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Metatropolis herausgegeben von John Scalzi

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Leute, die sich meine Hochzeitsfotos ansehen, fragen sich häufig, was das Schwein auf meiner Hochzeitsfeier zu suchen hatte.

Ich werde es Ihnen erzählen.

John Scalzi, Utere nihil non extra quiritationem suis

 

Metatropolis ist eine Sammlung von fünf Erzählungen, die jeweils zwischen sechzig und sechsundneunzig Seiten lang sind. Das gemeinsame Thema wird schon durch den Titel der Sammlung angegeben es geht um zukünftige Städte – die Geschichten spielen in der nahen Zukunft, eher der Mitte als dem Ende des 21. Jh. Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Zum einen sind die Geschichten in puncto Setting miteinander verknüpft – es handelt sich quasi um eine shared world, was eine Anspielung an die befürwortete open source-Bewegung sein mag. Zum anderen sind es gewissermaßen Utopien, doch ganz modern führen Protagonisten einem Plot entlang durch die Städte. Interessant ist die recht positive Haltung: Es sind zwar keine klassischen Utopien, in denen alles Leid und Übel überwunden wurde, doch es sind Oasen inmitten des schmutzigen Mülls, in denen man das Beste aus den Resten der gestrigen Party macht – und wenn sich alle Mühe geben, so die Botschaft der Sammlung, dann kann das noch ganz nett werden. Die technischen Nova sind weder bahnbrechend neu – Datenbrillen kennt man vielleicht aus Charles Stross' Accelerando und genmanipulierte Schweine aus Alastair Reynolds Chasm City – noch sonderlich ausgeführt. Insgesamt gehören die Geschichten ohnehin eher zur Soft SF als zur Hard SF: Postmoderne Stammesgemeinschaften in föderal organisierten Stadtstaatsverbünden, ökologische Nachhaltigkeit und alternative Ökonomie, privatisierte (Rechts-)Sicherheit und kreativer Zivilerungehorsam spielen eine größere Rolle als 3D-Kopierer. Jetzt aber zu den Geschichten im Einzelnen:

 

Jay Lake, In den Wäldern der Nacht (96 S.): Nachdem das Kapital die traditionellen Zivilisationsgrundlagen erheblich geschädigt hatte und zahlreiche damit einhergehende Naturkatastrophen weite Landstriche der USA kaum bewohnbar gemacht hatten, fanden sich viele Grüne und andere Aussteiger informell zusammen, um eine alternative Siedlung zu gründen: Cascadia. In der Stadt ist die Gemeinschaft sehr egalitär und anarchistisch – man sucht sich eine Arbeit und erhält dafür eine Gegenleistung. 'Staatliche' Kontrolle gibt es so gut wie keine. Dennoch ist die Gemeinschaft sehr erfinderisch und produktiv – viele Technologien werden entwickelt und als open source der Restwelt zur Verfügung gestellt. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten beim alten Kapital außerhalb der Siedlung. Die Cascadier versuchen sich einerseits mit einer extrem sanften Siedlungsform in den Wäldern des pazifischen Nordwestens zu verbergen – es gibt keine Wärmezentren und auch sonst kaum wahrnehmbare Signaturen – und andererseits mit einer rigoros überwachten Grenze Infiltratoren draußen zu halten. Auf diese Gemeinschaft trifft nun der undurchsichtige Tygre, der selbst den überaus wachsamen Sicherheitschef Bashar beim ersten Treffen für sich einnimmt.

Lake legt eine leidlich straff und fokussiert geplottete Agentengeschichte mit einigen Infodumps vor. Er ist erzähltechnisch am variantenreichsten und experimentellsten – die Infodumps haben die Form von Lexikoneinträgen – verwendet aber bisweilen auch eine blumige Sprache; hier ein Teil der Beschreibung eines Nahkampfes: Sie tanzen, tödlich und wunderschön in der mondbeschienenen Dunkelheit am Rand einer alten abgebrannten Lichtung. – Ist das nun poetisch oder kitschig?

 

Tobias S. Buckell, Raumschiff Detroit (82 S.): Detroit ist eine ziemlich heruntergekommene Stadt. Sieht man von der halbwegs modernen Innenstadt ab, dann dominieren alte, verrottete Gebäude die Straßen – diese sind übrigens völlig löchrig. Die Häuser werden nicht mehr renoviert, weil sie niemanden gehören. Niemand kann sie kaufen, denn die eigentlichen Besitzer lassen sich kaum noch ermitteln – könnte man es, so können die Steuernachforderungen sie augenblicklich in den Ruin treiben. So leben die meisten Detroiter in den Ruinen, wenn sie nicht von den Eddies, den Sicherheitskräften des Dienstleisters Edgewater, vertrieben werden. Stratton, ein Ex-Militär, der jetzt als Rausschmeißer für eine Bar arbeitet, hält sich mehr schlecht als recht über Wasser. Zwar lebt er am Rande der Stadt – in der "Wildnis" – mietfrei in einem schönen, aber verfallenem Herrenhaus, doch das kann nicht ewig weitergehen, denn die Busse fahren immer unregelmäßiger und die Fahrpreise steigen ins Astronomische. Da erzählt Maggie, die Barkeeperin, von einigen Inst-Jobs: Man erledigt kleine, seltsame Aufgaben für einen Unbekannten und wird dafür gut bezahlt. Stratton könnte Geld gut gebrauchen, also meldet er sich. Er soll eine Eddie-Station überwachen. Ihm wird bald klar, dass etwas Großes ansteht, das die Eddies sehr nervös macht. Und er schliddert geradewegs in diese große Sache hinein.

Buckell skizziert seine Gesellschaft mit privatisierter Gewalt, dämonisierten Aktivisten (Demonstrationen ab einer gewissen Größe gelten als Terrorakte) und deren nicht immer freundlichen Aktivitäten an der Entwicklungsgeschichte eines innerlichen Aussteigers, der letztlich doch Stellung beziehen muss. Spannend und durchaus interessant.

 

Elizabeth Bear, Das Rot am Himmel ist unser Blut (60 S.): Cadie – Cadence Grange – lebt in Detroit. Während sie über das knappe Geld nachdenkt – selbst die zermatschten Orangen kann sie sich kaum erlauben – radelt sie zu ihrer Tochter, die streng verwahrt wird. Eigentlich ist ihre Tochter Firuza nur ihre Stieftochter; ihr Vater – und Cadies Ehemann – Tara entpuppte sich aber als so übles Schwein, dass sie nicht anders konnte, als mit Firuza zu flüchten. Auf dem Rückweg wird Cadie von einem zwielichtigen Typen angesprochen, der allerdings etwas zu viel über sie weiß – so bleibt ihr keine Wahl, als herauszufinden, wie der Hase läuft.

Bear vermengt Rätselgeschichte (Was will der Kerl von Cadie? Was ist Cadies Geheimnis?) mit den Wundern einer kleinen Utopie. Eine nette Geschichte, die eine Art Kontrapunkt zu Buckells Geschichte bietet; sie stützt sich mehr auf den Aspekt des Stammesverbandes. Leider gibt es auch Schwächen: Die Geschichte ist mit Klischees (die USA als Land der Möglichkeiten, der üble Bursche aus Osteuropa) und Kitsch (das einfache Landleben ist besser als das Stadtleben) versehen.

 

John Scalzi, Utere nihil non extra quiritationem suis (86 S.): New St. Louis steht gut da: Die Stadt ist foot-print-neutral, d. h., die ökonomischen und ökologischen Aspekte sind so geregelt, dass die Ressourcen nicht mehr weiter verbraucht werden. Vieles wird recycelt, noch mehr basiert auf regenerativen Ressourcen. Es geht der Stadt so gut, dass sie einen Nahrungsüberschuss produziert. Alle Bürger haben eine Arbeit, es gibt kein Geld mehr, nur noch Energiebudgets. Allerdings sind die technischen Errungenschaften auch sehr wertvoll und z. T. gefährlich: Im System ermöglichen sie ein effizientes foot-print-neutrales Leben, werden aber nur Teile verwendet, dann sind diese zwar erheblich effizienter, schädigen die Umwelt aber auch erheblich. Sollen diese Technologien nun den "Wilden" jenseits der Festung New St. Louis transferiert werden? Benjamins Mutter, ein führendes Mitglied des Exekutivkomitees, findet: Ja. Der wenig ehrgeizige Benjamin findet eher nicht, im Großen und Ganzen ist es ihm aber egal. Benji wird bald zwanzig, und nun besitzt nicht nur jeder in New St. Louis einen Arbeitsplatz, es besteht auch eine Arbeitspflicht – wer mit einundzwanzig noch keine Arbeit angetreten ist, wird ausgestoßen. So macht Benji sich als letzter seines Jahrgangs und schweren Herzens auf den Weg zum Einstellungstermin – ein Weg, der ihn in höchst ungewöhnliche Umstände führen wird.

Von Scalzi kommt eine humorige Bildungsgeschichte: Benji hat bisher ein privilegiertes Leben geführt, doch als Erwachsener ändert sich dies. Er ist zwar ein talentierter Junge, doch ohne Übung kommt man zu nichts, und so muss Benji unten anfangen, was er zunächst für eine Schweinerei hält. Flott, durchaus spannend erzählt und vor allem saukomisch. Ein echter Gewinn.

 

Karl Schroeder, Ins ferne Cilenia (80 S.): Gennadi Malianow ist ein bekannter Ermittler – seit er vor Jahren in Prypjat und Aserbaidschan seine als Heldentaten gefeierten Erfolge hatte, wendet man sich an ihn, wenn es um radioaktives Material geht. Gerade hat er den Fall mit den Becquerel-Rentieren gelöst, da spricht ihn auch schon der Interpolmann Lane Hitchens an: Es geht um gestohlenes Plutonium. Er wird zwei seltsame Mitstreiter haben: eine altmodisch aussehende Soziologin namens Miranda Veen, die angeblich ihren Sohn Jake sucht, und der Cyranoide Fraction, der angeblich ein geinsteter und erwischter Plutonium-Schmuggler ist und nun mit der Polizei einen Deal macht. Cyranoide sind autistische Menschen, die gelernt haben, den Anweisungen eines Marionettenspielers aufs i-Tüpfelchen zu folgen. Diese Anweisungen werden üblicherweise via Datenbrille übertragen – so kann der Marionettenspieler auf der ganzen Welt körperlich präsent sein, ohne selbst Schaden befürchten zu müssen. Von Fraction (dem Marionettenspieler) kommt dann auch der entscheidende Hinweis: Im open source-Spiel Rivet Couture, das die reale Welt mittels einer Datenbrille mit einer Steampunk-Textur überzieht, hat sich eine Verschwörung etabliert, die ihren eigentlichen Sitz im fernen Cilenia habe – es gilt einer Spur zu folgen, die sich nicht um die Grenzen zwischen Realität und Virtueller Realität schert.

Schroeder erkundet in seiner Mischung aus Utopie und Krimi die Möglichkeiten von Virtueller Realität und, wichtiger noch, Virtueller Identität. Ihm gelingt eine durchaus interessante Geschichte, die vor allem Diplomacy-Spielern Spaß bringen dürfte.

 

Fazit:

Metatropolis erkundet in fünf Geschichten urbanes Leben in einer nahen Zukunft – es reicht von den Aussteigern Cascadias über die Verlorenen des verfallenen Detroits und den Gewinnern New St. Louis hin zu virtuellen Städten, die dennoch real sind. Die Erkundungen gehen dennoch nicht all zu weit – keine Idee wird erschöpfend behandelt, manches erfordert nicht sonderlich realistische Prämissen. Ich will die Sammlung dennoch cyberpunk-affinen Lesern empfehlen, denn sie steckt voller Punk und ist mehrheitlich sehr unterhaltsam – Buckell, Scalzi und Schroeder liefern sehr runde Beiträge zur Soft SF.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Metatropolis

Original: Metatropolis (2009)

Herausgeber: John Scalzi

Übersetzer: Bernhard Kempen

Heyne, Oktober 2010

Taschenbuch, 412 Seiten

 

ISBN-10: 3453526848

ISBN-13: 978-3453526846

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Jay Lake – In den Wäldern der Nacht
  • Tobias S. Buckell – Raumschiff Detroit
  • Elizabeth Bear – Das Rot am Himmel ist unser Blut
  • John Scalzi, Utere nihil non extra quiritationem suis
  • Karl Schroeder – Ins ferne Cilenia

Weitere Infos:


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Erstellt: 25.02.2011, zuletzt aktualisiert: 11.06.2019 20:01