Interview mit Jonas Wolf

Das folgende Email-Interview führte Oliver Kotowski am 15.01.2012 mit Jonas Wolf.

 

Wer ist eigentlich "Jonas Wolf"? Fragen wir ihn selbst!

 

 

Fantasyguide: Hallo Jonas! Fangen wir mit deiner Biografie an – wenn man deinen Namen googelt, dann findet man so wenig, dass man in den USA bei einem Vorstellungsgespräch gefragt würde, ob man in den letzten Jahren in Haft war oder so. Was magst du uns zu deiner Person erzählen?

 

Jonas Wolf: Also in Haft war ich nicht, auch wenn ich mich manchmal so fühle, als hätte ich eine Weile in einem äußerst progressiven schwedischen Knast gesessen, in dem ich mich aus freien Stücken habe einsperren lassen. Ich bin nämlich begeisterter Vielschreiber und verbringe seit gut drei Jahren fast jeden Tag mehrere Stunden vor Bildschirm und Tastatur in meinem Arbeitszimmer. Jonas Wolf ist also nicht der Name, unter dem mich Freunde und Familie kennen, sondern ein Pseudonym, unter dem ich klassische Fantasy schreibe. Ansonsten kann ich vielleicht noch erwähnen, dass ich in den letzten Jahren schon eine ganze Reihe anderer Veröffentlichungen hatte und auch zukünftig vorhabe, dem Schreiben treu zu bleiben - auch wenn es mich an den Rechner fesselt.

 

Fantasyguide: Wie bist du zur Fantasy gekommen?

 

Jonas Wolf: Das verrate ich doch schon im Nachwort von "Heldenwinter"! Wenn man mich fragt, wie ich zur Phantastik im Allgemeinen gekommen bin, dann hat wohl alles mit Marvel-Comics und John Sinclair seinen Anfang genommen. Diese ersten Ausflüge in phantastische Welten mit Schurken, Helden, Monstern und Co. haben mich sicher nachhaltig geprägt. Übrigens bin ich der Phantastik seitdem nie untreu geworden: Immer wieder schleicht es sich in meine Geschichten ein, auch wenn ich mal was "Realistisches" schreiben will ...

 

Fantasyguide: Dein Roman heißt ja "Heldenwinter" – allein dem kann man entnehmen, dass Helden für dich eine besondere Rolle spielen. Im Nachwort beziehst du dich positiv auf J. R. R. Tolkien und Robert E. Howard. Nun sind Tolkiens Helden – Aragorn, Gandalf, Frodo – klassische Heroen mit weißer Weste und Conan hielte diese Art von Weste eine eingebildete Einschnürung zivilisierter Idioten. Bei deinen Helden denke ich eher an Michael Moorcocks ewigen Helden Elric oder David Gemmells Ritter dunklen Rufes. Was heißt für dich Heldentum, und wo würdest du deine Helden einordnen?

 

Jonas Wolf: Ich halte Helden auch tatsächlich für wichtig, wobei es mir sicher nicht um tapfere Heroen auf dem Schlachtfeld geht. Die Idee vom Heldentod beispielsweise als problematisches Erbe der Romantik ist für mich eher befremdlich. Helden erfüllen allerdings insofern eine Vorbildfunktion, wenn man sie als Menschen begreift, die sich in schwierigen Situationen dafür entscheiden, selbstlos zu handeln. Es gibt auch wesentlich mehr Helden des Alltags, als man es sich normalerweise bewusst macht - Menschen, die sich für andere einsetzen, weil sie es für richtig halten, genau das zu tun.

Aber um einen ehrenamtlichen Jugendwart beim Sportverein lassen sich zugegebenermaßen weniger spannende Geschichten stricken als um einen alten Schmiedemeister und seinen Gesellen, die ausziehen, um Vergeltung an einem wahnsinnigen König zu üben. Meine Helden bewegen sich daher auch im Spannungsfeld von Moorcock, Howard und Tolkien - wobei ich nicht nur Namakan und Dalarr als Helden sehen würde. Auch ihre Gefährten sind Helden. Namakan, der Lehrling, und Dalarr, sein Meister, sind sicher die beiden Extrempunkte im Buch: Namakan hat die an Tolkiens Frodo erinnernde weiße Weste, während Dalarr an die Schicksalsschwere eines Elrics heranreicht. Als Fantasy-Autor im 21. Jahrhundert steht man auf den Schultern von Riesen, also war es mir wichtig, ganz unterschiedliche Arten von Helden im Buch auftauchen zu lassen - was sich natürlich in "Heldenzorn", dem nächsten Roman aus der Welt des Skaldat, fortsetzen wird.

 

Fantasyguide: Eine gewisse rothaarige Person erinnert mich an die planetouched Genasi – welche Quellen haben dich beim Schreiben noch maßgeblich beeinflusst?

 

Jonas Wolf: Ich spiele ja seit vielen Jahren auch Rollenspiele und lese noch länger Fantasy und Phantastik. Es gibt also bestimmt unzählige Einflüsse auf mein Schreiben, die mir bewusst sind, und noch viel mehr, die ich selbst gar nicht präsent habe. Der Einfluss von "Planescape" zeigt sich am deutlichsten wohl in der Elementarmagie - und damit ist die besagte rothaarige Person natürlich eng verbandelt. Bei den Figuren und bei den ersten Ideen für das Buch stand sicher vor allem Tolkien Pate, bei der Sprache und der Handlung dann jedoch eher Abercrombie und G. R. R. Martin.

Neben den zahllosen Fantasy-Elementen haben in der Welt des Skaldat auch historische Ereignisse und real existierende Orte einen wichtigen Einfluss: Tristborn, das Reich aus dem Dalarr und Namakan stammen, besitzt eine skandinavische Atmosphäre, und in "Heldenzorn" fließen dann auch direkt gewisse Charakteristiken von historischen Persönlichkeiten wie Dschingis Khan und Spartakus in die Handlung ein.

 

Fantasyguide: Zurück zu Tolkien. Die meisten Fans vom Herrn der Ringe beeindruckt die Tiefe der von Tolkien geschaffenen Welt – wenn Aragorn eine verfallene Ruine sieht und ein altes Lied summt, dann gibt es im Silmarillon, den Nachrichten aus Mittelerde oder einem der anderen zahllosen Werke eine 'Sage' dazu. Allerdings ist diese Tiefe eigentlich fast ausschließlich eine fiktionale Vergangenheit, fast keine Gegenwart oder Zukunft. Welche Rolle spielen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für deinen Roman?

 

Jonas Wolf: Genau diese Tiefe von Welt ist es, die zumindest teilweise dafür verantwortlich ist, dass Tolkien eine solch herausragende Position innerhalb des Fantasy-Genres hat - es gibt so unglaublich viele Details, so unglaublich viele Hintergründe zu entdecken. Das Fehlen von Zukunft, die Stagnation, das Verharren im Vergangenen ist jedoch etwas, das mich seit Längerem wurmt. Nach einem kurzen Epilog erfahren wir von Tolkien nichts mehr über seine Helden; stattdessen bietet er uns nur immer neue Einblicke in die Vergangenheit. Interessanterweise ist das auch bei einigen der jüngeren Mega-Franchises zu beobachten: Auch bei Harry Potter werden wir wohl noch lange oder gar für immer auf eine Fortsetzung warten müssen, während unsere Lust auf die Potter-Welt mit Begleitbüchern zu Quidditch und interaktiven Websites gestillt wird. Auch Star Wars wird wahrscheinlich nie offiziell von LucasArts fortgeschrieben werden, sondern immer mehr von der Vergangenheit in Form der Klon-Kriege enthüllt.

In der Welt des Skaldat soll das etwas anders sein. "Heldenwinter" beschreibt die bisher früheste Handlung in der Weltgeschichte und bietet bezüglich der genauen zeitlichen Verortung ja ein paar Kniffe für den aufmerksamen Leser. "Heldenzorn" spielt deutlich nach der Haupthandlung von "Heldenwinter" und beschreibt die Entwicklung in einer anderen Region. Wenn es mit dem dritten Teil klappt, weiß ich auch schon, wo der spielen wird - und die Handlung wird natürlich nach "Heldenzorn" einsetzen. Zugegebenermaßen baut die Handlung der einzelnen Romane nicht direkt aufeinander auf, wodurch ich natürlich bei der Ausgestaltung der Zukunft der Welt sehr viel größere Freiheiten habe - es muss keine Rücksicht auf das weitere Schicksal von Einzelfiguren genommen werden.

 

Fantasyguide: I tola sok ek vishett – was bedeuten dir die 'Fantasy'-Sprachen?

 

Jonas Wolf: Ich bin in der glücklichen Lage, mit Sprache arbeiten zu dürfen: Sie ist das Baumaterial aus dem und auf dem ich meine Geschichten errichte, und daher ist sie mir logischerweise sehr wichtig. Mit dem Klang und dem Schriftbild von Sprachen gehen aber auch immer gewisse Empfindungen und Ahnungen beim Leser einher. Am liebsten wäre es mir also, wenn alle Namen und die fremdsprachlichen Texte vom Leser laut gelesen werden, damit er ihren Klang nachempfinden kann.

Gerade deshalb habe ich mir aber nicht einfach Sprachen ausgedacht oder frei assoziiert, sondern gründe mich bei Namen und einzelnen Texte auf real existierende Sprachen, bei denen ich das Schriftbild und die Schreibung leicht "eingedeutscht" habe, damit sie dem Leser leichter von der Zunge geht (und mich der Satz nicht ermordet). Dieser Idee werde ich auch in den kommenden "Skaldat"-Büchern folgen, nur dass man dort auch auf immer neue Sprachen treffen wird.

 

Fantasyguide: In einer Szene zieht der Halbling-Protagonist Namakan aufgrund der Kälte Stiefel an – Frodo geht auf den grausamen Caradhras, durch Moria, die Totensümpfe, via Cirith Ungol hin zu den Schicksalsklüften ohne jemals an Schuhwerk zu denken. Wie viel Symbolcharakter hat das Stiefelanziehen? Soll es nur etwas realistischer sein, 'verkendert' Namakan oder was ist da los?

 

Jonas Wolf: Namakan ist ja in vielerlei Hinsicht ein ganz besonderer Halbling ... Die Stiefel sind insofern ein "Foreshadowing" auf kommende Entwicklungen: Als Symbol stehen sie für das "In-die-Fußstapfen-eines-anderen-treten", dem sich Namakan später stellen muss.

Mit den Kendern hat er indes recht wenig gemein. Dazu denkt er viel zu viel nach und macht sich viele zu viele Sorgen. Einen kenderartigeren Halbling wird es in "Heldenzorn" geben - Rukabo ist nicht nur der entfernte Verwandte eines gewissen fahrenden Händlers, dem man in "Heldenwinter" begegnet, sondern auch ein echtes Schlitzohr, das dem Protagonisten zur Seite steht.

 

Fantasyguide: Mal was zum Conan-Schöpfer Robert E. Howard. Welche Seite an den Conan-Geschichten hat dich am meisten beeindruckt? Wie stehst du zum – euphemistisch gesagt – teilweise deutlich hervortretenden Sexismus und Rassismus jener Geschichten? Und was bedeutet es für dein Schreiben?

 

Jonas Wolf: Dieser Vorwurf geht ja immer wieder um, wobei insbesondere Howard und Lovecraft dabei als besonders rassistisch und/oder sexistisch herausgepickt werden. Fakt ist aber nun einmal, dass sich die Einstellung dahingehend, was vertretbare Aussagen über andere Kulturen, Ethnien und Geschlechter darstellen, im Laufe der Zeit stark gewandelt hat. Selbstverständlich sind viele Beschreibungen Howards und auch Lovecrafts klar sexistisch und rassistisch, wenn ich sie als moderner Leser betrachte - im Kontext ihrer Entstehungszeit sind sie allerdings leider alles andere als einzigartig. Sprich, als moderner Autor würde ich derlei Auffassungen niemals propagieren, aber als Zeitzeugnis muss ich sie gewissermaßen nüchtern zur Kenntnis nehmen.

Zugegebenermaßen ist mir ansonsten aber Ethnie, Geschlecht und sexuelle Orientierung beim Schreiben durchaus wichtig, wenn ich meine Figuren entwickle. Meiner bescheidenen Meinung nach sollten alle Menschen die gleichen Rechte haben, und Menschen sind sich ungeachtet ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Präferenzen und so weiter letzten Endes sehr, sehr ähnlich. Also kann auch jeder Mensch ungeachtet solcher Eigenschaften eben ein Held (oder auch ein Schurke) sein - und ich versuche, das schon auch gleichmäßig zu verteilen.

 

Fantasyguide: Was können wir in Zukunft von dir erwarten?

 

Jonas Wolf: Im Sommer folgt auf den "Heldenwinter" natürlich ein Heldensommer - so der Arbeitstitel von "Heldenzorn". Ich bleibe darin der Welt des Skaldat treu, aber die Handlung spielt nicht in Tristborn, sondern im fernen Dominum, einer dekadenten Kultur mit Anleihen beim römischen Reich, sowie in den Weiten der Pferdesteppe (die ja auch schon auf der Karte in "Heldenwinter" auftaucht).

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein junger Stammesschamane, der vom Dominum versklavt wird und einen verzweifelten Freiheitskampf aufnimmt ...

Wenn alles gut läuft, wird es auch einen dritten Teil geben. Pläne dafür habe ich auf jeden Fall schon in der Schublade. Auch abseits der Fantasy bin ich aber rege, und im nächsten Jahr wird es einen Thriller und ein Sachbuch von mir geben - beides aber unter anderen Pseudonymen.

 

Fantasyguide: Und schließlich meine Abschlussfrage: Welche Frage hätte gestellt werden sollen, wurde es aber nicht, und wie lautet die Antwort darauf?

 

Jonas Wolf: Die Frage lautet: "Was wünscht du dir für den Buchmarkt?"

Und ich würde darauf antworten, dass ich mir immer noch und weiterhin einen Aufwind für den Horror und die Sci-Fi wünsche - was natürlich nicht mit einem Abwind für die Fantasy verbunden sein sollte. Ich fühle mich ehrlich gesagt allen Spielarten der Phantastik sehr verbunden und fände es daher toll, wenn sie alle wieder als Tätigkeitsfeld für deutsche Autoren offen stünden. Aber wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird?

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

 

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Rezension: Heldenwinter


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zuletzt aktualisiert: 15.09.2019 17:26 | Users Online
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