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Magie im Mittelalter von Helmut Birkhan

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Helmut Birkhan, emeritierter Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur, hat sich das Ziel gesetzt, dem Leser die Magie im Mittelalter näher zu bringen. Dazu gliedert er seine Arbeit in fünf große Kapitel.

 

Das erste Kapitel behandelt die Begriffsbestimmung. Magie wird in verschiedenen Kontexten unterschiedlich gebraucht. Im Wesentlichen sei es eine Form der menschlichen Naturbeherrschung, die sich vom naiven Alltagsbewusstsein, der wissenschaftlichen Praxis und der Religion unterscheide. Wobei der Hinweis, dass die Grenze zwischen Religion und Magie leicht verwischen kann, wichtig ist. Ein bisschen seltsam scheint mir aber, gerade dieses Verwischen so herauszustellen – im Folgenden wird Birkhan oftmals darauf hinweisen, dass auch die Grenzen zwischen Alltagsbewusstsein und sogar Wissenschaft und Magie verwischen können. Ein kleiner Vorgriff: Die praktische Alchemie funktioniert wie 'moderne' Chemie, ist aber mit allerlei nicht mehr aktuellen Vorstellungen verbunden. In diesem Kapitel werden Begriffe aus unterschiedlichen Bereichen, von der Theologie über Rechtswissenschaft hin zum Okkultismus, knapp vorgestellt. Einen eigenen Begriff setzt der Autor hier nicht fest.

Daran macht er sich erst im zweiten Kapitel "Die dem Aberglauben und der Magie zugrundeliegenden Denkmuster" – eine knappe Arbeitsdefinition liefert er jedoch auch hier nicht. Birkhan macht sieben Denkmuster aus. Da ist zunächst der unzulässig hergestellte Kausalzusammenhang. Das heißt eigentlich nur, dass Magie nicht funktioniert; wenn das angestrebte Ergebnis tatsächlich eintrifft, dann ist das ein Zufall oder Resultat eines nicht erkannten Zusammenhanges. Darauf folgt die "Beseelung" des Nicht-Beseelten und Nicht-Anthropomorphen. Nur dann würde z. B. die Bestrafung eines schlecht würfelnden Würfels Sinn ergeben. Drei und vier behandeln zwei Varianten des sympathetischen Prinzips: "similia similibus" und "in illo tempore". Bei erster geht es um dingliche Ähnlichkeiten – eine Walnuss wirkt aufgrund des an ein Gehirn erinnerndes Aussehen auf dasselbe. Bei der zweiten geht es um das Nachstellen von vergangenen Momenten, also um (meist im übertragenen Sinne) situative Ähnlichkeit, die ihre Kraft aus dem Alter des Vorbilds zieht. Das fünfte ist die Schicksalsgläubigkeit – die Zukunft steht in einem gewissen Maß fest. Als sechstes ist der Glaube an die Existenz einer besonderen Essenz von Dingen und Lebewesen zu nennen. Das siebte Denkmuster ist der Glaube an die unmittelbare Macht der Zeichen. Am bekanntesten ist wohl der Namenszauber – wenn man Rumpelstilzchens Namen laut ausspricht, dann hat er keine Macht mehr über den Wissenden. Die verschiedenen Denkmuster erläutert der Autor z. T. mit aktuellen Beispielen, bisweilen entstammen diese sogar seiner eigenen Biografie.

Das dritte Kapitel ist das Herzstück der Arbeit: Auf zweiundachtzig Seiten wird die Magie der Gelehrten im Mittelalter und der Frühen Neuzeit behandelt. Es gibt zunächst eine Vielzahl von Akten "wissenschaftlicher" Magie, die von klassischen Taschenspielertricks über geschickt angefertigte Maschinen (der Goldene Baum am Hofe Byzanz, dessen Kunstvögel mittels Wasserdampf pfiffen, spielt eine große Rolle) und natürlicher Magie (wie Alchemie, Medizin, aber auch Drakontologie – die Drachenkunde) hin zur Weißen und Schwarzen Magie. Der Unterschied ist übrigens gering: Weißmagier beherrschen Dämonen, Schwarzmagier paktieren mit ihnen. Darauf wendet Birkhan sich den Zauberbüchern zu, in denen gelehrte und volkstümliche Magie ineinanderfließen können.

Weiter geht es im vierten Kapitel mit der Magie im Volksglauben. Es ist mit nur fünfunddreißig Seiten wesentlich kürzer als das vorherige. Diese Magie wird negativ definiert – darunter fällt, was vorher nicht behandelt wurde. Dies kann durchaus von Gelehrten vermittelt worden sein, wird aber nicht in deren Diskursen behandelt. Nachdem Birkhan kurz auf die wichtigste Quelle – Hans Vintlers Blumen der Tugend aus dem Jahr 1411 – einging, wendet er sich der kirchlichen Prägung der Volksmagie zu. Anschließend skizziert er eine Typologie, die vom Glauben an Dämonen (wozu viele heidnische Entitäten wurden) über Opferungen und den verschiedenen Wahrsagereien (Handlesen usw.) hin zu den Nachtfahrten der Hexen (die übrigens von vielen Gelehrten als teuflische Täuschungen gewertet wurden) reicht.

Schließlich behandelt Birkhan im fünften Kapitel die Zunahme der Magie im Spätmittelalter. Er macht dieses an drei bekannten Opfergruppen fest: den Templern, den Juden und den 'Hexen'. Da so viele Menschen magischer Verbrechen angeklagt wurden, hätte die Magie zugenommen. Das ist nun eine einigermaßen naive Vorstellung – schon in den von Birkhan selbst zitierten Quellen wird klar, dass es u. a. ganz handfeste finanzielle Interessen vonseiten der Betreiber der Hexenverfolgung gab; bei den Templern und Juden waren es die Landesfürsten. Natürlich ließen sich diese Prozesse nicht führen, wenn die Vorwürfe unplausibel wären, doch daraus auf eine zunehmende Verbreitung oder Vertiefung zu schließen, ist vorschnell. Damit will ich zur Kritik übergehen.

 

Birkhans Arbeit durchziehen zwei grundlegende Probleme: Zum einen nimmt das Werk eine aufklärerische Haltung ein, zum anderen bleibt es vielfach ungenau.

Das letztere zuerst: Birkhan bleibt in weiten Teilen sehr vage. Es fehlt weitgehend an Quellenkritik. Bei der Gelehrtenmagie: Wer hat die Quelle für wen und aus welchem Grund verfasst? In welchem zeitlichen und räumlichen Rahmen wurde sie rezipiert? Wie weit war die soziale Verbreitung, wie wurde sie bewertet? Wurde sie europaweit als Autorität zitiert oder als versponnene Einzelmeinung verlacht? Birkhan gibt nur selten Antwort darauf. Erschwerend kommt hinzu, dass der Autor von der Antike ins 19. Jh., von Skandinavien nach Ägypten, von Irland nach Osteuropa springt. Hierhin gehört auch das generelle 'Abrechnen'. Im Rahmen der Hexenprozesse kommt Birkhan lapidar zu dem Schluss, dass mehrheitlich Frauen Opfer wurden. Das ist in der Gesamtbetrachtung sicherlich richtig, aber es gab auch einige Regionen, in denen das Verhältnis wesentlich ausgeglichener war – ein tiefer gehendes Differenzieren hätte der Arbeit gut getan. Und selbst in der Beschreibung der magischen Handlungen bleibt Birkhan bisweilen unbestimmt:

Besonders sündhaft ist natürlich, das Vaterunser "umgekehrt" herzusagen, was heute noch in satanischen Kreisen (auch in der Pop Music des Gothic Metal) vorkommt oder auch nur imaginiert wird.

Was soll man nun mit solchen Aussagen anfangen?

Birkhan sieht in der Magie anscheinend einen bloßen Aberglauben, der der wissenschaftlichen Weltsicht entgegensteht. Dem ist zum einen entgegenzuhalten, dass viele magische Handlungen tatsächlich funktionieren. Ich selbst kenne einige altrömische Zauberrezepte, die bei korrekter Anwendung garantiert so funktionieren, wie sie sollen – das wird jeder Toxikologe auch bestätigen. Der Grund liegt darin, dass Römer nicht zwischen Zauberei und Giftmischerei unterschieden. Eine Trennung der Vorstellungen ist künstlich und verstellt ein Verstehen der römischen Vorstellungen. Ähnlich erschwert Birkhans Haltung ein Verständnis der Magie. Nebenbei sei noch bemerkt, dass es viele magische Systeme gibt, die sich der wissenschaftlichen Überprüfung entziehen – in dieser Hinsicht können sie weder wahr noch falsch sein (vgl. Diethard Sawicki, Magie). Besonders enttäuschend ist auch das Fehlen einer Erklärung des magischen Glaubens. Warum wurden Zaubersprüche tradiert, wenn sie doch offenkundig nicht wirkten (was aus heutiger Sicht zweifellos der Fall ist), was brachte Menschen dazu, empirisch eindeutig Falsches zu glauben? Wieder: keine Antwort.

 

Fazit:

Helmut Birkhan wollte den Lesern die Magie des Mittelalters näher bringen. Das ist nur sehr begrenzt gelungen. Es bleibt eine Art Rezeptbuch, ein rasch geordneter Zettelkasten, der mit einigen Anmerkungen versehen wurde. Ein Magus: Die Erleuchtung-Rollenspieler, der auf der Suche nach historischen Beispielen von magischen Handlungen ist, mag dieses Werk lesen, anderen rate ich zur leider nicht mehr ganz aktuellen Konkurrenz wie Richard Kieckhefers Magie im Mittelalter oder Christoph Daxelmüllers Aberglaube, Hexenzauber, Höllenängste.

 

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Sachbuch:

Titel: Magie im Mittelalter

Reihe: beck'sche Reihe

Original: -

Autor: Helmut Birkhan

Übersetzer: -

Verlag: Beck Verlag

Seiten: 205 Broschiert

Titelbild: Coniunctio spirituum

ISBN-13: 978-3-406-60632-8

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.12.2010, zuletzt aktualisiert: 17.11.2016 23:40