Wenn man fast schon die Hoffnung aufgegeben hat, dass Mitte der 2020er-Jahre gute neue – und vor allem originelle – Science-Fiction-Romane erscheinen, insbesondere von deutschsprachigen Schriftstellern, dann kommt Nils Westerboer ums Eck und belehrt einen eines Besseren.
Kernschatten, Westerboers Romandebüt im Kleinverlag Leander, hatte ich 2014 übersehen. Inzwischen wurde er von Klett-Cottas Hobbit Presse neu aufgelegt, kurz nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans Athos 2643 im gleichen Verlag. Dieser SF-Krimi, der in einem Kloster auf dem Neptunmond Athos spielt, zeigte 2022 auf, welches erzählerische Potenzial in Westerboer steckt. Mit seinem dritten Strich, Lyneham, kommt Westerboers Fabulierkunst endgültig zur vollen Entfaltung.
Wir haben es hier mit einem Werk der Kategorie »Hard SF« zu tun. Wenngleich das nicht mein bevorzugtes Subgenre ist, konnte mich der Autor alleine mit seinem durchdachten Worldbuilding auf ganzer Linie abholen.
Erzählt wird die Geschichte des Jungen Henry, der zusammen mit seinem Vater, seinem älteren Bruder Chester und seiner jüngeren Schwester Loy auf dem unwirtlichen Mond Perm abstürzt. Er ist gerade einmal zwölf Jahre alt. Ihr Ziel ist eine Kolonie in einer menschenfeindlichen Umwelt in einem fernen Sonnensystem. Nach dem großen Kataklysmus von 2071, eine Katastrophe globalen Ausmaßes, mit irreversiblen Veränderungen, ist herkömmliches Leben auf der Erde nicht mehr möglich. Menschen haben versucht, auf Perm ein Klimaschutzbiom zu errichten. Lyneham (sprich: Lainäm) ist so ein Rückzugsort Privilegierter vor dem klimatischen Kataklysmus. Hier ist ein Industrieller namens Rayser mit seiner gleichnamigen Firma Ton angebend. Ursprünglich ein Telekommunikationsunternehmen, weitete Rayser seine Aktivitäten und Kompetenzen in der Klimakrise nicht nur auf Raumfahrt und medizinische Forschung aus, sondern auch auf Geoengineering und Terraforming.
Es gibt zwei Handlungsstränge: die Entwicklungen auf Perm, sowie die Geschichte von Dr. Mildred Meadows, der Mutter von Henry. Sie ist nicht mit ihrer Familie ins All aufgebrochen, sondern arbeitet für Rayser an einem speziellen Programm, welches die Lebensbedingungen auf Perm analysiert. Der Clou: Dank des technischen Fortschritts, ganz im Sinne der Romane eines Cixin Liu, entwickelt die Menschheit einen neuartigen Flugantrieb, sodass Mildred mit ihrem Flug den von ihrer Familie überholt und vor ihnen auf Perm eintrifft, um das Leben dort lebenswert für die bald ankommenden Menschen zu machen.
Das ist nur eine von vielen faszinierenden Ideen, die Westerboer in dem Roman »Lyneham« untergebracht hat. Die Atmosphäre von Perm enthält zu wenig Sauerstoff und ist dadurch zu giftig für Menschen, um sich ohne Schutzanzüge außerhalb Gebäuden zu bewegen. Mit sogenannten »Lungentürmen« versucht man die Zusammensetzung der atmosphärischen Gase für Menschen atembar zu machen.
Perm ist jedoch auch aus einem anderen Grund kein ruhiges Pflaster. Die Fauna besteht aus Kryptiden. Das sind für das menschliche Auge unsichtbare Lebewesen, die ein völlig anderes Erbmaterial aufweisen (XNA), welches mit irdischer DNA biochemisch nicht kompatibel ist. Kurzum: Alles auf Perm ist so extrem fremdartig und lebensbedrohlich, dass man es sich kaum vorstellen kann. Wäre da nicht Nils Westerboer mit seinen glaubhaften Schilderungen …
Der Roman »Lyneham« ist ein wahres Füllhorn an Ideen und bietet daher eine schillernde Lektüre, wie man sie selten findet. Die Geschichte um Henry, wie er mit dem Leben im Klimaschutzbiom zurechtkommt ist spannend und unterhaltsam. So ist seine Lehrerin, Frau Strom, eine mit KI ausgerüstete, umgebaute Bohrmaschine und damit nur einer von vielen tollen Einfällen. Wer hier einen Jugendroman aus Kindersicht vermutet, sieht sich positiv getäuscht, denn immer wieder wird es tiefgründig, philosophisch und gedankenanregend wie man es sich von guter Science-Fiction erhofft.
Die zweite Handlung mit Henrys Mutter schließt sukzessive alle Lücken und beantwortet Fragen, die beim Lesen auftauchen. Und derer gibt es viele. Man wird nicht nur von Anfang an in die ansatzlose Action der Handlung geworfen, sondern muss sich, fast wie bei einem guten Kriminalroman, anhand von neuen Informationen die Geschehnisse zusammenreimen. Das mag für Gelegenheitsleser, die simple SF gewohnt sind, eine größere Herausforderung sein. Aber für die gibt es jede Menge leichterer Lesestoff.
»Lyneham« ist für alle, die gern spekulative Literatur der gehobenen Kategorie bevorzugen. Der Roman vereint alle gute Aspekte, die überzeugende SF braucht und vergisst dabei nicht zu unterhalten. Die gesamte Welt von Perm ist bis ins Kleinste ausgearbeitet (inklusive einer Landkarte dieses Mondes), die Charaktere sind mehrdimensional, der Plot ist wendungsreich und weist gegen Ende einige Twists auf, die überzeugen.
Es gibt nicht viele deutsche Autoren, die einen Roman dieser Art abgeliefert haben oder jemals abliefern können. »Lyneham« ist Science-Fiction der Güteklasse »Wow!« und damit ein heißer Anwärter auf die Auszeichnung »Bester SF-Roman des Jahres 2025«.