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Leseprobe: Land der Watahni

Land der Watahni

Land der Watahni

Autor: Michael Schmill

Homepage: www.watahni.de

Der Roman kann hier bezogen werden: Amazon

 

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

 

 

Leseprobe:

Irgendwas hatte sich verändert. Vielleicht war es die plötzlich eingetretene Stille, das Verharren des Windes, als hätte er sich auf die Lauer gelegt, vielleicht hatten sie auch unbewusst eine Veränderung der Atmosphäre gespürt. Peter spürte eine innere Erregung, ein Kribbeln, sein Instinkt sagte ihm etwas.

 

Jeden Moment musste sich etwas ereignen und für eine Reaktion konnte es möglicherweise schon zu spät sein.

 

Aber zu spät für was?

 

Sie sahen sich an, merkten, dass auch der andere diese Veränderung erlebte. Jeder stellte sich die Frage, was zu tun war. Wie eine unsichtbare Kralle legte sich eine Spannung über die Lichtung, die körperlich zu spüren war, unangenehm, so wie ihr Zögern.

 

Die Korros wurden unruhig. Sie schnaubten und stampften mit den Hufen.

 

Instinktiv wurde Peter bewusst, dass sie hier wie auf dem Präsentierteller standen. Er wollte Ardon ein Zeichen geben, der in diesem Augenblick wie gehetzt mal in die eine, mal in die andere Richtung blickte. Nahezu orientierungslos, so musste er sich vorkommen. Peter vermochte sich nicht zu lösen, war keiner Reaktion fähig. Die Gedanken rasten. Wie ein plötzlicher Schlag drang nur ein Gedanke in Peters Gehirn: Wie konnten sie nur so töricht gewesen sein und glauben, Kroll aus dem Weg gehen zu können?

 

Das war der letzte Gedanke, den Peter hatte, als die Welt auseinanderbrach.

 

Es war fast eine Erlösung, als die Spannung riss, denn in diesem Moment brach er aus dem Gebüsch hervor. Aufgrund des dichten Buschwerkes war es einfach für Kroll gewesen, sich an die Lichtung heranzuschleichen. Er musste sie schon eine ganze Weile beobachtet haben, der Überraschungsmoment war eindeutig auf seiner Seite.

 

Jetzt war alles zu spät.

 

Peter hörte die Schreie der Furcht und des Entsetzens ringsherum, aber er war nicht fähig, sich zu bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er fasziniert auf die Gestalt, die in riesigen Sätzen und ausgebreiteten Armen auf die Lichtung stürzte und dann unmittelbar vor ihnen stehenblieb.

 

Vielleicht schrie Peter selbst, er wusste es nicht einmal.

 

Niemals zuvor hatte Peter eine solche schreckliche Kreatur gesehen. Nicht einmal in den schlimmsten Träumen reichte die Phantasie für das Aussehen eines derartigen grauenhaftes Ungeheuers. Auf einem mindestens vier Meter hohen Körper saß ein kantiger Kopf, haarlos, unheimlich, dämonisch. Die beiden Augen saßen tief und und bedrohlich in ihren dunklen Höhlen. Sie erinnerten Peter an die Augen eines Werwolfes, wie er es in vielen Gruselfilmen gesehen hatte. Roboterhaft bewegte sich der Kopf ruckartig hin und her, seine Opfer fixierend, als müsse er sich noch entscheiden, wer der erste sein würde, den er greifen konnte. Seine relativ kurzen Arme endeten in drei dolchlangen Krallen, die in der Sonne blitzten und sich immer wieder öffneten und schlossen. Weit gespreizt streckte er die Arme mit den Krallen zur Seite, als müsse er alle auf einmal packen. Die runzelige Haut war lederartig, zerfurcht, mit spärlichen Haaren bedeckt. Auch die Fußzehen endeten in Krallen, man konnte das Klacken hören, wenn die Krallen auf Steine prallten. Der Oberkörper war leicht nach vorne gebeugt, die Knie leicht geknickt, so stand er auf der Lichtung. Das Spiel seiner Muskeln waren deutlich durch die Lederhaut zu erkennen.

 

Dann riss er sein Maul auf. Die Zähne, gleichmäßig aufgereiht, wie bei einem Hai, nur länger, aber spitz und scharf, schauten aus einem runden Maul heraus. Das Brüllen, dass diesem Höllenschlund entwich, war wie eine Mischung aus dem Drohen eines Raubtieres und dem Schreien eines großen, wunden Tieres. Es war ohrenbetäubend. Das Brüllen wurde nur vom unregelmäßigen Zusammenklappen des Kiefers unterbrochen. Allein dieses Geräusch beinhaltete alle Gefahr und Schrecklichkeit dieser Welt. Aber jetzt war es auch wie ein Zeichen für Peter, zu handeln. Sein Körper handelte jedoch instinktiv, sein Kopf war leer und gelähmt. Seine Beine trugen ihn wie von selbst. Erst jetzt merkte er, dass er rannte.

 

Mit einem Satz hatte er den Bach überwunden. Ein Felsen mit einer kleinen Mulde daneben kam in sein Blickfeld, nach einer Ewigkeit der Flucht, so jedenfalls kam es ihm vor. Ohne großartig darüber nachzudenken, stürzte Peter sich in diese Mulde. Das furchterregende Schreien von Kroll war inzwischen bedrohlich nahe gekommen. Die Flucht seiner Opfer hatte ihn zum Handeln gezwungen, denn scheinbar wie auf Kommando hatte sich die allgemeine Starrheit gelöst. Das Stampfen und Dröhnen von Kroll‘s Schritten mischte sich nun in das Schreien.

 

Peter presste sich mit aller Macht auf den Erdboden, bis er nahezu mit ihm verschmolz.

 

Und plötzlich das Hämmern, wo kam das Hämmern her?

 

Ohne sich darüber bewusst zu sein, krallte er langsam seine Finger in die Erde, als erwarte er jeden Moment, den heißen Atem der Bestie im Nacken zu spüren. In diesem Augenblick, wo das Ungetüm auf sie zukam, war die Stelle, wo er auf der Erde lag, alles für ihn. Wie eine Zuflucht, wie die Geborgenheit einer Mutter, nichts auf der Welt stand ihm in diesem Augenblick näher. Er hatte nur diesen Fleck der Erde, der ihn schützen konnte. Alles andere war unwichtig geworden.

 

Und immer wieder dieses verdammte Hämmern, es schien alles übertönen zu wollen. Es war nicht auszuhalten, er hoffte, es würde endlich aufhören.

 

Seine Ohren dröhnten, seine Sinne verloren ihre Kraft. Wie aus weiter Ferne nur hörte er das schreckliche Brüllen und Knurren der Kreatur und dazwischen das Schreien der Unglücklichen, die es nicht mehr geschafft hatten, sich in Sicherheit zu bringen.

 

Wie durch einen Schleier drang plötzlich die Stimme von Ardon zu ihm durch.

 

»Schmeißt euch hin.« Seine Stimme überschlug sich fast. »Bewegt euch nicht, er kann nicht gut sehen.«

 

Die Sinnlosigkeit dieser Worte wurde niemandem bewusst, nur der Instinkt beeinflusste ihr Handeln und keine geordneten Gedanken.

 

Dann übertönte wieder das furchterregende Hämmern und das Stampfen des Monsters jedes weitere Wort. Das Krachen und Knacken drang durch das Hämmern zu ihm herüber, als würden kleinere Äste der Bäume und Sträucher unter der Wut der Bestie brechen. Er vernahm das Geräusch, das sich wiederholte, mehrmals, bis ihm klar wurde, dass es das Brechen von Knochen war, was er hörte.

 

Heiß drang ihm vor Entsetzen das Blut in den Kopf. Der Atem setzte beinahe aus, seine Innereien verkrampften sich in panikartiger Furcht zusammen. Er wollte schreien, brachte aber keinen Laut heraus. Er wollte laufen, weg, nur weg von diesem grausamen, einsamsten Punkt der Welt, aber er war keiner Bewegung mehr fähig.

 

Er ergab sich seinem Schicksal, wartete auf den Tod, es würde eine Befreiung sein.

 

Der Krampf und die Anspannung lösten sich. Das Warten begann...

 

Dann übertönte wieder das Hämmern jedes andere Geräusch.

 

Endlos vergingen die Sekunden. Waren es Sekunden? Oder waren es Minuten? Oder sogar Stunden? Er hatte jedes Zeitgefühl verloren.

 

Peter versuchte sich zu konzentrieren. Langsam öffnete er die Augen, hörte auf das Schreien und Brüllen des Monsters. Aber es war nur noch das Hämmern zu hören. Kein Brüllen von Kroll, kein Schreien seiner Kameraden. Die Sonne brannte heiß auf seinen Rücken. Ein unangenehmer Geschmack lag ihm auf der Zunge. Blut, es war eindeutig Blut, gemischt mit Erde. Er hatte sich in seiner Angst auf die Lippen gebissen und es nicht bemerkt.

 

Langsam hob er den Kopf, das Hämmern blieb, in seiner unmittelbaren Nähe. Stöhnend richtete er sich auf, seine Augen suchten nach einem Freund. Er brauchte die Gewissheit, nicht allein zu sein, nicht als einziger überlebt zu haben.

 

Aber das Hämmern schmerzte plötzlich, während es jedoch an Rhythmus und Macht verlor, bis ihm schließlich klar wurde, dass das Hämmern die ganze Zeit sein eigener Herzschlag gewesen war.

 

Hier und dort regte sich etwas, der Schleier lichtete sich. Peter erkannte Baski und Temo, die mit einem Male wie verloren auf der Lichtung standen, als hätten sie dort immer gestanden, als hätten sie nichts verstanden, als würden sie nach etwas Ausschau halten, das ihnen erklären würde, was mit ihnen geschehen war. Der Schock war ihnen deutlich anzusehen.

 

Peter taumelte auf die Lichtung zu, seine Augen und Ohren suchten nach Kroll, er war wie vom Erdboden verschluckt. Jetzt erkannte er auch Fenno und Mikas, die abseits standen und auf etwas blickten, das zu ihren Füßen zu liegen schien.

 

Eine bedrückende Stille breitete sich aus. Keiner sprach ein Wort, niemand wusste, was zu sagen war, wie es zu sagen war. Jeder hatte mit sich selbst zu tun. Angesichts dieses Erlebnisses die Fassung zu bewahren, war nicht einfach.

 

Er schleppte sich regelrecht zu seinem Freund. Mikas sah ihm unter Tränen entgegen, den Mund geöffnet. Aber kein Laut drang daraus hervor. Er schien um Jahre gealtert, die ganze Erschütterung dieser Welt, dieses einen Augenblickes, für immer im Gesicht eingebrannt.

 

Peter sah auf den Boden. Zwei Leichen lagen dort, oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Der Anblick der übel zugerichteten Watahni, zweier Freunde, zweier Kameraden, die noch vor kurzem mit ihm gelacht, gescherzt, gegessen und getrunken hatten, war zuviel.

 

Unmöglich, auf den ersten Blick festzustellen, wer dort lag.

 

Plötzlich hielt er es nicht mehr aus, sein Magen rebellierte. Der Anblick war zuviel gewesen. Mit wenigen schnellen Schritten bewegte er sich abseits und erbrach sich. Niemals würde Peter diesen Anblick vergessen. Unauslöschlich prägte sich das Entsetzen über das Geschehene in sein Gedächtnis.

 

Die Stille wurde zur Pein. So, wie das Brüllen des Monsters unerträglich geworden war, oder das Hämmern seines Herzschlages, so unerträglich wurde die Stille auf diesem Platz. Peter wollte es herausschreien, sagt doch etwas, schrie es in seinem Innern, redet mit mir, schreit mit mir.

 

Die Katastrophe war da. Sie hatten es geahnt, nein, sie hatten es gewusst. In dem Moment, als die plötzliche Stille allen bewusst wurde, die Sekunden zwischen Hoffen und Bangen. Die Welt hatte sich für alle Beteiligten innerhalb weniger Sekunden verändert. Die Unfähigkeit, zu reagieren, die Gewissheit, hilflos zu sein. Sie machte dieses unabwendbare Erlebnis zusätzlich zur Qual.

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Erstellt: 28.04.2005, zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 19:52