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Interview mit Willi Hetze

von Marianne Labisch

 

Marianne Labisch interviewte Dr. Willi Hetze, dem Autor von Die Schwärmer, einem Science-Fiction Roman, der bei salomo publishing erschienen ist.

 

 

Willi Hetze, (C) Dresdner Literaturner e.V.
Willi Hetze, (C) Dresdner Literaturner e.V.

Marianne Labisch: Hallo Willi, stellst du dich den Lesern bitte kurz vor? Wo kommst du her, was hast du gelernt, und was arbeitest du? Wie bist du zum Schreiben gekommen und ergänze bitte, was dir sonst wichtig ist.

 

Willi Hetze: Ich lebe in Dresden und habe hier Soziologie studiert, danach in Erfurt promoviert. Hauptberuflich arbeite ich derzeit an der TU Dresden in einem Forschungsprojekt, bin nebenberuflich aber noch Berater in der Verlagsbranche. Ich engagiere mich auch für die Literaturszene in der sächsischen Landeshauptstadt, leite einen Autorenverein und die monatliche Schreibwerkstatt.

 

Ich weiß nicht, ob ich zum Schreiben oder das Schreiben zu mir gekommen ist. Das Bedürfnis war immer da und wurde familiär gefördert. Meine Eltern finanzierten mir nach dem Abitur einen Fernlehrgang zum belletristischen Schreiben. Dabei habe ich meinen Mentor Rolf Bergmann kennengelernt. Jenseits des Handwerks hat er mir die künstlerische Dimension von Literatur nahegebracht und mir bei der Vernetzung geholfen. Und wie es bei Netzen ist, bleibt man darin hängen.

 

Marianne Labisch: Ich möchte mich mit dir über dein Buch, »Die Schwärmer«, unterhalten ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Bitte bremse mich, wenn ich den Inhalt vorwegnehme. Als Erstes wüsste ich gerne, wie du in einem SF Roman ausgerechnet auf einen Postboten gekommen bist, obwohl heute schon abzusehen ist, dass es sie wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird, oder sie sehr viel weniger zu tun haben werden.

 

Willi Hetze: Gerade deshalb. In der Figur des Postboten lässt sich alles verkörpern, worum es im Roman geht. Da ist zum einen der Wandel der Kommunikation: Aus der dinglichen Nachricht, dem Brief, ist eine geisterhafte Mail geworden. Zum anderen steht der Postbote beispielhaft für jene Menschen, die durch Digitalisierung und Automatisierung beruflich funktionslos werden. Darüber hinaus stiften Postboten Verbindungen zwischen Menschen und ihren Lebenswelten – die große Aufgabe für Teo, den Protagonisten.

 

Marianne Labisch: Die Stadt, die sich immer wieder neu formt, steht die als Sinnbild für die Zeit, in der wir leben, weil auch im Hier und Jetzt sich sehr vieles schnell entwickelt und die Menschen oft das Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen?

 

Willi Hetze: In einer solchen Stadt zu leben, heißt tatsächlich, sich ständig neu orientieren zu müssen, allerorts mit Fremdem konfrontiert zu sein und jederzeit die Erfahrung zu machen, sich irgendwo nicht auszukennen. Aber nicht mit jeder einzelnen Technologie muss man umgehen können, umgehen können muss man mit dem Wandel an sich. Manche Menschen sind wissbegierig und nehmen diese Herausforderung an, andere fühlen sich überfordert und werden aggressiv. Anpassungsfähigkeit und Veränderungsbereitschaft verlangen nun einmal die Erkenntnis, dass man nicht so bleiben kann, wie man ist. Man muss sich infrage stellen. Das erfordert Bescheidenheit. Andererseits hat jeder auch das Recht, an Ort und Stelle zu verweilen, solange er anderen nicht dabei im Wege steht.

 

Die Schwärmer von Willi Hetze, (C) salomo publishing
Die Schwärmer von Willi Hetze, (C) salomo publishing

Marianne Labisch: Der Erfinder oder Mitbegründer der Schwarmbildung ist in deinem Roman einer der größten Skeptiker. Wünscht du dir in der Realität auch, dass gewisse Entwicklungen nach einer Weile kritisch hinterfragt würden? Wenn ja, welche zum Beispiel?

 

Willi Hetze: Die kritische Begleitung technologischen Entwicklungen ist meines Erachtens von Anfang an notwendig. Sie sollte aber Korrektur, nicht Hemmnis sein. Mich treibt vor allem der Verfall der Kommunikationskultur um, den wir im Bereich Social Media erleben müssen. Die Dynamik der politischen Willensbildung im Netz ist gänzlich verschlafen worden. Es ist zwar bei jeder Neuerung im Alltag so, dass Menschen erst einmal aushandeln müssen, welche Normen gelten und wie man sich verhalten sollte. Wir dürfen es aber nicht den Rüpeln und Hetzern überlassen, diese Standards zu definieren.

 

Marianne Labisch: In dem Punkt stimme ich vollkommen mit dir überein. Ich denke, die neue Datenschutz-Grundverordnung war als solch ein Mittel gedacht. Allerdings sieht es für mich im Moment so aus, als seien in erster Linie die betroffen, von denen keine Gefahr ausging. Es sind etliche kleine Blogs vom Netz gegangen, Kommentar-, Like- und Teilfunktionen wurden außer Kraft gesetzt. Die großen Unternehmen finden womöglich wieder Schlupflöcher. Ich sehe also schon, dass die Politik sich Gedanken macht, aber schießen Politiker nicht oft übers Ziel hinaus?

 

Willi Hetze: Es gibt durchaus politischen Aktionismus, der kaum sachlich gerechtfertigt ist, sondern nur zur Öffentlichkeitsarbeit dient und das Gefühl vermitteln soll, dass sich jemand um ein Problem kümmert. Das ist besonders in der Sicherheitspolitik zu beobachten, wo Gefühle besonders wirksam sind. Und sicherlich zeigt sich manchmal auch, dass die von Politikern und Juristen entwickelten Lösungen in der Anwendung neue Probleme verursachen – besonders bei so komplexen Normen wie der DSGVO. Bei letztgenannter liegt meines Erachtens aber das größte Problem in der Kommunikation. Man verlangt, dass jeder Laie 99 Artikel mit 173 Erwägungsgründen zu einer juristisch anspruchsvollen Materie umsetzt, die nur Fachleute vollständig durchdringen. Das überfordert und erzeugt Verunsicherung. Lieber nehmen viele ihr Angebot ganz vom Markt oder stellen die Arbeit ein, als sich dem Risiko der Abmahnung auszusetzen. Die Angst reicht weiter als das Gesetz. Dabei hat die Rechtsprechung durchaus Möglichkeiten, überschießende Regelungen teleologisch zu reduzieren, d. h. Fälle, die von einer Norm erfasst werden, obwohl der Normzweck sie gar nicht erfassen soll, von der Geltung auszunehmen. Die Unsicherheit wird deshalb anhalten, bis sich herauskristallisiert, wie die Rechtsprechung die DSGVO handhabt.

 

Marianne Labisch: Steht der Schwarm für das www?

 

Willi Hetze: In gewisser Weise. Der Schwarm ist aber mehr als das Web. Die Daten, die man im Schwarm abrufen kann, haben eine sinnliche, synästhetische Dimension. Man stelle sich vor, man könnte sich über das World Wide Web Wahrnehmungen ins Hirn und Empfindungen ins Herz laden.

 

Marianne Labisch: Oh. Im Moment bin ich froh, dass es noch nicht so weit ist. Stell dir vor, der Hass trifft ungefiltert in unsere Herzen, wir fielen tot um.

Aber ich sehe schon heute, wie einige Personen andere per Handy überwachen. Auch das ist für mich schon grenzwertig. Gut, wenn Eltern sich vergewissern wollen, dass ihre Kinder auch wirklich dort sind, wo sie sein sollten, kann ich noch verstehen, aber schon wenn der Arbeitgeber nachsieht, wo seine Angestellten sich aufhalten, ist das schon nicht mehr lustig.

 

Willi Hetze: Man denke auch an die rechtswidrige Funkzellenabfrage 2011 in Dresden. Die Polizei verletzte damals die Freiheitsrechte tausender Bürger. Die Balance von Kontrolle und Freiheit ist schwierig zu halten. Die Gesellschaft schwankt auf diesem Seil und rudert mit den Armen. Mit Sorge beobachte ich, dass wir mit jedem Schritt stärker zu taumeln scheinen.

 

Marianne Labisch: Wenn das www für den Schwarm steht, dann könnte der Krieg für die ganzen Fake-News stehen, oder?

 

Willi Hetze: Er ist das, wohin uns eine Filterblase aus Skandalisierung, Angst und Hass führen kann, wenn die Kriterien für richtig oder falsch verwischt werden und jede Behauptung unantastbar wird, weil man sie zur freien Meinung verklärt.

 

 

Willi Hetze, (C) Maik Sempf
Willi Hetze, (C) Maik Sempf

Marianne Labisch: Ja, mir ist auch schon aufgefallen, dass immer mehr geschwungene Parolen bei Gegenwind flugs zur eigenen Meinung deklariert werden. Worin unterscheiden sich Parolen von freien Meinungsäußerungen deiner Meinung nach?

 

Willi Hetze: Parolen sind oft pointierte und sehr vereinfachte Meinungsäußerungen, die sich leicht übernehmen lassen. Die Bereitschaft, sie bei Gegenwind zu hinterfragen, ist nicht immer gegeben. Dann ist es ein taktischer Trick, das Recht auf freie Meinungsäußerung zu einem Recht auf Widerspruchsfreiheit zu überdehnen. Stößt man auf Kritik für das, was man gesagt hat, stilisiert man sie zur Kritik hoch, dass man überhaupt etwas gesagt hat. Statt kompliziert auf die inhaltliche Ebene einzugehen und sich argumentativ zu behaupten, kann man sich einfach zum Opfer erklären. Das dient letztlich dazu, Widerspruch zu unterbinden. Ich habe sogar Wortführer erlebt, die aus dem Recht auf freie Meinungsäußerung eine Klage darüber ableiteten, dass man ihnen nicht zuhöre oder ihre Meinung nicht erwünscht sei. Ihnen kam nicht in den Sinn, dass auch der Widerspruch von der Meinungsfreiheit gedeckt ist und erst recht jeder frei ist in der Entscheidung, wessen Meinung er hören möchte und wessen nicht.

 

Marianne Labisch: Was denkst du, wie könnte die Menschheit auf das vorbereitet werden, was mit der Digitalisierung auf uns zu kommt?

 

Willi Hetze: Digitalisierung und Automatisierung muss man zusammen denken. Menschen brauchen Raum und Zeit, diesen Prozess und seine Vorteile für sich zu entdecken, sich mit Freude mit den neuen Möglichkeiten vertraut zu machen. Da dieser Prozess vor allem aus der Wirtschaft vorangetrieben wird, von der kaum zu erwarten ist, dass sie knappe Ressourcen wie Raum und Zeit bereitstellt, kann es nur eine sozialstaatliche Aufgabe sein, die Neuorientierung konfliktfrei zu ermöglichen. Es müssen frühzeitig Rezepte gegen Druck, Überforderung und Angst bereitliegen. Dazu muss man aber agieren, nicht reagieren.

 

Marianne Labisch: Wie stellst du dir das vor? Wie kann der Staat den Menschen die Angst nehmen? Müsste er dazu nicht selbst erst einmal ein Konzept haben? Denkst du, das wäre vorhanden?

 

Willi Hetze: Es mag sein, dass intern bereits eifrig an Konzepten gearbeitet wird, sie aber noch nicht öffentlichkeitsreif sind. Jedenfalls habe ich noch keine Kenntnis von einer staatlichen Strategie. Man sollte sich jedenfalls beeilen, denn die Fragen werden lauter und die Zeit drängt. Angst nimmt man, indem man Menschen in schwierigen Situationen nicht alleine lässt. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, dass die strukturellen Umbrüche auf den Schultern des Einzelnen lasten. Hier wird man mehr fördern müssen und weniger fordern können.

 

Marianne Labisch: Glaubst du, dass unsere Politiker auf den Umbruch vorbereitet sind? Schlaue Leute wie David Precht und Ranga Yogeshwar warnen seit langer Zeit vor den Veränderungen und den daraus resultierenden Gefahren. Schenkt man ihnen zu wenig Aufmerksamkeit? Herrscht immer noch der Aberglaube, es würde schon nicht so schlimm kommen?

 

Willi Hetze: Es gibt viele Politiker, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzen, die hart an Ideen arbeiten, wie der gesellschaftliche Wandel gelingen kann. Sie sind nur nicht immer in den verantwortlichen Positionen. Vielmehr rollt ein weltumspannender Prozess auf uns zu, dessen Gestaltung vor allem jenen anvertraut ist, deren politische Aktivitäten allein vom Bedürfnis nach Abschottung bestimmt zu sein scheinen. Ich habe Zweifel, ob konservative Denkweisen die notwendige Innovationskraft aufbringen können, um den sozialen Verwerfungen vorzubeugen, die Precht und Yogeshwar prognostizieren.

 

Marianne Labisch: Wie wird die Gesellschaft deiner Meinung nach aussehen, wenn alle Prozesse digitalisiert worden sind?

 

Willi Hetze: Vieles wird sich digitalisieren bzw. automatisieren lassen, aber nicht alles – zumindest nicht mit einem Schlag. Das wird zur Konsequenz haben, dass ganze Berufsgruppen in eine prekäre Lage geraten, andere nicht. Das erzeugt Verunsicherung, eine wachsende Ungleichheit und folglich Verteilungskonflikte. Sicher entstehen auch neue Berufe, aber es ist schwer abzuschätzen, ob die verloren gegangenen Stellen dadurch vollkommen ersetzt werden können. Aber da Menschen nicht beliebig formbar sind, werden auch Umschulungsmaßnahmen an ihre Grenzen stoßen, vom Bedarf ganz zu schweigen. Möglich ist sogar, dass dieser Umbruch so weitreichend ist, dass der Zusammenhang zwischen Einkommen und Arbeit grundlegend infrage gestellt wird. Noch gibt es einen Unterschied zwischen menschlicher Arbeitskraft und maschineller. Deshalb zahlt man dem Menschen Lohn, der Maschine nicht. Aber was ist, wenn der Unterschied fällt oder Menschen nur noch erledigen, was die Maschinen übrig lassen? Warum eigentlich sollte es notwendig sein, trotz der immensen wirtschaftlichen Effizienzsteigerung und der gewaltigen maschinell erzeugten Überschüsse die Existenz des Menschen an seine – zunehmend irrelevanter werdende – Arbeitskraft zu binden? Wenn uns Maschinen Arbeiten erleichtern und abnehmen, warum gewinnen wir trotzdem nicht mehr Freiheit? Das sind für mich wichtige Fragen, die diskutiert werden müssen.

 

 

(C) Jan Gütter
(C) Jan Gütter

Marianne Labisch: Mein Mann hat schon vor weit über dreißig Jahren so etwas wie eine Maschinen-Steuer gefordert. Könnte das ein erster Schritt in die richtige Richtung sein? Oder wird dann wieder gejammert, dass die Industrie abwandert?

 

Willi Hetze: Dieses Argument wird stets vorgetragen; es trifft ja auch zu, dass dadurch die Produktionskosten steigen, während sie woanders niedriger wären. Auf der anderen Seite stehen deutlich sinkende Kosten durch den geringeren Personalbedarf, wodurch sich die Belastung wieder relativiert. Es gibt aber auch andere Standortfaktoren wie Infrastruktur, Know-How, Synergienetzwerke, innovatives und kreatives Denken und die Verfügbarkeit spezialisierter Dienstleistungen, etc. Wenn in der Gesamtabwägung der Standortfaktoren die finanzielle Belastung der Unternehmen sensibel und mit Augenmaß erfolgt, mache ich mir keine allzu großen Sorgen vor Abwanderung – zumal man auch bei der Besteuerungsgrundlage ansetzen kann. Werden Steuern dort erhoben, wo der Unternehmenssitz ist, oder dort, wo der Umsatz generiert wird? Letztlich könnte das produzierende Gewerbe aber generell an Einfluss verlieren, wenn es weniger Menschen beschäftigt. Stellenstreichungen sind kein Druckmittel mehr, wenn man in einer Fabrikationshalle nur ein Dutzend Arbeitnehmer angestellt hat.

 

Marianne Labisch: Besteht deiner Ansicht nach die Gefahr oder der Segen, je nachdem wie man es nimmt, dass wir irgendwann erkennen, dass wir zu weit gegangen sind, oder meinst du Fortschritt lässt sich nicht aufhalten?

 

Willi Hetze: Abgesehen von der Frage, ob man die Entwicklung überhaupt aufhalten sollte: Die staatlichen Strukturen sind gar nicht fähig dazu. Für die Einhegung eines globalen Phänomens bräuchte man ein globales, verbindliches Regelwerk. Derzeit sind wir aber von globaler Einigkeit weiter entfernt denn je, von Verbindlichkeit erst recht. Selbst beim Klimawandel, dessen negative Folgen viel klarer sind, ist das nicht möglich. Der Endpunkt mag unausweichlich sein, aber es liegt an uns, eine gute Route dorthin zu wählen und auf unsere Schritte zu achten. Denn auf dem richtigen Weg kann man gar nicht zu weit gehen.

 

Marianne Labisch: Wir Autoren haben die Möglichkeit, mit unseren Geschichten auf Gefahren aufmerksam zu machen. Siehst du die Kunst da auch ein wenig in der Verantwortung?

 

Willi Hetze: Diese Verantwortung sollten Künstler schon deshalb wahrnehmen, um die Bedeutung ihres Schaffens zu behaupten. Doch Literatur, die sich auf die Gefahren konzentriert, sich auf Kritik am Neuen beschränkt, führt schnell zu konservativen Schlussfolgerungen und verharrt auf der Stelle, wendet sich gar zurück, anstatt eine utopische Bewegung zu vollziehen. Literatur hat aus meiner Sicht deshalb auch die Verantwortung, uns sensibel und hoffnungsvoll zu machen, dass wir es besser machen können und machen wollen, als es heute ist.

 

Marianne Labisch: Siehst du es wie David Precht, dessen Meinung ich mich anschließe, dass das bedingungslose Grundeinkommen unausweichlich kommen wird? Und teilst du die Befürchtungen vieler, dass damit noch mehr Neid gesät wird und die Menschen nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wüssten, wenn es käme?

 

Willi Hetze: Für mich liegt mehr Potenzial für Neid darin, dass einige Menschen von der Digitalisierung stark profitieren werden und andere in prekäre Lebensverhältnisse rutschen. Die Verteilungsfrage maschineller Wirtschaftseffizienz muss gestellt werden. Warum trägt maschinelle Arbeitskraft nicht ebenso zu den sozialen Sicherungssystemen bei wie die Sozialabgaben bei Lohnempfängern? Ich traue den Menschen außerdem zu, ihr Leben eigenverantwortlich zu gestalten. Es geht um mündige Bürger. Die Freiheit, nicht arbeiten zu müssen, ist auch kein Verbot von Arbeit. Dass Menschen aus freiem Willen tätig werden und nicht aus existenzieller Not heraus, sollte doch vielmehr das Anliegen einer menschenfreundlichen Arbeitsmarktpolitik sein. Ob das Grundeinkommen kommt, wage ich nicht zu prognostizieren. Noch bin ich mir nicht sicher, ob vielleicht andere Modelle in Betracht kommen. Wenn es aber kommt, dann nur durch einen starken gesellschaftlichen Willen. Dieser setzt häufig einen akuten Leidensdruck voraus. Mit einer vorsorglichen politischen Entscheidung rechne ich nicht.

 

Das Unbegreifliche der Katzenwege, (C) salomo publishing
Das Unbegreifliche der Katzenwege, (C) salomo publishing

Marianne Labisch: Zurück zum Buch. Die Romanidee geht zurück auf eine Novelle von dir. Worin unterscheiden sich Novelle und Roman? Und wie wurde aus dem Studenten Ferdinand der Postbote Teo?

 

Willi Hetze: Mir ist recht schnell aufgefallen, dass man aus einem kurzen Text nicht ohne Weiteres einen langen machen kann. Die Handlungsstränge müssen viel weiter reichen, brauchen also mehr Tiefe. Ich musste deshalb alles auf den Prüfstand stellen. So war das Novellenmotiv des Studenten, der in die Stadt kommt und die Universität sucht, für einen kurzen Text tauglich, weil es schnell erklärt ist. Romantiefe mit Bezug auf das übergeordnete Thema hat aber erst der Postbote, dessen provinzielles Verteilzentrum aufgrund einer neuen Kommunikationstechnologie geschlossen wurde und der sich auf die Suche nach dem Hauptpostamt macht. Die Namensänderung von Ferdinand zu Teo hat den Roman dann um ganze zehn Seiten verkürzt. Viele weitere Figuren sind zwar ebenso im Roman verblieben, sie haben aber nun andere Funktionen und Namen. Wer die Novelle kennt, wird sie zart durchschimmern sehen.

 

Marianne Labisch: Wie kommt es, dass du dich einer so bildhaften Sprache bedienst?

 

Willi Hetze: Ich habe über sozialwissenschaftliche Verfahren der Filmanalyse meine Doktorarbeit geschrieben. Filmische Bildsprache ist mir daher sehr vertraut. Mein Szenenaufbau und die Sprache orientieren sich daran. Oft versuche ich, inhaltliche Zusammenhänge in einem Bild zu verschmelzen. Die Sehgewohnheiten aus der Filmkunst beeinflussen mithin die Literatur, die ich schreibe.

 

Marianne Labisch: Musst du über deine Wortschöpfungen und Vergleiche lange nachdenken oder fliegen dir die einfach so zu?

 

Willi Hetze: Sowohl als auch. Es gibt natürlich diese Geistesblitze, aber oft ist es eine lange Suche. Ich weiß dann in etwa, was die gesuchte Metapher leisten soll, welche inhaltlichen Dimensionen sie in sich vereinigen muss. Aber sie zu finden, ist vor allem dann schwierig, wenn man etwas Originelles sucht und Klischees suspendiert. Das ist durchaus eine schwierige Arbeit.

 

Marianne Labisch: War es schwer für deinen Roman einen Verlag zu finden? Bist du über eine Agentur gegangen?

 

Willi Hetze: Eine Agentur musste ich nicht in Anspruch nehmen. Aufgrund meines Engagements für die Literatur in Dresden bestanden bereits Kontakte zu meiner Verlegerin, die mir gerne einen Vertrag gegeben hat. Wir haben schon bei der Dresdner Lesemesse schriftgut zusammengearbeitet. Netzwerke entstehen nicht von selbst – jedenfalls bei mir nicht. Viele meiner Kontakte haben sich durch jahrelange unentgeltliche Arbeit und mein Ehrenamt ergeben.

 

Marianne Labisch: Die Resonanzen, die ich bislang gelesen habe, sind durchweg positiv und ich könnte mir gut vorstellen, dass der Roman nächstes Jahr auf etlichen Literaturpreis-Nominierungslisten stehen wird. Setzt dich das unter Druck oder beflügelt es dich?

 

Willi Hetze: Die positiven Rückmeldungen nehmen mir sogar sehr viel Druck. Ich wurde in den vergangenen Jahren von vielen Menschen unterstützt, u. a. von meiner Verlegerin und dem Literaturhaus Villa Augustin. Ich sah mich mit diesem Roman auch in der Pflicht, dieses Vertrauen zu rechtfertigen.

 

Marianne Labisch: Wer nun durch die Rezensionen und das Interview neugierig geworden ist, wo kann er dich bei Lesungen treffen?

 

Willi Hetze: Nach der Sommerpause werde ich am 09.09.18 in Dresden auf Schloss Albrechtsberg lesen. Anfang nächsten Jahres besuche ich voraussichtlich Bremen und Hamburg. Aktuelle Informationen findet man dazu immer auf meiner öffentlichen Facebook-Seite.

 

Marianne Labisch: Was ist bei dir als Nächstes geplant?

 

Willi Hetze: Im Herbst erscheint eine Anthologie mit meinem Kurzkrimi Zeit der harten Erde bei der edition krimi. Auch schreibe ich wieder verstärkt Kurzprosa, um vielleicht noch einen Erzählband zu machen. Vor allem aber arbeite ich am Plot für den zweiten Roman.

 

Marianne Labisch: Vielen Dank für deine Zeit und das nette Gespräch, Willi. Ich wünsche dir für die Zukunft weiter viel Erfolg.

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Buch:

Die Schwärmer

Autor: Willi Hetze

salomo publishing, 15. März 2018

Taschenbuch, 376 Seiten

 

ISBN-10: 3941757849

ISBN-13: 978-3941757844

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07B7S8KQ9

 

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Erstellt: 22.06.2018, zuletzt aktualisiert: 17.11.2018 10:28