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Kick-Ass 2 (Kino)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Kick-Ass 2. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Einerseits war die Aussicht, den Titelhelden, seine Nemesis Red Mist und natürlich die kleine Irre mit dem Namen Hit-Girl noch mindestens einmal sehen zu können, fast schon zu schön, um wahr zu sein. Andererseits kennen wir ja die alte Leier mit Sequels: noch größer, noch teurer und aus ebendiesen Gründen fast immer weichgespülter, kommerzieller. Damit ein noch größeres Publikum erreicht werden kann. Was gerade bei diesem speziellen Fall mehr als ein herber Verlust wäre.

 

Wir erinnern uns: 2010. Vorankündigung, Kick-Ass. Der Held? Irgend so ein Nerd im grün-gelben Ganzkörperkondom, respektive Taucheranzug. Und dieses kleine Mädel, Hit-Girl? Wie niedlich. Superhelden für die Kiddies, also. Ohne Ecken und Kanten. Weich und schlabbrig wie zu lange gekochte Spaghetti. Tja, und dann? Selten so daneben gelegen – zum Glück! Es wird geflucht, es wird auf die FSK 12 geschissen. Blut spritzt und das kleine Mädel sagt ein ganz, ganz derbe-böses F-Wort, bevor sie kindlich-unschuldig grinsend ein ganzes Dealernest leer räumt, abgetrennte Gliedmaßen inklusive. Eine Szene, die längst legendär geworden ist – gemeinsam mit dem restlichen Film. Kick-Ass war genau der richtige Film zur richtigen Zeit; ein Machwerk, das den großen Studios breit grinsend die Stinkefinger vors Gesicht hielt und den vom vielen Geld und Kommerz belanglos gewordenen, einstigen Wunderkindern wie Burton, Jackson oder meinetwegen auch Bay zeigte, dass Filme nicht wie Computerspiele aussehen müssen, ein bisschen mehr Blut keinem schadet – und Ecken und Kanten das Salz in der Suppe sind. Und ja, Teenager fluchen. Sie masturbieren sogar vorm heimischen PC und machen schmutzige Witze über die Mutter des besten Freunds. Politische Inkorrektheit? Nein, das Leben!

 

Und wer zeichnete sich für die diese Wahnsinnstat verantwortlich? Drei Personen. Zunächst kein Geringerer als Mark Millar, ein Mann, der Comic-Experten wohl nicht vorgestellt werden muss. Für alle anderen sei gesagt, dass er gegenwärtig wohl einer der innovativsten und auch herausfordernsten Autoren seiner Branche ist. Ein Mann, der sich was traut und zum Glück Erfolg damit hat – und sich glücklich schätzen kann, dass sein Werk in die kompetenten Hände von Drehbuchautorin Jane Goldman und Regisseur Matthew Vaughn gelangte, die den Stoff keineswegs amerikanisierten und den wunderbar ruppigen, britischen Grundton beibehielten. Das die letzten zwei Personen daraufhin auch jenseits des großen Teichs Fuß fassten und mit X-Men: Erste Entscheidung (2011) sogar noch erfolgreicher waren, ist eine andere Geschichte. Aber angefangen hat sie eben hier, mit »Kick-Ass«.

 

Diesem Erfolg ist auch der Umstand geschuldet, dass Vaughn keine Zeit für den Regieposten bei »Kick-Ass 2« fand und Mrs. Goldman diesmal aus der Comicvorlage kein Script machen konnte. Trotzdem – oder besser: glücklicherweise – übernahm Vaughn immerhin den Produzentenposten, was bedeutet, er guckte dem »Neuen« ganz genau auf die Finger. Und besagter Neuer hört auf den Namen Jeff Wadlow, der synchron zur Regie auch das Drehbuch verfasste. Wer mit dem Namen nichts anfangen kann, der muss sich nicht schämen. Nur so viel: Mit seinen bisherigen Filmen Cry Wolf (2005) und The Fighter (2008) bewies der Mann echtes Talent und die Gabe, auch mit kleinem Budget etwas anzufangen. Und mit seinen 28 Millionen kann man auch »Kick-Ass 2« keineswegs als teuer deklarieren – wobei aber oftmals genau darin die Stärke eines Films liegen kann. Not macht erfinderisch – und Erfinden heißt, kreativ zu sein.

 

Und bereits nach wenigen Minuten liegt der gegenwärtige Status Quo der Helden und Schurken offen wie der Schnitt im OP vor den Augen des Zuschauers. Nach den Ereignissen von Teil 1 geht das Leben weiter. Im Grunde ziemlich unspektakulär. Mindy Macready (Chloë Grace Moretz) lebt nach dem Tode ihres Vaters (Nicolas Cage) alias »Big Daddy« bei dessen einstigem Kollegen Marcus Williams (Morris Chestnut), der zum Vormund des Mädchens geworden ist – und dafür Sorge trägt, dass Mindy ein normales Leben führt. Soll heißen: keine zweite Identität als Hit-Girl, keine Leichen, die ihren Weg pflastern. Dafür etwas Schlimmeres: Pubertät und arrogante, intrigante Schuldiven; hübsch fürs Auge, aber dumm wie hartes Brot. Willkommen in der Justin Bieber-Hölle. Kein Wunder also, dass die Sehnsucht, wieder auf Gangsterjagd zu gehen, immer größer wird.

Ähnliches spürt auch Dave Lizewski (Aaron Taylor-Johnson), der sein Alter Ego Kick-Ass eigentlich an den Nagel gehängt hat und nun wieder ein unspektakuläres Dasein führt, das momentan aber gewaltig durchhängt. Unter anderem auch, weil Freundin Katie (Lyndsy Fonseca) mit ihm Schluss gemacht hat. Er spürt, dass ein normales Leben nicht mehr möglich ist; dass sein grün-gelbes Outfit und die damit verbundene Verantwortung seine wahre Berufung ist – vor allem nachdem sein damaliger Auftritt zahllose Nachahmer gefunden hat.

Doch nicht nur bei Dave und Mindy brodelt es. Auch der einstige Red Mist alias Chris D’Amico steht kurz vorm Ausbruch. Noch immer konnte er es Kick-Ass und Hit-Girl, die für den Tod seines Vaters verantwortlich sind, heimzahlen. Stattdessen gammelt er in einer Luxusvilla vor sich hin, wird entweder von seiner Mutter (Yancy Butler) wie ein Kind behandelt oder von Bodyguard Javier (John Leguizamo) in die Schranken gewiesen.

 

Bis Unerwartetes geschieht und aus dem Halbwaisen der Vollwaise Chris D’Amico wird. Soll heißen: der Weg ist frei! Für Rache, Irrsinn und Gekröse! Aber nicht als Red Mist, nein. Gewisse, ähm, Spielsachen seiner verstorbenen Mutter bringen ihn auf eine andere Idee. Der Melon Farmer, Verzeihung, Mother Fucker ist geboren!

Unterdessen haben Hit-Girl und Kick-Ass (nach intensivem Training) gewissermaßen wieder den „Betrieb aufgenommen – und stoßen prompt auf Colonel Stars and Stripes (Jim Carrey) und seine bunte Truppe namens Justice Forever. Es geht also wieder aufwärts. Für Dave auch in amouröser Hinsicht, hat die sexy Night Bitch (Lindy Booth) schließlich mehr als nur ein Auge auf ihn geworfen.

Gemeinsam nimmt man sich den Bodensatz der Gesellschaft vor; ganz gleich ob große Haie oder kleine Fische. Zwangsläufig fischt die Truppe aber dann doch in jenen Gewässern, die für Mafiaboss D’Amico Senior die Haupteinnahmequellen waren. Mit anderen Worten: der Endkampf steht kurz davor …

 

Für eine Fortsetzung macht »Kick-Ass 2« eigentlich fast alles richtig: es ist laut, es ist vulgär, es ist noch blutiger (darum auch der FSK 18-Stempel), es scheißt – buchstäblich – auf Konventionen und ist bisweilen noch anarchischer als sein Vorgänger. Was jedoch fehlt, und dafür kann keiner was, ist das Überraschungsmoment des Vorgängers; dieses da-wird-einem-der-Boden-unter-den-Füßen-weggerissen-Gefühl, das »Kick-Ass« so herrlich unbekümmert werden ließ. Hin und wieder blitzt es auf, doch mitunter wirkt es auch erzwungen; ein leicht bitterer Beigeschmack in einer eigentlich wirklich vorzüglich mundenden Suppe, deren Zutaten teils altbekannt, teils frisch und neu sind. Für Aaron Taylor-Johnson und besonders Chloë Grace Moretz war »Kick-Ass« das große Sprungbrett in die noch größere Filmwelt; durften die beiden seitdem unter anderem mit Oliver Stone, Tim Burton und Martin Scorsese drehen und beweisen, dass mit ihnen wohl noch lange zu rechnen ist. Besonders im Falle von Moretz, die im Grunde schon jetzt so etwas wie ein kleiner Superstar ist und das vollkommen legitim. Auf ihr liegt demzufolge auch das Hauptaugenmerk bei »Kick-Ass 2« und sie liebt es, diesen Anforderungen mehr als gerecht zu werden. Es macht einfach Laune, wenn sie über die Leinwand tobt wie ein Derwisch auf Speed. Doch kann sie auch anders – und genau diese Passagen sind die vielleicht stärksten Pfunde, die »Kick-Ass 2« vorzuweisen hat. Denn was laut dem Spiegel (!!!) ein »widerwärtiger, perfider Film, bei dem das Blut in Strömen fließt« sein soll, wohingegen eine Körpersaft-Orgie namens Feuchtgebiete fast auf eine Stufe mit Casablanca gesetzt wird (ohne die Qualitäten absprechen zu wollen), besitzt mehr Herz und ehrlichen Tiefgang als die meisten heutigen Blockbuster. Und haut trotzdem anständig auf die Kacke.

 

Und genau diese stillen, nachdenklichen Momente sind es, die bisweilen noch mehr in Erinnerung bleiben, als so mancher, mit harten Bandagen geführter Kampf. Außer vielleicht diese eine Sache mit dem Großen Weißen. Oder der Einsatz des berüchtigten s.i.c.-Sticks. Oder wenn das Mannsweib namens Mother Russia in bester Dolph Lundren-Manier und unter anderem mit Hilfe eines Rasenmähers eines ganze Schwadron Polizeibeamter ins Krankenhaus schickt.

Insofern wirkt Jim Carreys plötzliche Distanzierung von dem Film umso schwachsinniger. »Ich habe Kick-Ass einen Monat vor Sandy Hook gemacht, und jetzt kann ich dieses Gewaltniveau nicht guten Gewissens unterstützen.«, so sein öffentlich getwitterter Gesinnungswandel. Dass das Schulmassaker eine furchtbare Tat gewesen ist – gar keine Frage. Aber darin eine Verbindung zu »Kick-Ass 2« zu sehen? Ist ja nicht so, als würden Gewalt beziehungsweise das Böse an sich glorifiziert. Im Gegenteil. »Kick-Ass 2« ist eine unterm Strich noch immer eine Comicverfilmung, und da geht es überspitzt zu. Sehr überspitzt, sicherlich. Und zwar so sehr, dass Gewalt und Härte ganz kurz vorm Lächerlichen stehen. Offenbar hat Mister Carrey noch nie in seinem Leben Tom und Jerry gesehen. Die Gegenfrage eines anderen Twitters lautete übrigens: »Warum haben Columbine oder Virginia Tech Ihr Herz nicht so bewegt?« Nuff said. Das heißt, eins noch. Carrey ist nämlich als Colonel Stars und Stripes ein Volltreffer. Keine Ahnung, wann der Mann zuletzt so gut gespielt hat. Vergissmeinnicht? Könnte sein. Jedenfalls blödelt er sich nicht von einer Szene zur anderen, sondern tariert Ernsthaftigkeit mit schwarzem Humor und vorhandenem Irrsinn. Schade bloß, dass sein Part viel zu kurz ist.

 

Ohnehin, was die Nebenrollen betrifft, muss man den Machern ein starkes Händchen attestieren. Ob John Leguizamo (ebenfalls zu schneller Abgang), Lindy Booth als Night Bitch (möge ihr jetzt endlich das Tor zu größeren Projekten weit geöffnet sein), Donald Faison (genau, der Dr. Turk aus Scrubs) oder die russische Riesin Olga Kurkulina als Mother Russia. Da hat das Casting ganze Arbeit geleistet. In diesem Falle also doch mehr.

 

Auch in Sachen Action, besonders im Finale. Da rappelt es mächtig im Karton, besonders zwischen Mütterchen Russland und Hit-Girl. Meine Herren … ähm Damen. Und genau an diesen Schnittstellen hätte »Kick-Ass 2« mit Leichtigkeit wie ein Kartenhaus einstürzen können, tut es aber nicht. Diesmal muss man froh sein, dass sich Jeff Wadlow cinematographisch sehr streng an Matthew Vaughns Stil orientiert hat beziehungsweise sogar ein paar kleine Makel außen vor gelassen hat. Etwa die mitunter etwas konfus geführten Schnitte. So mag der Film inhaltlich anarchisch sein, die Filmsprache ist es keinesfalls. Mag »Kick-Ass 2« auch kein Riesenerfolg beschieden sein, für eine Fortsetzung ist er mehr als gut. Und wer weiß … vielleicht in ein paar Jahren …?

 

Fazit:

»Kick-Ass 2» fängt da an, wo »Kick-Ass« aufgehört hat – leider ohne den Knalleffekt des Vorgängers gänzlich einzufangen. Dennoch werden auch diesmal wieder große bzw. noch größere Geschütze ausgefahren und dem Mainstream die blanke Kehrseite ins Gesicht gehalten. Das ein paar der besten Momente ferner ruhig und nachdenklich sind, wertet diese würzige Bloody Mary zusätzlich auf. Das ist erfrischend, das ist richtig, das macht Spaß. Und wird eines Tages genau so kultig sein wie Teil 1, garantiert.

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Kino:

Kick-Ass 2
Kick-Ass 2

Kick-Ass 2

Originaltitel: Kick-Ass 2: Balls to the Wall

USA/GB 2013

Regie: Jeff Wadlow

Produktion: Adam Bohling, Tarquin Pack, Matthew Vaughn, Brad Pitt, David Reid

Drehbuch: Jeff Wadlow

Kamera: Tim Maurice-Jones

FSK: 18

Länge: 103 Minuten

Vertrieb: Universal Pictures

 

Darsteller:

Aaron Taylor-Johnson

Christopher Mintz-Plasse

Chloë Grace Moretz

Jim Carrey

Clark Duke

Olga Kurkulina

Lindy Booth

John Leguizamo

Morris Chestnut

Donald Faison

Lyndsy Fonseca

Yancy Butler

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Erstellt: 17.09.2013, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23