Mary Rose

Gruselkabinett 91

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Harry Morland Blake ist aus dem Krieg nach England zurückgekehrt und lässt sich von der Hausbesorgerin Miss Otery ein altes, etwas heruntergekommenes Haus zeigen. Er lässt durchblicken, dass er einst dort lebte, und wundert sich, wie sehr sich alles veränderte. Als er sein altes Zimmer sehen will, versucht Miss Otery ihn davon abzuhalten, was Harry dazu reizt, eine Vermutung anzustellen: Spukt es vielleicht in dem Haus? Doch Miss Otery streitet es ab – mittlerweile zeigt ihre Geschäftsmaske allerdings erste Risse. Harry bittet, einen Moment alleine im Salon verbringen zu können, und um einen Tee – Miss Otery gesteht ihm zehn Minuten zu. In diesen Minuten hat Harry eine Vision: Er sieht seine Großeltern James und Fanny Morland sich über ihre Tochter Mary Rose unterhalten. Mary Rose war vor Jahren auf einem kleinen Eiland für drei Wochen verschwunden – und dann ohne Erinnerungen an diese Zeit wieder aufgetaucht. Nun ist sie eine junge Frau geworden und will Simon Blake heiraten. Soll man ihr etwas von ihrem Verschwinden sagen? Es wird nur Simon erzählt. Als Mary Rose immer wieder von dem Eiland anfängt, ist Simon hin und her gerissen: Einerseits beunruhigt ihn die ganze Geschichte, andererseits würde er auch gerne herausfinden, was einst mit Mary Rose geschehen war.

 

Mary Rose ist ein schwieriges Hörspiel. Das liegt am Plot. Harry kehrt nach Hause zurück, als Zwölfjähriger war er nach Australien fortgelaufen. Bei seiner Rückkehr sind alle tot, doch etwas besonders Tragisches hat sich in der Zwischenzeit ereignet. Rückblende bzw. Rückblende in der Rückblende: Mary Rose ist als Kind auf einem Eiland verschwunden, wieder aufgetaucht und – zurück zur einfachen Rückblende – will nun Simon heiraten. Doch es zieht sie zu jenem Eiland. Hier stellt sich dem Hörer die Frage doppelt: Was ist geschehen? Das das Haus zu einem Spukhaus machte und auf dem Eiland? Das Hörspiel sollte also Mystery sein, denn Grusel kommt beim sehr harmlosen Spuk nie auf. Tatsächlich gibt es keinerlei direkte Bedrohung aus den Ereignissen – allenfalls eine indirekte für die Psyche aufgrund der Tragik. Es gibt also für diesen Plot (theoretisch) zwei zentrale Spannungsquellen: Die Rätsel und die Tragik. Leider gelingt es dem Skript nicht, diese zur Geltung zu bringen. Während das eine Rätsel nie weiter behandelt wird, kann man die Lösung des anderen bereits beim Lesen des Booklets erraten. Und die Momente, in denen eine Fallhöhe für Tragik etabliert werden kann, werden nie dramatisch behandelt. Schade, denn die Idee mit dem Eiland ist wirklich schön. Es hätte das Picknick am Valentinstag (AUS 1975, R: Peter Weir) des Gruselkabinetts werden können. So bleibt ein leider eher schwächliches Skript.

 

Das Sprecherensemble ist wiederum eher klein – das Booklet zählt nur acht Sprecher auf. Dafür haben sie allesamt Hörspielerfahrung, mehrheitlich sind sie sogar echte Veteranen.

Timmo Niesner spricht den erwachsenen Harry Morland Blake. In der Reihe Gabriel Burns gibt er regelmäßig den Dorgan Fink, doch er ist auch in Reihen wie John Sinclair, Die Alchemistin oder Abseits der Wege zu hören. Für Kerstin Sanders-Dornseif, die hier die Haushälterin Miss Otery einspricht, kann man Ähnliches sagen: In Die Alchemistin gibt sie regelmäßig die Charlotte Institoris, doch sie ist auch in Reihen wie John Sinclair, Gabriel Burns oder … Point Whitmark zu hören. Zufälle gibt's. Damit zu den Morlands. Frank-Otto Schenk spricht den gutmütigen, behütenden Vater, der gerne etwas strenger wäre, als er ist. Schenk ist stimmlich für die Figur eine gute Besetzung. Man kann aus den verschiedenen Maritim-Produktionen wie Sherlock Holmes oder Die Morde des Émile Poiret kennen; aber auch aus Reihen wie Die Chroniken der Drachenlanze oder Lady Bedford. James Gattin, die auf das Verantwortungsbewusstsein ihrer Tochter setzende Fanny, wird von Monica Bielenstein gesprochen. Sie ist mir vor allem aus den verschiedenen Titania Medien-Produktionen wie Anne, verschiedenen Titania Specials und eben dem Gruselkabinett selbst bekannt. Der etwas naiven und lebenslustigen Tochter Mary Rose verleiht Luisa Wietzorek ihre Stimme. Vormals hatte ich sie als Titania Medien-Nachwuchs bezeichnet, mittlerweile ist einiges dazu gekommen – etwa Rollen in Reihen wie Amadeus oder Mord in Serie. Obschon sie eigentlich im richtigen Alter ist, klingt mir ihre Stimme fast zu jung für die Rolle. Zu guter Letzt ist Axel Malzacher als Sprecher des Seemanns Simon Blake zu nennen. Er ist ebenfalls öfter bei Titania Medien und auch Lady Bedford zu hören. Im Großen und Ganzen eine gute Performance der Sprecher.

 

Die Inszenierung ist wie stets gemäßigt modern. Es gibt keinen Erzähler, dessen Funktionen werden auf die verschiedenen Dialoge aufgeteilt. Geräusche sind dicht gesetzt, stehen stets für sich selbst, werden aber auch nur szenarisch eingesetzt. Die Musiken werden gezielter zur Unterstreichung der Situation eingesetzt. Es werden vor allem hell klingende Instrumente wie Glöckchen, Klavier und wohl auch ein kleine Triangel eingesetzt, um die gespenstischen Momente herauszuheben, für die bedrohlichen wird ebenfalls das Klavier und mindestens ein Instrument, dass ich nicht zuordnen kann – es wird wohl auf Reibung basieren, vielleicht ein sanft gespielter Kontrabass oder etwas so exotisches wie eine Glasharfe. In pastoralen Situationen dominiert wieder das Klavier. Dieses Mal liegt die musikalische Untermalung oftmals an 'schlichter' Geräuschkulisse – was mir gut gefällt. Tonschichten werden wie gewohnt zurückhaltend verwendet: Zumeist sind es zwei (Dialog und Geräusch), seltener nur eine (üblicherweise Dialog oder Musik) oder drei (eben Dialog, Geräusch und Musik). Das ist niemals schwer zu verfolgen, zumal der Dialog von der Lautstärke her immer dominiert. Die Inszenierung gefällt mit etwas besser als üblich: Weiter so!

 

Fazit:

Harry Morland Blake kehrt in das Haus seiner Kindheit zurück, wo es mittlerweile spuken soll – er erfährt von der Tragödie um Mary Rose, die einst spurlos verschwand. Eine abschließende Wertung fällt schwer: Die Grundidee des Plots ist famos, die Umsetzung steht sich selbst im Weg. Vom Plot abgesehen, wieder ein gutes Hörspiel. Durchwachsen auf gutem Niveau mit Ausreißern in beide Richtungen.

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Hörspiel:

Mary Rose

Reihe: Gruselkabinett 91

Vorlage: James Matthew Barrie

Buch: Marc Gruppe

Produzent: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: September 2014

Umfang: 1 CD, ca. 64 min

ASIN: 3785750234

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher

Kerstin Sanders-Dornseif

Timmo Niesner

Frank-Otto Schenk

Monica Bielenstein

Luisa Wietzorek

Axel Malzacher

 

Serienguide:

Alles zur Reihe Gruselkabinett

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03 | Users Online
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