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Die Kurzgeschichte des Monats Januar 2009 stammt aus der Feder vom Edgar Güttge. Edgar ist bekannt für seine sehr ausgefallenen SF Geschichten, die meist eine Satire auf das aktuelle Leben beinhalten. Die vorliegende Satire zeigt die ganze Klasse des Autors, der im wirklichen Leben Ernst-Eberhard Manski heißt.

Joint Venture ist die erweiterte Version einer einseitigen Vignette, die Anfang 2004 in der inzwischen eingestellten Thunderbolt-Anthologie „ThunderYear 2003“ erschienen ist.

 

 

Joint Venture

Autor: Edgar Güttge

 

Joint Venture

 

„He, wo willst du denn hin?“, rief Libby, als er sah, wie Afga an der Tür zur Schleuse rüttelte.

„Frische Luft schnappen“, entgegnete sie trotzig und trat mit solcher Wucht gegen das Schott, dass Libby den Eindruck hatte, die Scharniere knirschen zu hören.

„Im Vakuum?“ Libby schüttelte verständnislos den Kopf. „Da wirst du nicht viel Glück haben. Die Luft da draußen ist in diesem Sektor besonders dünn.“

Mit hängenden Schultern trottete Agfa hinter ihrem Kollegen durch die schwach beleuchteten Gänge des Postschiffes.

„Und ist wieder alles in Ordnung?“, erkundigte sich Libby besorgt, als sie die Kommandozentrale betraten.

Verdrossen ließ sich Afga in ihren Sessel plumpsen und nickte kaum merklich: „Wird wohl nur eine Art Koller sein. Ab und zu habe ich das Gefühl, ich muss mal raus.“

„Eigentlich hast du Recht: Hier drinnen sollte tatsächlich mal wieder gelüftet werden.“ Libby setzte sich ans Steuerpult, nahm sich ein Blättchen und Tabak aus einer Schatulle und rollte sich eine Zigarette.

„Ist nur blöd, dass wir ein Raumschiff erwischt haben, bei dem sich die Fenster nicht öffnen lassen“, ulkte Afga maulend. „Wie ich diese Klimaanlage hasse.“

Nachdem Libby eine Weile vergebens in seinem Tabakvorrat rumort hatte, lehnte er sich zurück, zündete seine halbgefüllte Zigarette an und paffte drauflos. „Übrigens, ich will zwar keine Panik auslösen, aber der Stoff ist alle.“

„Auch das noch.“ Afgas Mundwinkel sanken noch weiter bis fast unter das Kinn. „Ich brauche das Zeug gegen dieses schmerzende Jucken, seit ich mir an den verdammten Disteln auf Ness L die Waden verbrannt habe.“

„Wem sagst du das?“ Ein Qualmwölkchen schwebte über ihre Köpfe hinweg. „Mir macht immer noch die Schnittwunde zu schaffen, die ich mir bei der Lieferung dieser bescheuerten Schleifmaschine auf Kreb S eingehandelt habe.“

„Also bleibt uns wohl nichts anderes übrig als mal wieder einkaufen zu gehen.“ Lässig schnappte sich Agfa eines der umherschwirrenden Kugelmikrophone und erkundigte sich mit müder Stimme: „Wo fahren wir als nächstes hin, Stony?“

„Ventur E“, informierte das Raumschiff fröhlich. „Ein paar Sukkulentensamen für ein Gemeinschaftsunternehmen liefern.“

„Kann man die rauchen?“

„Um Himmels Willen“, protestierte der Cyborg. „Das würde gegen das pluriversale Kaktus-, Sukkulenten- und Wolfsmilchschutzgesetz verstoßen. Außerdem ist die Ware aufs Gramm abgewogen und -gezählt.“

„Und wo können wir hier in der Gegend was auftreiben?“

„Keine Ahnung, Leute. Seht selber zu, wo ihr eure Drogen herkriegt! Ich habe diesem Konsumterror schon lange abgeschworen.“ Stony schaltete sich ostentativ klickend ab.

„Drogen?“ Libby kramte ein mehrmals gefaltetes Papier aus einem Ablagekörbchen und hielt es vor die Kamera. „Ich habe einen Krankenschein.“

„Hatten wir nicht irgendwo ein Lieferantenverzeichnis für diese Gegend liegen, Libby?“, überlegte Afga.

„Du meinst die Palette mit der Aufschrift Hier nachsehen, wenn euer streikendes Raumschiff euch mal nicht weiterhelfen will, die wir auf Inf O bekommen haben?“

„Genau die.“

„Im Laderaum hinter den Limonenextrakten für Kakt N.“

 

Siebzehndreiviertel Stunden später hatten sie die 1 453 Kataloge von der Palette genommen, in die Kommandozentrale geschleppt und nach einem eigens dafür entwickelten Sortiersystem vor der Regalwand mit den Nachschlagewerken aufgestapelt. Die bibliophilen Kunstlederbände der Enzyklopaediae Multiversiae waren also bis auf Weiteres weder zugänglich noch griffbereit.

Afga klatschte unternehmenslustig in die Hände. „So, dann lass uns mal nachschauen!“

„Bin auch schon gespannt, wo wir hier was finden“, meinte Libby, der am Steuerpult saß und den Kurs kontrollierte. „Manche Planeten gehen ja ziemlich pingelig mit dem Zeug um.“

„Welcher Sektor ist denn das hier überhaupt?“

„XTC“, warf Stony ein und schaltete sich wieder ab.

„Momang.“ Afgas Finger glitt die Rücken der Einkaufsführer entlang. „Hebbes.“ Sie zog geschickt den drittuntersten Band des zweiten Stapels von links heraus, so dass die Katalogwand bedrohlich ins Wanken geriet.

Libby veranlasste das Schiff zu einer abrupten Kurve, und die in abenteuerlichem Winkel geneigten Stapel richteten sich wieder auf und schmiegten sich an die Buchrücken der Enzyklopädie.

„Das Manöver war überhaupt nicht nötig“, erklärte Afga seelenruhig. „Ich war Bezirksmeisterin im Mikado. Und welches Schlagwort schlägst du vor?“

„Schau mal unter C, H, M oder S nach!“

„Hmm, Cannabis ... nichts. Ha, ha, Haschisch ... auch nichts. Ma, ma, mari, Marihuana ... wieder nichts. Was ist das bloß für eine langweilige Gegend hier ..! Was meintest du mit S?“

„Stoff!“

„Hebbes.“

„Fein.“

„Und so gut untergliedert: Cotton, Hanf, Mohair, Seide ... äh, ich muss dich wohl enttäuschen, das fällt wohl alles mehr in den Bereich Textilien.“

„Ein paar neue Klamotten bräuchte ich auch mal wieder.“ Libby kratzte sich sein lädiertes Knie durch einen Riss in seiner Jeans.

Afga ließ den goldgelben Wälzer sinken, und Libby schielte von der Seite auf die Buchstabenmarkierung. „Der Teil X ist ziemlich dick.“

Agfa schlug den Branchenführer wieder auf und blätterte hastig weiter. „Die bieten jede Menge Tabletten an. Sieht fast so aus, als ob hier alles synthetisch hergestellt wird.“

„Nicht mit mir“, lehnte Libby ab. „Ich akzeptiere nur pure Natur.“

Resigniert legte Afga das Handbuch weg. „Diese Trips helfen sowieso nicht.“

„Ich schlage vor, wir hören uns auf Ventur E mal in den Hanfplantagen um.“

 

Afga rümpfte witternd die Nase und schnupperte an einem der gitterförmigen Filter, die an den Streben des Panoramafensters angebracht waren. „Das riecht da draußen aber komisch.“

„Was, im Vakuum?“

„Was weiß ich.“ Afga rieb sich ihre Wade. „Du kennst die Technik doch auch. Der Sensor zieht sich die Informationen digital von draußen rein und baut den Geruch drinnen wieder auf.“

„Und wie riechst es da?“, hakte Libby nach. „Werd mal genauer.“

„Süßlich, herb.“ Sie verdrehte ihre Augen. „Irgendwie berauschend.“

„Stony, kannst du das mal analysieren?“

„Später,“ antwortete das Raumschiff. „Wir erreichen in Kürze ein unbekanntes Objekt.“

 

„Wow!“, rief Afga begeistert. „Das wird dich interessieren, Libby.“

Libby stand auf und schlurfte zu ihr ans Fenster. „Wer hat sich den denn gedreht?“

Draußen im All schwebte ein riesiger Joint.

 

„Alles dran“, nickte Libby zufrieden, nachdem sie den merkwürdigen Himmelskörper einmal umrundet hatten. „Bob Marley hätte seine Freude gehabt. Wie kriegen wir den jetzt ins Schiff?“

„Was?“ Afga schaute von ihrem Bildschirm auf, der mit zahlreichen mathematischen Formeln übersät war. „Einen drei Kubiklichtminuten großen Joint willst du hier einlagern?“

„Klar, damit kommen wir durch den ganzen XTC.“

„Stony ist ein Postschiff und kein Supertanker. Du hast wohl schon so eine Tüte intus!?“

 

Stony landete, und die Besatzung ging federnden Schrittes auf dem weichen Papyrusboden der Jointoberfläche hin und her.

„Zieh mal!“, forderte Libby seine Kollegin auf.

Afga ging in die Hocke und nahm ein paar Bodenproben.

Libbys Blick wanderte den Horizont entlang. „Bewohnt ist der Joint ja wohl nicht.“

„Ich habe noch niemanden gesehen.“

„Solange es hier keine intelligenten Hanf- und Tabakblätter gibt.“

Kichernd verstaute Afga die Reagenzgläschen in ihrer Jutetasche und richtete sich auf. „Hast du eine Theorie, wo das Teil herkommen könnte?“

„Keine Ahnung. Aber je weiter wir von zu Hause weg sind, desto bizarrer wird anscheinend das Multiversum. Ein Kumpel von mir hat mal eine unendlich lange Gitarrensaite gesichtet. Und diese Quarkmilchstraßen und Eisgalaxien in den fernsten Regionen im tiefsten All sind ja auch eine verrückte Laune der Natur.“

„Eines ist auf jeden Fall positiv“, erklärte Afga.

„Und?“

„Meine Schmerzen sind weg.“

„Jetzt, wo du ’s sagst.“ Libby beugte mehrmals sein Knie und hüpfte auf der Stelle. „Meine auch.“

Allmählich vernebelte der süßliche Duft ihnen die Sinnesorgane.

„Na, dann wollen wir uns den mal anstecken“, schlug Libby in einem Anflug von Ekstase vor.

„Wo willst du denn ein dermaßen großes Streichholz herkriegen?“ Agfa ließ zweifelnd den Daumen hochschnellen. „Oder hast du ein geeignetes Feuerzeug?“

„Wir könnten es mit Stonys Antriebsdüsen probieren.“

„Ist das nicht zu riskant?“

„Ach was. Im Grunde genommen ist doch jeder Joint ein Risiko.“

Völlig mit sich und der Welt zufrieden kletterten sie wieder in ihr Raumschiff zurück. Stony manövrierte sich rückwärts an das vordere Ende und zündete die Papyrusspitze an.

Nicht viel später war die halbe Galaxis stoned.

 

© 2008 Ernst-Eberhard Manski

 

 

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Erstellt: 05.12.2008, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08