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Loosifer

Autor: Thomas Michel

 

Der Nachmittag war warm und die Frühlingssonne schien hell und klar auf den Park nieder, als wolle sie einen Vorgeschmack auf den Sommer geben, der nun gar nicht mehr so fern war.

 

Wir sassen nebeneinander auf einer Bank. Nicht etwa, dass wir uns kannten, ich hatte meinen Nachbarn in meinem ganzen Leben noch niemals gesehen. Gut, vielleicht sollte ich sagen, nie bewusst gesehen, weil sonst die ganze Besserwissergemeinde wieder aufspringt und zu schreien beginnt. Jedenfalls kannten wir uns nicht.

 

Er war gross, deutlich grösser als ich. Doch bevor er sich schwer neben mir niederliess, wirkte er nicht so gross. Seine gebeugte Haltung und der gesenkte Kopf liessen ihn nicht wirken, wie die zwei Meter, die er mit Sicherheit mass. Weder sein langer, schwarzer Mantel, der dem Sonnenschein Hohn zu sprechen schien, noch der tief ins Gesicht gezogene, breitkrempige Hut waren, trotzdem sie seit mindestens seit der Jahrhundertwende aus der Mode geraten waren, auffällig. Auf irgendeiner Strasse der Welt hätte ich ihn überhaupt nicht wahr genommen.

Jetzt, wo er neben mir sass, überwältigte mich seine enorme Präsenz geradezu. Nichts äusserliches oder sichtbares sondern etwas Tieferes schien von ihm auszugehen. Eine Autorität, die nur darauf aus schien, im nächsten Augenblick Bahn zu brechen. Und all dies strömte in der Sekunde auf mich ein, in der er sich auf den Platz neben mir sinken liess.

 

Zusammen und doch jeder für sich selbst betrachteten wir das lebhafte Treiben hier im Park. Kinder, die mit Hunden und ihresgleichen um die Wette liefen und vor Freude oder Kummer schrien und krakeelten . Pärchen und Paare, von selbstgenügsam bis streitend, die ohne sich umeinander zu scheren ihres Weges zogen. Alte, die taubenfütternd, lesend oder dösend die Parkbänke in der Umgebung bevölkerten und den gestressten Berufstätigen so die Sitzgelegenheiten für ihre Mittagspausen pünktlich streitig machten. All die Radfahrer, Jogger und anderen Sportler, die ihre Runden drehten, ihre Bälle und Frisbees traten oder warfen. Kurz, das Leben im Park, das immer gleich, doch niemals langweilig schien.

 

Aus den Augenwinkeln heraus hielt ich meinen Nachbarn im Auge. Nicht, dass er mir Furcht eingeflösst hätte, nein, seine Ausstrahlung war eher interessant, fesselnd. Noch überlegend, unter welchem Vorwand ich meiner inneren Unruhe nachgeben sollte, um ihn anzusprechen, wandte er sich mir zu und augenblicklich verlor ich mich in seinen nachtschwarzen Augen, die einen fast monochromen Kontrast in seinem blassen Gesicht erzeugten.

 

"Du bist dir unsicher, Menschenkind?" fragte er mit einer dunklen Stimme, die mich mehr noch als seine Augen in seinen Bann zog. "Du fragst Dich, wer ich sein mag? Oder ist Deine Frage tatsächlich, was ich sein mag?"

Leicht errötend versuchte ich meinen unsicher gewordenen Blick erfolglos von ihm abzuwenden. Selten hatte ein Mann mich schnell durchschaut, und noch nie hatte ich einen Mann so konsterniert angesehen, wie diesen. Ein leises, ruhiges Lächeln erhellte sein blasses Gesicht, als er meinen Ausdruck wahrnahm.

"Es ist immer das selbe mit Euch," das Lächeln durchzog auch seine Stimme. "Zuerst könnt Ihr nirgendwo anders hinschauen, und dann möchtet Ihr Euch vor mir verkriechen. Du ahnst gar nicht, wie sehr das im Laufe der Jahre langweilt."

Ich blickte zu ihm auf und registrierte erst in diesem Augenblick, wie gross er wirklich war. Selbst im Sitzen überragte er mich, die ich schon nicht gerade klein zu nennen bin, um fast zwei Handspannen. Sein Blick ruhte mit einer unglaublichen Intensität auf mir, die es mir schwer scheinen liess, Worte für eine Antwort zusammen zu bringen. Endlich schien sich mein Blick zu klären, ebenso wie meine Gedanken und mir wurde bewusst, dass alles, was ich jetzt und hier sagen konnte nicht unbedingt intelligent wirken würde. So verlegte ich mich auf ein Zurücklächeln, das ihm auch zu genügen schien. Sein Blick versuchte scheinbar noch tiefer in mein Innerstes vorzudringen.

"Selten, dass eine von Eurer Rasse den Mut aufbringt, nicht zu reden," sein Lächeln wurde bestimmter, schien sich langsam auf ein Ziel auszurichten. "Doch frage nur Deine Fragen, schliesslich stellst Du sie zum ersten Mal. Also ist zumindest für Dich die Antwort eine Neue."

"Darf ich fragen, wie Sie heissen?" versuchte ich es vorsichtig.

Sein Lächeln wurde eine Spur kälter. "Eine gute aber sehr gefähliche Frage," sagte er und drehte sich auf seinem Platz ein weing mehr zu mir hin. "Denn wer den wahren Namen kennt, besitzt grosse Macht über dessen Träger. Aber Ihr Menschen habt diese Art des Wissens ja schon vor hunderten von Jahren aufgegeben." Seine Stimme bekam einen bitteren Unterton und ich musste ihn sehr verständnislos angesehen haben, denn er versuchte zu erklären. "Was kann es schon schaden, wenn ich Dir meinen Namen nenne," er drehte sich vollends zu mir herum und sein dunkeläugiger Blick fing den meinen ein. "Mein Name ist Luzifer, wenn Dir das etwas sagt."

Ich musste ihn angestarrt haben, als hätte ich ein Vakuum im Kopf. Und ähnlich kam ich mir auch vor.

"Luzifer?" brachte ich gerade noch hervor. "Mein Name ist Rhea Meister."

"Ein nichtssagender Name, wie die meisten in Eurer Zeit." Seine leicht abfällige Bemerkung und die Tatsache, dass er seinen durchdringenden Blick kurz von mir abwandte gaben mir die Möglichkeit, mich zu fangen und irgendwie weiter zu atmen.

'Warum muss man eigentlich immer an die Verrückten geraten, wenn man sich in Parks mit irgendwem unterhält' schoss es mir durch das sich langsam wieder mit Substanz füllende Vakuum. Wieder wandte er sich mir zu und sein Blick fesselte mich vollkommen.

"Für einen Menschen hast Du Dich recht gut unter Kontrolle," sein Lächeln wurde wieder tiefer. "Die meisten Deiner Mitmenschen hätten an dieser Stelle entweder fluchtartig ihren Platz verlassen, oder wären schon viel früher in Beschimpfungen oder unsägliches Gelächter ausgebrochen."

"Warum sollte ich das tun, Herr Luzifer?" hatte ich wirklich Herr Luzifer gesagt? Ich versuchte seinen Blick mit ähnlicher Intensität zu erwidern. "Sie sehen nicht aus wie einer der Wahnsinnigen, denen man sonst oft hier begegnet."

"Herr Luzifer," ein Schatten überzog sein Lächeln, das diesmal aber nicht verschwinden wollte. Eine wundervolle Spielerei mit Worten? Pure Höflichkeit? Oder wirklich das Paradoxon, als das es mir erscheint?" Irgendwie war das nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Er lachte kurz. Ein angenehmes, dunkles und kehliges Lachen. "Warum sollte ich Dich ärgern wollen, Rhea Meister?" fragte er. "Du gibst Dir wahrhaftig Mühe, deine allzu menschlichen Vorurteile zumindest zu verbergen."

Ärgern war nicht der Ausdruck gewesen, der mir durch den Kopf gegangen war, aber der Sinn stimmte. "Vielleicht liegt es ja daran, dass Ihr Name ein wenig ungewöhnlich ist, in unseren Breiten?" versuchte ich, dem Gespräch ein wenig den Tiefgang zu nehmen. "Einfach nur Luzifer? Oder kommt da noch etwas?"

"Nein," antwortete er ernsthaft. "Einfach nur Luzifer." In seinen Augen schien hinter der Oberfläche seines Lachens eine tiefe Traurigkeit zu lauern, der er aber nicht bereit zu sein schien, nachzugeben. "Für einen Menschen beobachtest Du gut und treffend," überraschte er mich. "Aber nicht alle Heimatlosen trauern ewig um das Verlorene. Zu zerstörerisch ist dieses menschlichste aller Gefühle."

Langsam, ganz langsam, so wie sich Öl auf einer Fläche ausbreitet, ging mir auf, was dieser Fremde im Begriff war, mir zu erklären. Und genauso langsam, und genauso unaufhaltsam stieg ein eisiges Gefühl meine Wirbelsäule entlang hinauf zu meinem Haaransatz.

"Darf ich davon ausgehen, dass sie keiner der üblichen Spinner sind, und dass das

auch keine seltsam abgefahrene Anmache sein soll?" fragte ich fast schon gegen meinen Willen, plötzlich im Begriff, von ihm ab zu rücken.

Die Trauer hinter seinem Lachen wurde deutlicher. Augenscheinlich deutlicher, als ihm selbst lieb war. "Auch wenn es Dir schwer fällt, Du kannst davon ausgehen, dass ich wahrhaft derjenige bin, als der ich mich Dir vorgestellt habe."

Mein ungläubiger Blick schien ihm nicht fremd zu sein und ihn auch nicht zu verärgern. "Schon lange habe ich es aufgegeben, Ärger über Euresgleichen zu empfinden." Erklärte er mir ungefragt. "Genau so lange bin ich es überdrüssig, Euch irgendwelche Beweise zu liefern, für meine doch wohl offensichtliche Existenz." Seine Gleichgültigkeit erschien mir fast unangenehmer, als ein Ausbruch von Unwillen, oder gar Zorn.

"Verzeihen Sie," begann ich etwas verunsichert. "Aber ich bin nicht gerade im christlichen Glauben erzogen worden. Trotzdem scheint es mir recht unwahrscheinlich, dass gerade mir der wahrhaftige Teufel begegnet."

"Teufel, Satanas, Höllenfürst," begann er sichtlich resigniert. "Eure Geschichtsschreibung liegt, was dieses Thema betrifft, irgendwo zwischen Nichtexistenz und purer Propaganda. Einige wenige Quellen reichen Euch Menschen seit hunderten von Jahren aus, einen ganzen Stand zu verdammen." Irgendwo tief in meiner Seele begann sich Widerstand zu regen. "Es ist sinnlos, mit Euch zu reden. Ihr seid indoktriniert von Geburt an. Zu einfach in Eurem Strickmuster, so wie ER Euch immer wollte.

ER." Das letzte Wort spie er mit einer Leidenschaft aus, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Sie strafte die Ruhe, die er ausstrahlte Lügen und ich begann zu begreifen, vielleicht eher zu spüren, dass mehr hinter diesem Mann steckte, als ich hier und jetzt erkennen konnte.

"Sie sollten mir einfach die Chance geben, die Dinge zu verstehen, die Sie mir voraus zu haben denken," ging ich in die Offensive. Schlieslich hatte ich lange genug einsilbig herumgedruckst. "Erzählen Sie doch einfach, wer Sie sind und woher Sie kommen. So, wie Sie es sehen."

Der Blick, der mich jetzt traf, zeugte von einer so abgrundtiefen Trauer und Resignation, die mich von Rätsel stellte. Wie konnte dieser Mensch nahezu die gesamte Palette der Gefühle hier neben mir durchleben? Warum diese schnellen Stimmungswechsel? Wieder schien er meine Gedanken zu erraten: "Dafür müssten Sie mehr Zeit haben, als Ihre gesamte Lebensspanne währt. Und ich bräuchte mehr Geduld, als ich bereit bin für Euresgleichen aufzubringen."

Er stand langsam auf, zog seinen trotz der herrlichen Temperaturen immer noch geschlossenen Mantel zurecht und wandte sich von mir ab. Ich sprang ebenfalls auf, versuchte, ihn an seinem Ärmel festzuhalten, doch er wich zurück, bevor ich meine Bewegung vollendet hatte. Seine tiefschwarzen Augen blickten von weit oben auf mich hinab und ich fühlte die endlose Verlorenheit in diesem Blick.

"Folge mir nicht, Menschenkind," sagte er. "Denn mein Schicksal ist es, allein zu leben. Ich bin einfach nur jemand, der nicht mehr an dem Ort geduldet wird, an dem er geboren wurde, und für den er sich zeitlebens eingesetzt hat. In Eurer trivialen Sprache würde man mich vielleicht einen Asylanten nennen. Einen politisch verfehmten, wenn auch nicht mehr allzu aktiv Verfolgten. Jemanden, der sich gegen eine Macht aufgelehnt hat, die es nicht einmal für nötig befunden hat, ihn zu töten. Der keine Chance hatte gegen eine Verleumdungs- und Propaganda-Maschinerie, gegen die Eure ach so mächtigen Medien lächerlich wirken." Im Fortgehen wandte er sich noch einmal um. "Und was dieses Buch angeht, das du so hingebungsvoll liest, so überdenke wie bei jedem anderen den Sinn und Zweck, zu dem es geschrieben wurde. Vergleiche es mit den anderen Büchern der Mächtigen, vielleicht verstehst Du dann, warum ich mich einst auflehnte gegen IHN."

Ich umklammerte meine verschlossene Tasche, in der die von ihm angesprochene Bibel ruhte und schaute ihm nach, bis er hinter ein paar Bäumen verschwand. Die Gedanken, die sich in meinem Kopf jagten, suchten nach den Namen der Bücher der Mächtigen, die er angesprochen hatte. Titel drängten sich mir auf, die sich so gar nicht mit dem verstehen wollten, was da in meiner Tasche schlummerte also liess ich mich wieder auf meinen Platz

zurück sinken. Ich öffnete meine Tasche, nahm die Bibel zur Hand und begann zu lesen.

 

 

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Erstellt: 07.07.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17