Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Kolumne: Atlantis ist bedroht!

Autor: Holger M. Pohl

 

Ein Aufschrei ging vor kurzem durch die phantastische Welt. Was war geschehen? Hat Joanne K. Rowling angekündigt, einen neuen Harry-Potter-Band zu schreiben? Nein! Hat George R. R. Martin gedroht, nie wieder einen Game-of-Thrones-Band zu verfassen? Nein! Will Dirk van den Boom endlich Kurzgeschichten veröffentlichten? Ganz entschiedenes, vehementes Nein! Was also versetzt die Welt der Phantastik so in Aufruhr? Atlantis ist bedroht!

 

Bekanntlich lag Atlantis im Atlantik. So zumindest eine der gängigsten Theorien. Möglicherweise - so eine Interpretation der Legende - war der Untergang eine Strafe der Götter für die Überheblichkeit der Atlanter. Hin und wieder - so zeigt die Phantastik - werden aber auch Götter für ihre Taten bestraft.

 

Was aber hat das nun mit Leipzig zu tun? Nun, das antike Atlantis war gestern und ist Geschichte. Aber es gibt vielleicht ein neues Atlantis. Die Geschichte wird es zeigen. Das neue Atlantis liegt sozusagen in Leipzig! Manche kennen es auch unter dem Namen Fantasy Leseinsel. Und wie moderne Zeiten nun einmal sind, bedroht nicht eine Naturkatastrophe dieses Inselreich, sondern der Mensch.

 

Am 13. September 2016 überraschte uns die WerkZeugs Kreativ KG mit einem Facebook-Post. Den genauen Wortlaut siehe rechts. WerkZeugs kündigte an … nein, besser wohl verkündete, dass sie zukünftig nicht mehr auf der Leipziger Buchmesse (LBM) vertreten sein werden. Ein ursächlicher Grund: Die Standmiete sollte mehr als verdoppelt werden!

 

Was unsereinem zunächst einmal schnurz sein könnte. Ein Stand mehr oder weniger, deswegen geht die phantastische Welt nicht unter. In der Halle 2 gibt es noch genügend andere Stände, an denen wir uns austoben können.

 

Nur ist es eben dummerweise so, dass WerkZeugs die Fantasy Leseinsel in den letzten Jahren zu aller Zufriedenheit höchst gut organisiert hat. Und das war es, was Ratlosigkeit und Entsetzen verbreitete. Unter Kleinverlegern, Autorinnen und Autoren, Fans und Lesern: Die Leseinsel Fantasy in ihrer jetzigen Erscheinung ist unmittelbar bedroht!

 

Die Antwort der Verantwortlichen der LBM ließ nicht lange auf sich warten. Ebenfalls über Facebook verkündeten sie, dass alles nur halb so schlimm sei (Genauer Wortlaut siehe rechts) und die Phantastik in kleinster Weise bedroht sei. Oder wie sie es in ihrem Faktencheck formulierten (Zitat): “Wir freuen uns selbstverständlich auf alle Fantasy-Fans in Leipzig und sehen weiterhin den Bereich als einen wichtigen Teil der Leipziger Buchmesse.“

 

Ein weiterer Facebook-Post von WerkZeugs mit einer kleinen Richtigstellung mancher Fakten kam postwendend (Genauer Wortlaut siehe rechts).

 

Woraufhin es sich Herr Zille nicht nehmen ließ, ein paar nette Worte zu verlieren. Medienwirksam – oder auch nicht – über das Börsenblatt.

 

Was ist die Wahrheit? Bekanntermaßen liegt sie bei gegensätzlichen Aussagen und unterschiedlichen Standpunkten immer irgendwo dazwischen.

Fakt ist auf aber alle Fälle: Ohne WerkZeugs wird die Halle 2 nicht mehr das sein, was sie in den letzten Jahre war: Eine Kapitale der phantastischen Literatur. Dabei dreht es sich nun nicht einmal nur um die Frage, ob oder welche Kleinst- und Kleinverlage überhaupt noch an der Messe teilnehmen werden. Manche spielen durchaus mit dem Gedanken, nicht zu erscheinen. Oder haben bereits abgesagt. Die mindestens ebenso wichtige Frage ist: Wie geht es mit der Leseinsel weiter? Immerhin hat WerkZeugs diese in den letzten Jahren zu aller Zufriedenheit bestens organisiert. Die Lesungen, die Autorenbetreuung, die Signierstunden, das ganze Drumherum. Natürlich war WerkZeugs dabei auf die Verlage, die Autorinnen und Autoren, die Fans und Leser angewiesen. Aber etwas, was gut organisiert ist, wird auch gerne angenommen.

Kann das nun noch funktionieren, wenn WerkZeugs nicht mehr da ist? Die Verantwortlichen sagen ja, die Fantasy Leseinsel bleibt natürlich, so wie sie ist, erhalten. Die, die es betrifft - Verlegerinnen und Verleger, Autorinnen und Autoren, Fans und Leser - hegen da ihre ernsten Zweifel.

 

Was also ist nun die Wahrheit? Die einfachste Lösung wäre: Sie liegt irgendwo in der Mitte. Doch ist es so einfach? Ich denke mal eher nicht. Sicher, es wird weitergehen, irgendwie. Niemand sollte denken, dass er unersetzlich ist, auch WerkZeugs nicht. Aber die eine oder andere Aussage, die eine oder andere Insider-Information, die eine oder andere Schlussfolgerung lassen die Vermutung aufkommen, dass die Wahrheit eher in Richtung WerkZeugs tendiert als in Richtung LBM.

In den letzten Jahren haben sich einige Dinge verändert, die der Phantastik im Allgemeinen und den Kleinverlagen im speziellen das Leben auf der LBM schwerer machten. So wurde in diesem Jahr zum Beispiel der Wechsel des Unternehmens beklagt, das für die Verlage die Buchverkäufe abwickelt. Eine etwas teurere, aber eingespielte Mannschaft mit Erfahrung wurde eingetauscht gegen eine erheblich kostengünstigere (und wohl der LBM wohlgefälligere) Mannschaft mit mehr oder weniger Null Erfahrung. Was dazu führte, dass Abrechnungen für die Verlage entweder falsch waren, ewig lange auf sich warten ließen oder erst einmal gar nicht erstellt wurden. Das ist aber nur ein Beispiel. Es gibt noch andere, mindestens ebenso einschneidende Veränderungen. Davon wissen Verlage, Autorinnen und Autoren, Leser und Fans genug zu berichten.

 

Nun ist also WerkZeugs dran. Wie schon gesagt, sie sind nicht unersetzlich. Aber Erfahrung hat immer nicht zu verachtende und unterschätzende Vorteile. Im Sport heißt es: “Never change a winning team!” Natürlich kann es manchmal vorkommen, dass man das Winning Team doch changen muss. Aber ohne Not wird man das nicht tun. Um das zu verhindern, macht man dann manchmal eben auch Zugeständnisse, die man sonst nicht machen würde. Aber Not kann eben manchmal auch heißen: Ich muss meinen Gewinn optimieren und daher sortiere ich das teure oder weniger profitable Zeug mal aus.

Deswegen ist die Aussage der LBM-Verantwortlichen “Alle Partner sollen gleich behandelt werden” zwar sachlich verständlich, aber bei der Phantastik geht es eben nicht nur um sachliche Dinge. Wie es überhaupt in solchen Fällen nicht nur um sachliche Dinge geht. Ja, möglicherweise hat sich WerkZeugs in den Verhandlungen nicht bewegt wie es Herr Zille darstellt, aber wie weit haben er und seine Mitarbeiter sich bewegt? Vielleicht war insgesamt zu wenig Bewegung in der Sache. Wie heißt es so schön: “Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!” Wenn also kein Weg gefunden wurde, gab es dann auch keinen Willen?

 

Bekannte Phantastik-Größen wie Kai Meyer, Bernd Perplies, Tommy Krappweis und andere haben ihren Unmut über die Entwicklung ebenso schon kundgetan wie weniger bekannte Größen. Ob es was hilft, sei einmal dahin gestellt. Der Unmut und die Befürchtungen, die in vielen Posts, Blogs oder sonst wo zum Ausdruck kommen, müssen die LBM-Verantwortlichen nicht berühren und werden sie nicht berühren. Aber sie zeigen, dass die Phantastik-Welt eben nicht nur mit sachlichen Maßstäben beurteilt werden kann. Wer das denkt, der versteht die Phantastik nicht. Wir Phantastiker sind ein eigenes Völkchen mit manchmal seltsamen Anwandlungen. Wir vergessen auch nicht so ohne weiteres. Und wir finden und schaffen gerne auch mal Alternativen.

 

Es gab, wie schon geschrieben, in den letzten Jahre einige Veränderungen. Manche davon lassen wirklich den Verdacht aufkommen, publikumsnahe Phantastik als solche und Kleinverlage im Besonderen - nehmen sie doch Platz weg, den man an zahlungskräftigere- und willigere, das heißt profitablere Klientel vergeben könnte - sollen auf der LBM nur noch in höchst eingeschränktem Umfang stattfinden. Oder nur so, wie es den Machern der LBM in den Kram passt. Es gibt sogar Zungen, die behaupten, die LBM-Leute wollen die Nichtpublikumsverlags-Phantastik der Kleinverlage vollständig hinausekeln. Die LBM - so heißt es - will mondäner werden und dem großen Bruder in Frankfurt nacheifern. Dabei war es doch gerade diese familiäre Atmosphäre, die die LBM so wohltuend von diesem kalten Business und rein profitorientierten Gehabe in Frankfurt unterschieden und beliebt gemacht hat. Nicht nur aber gerade im phantastischen Bereich. In Halle 2 rund um den WerkZeugs-Stand bei den Kleinst- und Kleinverlagen mit den Autorinnen und Autoren, den Verlegerinnen und Verlegern, den Fans und Lesern ins Gespräch zu kommen, war so einfach wie es sonst nur auf Cons ist. Etwa dem zur selben Zeit wie die FBM stattfindenden BuCon in Dreieich.

 

Hmm, wäre es vielleicht an der Zeit für einen BuCon 2 - einen LeiBuCon - parallel zur LBM? Ich denke, wenn sich engagierte Macher vor Ort finden würden, dann würden die Kleinverlage und ihre Autoren, aber auch bekannte Gesichter der Phantastik eher dort anzutreffen sein als auf der LBM. Ich bin überzeugt, wenn sich engagierte Macher vor Ort finden würden, die an einem Samstag einen LeiBuCon auf die Beine stellen wollten, dann würden ihnen die Macher anderer erfolgreicher Cons wie etwa dem BuCon, dem Dort.con, dem Elstercon und wie sie alle heißen mögen, sicher mit Rat, manche möglicherweise auch mit Tat zur Seite stehen.

Ein LeiBuCon nicht als Konkurrenz für die LBM, sondern als Alternative. Für die Phantastik! Die LBM war gestern, der LBC ist (vielleicht) morgen!

 

Dann könnten die LBM-Verantwortlichen die nun endlich leere Halle 2 tatsächlich für etwas ganz anderes benutzen. Etwa für ein Mahnmal zur Erinnerung an die untergegangene Insel Neu-Atlantis, auch bekannt als Fantasy Leseinsel.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

Kolumne

weitere Infos:

Biographie, Bibliographie, Rezensionen und mehr zu Holger M. Pohl

Die WerkZeugs-Verkündung

Der LBM-"Faktencheck"

Der WerkZeugs-Check des LBM-Faktenchecks


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 17.09.2016, zuletzt aktualisiert: 30.05.2019 17:22