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Kolumne: Das gedruckte Buch ist tot!

Autor: Holger M. Pohl

 

Kleine Vorbemerkung.
Für das Jahr 2013 wird es in meinen Kolumnen zwei Änderungen ergeben.
Zum einen war es bislang nicht üblich Ross und Reiter zu nennen. Einfach weil ich nicht wollte. Andere wollen das und manche davon schon lange. Ross und Reiter werden nun genannt, sofern das erforderlich oder nützlich sein sollte.
Zum anderen ist die Welt natürlich größer als die Phantastik. Manches geschieht, ohne dass es mit der Phantastik ursächlich zu tun hat. Doch es hat Auswirkungen auf diese oder gilt auch für diese. Bislang habe ich daran nicht gerührt, aber man erweitert ja seinen Horizont.
Alles andere … bleibt beim Alten.
Und natürlich werde ich meine alten Kolumnen nicht umschreiben. Da mache ich aus alt nicht neu. Das machen andere schon zur Genüge …

 

Wenn ich Sätze lese wie „In 10 Jahren ist das gedruckte Buch vom Markt verschwunden” oder „Schon heute werden mehr E-Books verkauft als gedruckte Bücher” oder „Das gedruckte Buch ist ein Auslaufmodell” dann fallen mir Antworten ein wie „Totgesagte leben länger” oder „Jeder Vergleich hinkt … und manche Vergleiche sind einbeinig”.

 

Es gibt so viele Dinge, die man gerne tot sagt. Oder tot redet. Doch sie erfreuen sich nach wie vor eines sehr umtriebigen Lebens und führen alles andere als ein Nischendasein, wie gerne mal kolportiert wird. Das Buch gehört dazu.

Denn wem oder was wurde nicht allem schon das Ableben durch das Internet angedroht - und doch leben viele der Totgesagten noch fröhlich vor sich hin. Sie sind mittendrin statt nur dabei.

Es werden Vergleiche herangezogen, um den Tod des gedruckten Buches vorauszusagen, die entweder hinken - und das ziemlich stark - oder die einfach falsch sind.

 

Ein sehr beliebter Vergleich ist zum Beispiel der Niedergang der Schallplatte durch das Aufkommen der CD. Oder das Sterben der Videokassette infolge der Geburt der DVD.

Das ist der falscheste Vergleich, den man ziehen kann. Denn wenn man es ganz genau betrachtet, ist eine CD nichts anderes als eine Schallplatte. Beide bestehen im Wesentlichen aus Kunststoff; auf beiden werden Töne gespeichert, die der Hörer über ein geeignetes Gerät wiedergeben kann; beide sind rund mit einem Loch in der Mitte. Und so weiter. Man könnte zig Gemeinsamkeiten aufzählen, wenn man wollte. Sogar - sieht man von der technischen Umsetzung ab - die Art und Weise wie die Töne gespeichert werden, ist in weitestem Sinne dieselbe: hier als Informationen, die die Nadel auslesen kann - dort als Informationen, die der Laserabtaster auslesen kann.

Ähnliches gilt für Videokassette und DVD. Die Gemeinsamkeiten sind weit zahlreicher als die Unterschiede.

 

Der Oberschlaue könnte nun sagen: Aber das ist doch beim gedruckten Buch und beim E-Book dasselbe.

Nein, ist es nicht! Denn ob ich mir eine Schallplatte oder eine CD, eine Videokassette oder eine DVD ins Regal stelle, macht nur insofern einen Unterschied, als dass ich bei der neumodischen Variante der Darreichungsform weniger Platz brauche. Ansonsten kann ich mit beidem, so mir danach ist, Regalwände füllen wie es mir gefällt.

Ein E-Book kann ich mir nicht ins Regal stellen. Ein E-Book-Reader mit hundert Büchern drauf macht sich sehr einsam in einem Regal. Ein gedrucktes Buch macht da schon etwas mehr her und hundert sowieso. Die Darreichungsform ist eine völlig andere. Ein gedrucktes Buch halte ich wirklich in Händen. Ein E-Book halte ich nicht in Händen. Ein E-Book ist nichts anderes als eine elektronische Datei und ich halte nur das Gerät in der Hand, mit dem ich diese Datei lesen kann.

Es gibt mehr Unterschiede zwischen E-Book und gedrucktem Buch alleine was die Darreichungsform betrifft als Gemeinsamkeiten. Von anderen Unterschieden, die es gibt, einmal abgesehen, während Schallplatte und CD, Videokassette und DVD viel mehr Gemeinsamkeiten haben.

Haken wir also diesen Vergleich ab, denn er stimmt nicht. Das Verhältnis Schallplatte zu CD oder Videokassette zu DVD ist eben nicht vergleichbar mit Printbuch zu E-Book. Jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang und auf diese Art und Weise.

 

Warum ich das so ausführlich schreibe? Weil es viele gibt, die glauben, es sei doch vergleichbar. Das einfachste wäre, sie in dem Glauben zu lassen. Aber warum es sich immer einfach machen?

 

Es gibt noch etliche andere Vergleiche, die herangezogen werden. Die wenigsten davon sind einigermaßen lauffest, sondern hinken in der Regel ziemlich heftig.

So auch die Vergleiche wie „Das Fernsehen ist der Tod des Kinos!“ oder „Das Internet ist der Tod von Zeitungen und Magazinen!“ .

Weder das eine noch das andere ist eingetreten. Wenn manche auch das gerne glauben wollen. Ich gehe heute noch regelmäßig ins Kino und ich kaufe mir heute noch recht oft Zeitungen und Magazine. Hey, ich bekomme sogar meine kostenlose Wochenzeitung frei Haus geliefert – gedruckt auf Papier, nicht als elektronischen Newsletter. Und von der lokalen Tageszeitung werden etwas mehr als 80.000 Exemplare verkauft, die eine geschätzte Viertelmillion Leser erreichen. Bei einer möglichen Leserschaft von rund 560.000, die im Einzugsgebiet wohnen. Sehr tot die Stimme, in der Tat!

Manche Kinos, manche Zeitungen, manche Magazine sind verschwunden. Mangels Besucher, mangels Käufer. Ja, dem ist so. Aber das war auch schon früher so. Das wird auch in Zukunft so sein. Daraus den Tod von etwas vorherzusagen ist etwas … weit hergeholt. Die Menschheit stirbt auch nicht deswegen aus, weil jeder Mensch eines Tages sterben wird. Es werden nämlich auch Menschen geboren. So wie Kinos, Zeitungen, Magazine. Manche halten sich, andere nicht. Nennen wir es den Lauf der Dinge.

 

Kommen wir aber zurück zum E-Book und zum gedruckten Buch. Wer sich nämlich einmal die Mühe macht, durch eine reale Buchhandlung zu gehen, wird feststellen, dass dort in erster Linie noch gedruckte Bücher ausliegen. So richtig aus Papier und so. Bücher, die man in die Hand nehmen und darin lesen kann, Bücher, die man einpacken und verschenken kann; Bücher, die man lesen kann; Bücher, die man sich ins Regal stellen kann; Bücher, die Bilder haben, von denen eine E-Book nur träumen kann; Bücher, die einfach schön aussehen; Bücher … Bücher … Bücher …

Und wer über irgendeine der Buchmessen schlendert, der wird ebenfalls feststellen, dass man dort vor allem Bücher findet. Nicht nur, aber doch vor allem und sehr viele.

Und dank Internet – nicht alles, was von dort kommt, ist von Übel – hat man heute erheblich mehr Möglichkeiten an richtige, echte, gedruckte Bücher zu kommen als früher. Kleinverlage wie der Wurdack Verlag, der Atlantis Verlag, der Verlag Torsten Low und viele, viele andere verlegen nämlich – neben E-Books – doch tatsächlich noch richtige, echte, gedruckte Bücher. Man mag es kaum glauben! Unfassbar!

 

Die CD hat die Schallplatte ersetzt – unterscheidet sich aber nur in Details von dieser. Die DVD hat die Videokassette ersetzt – unterscheidet sich aber nur in Details von dieser. Das E-Book wird das gedruckte Buch nicht ersetzen – weil es zu viel gibt, was sie unterscheidet. Das E-Book ist eine Ergänzung zum gedruckten Buch. Kein Ersatz!

 

Das gedruckte Buch ist tot? Da ist oft der Wunsch der Vater des Gedankens! Entweder weil man mit gedruckten Büchern nichts anfangen kann. Oder weil man solche nicht schreibt. Nein, E-Books werden das gedruckte Buch weder verdrängen noch beerdigen. Weil sie nicht miteinander zu vergleichen sind. Hätten manche nur gerne. Aber die vergleichen auch gerne Äpfel mit Birnen. Beides ist Obst. Die einen mögen das eine, die anderen das andere, manche mögen beides. Es ist genug für alle da! Greift zu!

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Erstellt: 13.01.2013, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59