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Interview mit Ulrike Nolte

Redakteur: Das nachfolgende Email-Interview führte Christel Scheja am 22.09.2007 mit Ulrike Nolte

 

Fantasyguide: Nachdem “Die Fünf Seelen des Ahnen” den Deutschen Science Fiction Preis in für den besten Roman gewonnen hat werden die Leser sicherlich mehr über die Autorin Ulrike Nolte wissen wollen. Möchten Sie sich etwas ausführlicher vorstellen?

 

Ulrike Nolte: Ich lebe in meiner Lieblingsstadt Hamburg, in einer kleinen Zweizimmerwohnung mit Blick auf einen grünen Innenhof, der so ruhig ist, dass ich im Sommer auf dem Balkon übernachten kann. Meine beste Freundin wohnt zwei Häuser weiter, und so unternehmen wir viel zusammen: Standardtanzen, Doppelkopf spielen, DVD’s gucken - ich habe meinen Fernseher rausgeschmissen, weil mich das Programm nur noch genervt hat, und mir stattdessen einen Beamer mit Leinwand fürs Heimkino angeschafft. Vor allem mag ich Filme aus dem Fantastik-Bereich, z.B. „Chihiros Reise ins Zauberland“, „Kaena – Die Prophezeiung“, „Dinotopia“ und „Der dunkle Kristall“. Außerdem gefällt mir alles, was exotisch ist: Weltmusik, Reisen in ferne Länder (nächstes Frühjahr geht’s nach Myanmar), Restaurants mit seltsamen Gerichten aus Lotoswurzeln oder Jackiefruit … Ich muss immer alles ausprobieren, was ich noch nicht kenne.

 

Fantasyguide: Warum schreiben Sie Science Fiction? Was gefällt Ihnen an dem Genre und welche AutorInnen sind zu Ihren Vorbildern geworden? Welche Romane haben Sie vor allem beeindruckt?

 

Ulrike Nolte: Ich lese und schreibe SF, weil sich der Fantasie dort fast unbegrenzte Möglichkeiten bieten, während man in normaler Literatur an der wirklichen Welt „festklebt“. Und im Gegensatz zu Fantasy handelt es sich nicht um eine Fluchliteratur, sondern man kann heutige Probleme aufgreifen, zuspitzen und weiterdenken. Das SF-Buch, das mich in meiner Jugend vermutlich am meisten beeinflusst hat, war Heinleins „Stranger in a strange land“, insbesondere die Idee der sexuellen Freiheit und die Diskussion von Beziehungsmodellen und Geschlechterrollen. Bis heute mag ich am liebsten SF, die fremdartige Lebensweisen möglichst glaubhaft darstellt. Daher sind meine Favoriten: Vernor Vinge „A Fire upon the Deep“ (Wolfähnliche Aliens leben als Gruppenorganismen), Doris Egan „Das Elfenbeintor” (Wissenschaftlerin strandet auf einer Welt, wo Magie funktioniert), C.J. Cherryh „Cuckoo’s Egg“ (Menschliches Baby wächst unter Aliens auf). Oh, und ganz hingerissen war ich von einem Buch, das ich kürzlich zur Übersetzung erhalten habe: „Lerchenlicht“ von Philip Reeve, eine Weltraumoper im Viktorianischen Zeitalter voller fliegender Segelschiffe, Roboter-Butler und Staubsaugerschweine im himmlischen Äther …

 

Fantasyguide: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee zu ihren beiden Romanen “Jägerwelten” und “Die Fünf Seelen des Ahnen” gekommen? Und worum geht es in den beiden Romanen?

 

Ulrike Nolte: „Jägerwelten“ ist noch sehr stark von „Stranger in a strange land“ inspiriert. Zum Beispiel strandet ein außerirdisches Wesen in einer utopischen religiösen Gemeinschaft, die Gruppenehen praktiziert – ähnlich wie bei Heinlein. Kurze Zusammenfassung des Buchinhalts: Ein Biologenpärchen erforscht im Dienst der autoritären Weltregierung fremde Planeten und betreibt nebenbei Spionage für ihre politisch verfolgte Sekte. Bei einer Expedition landet der reptilienhafte Computertechniker Schatten in ihrem Tierfangkäfig. Da ein Agent mit Lizenz zum Töten auf die Sekte angesetzt wurde, beginnt eine mörderische Verfolgungsjagd, die das Biologenpärchen und Schatten zur Zusammenarbeit zwingt. Durch diesen Erstkontakt verschmelzen Menschen- und Alienkultur zu einer Einheit, die für beide Seiten gleich fremdartig ist.

 

Zu die „Fünf Seelen des Ahnen“ hat mich die Figur Odo aus Deep Space 9 inspiriert. Ich fand die Idee einer Rasse von Gestaltwandlern sehr spannend, aber fand, dass man daraus mehr hätte machen können. Im Grunde lässt sich Odo’s Volk in Denken und Verhalten ja kaum von den Menschen unterscheiden. Als Gegenbild habe ich Gestaltwandler entwickelt, die möglichst fremdartig sind. Sie kopieren die Erbanlagen existierender Tierarten und leben z.B. als Insekt, Flugwesen, Wassertier ... Da alle völlig verschieden aussehen und denken, betrachten sie sich ausschließlich als Individuen, nicht als gemeinsame Rasse. Erst durch das Zusammentreffen mit den Menschen entdecken sie, was es bedeutet, in Krisensituationen mit anderen ihrer Art zusammenzuarbeiten. Kurze Inhaltsangabe (Klappentext des Buches): Auf der Suche nach einem neuen Heimatplaneten entdeckt die Crew der Arche eine Wasserwelt. Doch schon die erste Außenmission wird zur Katastrophe. Ein Crew-Mitglied verschwindet spurlos und taucht körperlich und psychisch verändert wieder auf. Bald beginnt sein Ehemann sich zu fragen, wie menschlich Caravan eigentlich noch ist ...

Wer hat Caravan das Gedächtnis genommen, ihn mit seltsamen Fähigkeiten ausgestattet? Kapitänin Randori ist entschlossen, das Rätsel zu lösen. Ihr läuft die Zeit davon, denn auf dem Planeten beginnt sich eine fremde Intelligenz zu regen, und an Bord ihres Schiffes bricht ein Machtkampf aus.

 

Fantasyguide: Welche Aspekte in ihren Romanen sind Ihnen am wichtigsten? Möchten Sie mit Ihrem Werk eine Botschaft vermitteln oder stehen eher die Figuren und ihre Erlebnisse im Vordergrund?

 

Ulrike Nolte: In meinen Büchern und Kurzgeschichten kommt als zentrales Thema immer wieder der Erstkontakt mit fremden Intelligenzen vor. Mir gefällt es, durch die Augen eines Außerirdischen auf unsere Kultur, unsere Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen zu schauen. Dadurch kann man vieles hinterfragen, was wir für so normal halten, dass wir uns darüber gar keine Gedanken mehr machen. Insofern werfen meine Bücher immer philosophische Probleme auf, die aber in die Handlung und die Figuren verpackt sind. Zum Beispiel hat der Gestaltwandler in „Die fünf Seelen des Ahnen“ kein Gefühl für Recht und Unrecht. Dadurch entsteht innerhalb der Handlung z.B. die Frage: Gibt es überhaupt eine angeborene Moral – oder ist Verhalten nur anerzogen? Darf man anderen die eigenen kulturellen Regeln aufdrängen? Oder sollte man es halten wie auf dem Raumschiff Arche, wo selbst Menschenopfer erlaubt sind, wenn man eben der Azteken-Gilde angehört? (Solche Fragen sind ja enorm aktuell, wenn heute schon ein Kulturkampf darüber entstehen kann, ob Frauen nun ein Tuch auf dem Kopf tragen müssen/dürfen oder nicht.)

 

Fantasyguide: Was hat Ihnen beim Schreiben besonderen Spaß gemacht? Welche Figuren aus Ihren Romanen liegen Ihnen am meisten am Herzen?

 

Ulrike Nolte: Am spannendsten zu schreiben sind immer die Aliens. Bei meinen menschlichen Charakteren mag ich besonders die zynischen, gefährlichen mit sarkastischem Humor. In „Jägerwelten“ waren das die Pentrowich-Zwillinge, in „Die fünf Seelen des Ahnen“ der Ex-Kapitän Lazarus. Ich hatte ihn eigentlich als eine unwichtige Nebenfigur angelegt, aber das hat er sich nicht gefallen lassen. Nach ungefähr einem Drittel des Buches musste ich alles noch mal umschreiben, um ihm den nötigen Platz einzuräumen.

 

Fantasyguide: Welche literarischen oder historischen Quellen haben Sie beim Schreiben inspiriert? Lassen Sie auch eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit einfließen?

 

Ulrike Nolte: Den größten Einfluss hatten wahrscheinlich nicht irgendwelche hochliterarischen Romane, sondern Fanfiction im Internet. (Das sind Geschichten mit den Charakteren von Harry Potter, Stargate, Highlander, Akte X … die oft deutlich besser sind als die Originalvorlagen). Meine Hauptcharaktere, das schwule Männerpaar Serail und Caravan, sind auf jeden Fall daraus entstanden. In der Fanfiction gehören über die Hälfte der Storys zur Kategorie „Slash“, haben also einen schwulen oder lesbischen Inhalt. Anscheinend besteht ein großes unerfülltes Bedürfnis nach solchen Geschichten. Da man sie im Buchhandel und von den klassischen Verlagen nicht bekommt, geht man eben ins Netz und liest dort … Natürlich hat das Thema „Homosexualität“ auch einen persönlichen Hintergrund. Als ich den Roman angefangen habe, hatte ich gerade mein Coming Out. Vielleicht kann „Die fünf Seelen des Ahnen“ dazu beitragen, dass sich die Leserschaft an die Vorstellung gewöhnt, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen etwas Normales sind. Das Buch stellt ja die augenblickliche Wirklichkeit auf den Kopf: Homosexuelle sind der bürgerliche Mainstream, also die ganz normalen Leute. Die Heteros dagegen sind etwas Exotisches, leicht Perverses, das man toleriert. In meinem Buch machen die Leser also sozusagen die Erfahrung, die Welt durch die Augen der sexuellen Randgruppe zu betrachten. Für so ein Gedankenexperiment eignet sich die SF natürlich besonders gut.

 

Fantasyguide: Wie empfinden Sie den Gewinn des Deutschen Science Fiction Preises und was bedeutet er für Sie und ihre zukünftigen Projekte?

 

Ulrike Nolte: Die Nachricht, ich hätte den Preis erhalten, hat mich völlig umgeworfen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Man bekommt ja als Autorin wenig Rückmeldungen, wie der Roman beim Publikum ankommt – außer von Freunden und Bekannten, die natürlich alle sagen: „Wow, war das Buch toll!“ Ich bin immer sehr unsicher, was meine Schriftstellerei angeht. Bei meinem Beruf als Übersetzerin ist das ganz anders. Da weiß ich, dass ich Talent habe. Aber die eigenen Werke kann ich überhaupt nicht einschätzen. Insofern hat mir der Preis riesigen Auftrieb gegeben, und jetzt bin ich schon dabei, im Kopf das nächste Buch zusammenzubasteln.

 

Fantasyguide: Gibt es weitere Veröffentlichungen von Ihnen, z. B. Kurzgeschichten oder Artikel in Anthologien und Zeitschriften?

 

Ulrike Nolte: Die Veröffentlichungen gibt es auf meiner Homepage unter www.ulrike-nolte.de/literatur.htm nachzulesen. Dort kann man in meinen Kurzgeschichten stöbern und sich über mein Sachbuch „Schwedische Social Fiction“ informieren, das einen Überblick über die schwedische SF liefert.

 

Fantasyguide: Welche Projekte haben Sie bereits bei Verlagen eingereicht, in Arbeit oder wollen Sie in nächster Zeit in Angriff nehmen?

 

Ulrike Nolte: Im Moment verhandele ich gerade mit einem Verlag über die Veröffentlichung eines Fantasy-Weihnachtsmärchens für Kinder. An meinen nächsten Roman bastele ich. Die Vorbereitungsphase dauert bei mir immer lange, weil ich meine Welten erst sehr detailliert im Kopf entwerfe. Schließlich soll alles stimmig sein und möglichst viele fantasievolle Ideen enthalten. Ich habe ich geplant, mir nächstes Jahr im Winter eine Auszeit zu nehmen und alles zu Papier zu bringen. Vermutlich wird es eine Mischung aus Fantasy und SF, die an Philip Pullmans „Der goldene Kompass“ erinnert.

 

Fantasyguide: Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation der deutschen Science Fiction und der Phantastik überhaupt? Und was wünschen Sie diesen Genres für die Zukunft?

 

Ulrike Nolte: SF war ja immer schon das Stiefkind der Literatur. In Deutschland wird SF selbst nach fünfzig Jahren weiterhin von den meisten als trashiges Weltraumgeballer oder seelenlose Maschinenliteratur abgestempelt. Ich hatte gehofft, dass die Fantasy-Begeisterung, die von den Harry Potter-Büchern losgetreten wurde, vielleicht auf die SF überschwappt, aber das scheint nicht zu passieren. Seufz. Obwohl ich zugeben muss, dass ich in den letzten Jahren selbst etwas die Lust an SF verloren habe, weil es fast ausschließlich brutalen Cyberpunk in düsteren Großstadtslums gab, wo alle Charaktere sich gegenseitig vernichten wollten. Mir geht diese stupide Gewaltwelle gewaltig auf die Nerven, die ja auch in Krimis und Thrillern immer neue Höhepunkte erreicht. Handlung? Egal. Hauptsache bluttriefende Körperteile …

 

Eine positive Ausnahme bilden dabei tatsächlich die bekannteren deutschen Autoren, denen immer wieder etwas Neues einfällt, z.B. Andreas Eschbach, Kai Meyer und Marcus Hammerschmitt. Ansonsten bin ich inzwischen auf eine Reihe weiblicher Autorinnen ausgewichen, die eine Mischung aus SF, Fantasy und Gothic schreiben, z.B. Tanya Huff, Jane Lindskold, Eileen Wilks und Audrey Niffenegger.

 

Fantasyguide: Vielen Dank, dass Sie sich für das freundliche Gespräch Zeit genommen haben. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und weiterhin viel Erfolg!

 

Preisübergabe in Dresden

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Ulrike Nolte

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Erstellt: 26.09.2007, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 13:31