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Mein Leben unter Serienmördern – Eine Profilerin erzählt von Helen Morrison

Rezension von Christine Schlicht

 

Helen Morrison führt eigentlich ein recht beschauliches, biederes Leben. Sie ist Rechtspsychologin und ist mit einem Neurochirurgen verheiratet, mit dem sie in Chicago mit ihren beiden Söhnen lebt. Zuhause schaltet sie auch ab. Das muss sie, denn sonst würde ihr Beruf sie vermutlich noch im Schlaf verfolgen. Im Laufe ihres Arbeitslebens hat sie viele Stunden im Gespräch mit den bekanntesten Serienmördern der USA und auch anderer Länder verbracht, die Hochsicherheitstrakte der Gefängnisse sind ihre zweite Heimat geworden.

 

Ihr Antrieb ist, herauszufinden, was Serienmörder von anderen Mördern unterscheidet und ob man sie für ihre Taten tatsächlich im klassischen Sinne verantwortlich machen kann. Die Verteidiger versuchen oft, auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren, doch im Amerika der 70er und 80er Jahre ist kein Gericht willens, dies anzuerkennen. Die meisten Serienmörder, die Helen Morrison befragt hatte, sind bereits tot – hingerichtet durch den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze.

 

Je länger sie sich mit diesen Menschen befasst – es sind fast ausschließlich Männer, desto mehr Gemeinsamkeiten bilden sich bei allen Unterschieden heraus. Das fehlende Motiv und die oft überdurchschnittliche Intelligenz sind nur zwei von vielen Merkmalen, die sie alle mehr oder minder ausgeprägt aufweisen. Diese Leute haben keine Persönlichkeitsstruktur und sind psychologisch keine vollständigen Menschen. Sie amen Verhaltensweisen nach und spielen Rollen. Ihre Morde weisen die Merkmale einer Sucht auf. Wie Drogensüchtige müssen sie diese Droge (das Töten) beschaffen, sonst fühlen sie sich nicht wohl. Auch wenn sie es behaupten, sie hatten meist keine schwerere Kindheit als andere, wurden weder großartig misshandelt und nicht missbraucht.

 

Helen Morrison berichtet über ihre Gespräche mit „Babyface“ Richard Macek, John Wayne Gacy und Bobby Joe Long. Auch von ihrem Besuch bei Ed Gein, der schon lange vor ihrer Zeit gefasst worden war, den sie aufsucht, um die Persönlichkeitsstruktur eines Serienmörders zu verstehen. Bobby Joe Long, Robert Berdella der Sadist und Michael Joe Lockhard, der ihr die Spur mit dem Drogeneffekt eingab sind weitere Stationen ihrer Arbeit.

 

Ein kurzer Exkurs geht in die Vergangenheit, um zu beweisen, dass Serienmörder kein Phänomen unserer Zeit sind. Gilles de Rais und Elisabeth Bathory dienen ihr ebenso als Beispiel wie der berühmt berüchtigte Vlad Tepes, wobei letzterer eher ein Massenmörder denn ein Serienmörder ist. Er hat vor allem ein Motiv: Rache. Serienmörder haben nicht einmal ein solch banales Motiv. Auch führt sie Fälle auf, die beweisen, dass es kein Phänomen der abendländischen Gesellschaft ist.

 

Verstörende Dokumente runden die grauenvollen Berichte über die Verbrechen der Serienmörder ab. Briefe und Aussage der Mörder selbst, die deutlich machen, wie wenig sie selbst an ihren entsetzlichen Taten Anteil nehmen. Sie sind sich ihrer Taten oft nicht einmal bewusst. Sie vergessen sie, sobald sie sich der Leichen entledigt haben... oder schon dann, wenn sie aufhören zu atmen.

 

Die Realität ist grauenvoller als jeder Hollywoodfilm. Auch wenn die Taten der Serienmörder Vorbild für Filme sind, das wahre Grauen können sie nicht weitergeben. Der nüchterne Bericht der Psychologin verfehlt seine Wirkung nicht. Ein Tatsachenbericht, der dennoch die Nackenhaare gen Himmel aufstellen lässt. Ed Gein hat aus der Haut seiner Opfer einen Mantel gemacht... kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? Da schweigen die Lämmer... Aber die Wahrheit ist noch viel entsetzlicher. Denn diese Menschen leben mitten unter uns.

 

So waren sowohl Macek als auch Gacy verheiratet und hatten Kinder, die sie abgöttisch liebten. Ihre Frauen sind ahnungslos. Ihre Familien machen sie genau so zu Opfern wie die, die tot sind, denn nicht selten beginnt nach der Festnahme eine Hexenjagd. Wie kann es sein, dass die Familie nichts von alledem merkt?

 

Ein weiteres Phänomen sind die Frauen, die für die Serienmörder zu Komplizen werden. Sie sind dem Mann in der Regel hörig wie Sklaven, lieben ihn so abgöttisch, dass sie alles mitmachen, ohne nachzudenken. Aber diese Aspekte sind nicht besonders geeignet, um sie zu verfilmen. Bonny und Clyde sind besser – gleichberechtigt in allen Belangen.

 

Ein entsetzlicher, ein spannender und mitreißender Bericht. Gut geschrieben von einem New Yorker Journalisten. Die Wahrheit ist grausamer als jede Fiktion.

 

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Mein Leben unter Serienmördern – Eine Profilerin erzählt

Autor: Helen Morrison

Broschiert: 351 Seiten

Verlag: Goldmann (Oktober 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3442154413

ISBN-13: 978-3442154418

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 26.10.2007, zuletzt aktualisiert: 31.08.2018 17:18