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Kälteschlaf von Arnaldur Indridason

Rezension von Björn Backes

 

Story:

Als die junge Maria tot in ihrem Sommerhäuschen am Þingvallavatn gefunden wird, sprechen alle Indizien für einen geplanten Selbstmord. Als Kommissar Erlendur am Tatort eintrifft, baumelt die Leiche noch am Balken, an dem sie erhängt wurde bzw. sich erhängt hat. Doch Erlendur findet die gesamte Sache von Beginn an merkwürdig: Zwar haben Maria die Probleme ihrer todkranken und letztendlich verschiedenen Mutter bis zum Ende hin belastet, jedoch schien die verlorene Hoffnung vor dem Hintergrund, dass sie ein riesiges Erbe antreten durfte, nicht ausreichend genug als Motivation für den Freitod. Schnell entdeckt Erlendur erste Ungereimtheiten und findet heraus, dass Maria an Seancen teilgenommen hat und an ein Wiedersehen mit ihrer Mutter nach dem Tod geglaubt hatte. Doch ständig kehrt die Vermutung zurück, irgendjemand habe dieses Wissen genutzt, um sie in den Tod zu treiben.

Unterdessen forscht der Kommissar in Marias Familie und ihrem direkten Umfeld und spürt dabei die Nervosität, die die scheinbar Beteiligten umgibt. Ihr Gatte Baldvin zeigt wenig Mitgefühl, ihre Freundin Karin eröffnet derweil eine ganz seltsame Spur, und auch Baldvins Jugendfreunde, die ebenfalls einen spirituellen Hintergrund haben, führen durch ihre Aussagen zu komplizierten Thesen.

Während der Ermittlungen beschäftigt Erlendur schließlich noch ein uralter Fall, der sich mit dem Verschwinden zweier junger Erwachsener auseinandersetzt. Der Vater des verschollenen Jungen liegt im Sterben und wünscht sich nichts sehnlicher als eine endgültige Gewissheit vor seinem Tod. Doch Erlendur ist blockiert und ohne jegliche Hoffnung, denn einerseits belastet ihn der aktuelle (Selbst-)Mordfall, und andererseits ist auch seine familiäre Situation nach einem lange aufgeschobenen Treffen mit seiner Ex-Gattin Halldora wieder immens angespannt…

 

 

Rezension:

De Erlendur-Romane aus der Feder von Arnaldur Indridason haben die permanente Angewohntheit, neben einer Kriminalhandlung auch eine Menge Persönliches aus dem Hauptdarsteller herauszuquetschen – und quetschen ist durchaus der passende Begriff, denn die Sturnatur, dessen eigentliche Aufgabe die Ermittlungsarbeiten in Mordfällen in und um Reykjavik ist, gibt nicht gerne zu viel über sich preis und versteckt sein angeknackstes Seelenleben gerne hinter einigen bitteren Phrasen und seiner Arbeitswut, mit der er seine vielen bitteren Schicksale immer wieder gerne vertuscht. Doch dieses Mal ist Erlendur näher betroffen, nicht etwa vom Selbstmordfall, den er hier zu lösen hat, sondern von den stetig wiederkehrenden Erinnerungen an seinen seinerzeit verschollenen und nie aufgefundenen Bruder. Während Erlendur herauszufinden versucht, was Maria in den Freitod getrieben hat, werden durch einen längst aufgegebenen Fall wieder Geschichten aufgeworfen, die den Kommissar nachdenklich stimmen. Einst waren zwei grundverschiedene Menschen zur gleichen Zeit spurlos verschwunden. Und jetzt, wo der Vater des einen Jungen im Sterben liegt, empfindet Erlendur nach Jahren wieder diesen Schmerz des Verlorenen, des Aufgegebenen und endgültig aus der Welt Geschaffenem.

 

Dementsprechend ist die achte Geschichte um den inzwischen längst etablierten isländischen Charakter auch eine relativ ungewöhnliche. Die Aspekte der Kriminalhandlung spielen zwar eine übergeordnete Rolle, nehmen aber rein emotional betrachte nicht den Schwerpunkt des Plots ein. Die Spannungskurve wird nicht so rasant emporgetrieben, das Prickeln, das der vermeintliche Selbstmord und seine zwielichtigen Hintergründe eigentlich hervorrufen sollte, erreicht nicht die gewohnte Intensität. Fans der Erlendur-Krimis wissen zwar, dass die Grundstimung an sich immer sehr beklemmend und manchmal auch recht dröge ist, doch in diesem Fall merkt man immer wieder, dass der Autor in einem Zwiespalt bei der Verteilung der Prioritäten steht – und darunter muss die Story ab und zu auch ein wenig leiden.

Dabei sind die Elemente viel versprechend: Reinkarnation, merkwürdige Seancen, ein ungelöster Mordfall aus der fernen Vergangenheit, zwei verschollene Figuren, für deren Verschwinden es nie einen Anhaltspunkt gegeben hatte und als Letztes eine verschwörerische Familiengeschichte, die immer mehr Details verrät, aber dennoch nicht wirklich durchsichtig ist. Doch es ist in diesem Fall eher der Protagonist, dessen Geschichte bewegt. Er kommt der Bitte seiner Tochter nach, sich nach Jahren wieder mit deren Mutter zu treffen und vielleicht ein wenig Rehabilitation für das zu schaffen, was zwischen ihnen gewesen ist. Doch der Schuss geht nach hinten los, Erlendur gerät im darauf folgenden Gespräch in erhebliche Erklärungsnöte und muss den Grund für seine fortlaufenden Depressionen offen legen – und obschon der Gedanke Nacht für Nacht präsent ist, muss er sich nun wieder aktiv seiner Vergangenheit stellen und noch einmal das durchlaufen, was ihm eh schon wie eine Zentnerlast auf dem Herzen liegt!

 

Die Vermischung dieser beiden unabhängig verlaufenden Handlungsebenen gelingt Indridason ganz anständig, jedoch nicht immer fließend. Es kommt zu einigen Gedankensprüngen, die ein wenig holprig erscheinen und auch für den Spannungsaufbau nicht wirklich förderlich sind. Spannung ist übrigens ein zentraler Punkt, denn sie sie ist nicht so gut ausgeprägt wie beispielsweise in „Frostnacht“, was aber einzig und alleine mit den verschobenen Schwerpunkten zusammenhängt. „Kälteschlaf“ ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, selbst für Kenner dieser Reihe, für diese aber auch wieder essentiell, da viele Details um den Hauptdarsteller aufgedeckt werden und man eine noch innigere Verbundenheit zu Erlendur erstellt – sofern man Indridasons liebsten Sturkopf auch mag!

 

 

Fazit:

Das Problem an den Erlendur-Romanen ist mitunter, dass man mit einer gewissen Erwartung startet, die generell auch erfüllt wird, von der man aber immer noch denkt, dass sie übertroffen wird. In „Kälteschlaf“ erfährt man eine Bestätigung für Indridasons schlichte, bewegende Erzählkunst, aber eben nicht mehr. Das macht den achten Erlendur-Roman zu einer soliden Geschichte, aber nicht zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der Serie!

 

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MEDIUM:

Kälteschlaf

Auor: Arnaldur Indridason

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Luebbe Verlagsgruppe; Auflage: 1 (11. August 2009)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 378572361X

ISBN-13: 978-3785723616

Originaltitel: Harðskafi

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.11.2009, zuletzt aktualisiert: 30.04.2019 13:38