Interview mit Sascha Dinse

geführt von Marianne Labisch

 

Interview mit Sascha Dinse anlässlich der Veröffentlichung Krasse Kurze 2.

 

Sascha Dinse
Sascha Dinse

Marianne Labisch: Hallo Sascha, stellst du dich den Lesern bitte zuerst noch einmal kurz vor?

 

Sascha Dinse: Hallo Marianne, nun, ich bin Sascha, geboren 1978 in Berlin. Ich lebe, arbeite und schreibe auch hier, da die Großstadt einfach auch meine Hauptinspiration ist. Beruflich beschäftige ich mich überwiegend mit Kommunikation, modernen Medien und all den Erscheinungen, die diese so mit sich bringen.

 

Marianne Labisch: Ich habe den zweiten Band deiner krassen Kurzen sehr gerne gelesen und mich darüber gefreut, dass du nicht nur einen Verlag dafür gefunden hast, sondern Edition Subkultur auch die Krasse Kurze 1 neu aufgelegt hat. Wie kam es dazu?

 

Sascha Dinse: Wie so oft im Leben kam das eher zufällig zustande. Auf einer Lesung in Hamburg lernte ich vor einiger Zeit die Autorin Swantje Niemann kennen, die damals Projektassistenz bei periplaneta war. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, dort an Halloween zu lesen, der Kontakt zum Verlag entstand und offenbar stießen meine Geschichten auf durchaus positive Resonanz. Edition Subkultur (ein Imprint von periplaneta) übernahm dann nicht nur Band 1 der »Kurzen«, sondern ist auch an Nachfolgern interessiert, was mich sehr freut.

Krasse Kurze
Krasse Kurze

Marianne Labisch: Was ist Edition Subkultur für ein Verlag und wie fühlst du dich dort aufgehoben?

 

Sascha Dinse: Wie der Name schon andeutet, ist Edition Subkultur abseits des Mainstreams aufgestellt. Alles ist sehr familiär und angenehm, die Wege sind kurz, Feedback kommt ehrlich und schnell. Keine Bevormundung, stattdessen konstruktives Miteinander, so, wie es sein soll. In den Räumlichkeiten des Verlags, die eher einem Ladenlokal gleichen, gibt es (für gewöhnlich) häufig Lesungen und Musikveranstaltungen. Lohnt sich auf jeden Fall, dort mal für ein Bierchen oder zwei Halt zu machen.

 

Marianne Labisch: In deinen Storys geht es oft darum, dass flüchtige Moment, wie wir sie sich alle kennen, wenn man zum Beispiel denkt, hinterm Schaufenster sei ein Bekannter, wenn wir aus dem Augenwinkel etwas zu sehen glauben, das uns Angst mach, oder wenn wir Träumen mehr Bedeutung beimessen, als ihnen zusteht. Bei dir werden unsere ärgsten Befürchtungen wahr und oft gehen sie sogar über das, was wir uns vorstellen können, hinaus. Ich frage mich, ob du ständig mit Zettel und Stift oder Diktiergerät in der Gegend herumläufst, um solche Eindrücke festzuhalten und Geschichten daraus zu spinnen.

 

Sascha Dinse: Speziell bei den »Kurzen« war die Idee tatsächlich, aus Alltäglichem kurze Geschichten zu machen. Das Erdbeermädchen (in Band 1 der Krassen Kurzen) war die erste Geschichte, die ich für dieses Format geschrieben habe, und sie ist direkt an meiner Lebensrealität (Erdbeerstand im Bahnhof) orientiert. Nein, es gab die rothaarige Verkäuferin nicht in der Realität. Und das ist vielleicht auch besser so.

 

Ich nutze zwar nicht Zettel und Stift, sondern deren digitale Äquivalente, aber es ist in der Tat so, dass ich Ideen in einer App notiere. Manchmal habe ich eine Eingebung, einen Geistesblitz, und diesen halte ich dann fest. Kreativität lässt sich nicht erzwingen, von daher muss ich die Augenblicke nutzen, in denen sie sich zeigt. Häufig ist das kurz vor dem Einschlafen oder morgens, wenn das Gehirn noch im Stand-by ist, dann greife ich nach dem Smartphone und schreibe das schnell auf. Die Themenideen zu den »Kurzen« sind überwiegend so entstanden. Ich habe erst mal Ideen gesammelt und dann diejenigen ausgewählt, die ich für am besten geeignet hielt.

 

Sascha und Marianne auf dem BuCon 2018
Sascha und Marianne auf dem BuCon 2018

Marianne Labisch: Du schaffst es in den »Krassen Kurzen« immer, den Leser auf nur wenigen Seiten in eine Geschichte hineinzuziehen, du lehrst ihn kurz das Grausen und entlässt ihn wieder. Das beherrscht du außerordentlich gut, aber du kannst auch »normale« Kurzgeschichten verfassen, wie ich aus vielen Kooperationen weiß. Ich habe das »normal« in Anführungszeichen gesetzt, weil auch diese längeren Kurzgeschichten immer besonders sind. Du schreibst überwiegend als Icherzähler und ziehst den Leser so unmittelbar in die Gefühlswelt deiner Protagonisten. Du lässt deine Leser wissen, dass du an einem Roman arbeitest. Musstest du dich dafür nicht völlig umstellen? Dir immer wieder vor Augen halten, dass die Pointe nicht schon auf Seite drei kommen darf? Fiel dir das schwer?

 

Sascha Dinse: Die Geschichten, ob lang oder kurz, sind für mich immer auch eine Möglichkeit, meinen Stil zu verbessern oder zu erweitern. In den bisher veröffentlichten Geschichten wird alles aus der Sicht des Ich-Erzählers geschildert, ich empfinde diese Erzählweise auch nach wie vor als die direkteste und greifbarste. Im Roman werde ich zwar die Perspektive beibehalten, aber abwechselnd in die Rollen der verschiedenen Figuren schlüpfen. Es wird also keine wirkliche Hauptfigur geben, stattdessen sind die Szenen miteinander verwoben und werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt. Das erlaubt mir, eine Eigenheit meiner Geschichten beizubehalten: ihren nicht unbedingt chronologischen Aufbau. Damit kann ich Spannung erzeugen, weil die Leser*innen sich plötzlich in überraschenden Situationen wiederfinden, deren Hintergrund sich erst nach und nach offenbart. Derzeit bin ich am Plotten, dazu nutze ich Aeon Timeline, mit dem sich komplexe Szenen und Erzählstränge planen lassen.

 

Im Roman wird es immer wieder kleine Spannungsbögen geben, die ähnlich wie in den Geschichten funktionieren. Die großen Twists plane ich natürlich langfristig, doch aufmerksame Leser*innen können auf dem Weg dorthin eventuell schon versteckte Hinweise finden.

 

Sascha auf einer Lesung 2018 in der Berliner Z-Bar
Sascha auf einer Lesung 2018 in der Berliner Z-Bar

Marianne Labisch: Worum geht es in deinem Roman?

 

Sascha Dinse: Der Roman, dessen Titel zwar schon feststeht, den ich aber noch nicht offenbaren möchte, wird recht sci-fi-lastig ausfallen, allerdings angereichert mit etlichen Horrorelementen. Auch die Philosophie wird nicht zu kurz kommen. Im Grunde geht es, wie so oft in meinen Geschichten, um die Frage, was wirklich ist und um das Wesen des Menschen. Die Crew eines Bergungsraumschiffs nimmt einen Auftrag an, der sich nach kurzer Zeit bereits als sehr viel gefährlicher herausstellt als zunächst angenommen. Irgendwas stimmt nicht mit der Wirklichkeit, und während die Crew zu begreifen versucht, was hier vorgeht, erleben die Leser*innen natürlich parallel noch diverse andere Erzählstränge. Letztlich läuft alles zusammen und wird in einem Finale kulminieren, das ... aber das findet ihr vielleicht besser selbst raus.

 

Der Roman ist direkt in mein restliches Erzähluniversum eingebaut, wenngleich er auch deutlich weiter in der Zukunft spielt als die meisten meiner sonstigen Geschichten (kleiner Bonus-Spoiler: Das Alison-Szenario (in meiner ersten Sammlung Aus finstrem Traum, p.machinery-Verlag) und Alioth (in Inspiration, p.machinery-Verlag) spielen einige Jahre vor der Handlung des Romans im selben Universum). Es wird jede Menge Querverbindungen zu anderen Geschichten geben, sei es über Schauplätze, Ereignisse oder Figuren. Ich habe mir ja auch mit meinen Geschichten nicht weniger vorgenommen, als eine lebendige Welt zu erschaffen, in der alles mit allem verbunden ist. Darüber hinaus spicke ich die Handlung am Rande wie gewohnt mit diversen Eastereggs, also kleinen Anspielungen auf Filme oder Games.

 

Wenngleich der Anfang des Romans eher klassisch anmutet, so wird die Geschichte die eine oder andere Wendung nehmen, die einiges auf den Kopf stellen wird, soviel kann ich bereits versprechen.

 

Marianne Labisch: Hast du für den Roman auch schon einen Verlag gefunden?

 

Sascha Dinse: Bisher habe ich ehrlicherweise noch nicht gesucht. Sobald die ersten Kapitel stehen, schreibe ich ein Exposé und dann schauen wir mal, wer interessiert ist. Grundsätzlich hätte ich auch kein Problem, das Buch im Selbstverlag herauszubringen, wobei mir bei einem Roman eine Verlagsveröffentlichung schon besser gefallen würde.

 

Sascha auf dem BuCon 2018
Sascha auf dem BuCon 2018

Marianne Labisch: Kommt es eigentlich vor, dass Personen, die du zu dir einlädst, Bedenken haben, dich zu besuchen, weil sie fürchten, du könntest identisch mit einem deiner Protagonisten sein?

 

Sascha Dinse: Ich bin recht wählerisch, was meinen Freundeskreis angeht. Daher besuchen mich fast ausschließlich Personen, die mich persönlich kennen. Und zumindest diese wissen, dass ich mit meinen Protagonisten bis auf meine optische Vorliebe für Rothaarige nur wenig gemein habe. Zwar schwingt immer auch eine persönliche Ebene in meinen Erzählercharakteren mit, aber ich glaube nicht, dass es hier zu Verwechslungen kommen würde.

 

Letztlich hängt da aber wohl auch daran, welche Geschichten diejenigen gelesen haben. In manchen ist der Erzähler ja eher ein netter Typ, dem merkwürdige Dinge passieren, in anderen wiederum ist er der Psycho.

 

Marianne Labisch: Schläfst du gut, oder suchen dich einige deiner Geschichten in der Nacht auf?

 

Sascha Dinse: Von meinen eigenen Geschichten habe ich nie Albträume. Vielleicht liegt das daran, dass ich sie niedergeschrieben und somit konserviert habe. Sie sind nicht mehr in meinem Kopf, sondern nun zu digitalem Papier gebracht. Mit Filmen, Games etc. funktioniert das schon besser, was das Aufsuchen in der Nacht angeht. Unlängst habe ich den Film The Blackcoat’s Daughter gesehen, der sehr ruhig und düster erzählt ist. Der hat mich emotional so sehr mitgenommen, dass ich davon tatsächlich geträumt habe. Das ist aber eher die Ausnahme, normalerweise träume ich eher irgendwelchen wilden Quatsch, wohl ein Resultat von brotjobbedingtem Stress.

 

Aus finstrem Traum
Aus finstrem Traum

Marianne Labisch: Du hast mir mal erzählt, dass du bei patreon, einer Crowdfunding Plattform, bist. Wie ist das angelaufen?

 

Sascha Dinse: Mit Crowdfunding Geld zu verdienen, ist ein hartes Brot. Ich habe einige treue Patron*innen, denen ich an dieser Stelle von Herzen danken möchte, doch der Weg, um von den Einnahmen auf Patreon irgendwann mal leben zu können, ist ein sehr langer. Ich unterstützte selbst Autor*innen auf Patreon, da ich der Meinung bin, dass wir letztlich alle gegenseitig davon profitieren, wenn die Fantastik gestärkt wird.

 

Falls irgendwer ein paar Euro übrig hat und mich unterstützen mag, schaut mal unter www.patreon.com/ausfinstremtraum vorbei. Natürlich gibt es Prämien für meine Unterstützer*innen, z. B. ein Blog zur Entstehung des Romans und Vorab-Zugriff auf Geschichten, die ansonsten erst später irgendwo erscheinen.

 

Marianne Labisch: Was steht neben deinen Veröffentlichungen in Die Residenz in den Highlands und Die Fahrt der Steampunk Queen, zwei Anthologien, die ich mit Gerd Scherm gemeinsam herausgebe, bei dir als Nächstes an?

 

Sascha Dinse: Neben den genannten Anthologien, in denen ich mit den Geschichten Acheron und Eidolon vertreten bin (mein Faible für die griechische Antike schimmert hier durch), erscheint ja auch meine eher Fantasy-lastige Geschichte Namtar in einer Anthologie, die du herausgibst und in der sich alles um Geschichten aus »1001 Nacht« dreht.

 

Daneben erscheint in der Anthologie 13 more Brain of Zombies (Hammer Boox Verlag) mein Babel, in Abartige Geschichten – Grimm (Hammer Boox Verlag) wird Glitch das Licht der Welt erblicken. In letzterer Geschichte können Leser*innen übrigens bereits Figuren aus dem kommenden Roman kennenlernen.

 

Meine nächste eigene Geschichtensammlung Elysion steht für das erste Quartal 2021 ebenfalls auf dem Plan. Ich arbeite hier gerade an den letzten Storys, parallel zum Plotten am Roman. No rest for the wicked!

 

Marianne Labisch: Wann dürfen wir mit deinem Roman rechnen?

 

Sascha Dinse: Der Plan ist, den Roman in 2021 komplett fertigzustellen, ich strebe einen Umfang von ca. 500 Seiten an. Aber wie das so ist mit Plänen, wir werden sehen, ob ich das schaffe. Ich habe aber außer einer Geschichte für eine Anthologie (ebenfalls herausgegeben von dir, Marianne) keine weiteren in der Planung und kann mich daher komplett auf den Roman konzentrieren.

 

Marianne Labisch: Sonst noch was, das du gerne loswerden möchtest und ich nicht gefragt habe?

 

Sascha Dinse: Ich möchte an dieser Stelle alle Kulturinteressierten aufrufen, ihre Lieblingskünstler*innen zu unterstützen. Gerade jetzt, wo es keine Lesungen, keine Konzerte etc. gibt, brauchen Kunstschaffende eure Unterstützung. Diese muss nicht unbedingt monetär sein – redet drüber, empfehlt weiter, rezensiert, gebt Feedback, folgt ihnen in sozialen Medien ... euch fällt da schon was ein.

 

Danke schön.

 

Marianne Labisch: Herzlichen Dank für deine Zeit. Weiterhin viel Erfolg.

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zuletzt aktualisiert: 28.01.2021 19:04 | Users Online
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