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Interview mit Oliver Plaschka

Das folgende Email-Interview führte Oliver Kotowski am 15.02.2008 mit Oliver Plaschka.

 

Oliver Plaschka ist ein Nachwuchsautor mit interessantem Hintergrundwissen: Er studierte nicht nur Anglistik, sondern befasst sich in diesem Rahmen auch mit der Phantastik. Sein Debütroman Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew erzählt in acht Episoden von den Geheimnissen der amerikanischen Kleinstadt Fairwater - mysteriöse Morde, die Vergangenheit einer lebenslustigen Clique und natürlich die Spiegel des Herrn Bartholomew sind auf rätselhafte Art mit einander verknüpft. Der Roman erschien letztes Jahr im Feder&Schwert-Verlag.

Vor dem Interview noch zwei Hinweise: Oliver Plaschka bloggt auf der Website The Rainlights Gazette. Außerdem findet auf der Website Leserunde.de ab dem 5. März 2008 eine Leserunde zu Fairwater statt, an der der Autor selbst teilnimmt.

 

Fantasyguide: Hallo Oliver. Mit welchen Worten zu deiner Person willst du das Interesse der Leser wecken?

 

Oliver Plaschka: Hallo Oliver! Nun, ich war mal in Frauenkleidern im Petersdom, weil ich als Mann zu anstößig gekleidet gewesen wäre... Meinst du sowas?

 

An sich will ich das Interesse meiner Leser aber gar nicht mit meiner Person, sondern mit meinen Geschichten wecken. Das schönste für mich sind Leser, denen gefällt, was ich schreibe, ohne mich überhaupt zu kennen. Genauso, wie es einen intendierten Leser gibt, gibt es auch einen intendierten Autor – und diese Erwartungshaltungen möchte ich nicht stören...

 

 

Fantasyguide: Was sind für dich die wichtigsten Motivationen zum Schreiben? Was macht deiner Ansicht nach gute Literatur aus?

 

Oliver Plaschka: Wie Peter Beagle mal sagte, ich kann einfach nicht nicht schreiben. Und ich bin auch nur gut genug, um zu wissen, was gut ist, wenn ich es sehe. Meine wichtigste Motivation ist das Geschichten erzählen – aber als Songwriter bin ich nicht gut genug, und Rollenspiel kann man nicht so recht zum Beruf machen. Also schreibe ich.

 

Was die Literaturfrage betrifft, da gibt es den alten Satz, daß es leichter fällt, schlechte Literatur zu beschreiben als gute. Ich würde aber sagen, ausschlaggebend für die Qualität einer Geschichte ist eine bestimmte Dichte und Harmonie, die auf mehreren Ebene operiert: sprachlich, inhaltlich, formal. Einen guten Roman erkennt man also unter anderem daran, daß man kaum noch etwas an ihm ändern könnte, ohne daß er dadurch schlechter würde.

 

 

Fantasyguide: Ich habe auf deiner Website "The Rainlights Gazette" die Randrubrik "The Cabellian Quotator" gesehen; hat der von mir verehrte J. B. Cabell einen Einfluss auf dein Schaffen?

 

Oliver Plaschka: Der „Cabellian Quotator“ entstand als „Nebenprodukt“ meiner Dissertation und wird vermutlich demnächst durch ein allgemeineres „Word of the Master“ ersetzt werden – denn auch von Seiten Lovecrafts, Chestertons und sogar Tolkiens gibt es einige goldene Leitsätze mit durchaus satirischen Qualitäten, die man dem geneigten Leser nicht vorenthalten sollte...

 

Die „Gazette“ versteht sich natürlich als Satire – es geht um Realitätsflucht, einen bohemischen Lebenswandel, und Kunst um der reinen Kunst willen. „Ernstgemeinte“ Autorenseiten gibt es ja schon zur Genüge – allein Andreas Eschbach hat alle Fragen, die man einem erfolgreichen Autor stellen kann, schon mehrmals erschöpfend beantwortet.

 

Es freut mich aber immer sehr zu sehen, daß Cabell vielen Menschen noch ein Begriff ist, besonders, nachdem die letzten Ausgaben, von denen ich weiß, nun auch schon wieder zwanzig Jahre zurückliegen. Neil Gaiman bezeichnete ihn ja als seinen „favorite forgotten American author“ – ich für meinen Teil verdanke meinen Kontakt mit ihm wiederum Peter Beagle, der in „Das Volk der Lüfte“ die Burg, auf der sich die Rollenspielergemeinde Avicennas trifft, „Storisende“ getauft hat (nach der Hauptstadt Poictesmes.) Er empfahl mir auch, einmal einen Blick in „Jurgen“ zu werfen – ich tat es und habe es nicht bereut.

 

Cabell ist ohne Frage ein Meister – ein Meister des Witzes wie der Melancholie. Außerdem sind seine Bücher wunderschön, vor allem die illustrierten Erstausgaben, die in amerikanischen Antiquariaten schon für ein paar Dollar gehandelt werden. Wahrscheinlich wird er immer ein „writers’ writer“ bleiben, der ohne das Engagement von Leuten wie Lin Carter (in Amerika) oder Helmut Pesch (für die deutsche Übersetzung) immer hart am Wind des Vergessens segeln wird; und ich freue mich wie ein kleiner Junge, nächstes Jahr für den Blitz-Verlag zumindest eine Kurzgeschichte von ihm übersetzen zu dürfen.

 

 

Fantasyguide: Bisweilen wird dein Roman "Fairwater" mit Matt Ruffs "Fool on the Hill" verglichen, ich entdecke eher Ähnlichkeiten zu Ruffs "Ich und die anderen"; haben diese Romane dich beeinflusst? Überhaupt: Welche anderen Autoren und Werke sind in diesem Zusammenhang wichtig?

 

Oliver Plaschka: Matt Ruff hat mich nicht beeinflußt, weil ich ihn erst lange nach der Arbeit an „Fairwater“ gelesen habe (ich habe ihn übrigens sehr gemocht.) Du spielst wahrscheinlich auf die multiple Persönlichkeitsstörung (MPD) an, die bei Ruff und auch einer meiner Figuren eine wichtige Rolle spielt. Vorlage war hier für mich „The Minds of Billy Milligan“ von Daniel Keyes, besser bekannt für seine „Flowers for Algernon“. Billys Schicksal hat sich – soweit man das als Außenstehender beurteilen kann – tatsächlich so zugetragen, wie Keyes es schildert; den Graubereich, bei dem man sich beim Thema MPD bewegt, sieht man aber schon daran, daß seine Biographie in den Staaten als Sachbuch gehandelt wurde, und hier bei Heyne unter „Science Fiction und Fantasy“ lief. Meine Schwester forschte als Psychologin über diese Art von Persönlichkeitsstörung – später erwies sich, daß zumindest eine ihrer Fallstudien eine Fälschung war... Ich war jedenfalls so fasziniert davon, daß ich dieses Thema immer wieder aufgegriffen habe, erst im Rollenspiel, dann im Roman.

 

Ähnlich verhält es sich mit „Twin Peaks“, zu dem auch einige Parallelen existieren – bis hin zum Namen des „Bad Guys“. Auch dies ist ein unwahrscheinlicher Zufall; ich hatte zwar eine ungefähre Vorstellung von der Ästhetik David Lynchs, hatte die Serie aber nie gesehen.

 

Ich denke, hier liegt auch der Grund, weshalb sich bei vielen Literaturwissenschaftlern oder Kennern eines bestimmten Genres mit der Zeit eine Selbstblockade aufbaut: es gibt für fast alles einen Vorläufer. Man muß als Autor aber den Mut aufbringen, sich einem Thema zu nähern, selbst wenn andere (und noch dazu Menschen, die man bewundert), schon wichtige Beiträge dazu geliefert haben. Und der Wille zur Unbildung, der „Mut zur Lücke“, hilft sicherlich auch.

 

Als andere wichtige Vorbilder für Fairwater könnte ich H.P. Lovecraft und Stephen King nennen – aber wohl nicht auf die Art, die man erwarten würde. Ich habe mir wahrscheinlich ein sehr eigenes Bild von ihnen gemacht  ich halte beide für große Romantiker.

 

 

Fantasyguide: Anfangs scheint dein Roman einen fiktiven Fall von investigativen Journalismus zu bieten: Die taffe Reporterin Gloria beginnt die übernatürlichen Morde in ihrer Heimatstadt aufzuklären. Doch schon im ersten Kapitel brichst du mit diesem Herangehen und im Verlauf der Geschichte bleiben mehr Fragen offen als beantwortet werden. Was hat dich zu diesem wagemutigen Schritt bewogen?

 

Oliver Plaschka: Ich habe es eigentlich nicht als Schritt gesehen. Die Kapitel wurden nicht in chronologischer Reihenfolge geschrieben, und sollten jedes eine bestimmte „Färbung“ aufweisen: die „Fairwater Affaire“ hat diese Mystery-Färbung, die sie in die Nähe des Krimis oder auch vielleicht „Akte X“ rückt. Das nächste Kapitel, „Lucias Spiegel“, ist eine Horrorgeschichte. „Herrn Andersens wundersame Gabe“ ein Märchen. Und so weiter. Die Reihenfolge, in der die Geschichten erzählt werden, hat sich mehrmals geändert, und einige Zeit war gar nicht klar, ob überhaupt alle Geschichten im endgültigen Buch enthalten sein würde. Es freut mich heute sehr, daß mein Verlag mich in dieser Hinsicht unterstüzt hat – das Universum von Fairwater ist wirklich erst komplett, wenn man die letzte Seite umgedreht hat. Zu diesem Zeitpunkt sind dann auch alle Fragen, die ich beantworten wollte, beantwortet.

 

 

Fantasyguide: In deinem Roman erzeugst du einerseits eine magische, zauberhafte Stimmung, verwendest andererseits aber Science-Fiction-Elemente. Das Geschehen siedelst du dann in einer fiktiven Stadt der USA an, die es so oder ähnlich durchaus geben könnte. Damit brichst du einige Genre-Konventionen. Wie bist du zu dieser Mischung gekommen?

 

Oliver Plaschka: Auch das sehe ich nicht wirklich als Konflikt „Die amerikanische Kleinstadt“ – man denke abermals an Arkham, Derry oder die Serienschauplätze der letzten Jahre – ist ein so etablierter Topos in der Phantastik, daß ich ganz automatisch diesen Schritt hin zu einem fiktionalisierten Amerika vollzogen habe; was einem als deutscher Autor oft negativ ausgelegt wird. Dazu habe ich einige europäisierende Elemente gegeben – wie die morbide Faszination Venedigs, die ebenfalls auf eine lange Tradition in der Phantastik zurückblickt.

 

Was die Science Fiction betrifft, ich wollte wie gesagt manchen Geschichten eine gewisse Färbung verleihen, und viele der Element entpuppen sich andernorts dann ja auch wiederum als Traum oder Wahnvorstellung. Science Fiction und Fantasy gehen nicht erst die letzten Jahre gerne etwas durcheinander; schon bei Lovecraft gibt es diese Widersprüchlichkeit, wenn Entitäten wie Yog-Sothoth mal als Dämonen, mal als Außerirdische, mal als Götter auftreten. Ich wollte bewußt widerstreitende Erklärungen für dieselben Geschehnisse anführen, um die Subjektivität der verschiedenen Erzählperspektiven zu betonen und dem Leser Freiraum für seine Phantasie zu lassen.

 

 

Fantasyguide: Was ist für dich das faszinierende an der Phantastik?

 

Oliver Plaschka: Ich denke genau das, was ich oben ausgeführt habe: die schieren Möglichkeiten, die sich an der Weite der menschlichen Imagination brechen. Man kann sich soviel mehr denken, als es gibt. Und wahrscheinlich gibt es auch weitaus mehr, als wir uns denken können... eine der Dinge, die „realistische“ Autoren an fantastischen Autoren nie verstanden haben, ist, daß diese den mimetischen, also wirklichkeitsabbildenden Anspruch des Realismus als Einschränkung empfinden. Das ist das Ergebnis auch literaturgeschichtlich völlig konträrer Herangehensweisen an die Arbeit als Autor.

 

 

Fantasyguide: Ich nehme an, du hast dich mit den verschiedenen wissenschaftlichen Herangehensweisen an phantastische Literatur befasst, da du an anderer Stelle dein Missfallen über den Herrn Caillois und seine Thesen zum Ausdruck bringst; welchen Ansatz bevorzugst du und wo würdest du deinen Roman einordnen?

 

Oliver Plaschka: Caillois war auf seine Weise brilliant – er leistete Unschätzbares für die französische Ethnologie und den Strukturalismus – aber als Literaturwissenschaftler war er meines Erachtens zu engstirnig.

 

Zunächst einmal muß man klar stellen, daß mit „Phantastik“ vor allem ein Genre gemeint ist, das heute größtenteils im „Horror“ aufgegangen ist (Lovecraft sprach noch von „weird“ oder „supernatural fiction.“) Zentral ist der Einbruch des Übernatürlichen oder für unmöglich gehaltenen in unsere Welt – es hat also nichts mit Splatter oder „weltlichem“ Schrecken zu tun. Caillois visualisiert diesen Einbruch als einen „Riß“ in der Wirklichkeit. Soweit sind wir uns einig – die Frage lautet aber, ob die Angst, die man traditionell mit der Phantastik verbindet, ein zwangsläufiges Resultat der Begegnung mit dem „Unheimlichen“ sein muß, oder nicht eher – wie Clute es in der „Encyclopedia of Fantasy“ treffend beschreibt – einfach dem Umstand geschuldet ist, daß die phantastische Kurzgeschichte mit dem Moment des Schreckens (oder gleich dem Tod der Hauptperson) abbricht und den Leser zurückläßt.

 

Diese Frage ist letztlich genausowenig zu beantworten wie die, wie man als gläubiger Katholik (oder Protestant) auf eine „tatsächliche“ Marienersscheinung reagieren würde. Was ich wollte, war, einen Kosmos zu beschreiben, dessen Bewohner affin auf die Erfahrung des „anderen“ reagieren – eingedenk, daß es mehr gibt als „all dies“: hinter dem nächsten Hügel, dem Sonnenuntergang, einem Spiegel. Lovecraft fand diese Perspektive in Dunsany. Lewis hätte es wohl „Sehnsucht“ genannt. In der modernen Fantasy, bei Beagle oder Ruff, wird es oft um eine ironische Note bereichert.

 

Caillois bezeichnet solche Literatur als kindisch: wer erwachsenen Geistes sei, müsse beim ersten Anzeichen einer verstörenden Offenbarung die Flucht ergreifen. Mir ging es um eine Gegenposition hierzu – nicht, wie in einer reichlich lieblosen Besprechung einmal unterstellt wurde, um eine Gegenposition zu Todorov. Meine Figuren erfahren sehr wohl den Zwiespalt der Unschlüssigkeit, den Todorov zu seinem Prüfstein der Phantastik erhob (auch wenn dieser, wie Lem einmal anmerkte, nicht viel sinnvoller ist als Caillois’ Überbetonung der Angst.) Verunsicherung ist sogar ein zentrales Thema des Buches: die Bewohner Fairwaters kennen beide Seiten, die dunkle und die lichte, und wissen, daß sie das eine nicht ohne das andere haben können. Dann entscheiden sie sich aber dafür.

 

Eine Ablehung des Wunderbaren läuft meistens darauf hinaus, Phantastik als das „ernsthafte“ und Fantasy als das „kindliche“ Genre abzugrenzen. Wie Lewis aber schon sagte, die Angst vor dem Kindlichen ist selbst eine kindische. Caillois konnte einfach nicht anders – er war ein Wissenschaftler, ein Rationalist. Er zerstritt sich dann übrigens mit André Breton, dem Führer der Pariser Surrealisten, über einem Teller mexikanischer Springbohnen: er wollte sie aufschneiden, um nachzusehen, weshalb sie sich bewegten – Breton wollte lieber mutmaßen, als den Zauber zu stören.

 

 

Fantasyguide: Was haben Phantastik-Leser noch von dir zu erwarten und gibt es gar ein aktuelles Literatur-Projekt?

 

Oliver Plaschka: Ich bin mit einer Kurzgeschichte in der Sammlung „Disturbania“ vertreten, die demnächst im Atlantis-Verlag erscheinen wird. Außerdem hatte ich die Freude, als Co-Autor von „Narnia – Das Rollenspiel“ zu zeichnen, das ebenfall dieses Frühjahr auf den Markt kommen wird. Die nächste Veröffentlichung wird dann hoffentlich meine Dissertation zu sein – danach widme ich mich wieder neuen Romanprojekten, die sich auch weiterhin im Umfeld der Phantastik, Science Fiction und Fantasy bewegen werden. Ich habe momentan mindestens drei Projekte in Arbeit, möchte mir aber die gebotene Zeit lassen, sie so zu verwirklichen, wie ich sie mir wünsche – wie es zuletzt bei Feder & Schwert in der edition origin möglich war. Ihnen und meiner Agentur Schmidt & Abrahams schulde ich eine Menge für ihre Geduld. Dank an dieser Stelle an sie und alle Leute, die mich seit meinem Reinpurzeln in den literarischen Betrieb adoptiert haben, allen voran auch Christoph Marzi und Christoph Hardebusch.

 

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Zukunft!

 

Oliver Plaschka: Auch ich bedanke mich für das wirklich sehr interessante Interview, und hoffe, die Leser nicht zu sehr gelangweilt zu haben! Vielleicht haben wir es ja auch geschafft, daß jemand mal wieder zu James Branch Cabell greift – das wäre ja schon einmal etwas.

Eure Meinung:


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Rezension: Fairwater oder Die Spiegel des Herrn Bartholomew


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Erstellt: 15.02.2008, zuletzt aktualisiert: 02.04.2017 20:00