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Leutnant Blueberry: Die Sierra bebt

Die Blueberry Chroniken Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

In den letzten Jahren wurde wohl keiner Comic-Werkausgabe mit so viel Erwartung und Spannung und Vorfreude entgegen gefiebert, wie der von Ehapa herausgebrachten Werkausgabe mit den Abenteuern von Mike S. Blueberry – kurzum, den Blueberry-Chroniken, die sich als die ultimative, chronologisch geordnete Edition des Western-Klassikers aus der Feder von Jean-Michel Charlier und mit den unvergleichlichen Zeichnungen des Jean »Moebius« Giraud verstehen.

 

Der zweite Band just jener Blueberry Chroniken enthält dabei die ersten drei Bände des fünfteiligen Zyklus Fort Navajo, der in Fankreisen einen exzellenten Ruf genießt und wohl mit zum Besten gehört, was das Genre jemals hervorgebracht hat. Im ersten Kapitel der Geschichte, Fort Navajo, postiert Szenerist Charlier zunächst nach und nach in actionreichen, aber eben auch sehr klassischen Szenen und Panels mit massig Western-Ambiente seine Figuren, die er im Fortgang der Story noch brauchen sollte: Den ausgekochten Blueberry, den jungen, ehrenhaften Leutnant Craig und den Apachen-Häuptling Cochise, aber natürlich auch die vor allem für diese Geschichte wichtige Supporting Cast wie etwa das sympathische, aber eben auch gefährliche, da wankende Halbblut Crowe im Dienste der Armee oder den ungesund ehrgeizigen Major Bascom, der plötzlich auch noch die Leitung des Forts übertragen bekommt. Doch auch die Action kommt gerade in den Szenen vor Blueberrys Erreichen in Navajo nicht zu kurz, und so gibt es die ersten Konflikte mit den Indianern und einige schöne Szenen mit Blueberry und Craig sowie einem Haufen Apachen und Bascoms Kavallerie-Einheit, ehe die Handlung sich zum Ende des ersten Kapitels hin in die Gegend des Forts und die Gebiete von Verrat und blindem Hass verlagert – und bald fest steht, dass es nicht gut aussieht für die Menschen in Fort Navajo ...

 

In Aufruhr im Westen versucht unser raubeiniger Held Blueberry alles Menschenmögliche, um den Krieg zwischen Weißen und Apachen zu verhindern und das Übel, den Schaden zu begrenzen. Allerdings kommen ihm dabei sowohl der gedemütigte Crowe, als auch einmal mehr der ehrgeizige Bascom in die Quere – was jedoch nichts daran ändert, dass Blueberry sich auf eine tollkühne Einzelmission einlässt (wieder einmal als Freiwilliger, natürlich!) und sich nicht nur mit den Apachen, sondern einem noch viel gefährlicheren Feind einlassen muss: Der Wüste. Und auch nach seinem Kampf mit dieser Naturgewalt des Wilden Westens warten auf den kühnen Blueberry noch weitere Gefahren; Gefahren, die schließlich darin münden, dass er sich plötzlich mit einem unerwarteten Verbündeten an die Beseitigung des Ursprungs allen Übels heftet ...

 

In der Folge hat Blueberry dann auch die Mittel, den Krieg zwischen Apachen und Weißen zu beenden – doch dazu muss er sich erst einmal dort auf beiden Seiten Gehör verschaffen, wo es zählt und wo dieser Krieg beendet werden kann. Der einsame Adler ist dabei nicht nur der Mittelteil des Zyklus Fort Navajo, sondern schildert gleichzeitig auch Blueberrys Kommando über und seinen Kampf um einen Planwagen-Konvoi mit wichtigen Waffen- und Munitionsvorräten. Während Blueberry sich immer neue Schliche ausdenkt, um die Apachen auszutricksen, die ihm und seinem Konvoi auf den Fersen sind, sabotiert einer seiner Männer immer wieder Blueberrys Bemühungen – und so kommt es zu einem alles entscheidenden Kampf in einem engen Canyon, wo Blueberry und seine wenigen Männer alles geben müssen, um ihre kostbare Fracht zu verteidigen und sicher zu ihrem Bestimmungsort zu gelangen ...

 

In den ersten drei Teilen des Zyklus fährt Jean-Michel Charlier nur die Geschütze auf, die man auch sonst schon aus dem Western-Genre kennt: Von der Klapperschlange bis zu den mexikanischen Waffenschiebern bietet er all die Stereotypen, welche das romantisch-literarische Bild des Wilden Westen nicht nur zum ersten Erscheinungspunkt der Story 1963 im französischen Comicmagazin Pilote, sondern auch weit darüber hinaus beherrscht und geprägt haben. Letztlich geht es bei einem Western – egal ob Comic, Film oder Buch – aber auch nur in den seltensten Fällen um Innovation oder Neuerungen. Vor allem geht es viel mehr darum, mit bekannten Mitteln eine faszinierende, atmosphärisch-dichte Geschichte zu schaffen, die ihren Leser in den Bann zieht, ihn den Geruch von Pferden und Schießpulver in die Nase, das Geschrei der Indianer und der Kavallerie in die Ohren und das Verlangen nach der Freiheit des einstigen Wilden Westens ins Herzen pflanzt.

 

Dies wiederum gelingt Charlier wie kaum einem zweiten, und außerdem füllt er selbst den »stereotypsten« Charakter noch mit einem wohligen Hauch von Leben oder Wild-West-Feeling und weist ihm gekonnt seinen (für die Story manchmal sogar essentiellen) Platz in der Geschichte zu. Hinzu kommt, dass Charlier mit Blueberry natürlich auch einen Helden geschaffen hat und ins Rennen schickt, der einige Ecken und Kanten hat – und deshalb auch in der Interaktion mit anderen Figuren so interessant zu beobachten ist. Abrundend fungieren da dann natürlich noch die schönen oder teils auch lustigen Momente, in denen Blueberrys Cleverness aufblitzt und er Freund wie Feind an der Nase herum führt, um seine Ziele – freilich häufiger mal egoistisch, mal aber auch durch und durch korrekt – zu erreichen und sich durch fast nichts – dies ist dann doch ein eindeutiger Tribut an die frühen 70er des Mediums – aufhalten oder vom Weg abbringen lässt.

 

Im Vergleich zum ersten Band der Blueberry Chroniken hat sich in Sachen Artwork nicht viel getan – zum Glück! Moebius’ Strich ist nach wie vor eine Augenweide und hat auch in den gut vierzig Jahren seit Erscheinen der Geschichte keinen Rost angesetzt. Ganz im Gegenteil: Egal ob es nun Personen, Tiere oder typische Gebäude oder Dinge des Wilden Westens sind, die er zeichnet, oder eben die herrlichen Panoramen von Wüste und Prärie – die Zeichnungen wissen Panel für Panel einfach zu begeistern und tragen die Handschrift eines wahren Meisters seines Faches. In Sachen Farbgebung hat sich im Vergleich zum ersten Band der Werkausgabe allerdings einiges getan: Die manchmal etwas zu satte und kräftige Kolorierung des ersten Bandes ist weitgehend verschwunden und einem deutlich natürlicheren, sanfteren Farbauftrag gewichen, sodass die Seiten nun etwas gemäßigter des Weges daher kommen und die Atmosphäre am Ende noch stimmiger ist.

 

In Sachen Ausstattung indes hat sich glücklicherweise nichts verändert: Nach wie vor erfreuen ein stabiles, großformatiges Hardcover, gutes Papier und eine ausgezeichnete Bindung und Verarbeitung das Herz des Comicleser und -Sammlers. Als »Blueberry-Greenhorn« kann und will ich mich ehrlich gesagt nicht zu ausgelassenen, da fürs Albenformat unmontierten oder gestrichenen Panels und dergleichen äußern, wovon man in manch einem Internetforum ab und an liest – ich sehe keinen Grund, Kritik zu üben, und bin rundum zufrieden und fühle mich Seite für Seite bestens unterhalten (der Hardcore-Fan, der jedes einzelne Panel aus früheren Taschenbuchveröffentlichungen oder dem Abdruck in Zack etc. wie seine Westentasche kennt, mag hie und da vielleicht grummeln und in einer nostalgischen Anwandlung etwas vermissen – alle anderen merken jedoch nicht einmal, dass etwa ein Bildchen »fehlt« und können ohne Hintergedanken genießen und vorbehaltlos in die Story und das Artwork eintauchen). Einzig der redaktionelle Teil, der den drei in »Die Sierra bebt« enthaltenen Einzelbänden mit Leutnant Blueberry voran gestellt ist, hat im Vergleich zum ersten Band der Reihe hie und da ein wenig geschwächelt und für meinen Teil ein paar Abschweifungen zu viel mitgenommen, doch wollen wir uns hier nun nicht über zu viel Information beschweren, zumal der Text zum Ende hin ja wieder die Kurve kriegt und einen schönen Background für den Konflikt zwischen Weißen und Apachen schafft, der für die nachfolgende Geschichte eine tolle Grundlage ist.

 

Fazit: Ein herausragendes, zeitloses Artwork, eine gute, klassische und ebenfalls zeitlose Western-Story mit einem markigen Protagonisten und eine hervorragende, zeitgemäße Aufmachung im Hardcover – das ergibt am Ende 160 Seiten beste Comic-Unterhaltung und viele Stunden Lesespaß mit dem zweiten Band der Blueberry Chroniken.

 

Und eine satte Empfehlung. Wer den ersten Band nur ansatzweise mochte oder eine auch noch so kleine Affinität für Western(-comics) hat, kann bei diesem Stück Comicgeschichte eigentlich nichts falsch machen.

 

Eure Meinung:


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Comic:

Leutnant Blueberry: Die Sierra bebt

Reihe: Die Blueberry Chroniken Bd. 2

Autor: Jean-Michel Charlier

Zeichner: Jean »Moebius« Giraud

Verlag: Ehapa Comic Collection

Format: Hardcover-Album

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3770429850

Anzahl Seiten: 160

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 18.11.2006, zuletzt aktualisiert: 31.01.2015 00:18