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Kolumne: Das Kreglinger-Prinzip

Autor: Holger M. Pohl

 

Eine jede oder ein jeder von uns hat sein ganz persönliches Kreglinger-Prinzip. Glaubt Ihr nicht? Wetten dass doch? Ihr nennt es wahrscheinlich nur anders.

 

Wer in meinem Alter ist, im Süden der Republik geboren wurde und in seiner Jugend SWR 3 (oder SDR 3, ehe der Süddeutsche Rundfunk und der Südwestfunk fusionierten), dem sagt möglicherweise der Name Peter Kreglinger etwas. Wem nicht, hier eine kurze Erklärung: Peter Kreglinger war Redakteur bei eben dieser Sendeanstalt. Immer Samstags hatte er morgens seine 5 Minuten und gab zu den Kinostarts der Woche seine Meinung ab. Keine echten, ausführlichen Kritiken, eher so kurze Statements und Filmempfehlungen. Durchaus kompetent und mit markigen Worten gab er seine Meinung ab.

So weit, so gut.

 

Grundsätzlich ist es ja nichts schlechtes, wenn jemand eine Meinung hat und andere daran teilhaben lässt. Von daher war ich auch immer dankbar, wenn Herr Kreglinger einen neu gestarteten phantastischen Film bewertetet. Schon damals war ich nämlich hauptsächlich Kinogänger, wenn etwas phantastisches lief. Nur war es eben so, dass Herr Kreglinger und ich völlig diametral entgegengesetzter Meinung waren. Schnell stellte ich näcmlich fest: Wenn er einen Film empfiehlt und sehr positiv bewertete, dann tat ich besser daran, diesen Film nicht anzuschauen und das Geld nicht zum Fenster hinauszuwerfen. Die Gefahr, mich im Kino tödlich zu langweilen, war extrem groß!

 

Stattdessen legte ich es besser in einem Film an, den er verriss oder allenfalls mit ein paar nichts sagenden Worten heruntermachte. Herr Kreglinger hatte nämlich so seine eigenen Ansichten, wenn es um die Bewertung von Filmen ging. Sie hatten irgendetwas mit Qualität zu tun. Wobei Qualität natürlich im Auge des Betrachters liegt. Für ihn stand Anspruch über dem Unterhaltungswert; er räumte der Ausführung oder dem Tiefgang eines Filmes oft genug mehr Platz ein als der Geschichte; kommerzieller Erfolg eines Filmes war ihm oft genug sehr suspekt.

Daher entwickelte sich bei mir das Kreglinger-Prinzip: Hör Dir an, was er sagt, und mache dann das Gegenteil. In neun von zehn Fällen habe ich dann einen Film bekommen, der mich unterhielt, mir gefiel und mir eine kurzweilige Zeit im Kino bereitete.

 

Natürlich macht Peter Kreglinger diese Sendung heute nicht mehr. Aber das Prinzip verfolge ich immer noch. Ob bei Filmen oder Büchern oder anderen Dingen, ich habe da so meine Pappenheimer, denen ich (beinahe) blind vertraue: Was sie schlecht finden, muss ich entweder sehen, lesen oder haben!

 

Also, kennt Ihr das auch? Wie schon gesagt, Ihr nennt es wahrscheinlich anders. Aber das Prinzip als solches dürfte Euch nicht völlig unvertraut sein.

 

Wenn also S zum Beispiel Starwars – Die Macht erwacht mies findet, ihn niedermacht, ihn in der Luft zerreißt, dann weiß ich genau: Den Film muss ich sehen! Lobt S hingegen Mad Max: Fury Road, dann heißt es für mich: Finger weg! Geldverbrennungsgefahr! Langweilerisiko!

(Anmerkung: Dummerweise habe ich diese Empfehlung zu spät mitbekommen. Gut, völlig gelangweilt habe ich mich nicht in dem Film, aber die DVD zu kaufen wäre deutlich billiger gewesen. Ich habe schon ein wenig Geld verbrannt ...)

 

Oder wenn M zum Beispiel einen Roman von David Webber ganz fürchterlich langweilig, trivial und bedeutungslos findet, dann ist das ein Buch, das mich gut unterhalten wird. Ein Roman von Iain M. Banks hingegen, von M hochgelobt, wird mir lediglich das eine und das andere bescheren: Eine unnötige Geldausgabe und einen höchstwahrscheinlich ungelesenen Staubfänger. Neben reichlich vergeudeter Zeit.

 

Man sieht also, die Meinungen von S oder M bedeuten mir schon etwas, sie sind sogar Kaufargumente oder Nichtkaufargumente. Insofern bin ich diesen Pappenheimern also durchaus dankbar, wenn sie hier oder dort ihre Meinung kundtun.

 

Denn phantastische Filme oder Bücher sind zunächst einmal Kunstwerke. Die können einem wie jedes andere Kunstwerk auch gefallen oder nicht. Und da hat jeder seine eigenen und daher subjektiven Kriterien. Letztendlich kann also nur jeder für sich selbst entscheiden, ob einem der Film oder das Buch gefällt. Das Kreglinger-Prinzip wäre daher an und für sich überflüssig, oder?

 

Nicht ganz! Denn wie schon gesagt, findet sich im Laufe der Zeit der eine oder andere Pappenheimer, dessen Urteil man vertrauen kann. Entweder weil man weiß, dass er auf der gleichen oder doch sehr ähnlichen Wellenlänge liegt oder eben genau auf der entgegen gesetzten. Diese Damen und Herren treffen also eine gewisse Vorauswahl, derer man sich bedienen kann. Ich vertraue also meinen Kreglingers. Meine Zeit und mein Geld ist mir dazu zu schade, etwas von dem zu konsumieren, was sie einem ans Herz legen. Ja, möglicherweise entgeht mir dann doch etwas. Doch mit dem Risiko kann ich leben. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Risiko sehr überschaubar ist. Ebenso wie ich die Erfahrung gemacht habe, dass das Kreglinger-Prinzip sehr gut funktioniert, wenn man die richtigen Pappenheimer gefunden hat. Also weiter so: Empfehlt mir Kunstwerke, die ich garantiert links liegen lasse. Oder kritisiert Kunstwerke in Grund und Boden, die ich dann unbedingt in meine “Hab gesehen - hab gelesen - hab gehört”-Sammlung aufnehmen muss.

 

Möglicherweise bin ja sogar auch ich ein Kreglinger für einen anderen. Wer weiß das schon?

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Erstellt: 19.04.2016, zuletzt aktualisiert: 29.03.2020 09:59