk 1852
Steampunk 1852

Fantasyguide: Dein Verlagsprogramm enthält auch immer einige Anthologien. Steampunk 1851 ist dabei Dein großer Bestseller – Glück, Zufall oder tatsächlich das Beste an deutschsprachigem Steampunk?

 

Grit Richter: Ich habe gerade mal in meine Übersicht geschaut. Die Anthologie hat sich bisher (letzter Stand 3. Quartal 2020) fast 1.500 mal verkauft. Was für einen Kleinverlag wirklich bombastisch ist! Ich habe keine Ahnung, was da passiert ist. Die Anthologie erschien 2013, vielleicht war da einfach die Sehnsucht nach Stemapunk da, aber zu wenig auf dem Markt? Besonders Steampunk aus Deutschland ist ja doch noch sehr selten. Ich bin in jedem Fall froh, dass genau das passiert ist, was passiert ist, denn dieser Erfolg hat die Weichen gelegt für das komplette Steampunk-Programm des Verlags.

 

Fantasyguide: Was wäre Dein ideales Buch als Leserin und was als Verlegerin?

 

Grit Richter: Puh, die Frage ist überraschend knifflig. Ich kann das gar nicht so genau benennen. Als Verlegerin ist jedes Buch, das ich rausgebracht habe, das ideale Buch in diesem Moment gewesen und das immer aus verschiedenen Gründen. Mal hat mich die Geschichte angesprochen, die Idee dahinter, die Herangehensweise, die Gefühle, die ich beim lesen hatte. Als Verlegerin und Unternehmerin muss ich aber auch sagen, dass das Ideale Buch natürlich das wäre, welches gleichzeitig eine breite Masse anspricht, sich episch gut verkauft und trotzdem kein ewiggleicher Mainstream ist … joa, kann das mal jemand schreiben, bitte!

 

Jürgen Eglseer und Grit auf der Leipziger Buchmesse 2016
Jürgen Eglseer und Grit auf der Leipziger Buchmesse 2016

Fantasyguide: Gibt es Bücher aus anderen Verlagen, die Du selbst gern gemacht hättest, jetzt mal vom wirtschaftlichen Erfolg abgesehen?

 

Grit Richter: Ja!!! Ich bin super neidisch auf Jürgen Eglseer vom Amrûn Verlag dass er Berlin – Rostiges Herz von Sarah Stoffers machen durfte. Ich habe das Buch neulich gelesen und bin einfach nur Hals über Kopf verliebt. Das wäre genau das richtige Buch für meinen Verlag gewesen. Aber ich empfehle das Buch trotzdem jeden, der Interesse an Steampunk und Fantasy äußert!

 

Ingrid Pointecker und Melanie Vogltanz auf der Buch Berlin 2017
Ingrid Pointecker und Melanie Vogltanz auf der Buch Berlin 2017

Fantasyguide: Ingrid Pointecker vom sympathisch benamsten ohneohren Verlag und Du seid irgendwie untrennbar. Ihr sitzt nebeneinander auf Cons und Messen, podcastet zusammen und scheint euch so prächtig zu verstehen. Freundschaft unter Konkurrentinnen, geht so etwas überhaupt?

 

Grit Richter: Neulich hat Torsten Low genau diese Frage in seiner YouTube-Reihe Verlagsgeplauder gestellt. Eingeladen waren Jürgen (vom Amrûn Verlag), Ingrid (von ohneohren) und ich. Leider musste Ingrid Krankheitsbedingt ausfallen.

Die Erkenntnis aus diesem Gespräch war aber ganz klar. Grundsätzlich hocken wir alle sehr in unseren Nischen und fahren alle ein ähnliches, aber doch unterschiedliches Programm mit verschiedenen Schwerpunkten. Wir supporten uns lieber gegenseitig, als dass wir uns Autor*innen streitig machen würden.

Ingrid und ich haben irgendwann einfach gemerkt, dass wir super gut miteinander auskommen und da wir beide einen Podcast machen wollten, haben wir uns auch gleich zusammengetan. Es gibt ohnehin zu wenig Podcasterinnen und noch viel weniger, die über Verlagskram reden. Diese Nische wollte einfach von uns gefüllt werden.

 

Jenny Wood am Art Skript Verlagsstand auf der Buch Berlin 2019
Jenny Wood am Art Skript Verlagsstand auf der Buch Berlin 2019

Fantasyguide: Gerade habe ich mit Road to Ombos eine Auskopplung aus der Kemet-Anthologie gelesen. Wie kam es zu dieser Art der Einzelveröffentlichung?

 

Grit Richter: »Road to Ombos« ist nicht die erste Einzelveröffentlichung aus »Kemet«. Die Autorin Jenny Wood hat mit Totengeister ebenfalls schon einen zweiten Fall ihres Ermittlerteams Mafed und Barnell geschrieben, die ihren Ersten Auftritt in »Kemet« hatten.

Viele Kurzgeschichten kommen bei den Leser*innen gut an und finden dann ihren Weg in weitere Geschichten. Auch Archibald Leach und Erasmus Emmerich hatten zuerst einige Auftritte in Anthologien, bevor sie ihre eigenen Roman-Reihen bekommen haben.

»Road to Ombos« folgt dieser Tradition. Melanie Vogltanz wollte gerne die Vorgeschichte zu Highway to Heliopolis erzählen, so entstand »Road to Ombos«. Ich will nicht zu viel verraten, aber das war noch nicht alles, wir haben große Pläne!

 

Kemet
Kemet

Fantasyguide: Während die Schienen Dark Fantasy und Steampunk proppevoll sind, sieht es im Bereich Space Opera etwas mager aus und liegt zum Teil schon im ByeBye-Bereich Deines Shops. Woran liegt das?

 

Grit Richter: Ich habe den Space Opera Bereich erst 2017 eröffnet. Die Reihe, mit der ich starten wollte wurde nicht fortgeführt, da sich meine Vorstellungen und die der Autorin nicht mehr vereinen ließen. Dafür wage ich jetzt einen Neustart mit der Anthologie Bienen oder die verlorene Zukunft und wenn alles klappt, dann wird es 2021 eine neue Reihe im Space Opera Bereich geben. Es ist ein sehr neues Genre, in dem ich mich ausprobiere und der Aufbau dauert nun etwas. Aber keine Sorge, es wird mehr Bücher in dem Bereich geben.

 

Grit nahm 2015 den Deutschen Phantastik Preis für »Steampunk Akte Deutschland« auf dem BuCon in Empfang
Grit nahm 2015 den Deutschen Phantastik Preis für »Steampunk Akte Deutschland« auf dem BuCon in Empfang

Fantasyguide: Apropos Steampunk – SF oder Fantasy? Als Verlegerin musst Du ja mit Genrebegriffen jonglieren – wie handhabst Du die doch sehr unterschiedlichen Definitionen und Erwartungen Deiner Leserschaft?

 

Grit Richter: Na da haust du mir gleich den Finger in die Wunde. Erst gestern (oder je nach dem, wann das Interview erscheint, neulich) habe ich eine Rezension zu unserer neuen Anthologie Steampunk Akte Asien bekommen. Die Kernaussage war »Das ist nicht, was ich mir unter Steampunk vorstelle« und das stimmt auch! Es gibt von Steampunk eine sehr feste Meinung, das Genre ist in der Science-Fiction begründet, aber es lässt sich auch so gut mit Fantasy vereinen. Maschinen und Magie ist einfach eine geile Kombination. Aber wenn man »Steampunk« auf ein Buch schreibt, ist eine gewisse Erwartungshaltung da. Es ist, wie oben beschrieben: Wenn du etwas machst/schreibst, was nicht der zu erwartenden Norm entspricht, dann musst du mit Gegenwind rechnen. Aber es tut gerade bei dieser Anthologie besonders weh. Sie ist seit einigen Jahren in der Mache, viel wurde verschoben, viel musste neu angepasst werden und dann ist gleich die erste Rezension eine mit 2 Sternen …

Aber ich glaube an das Potenzial dieser Anthologie und der ganzen »Steampunk Akte«-Reihe, wir (in dem Fall Herausgeber Fabian Dombrowski und ich) haben da ein tolles Konzept ausgearbeitet.

Also, grundsätzlich bin ich gut in der Genredefinition, ich hab aber auch immer mehr den Wunsch Genregrenzen zu sprengen und Dinge zu machen, die man nicht erwartet.

 

Flower in Flamare von Jenny Wood
Flower in Flamare von Jenny Wood

Fantasyguide: Romantasy findet sich bei Dir in Zukunft auch. Worin siehst Du hier das phantastische Potential? Kann man verhindern, dass die LeserInnen wie bei Cora-Heften auf die Sexszene von Seite 69 warten?

 

Grit Richter: Die neue eBook-Only-Reihe Flower in Flamare wird sich tatsächlich mit Romantasy befassen, aber wie bei allem, was ich mache, wird es nicht so, wie man es allgemeinhin erwarten würde. Die Reihe beschäftigt sich nicht mit Bad Boys, toxischen Beziehungen oder ausschließlich heterosexuellen Paaren. Es soll um echte Liebe gehen, kuschelig, romanisch, bisschen dramatisch, aber immer mit Happy End. Eine schöne Liebesgeschichte braucht nicht immer das große Tataa, sie kann auch im kleinen Rahmen einfach schön sein.

Die Geschichten spielen alle in der fiktiven Stadt Florealis, es kann also passieren, dass Figuren und Schauplätze in jedem der Bücher vorkommen. Wir starten damit 2022 und schauen mal, wie es läuft.

 

Fantasyguide: Gibt es eigentlich schon gute Nachrichten für Dich aus der Verfahren zur KNV-Insolvenz?

 

Grit Richter: Nicht wirklich, Corona scheint momentan auch alles zu überschatten. Die ganze Insolvenz-Sache verläuft sich für mich irgendwie im Sande.

 

Fantasyguide: Inzwischen gibt es ja auch wieder einen Online-Shop bei Dir. Läuft er jetzt besser als die ersten Versuche?

 

Grit Richter: Ja, deutlich besser. Die letzten beiden Male, als ich einen Online-Shop aufgebaut habe, hatte ich nicht genug Reichweite und außerdem waren die Shop-Systeme viel zu kompliziert. Außerdem musste man für das Hosting des Shops meist eine monatliche Gebühr zahlen. Aber jetzt gibt es viel einfachere Systeme, für die man einmalig etwas zahlt und gut ist. Das ist die perfekte Lösung für mich und sie kam genau zur richtigen Zeit. Angestoßen durch die oben schon genannte KNV-Insolvenz und die darauf folgende Krise mit dem anderen Großhändler Libri, der viele Kleinverlagstitel ausgelistet hat, hab ich den Online-Shop in Angriff genommen und er war genau zum Anfang der Corona-Krise fertig.

 

Fantasyguide: Auf welche Deiner zukünftigen Projekte freust Du Dich gerade besonders?

 

Grit Richter: Alle! Ich mach da keine Ausnahmen. Alle Projekte sind meine ganz besonderen Schätze und sie alle sind gleichwertig wichtig für mich. Ich freue mich auf alles, was ich bald präsentieren kann!

 

Fantasyguide: Hast Du eine Empfehlung für jene LeserInnen, die den Art Skript Phantastik Verlag kennenlernen wollen?

 

Grit Richter: Hmm, das kommt immer auf den ganz individuellen Lesegeschmack an, aber ich versuche da mal was:

 

Mittleres Buch, Humor/Witz, Steampunk, Berlin = Erasmus Emmerich und die Maskerade der Madame Mallarmé von Katharina Fiona Bode

 

Dickes Buch, Gruselgeschichten à la Penny Dreadful, England = Der Earl von Gaudibert gegen die Mächte der Finsternis Teil 1 und 2 von M. W. Ludwig

 

Dickes Buch, Romance, Supernatural, Amerika = Dämonenbraut von Christina Fischer

 

Christina M. Fischer, die Dämonenbraut und Grit auf der BuchBerlin 2018
Christina M. Fischer, die Dämonenbraut und Grit auf der BuchBerlin 2018

Novelle, Märchen, Animal Fantasy = Das Zylinderkabinett oder das Mädchen, das nicht dorthin gehörte von Fabienne Siegmund

 

Kurzgeschichten, Steampunk, Diversität, super für Genreeinsteiger = Aeronautica

 

Fantasyguide:: Vielen Dank für dieses ausführliche Interview!

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zuletzt aktualisiert: 16.10.2020 15:53 | Users Online
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