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Mein fahler Freund von Isaac Marion

Rezension von Christel Scheja

 

Der Grafiker und Autor Isaac Marion wurde 1981 im Nordosten des Bundesstaates Washington geboren. „Mein fahler Freund“ ist sein erster Roman und wurde gleich von Lesern und Kritikern begeistert aufgenommen, denn er wagt sich an das noch wenig abgegraste Feld der „Zombie Romance“.

 

Er ist noch nicht lange Zombie, aber R. hat bereits vergessen wer er war und kennt nur noch den ersten Buchstaben seines Vornamens. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sieht er noch recht gut aus – von den dunklen Ringen unter seinen Augen und der fahlen Haut einmal abgesehen.

Zusammen mit den anderen fristet er sein Leben auf einem Flughafen und in der Umgebung. Weil er kräftig und gewitzt ist, geht er mit auf die Jagd und kommt so in den Genuss, die besten Stücke der Menschen verschlingen zu können. Das Gehirn ist dabei wie eine Droge, gibt es doch beim Verdauungsprozess für einen kurzen Moment die Erinnerungen preis, die es gespeichert hat und schenkt den Zombies noch einmal so etwas wie Leben.

R ist das alles peinlich, ganz anders als seinem besten Kumpel M, der sich damit arrangiert zu haben scheint – aber stimmt das wirklich? Der nachdenkliche Zombie spürt, dass dem nicht so sein muss und der Sinn seines Unlebens nicht daraus bestehen muss, aus Langeweile Rolltreppen zu fahren.

Dass er auch in anderen Bereichen kein typischer Untoter ist, beweist er, als er mit anderen eine Gruppe Jugendlicher stellt, denn er verschont das Leben eines Mädchens. Aus den Erinnerungen ihres Freundes weiß er, dass sie Julie heißt.

Auch später kann er sie nicht vergessen, und so sucht er wieder nach ihr und beginnt sie zu beschützen. Das ist der Beginn einer besonderen Liebesgeschichte, denn auch Julie verliert ihre Scheu, als sie erkennt, das R eigentlich nichts Böses will.

So nimmt sie ihn mit in die Enklave, in der sie lebt und setzt damit Dinge in Gang, die sich bald nicht mehr aufhalten lassen.

 

Isaac Marion präsentiert eine sehr skurrile Liebesgeschichte, eingebettet in ein Endzeit Szenario, das man eigentlich schon aus vielen Horrorschockern kennt – und er macht es ausgesprochen gut.

Einfühlsam, aber nicht kitschig führt er die Figuren durch die spannende Geschichte, die nach und nach auch enthüllt, wie es überhaupt zu der ganzen Katastrophe gekommen ist und zeigt, dass auch Zombies noch Menschen sein können und nicht nur hirnlose Monster.

Das ganze wird aus der Sicht von R erzählt, den der Leser dadurch am besten kennen lernt. Man merkt, dass er anders ist als der Rest der Zombies und Skelette. Auch wenn er sich nicht an alles erinnern kann, so weiß er doch, was alles anders ist und sehnt sich oft in das Leben zurück. Er will sich nicht mit seiner Lage abfinden und fragt sich immer wieder, ob es Auswege gibt, was ihn gleichzeitig auch melancholisch macht.

Als die blonde Julie ins Spiel kommt, erwachen zusätzlich Gefühle in ihm, die er vergessen glaubte und erstmals auch seinen ständigen Hunger ersticken und seine Weltsicht verändern. Auch im Vergleich zu Perry, dessen Gehirn er nach und nach verspeist und dadurch mehr über Julie mitbekommt, wird er mit der Zeit immer menschlicher und lebendiger.

Ansonsten zollt der Autor natürlich auch der Spannung Tribut, denn neben den Schwierigkeiten, die Julie und R miteinander haben, gibt es natürlich auch Gefahren von außen – nicht zuletzt durch andere Menschen und Zombies. Denn auch in der Enklave ist nicht alles so, wie es sein sollte – in der Hinsicht werden dem jungen Mädchen durch den Zombie die Augen geöffnet.

Zudem erweist sich die Geschichte als augenzwinkernde Hommage an die gängigen Zombieklischees, die hier immer wieder munter hinterfragt und augenzwinkernd auseinander genommen werden. Auch Endzeit-Szenarien bekommen ihr Fett weg.

Das alles macht die Handlung auch für Genre-Fans spannend und unterhaltsam, auch oder gerade weil sie nicht unbedingt immer das erhalten, was sie erwarten. Bei unverbesserlichen Romantikern ist das nicht anders.

 

Alles in allem ist „Mein fahler Freund“ eine erfrischend andere Romanze zwischen einem Menschenmädchen und einem übernatürlichen Wesen, das normalerweise nur als Kanonenfutter dient. Dem Autor gelingt die schmale Gradwanderung zwischen Horror und Liebesroman, da er viele Klischees auf die Schippe nicht und die sich entwickelnde Beziehung kitschfrei und feinfühlig in Szene setzt, aber darüber auch nicht das Abenteuer und die Enthüllung von Geheimnissen vergisst.

 

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Mein fahler Freund

Autor: Isaac Marion

gebunden, 299 Seiten

Klett Cotta, erschienen Februar 2011

Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Sundermann

Titelbild von Kat Menschik

ISBN-10: 3608939148

ISBN-13: 978-3608939149

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 24.04.2011, zuletzt aktualisiert: 31.08.2018 17:18