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Leseprobe: MORPHOGENESIS

Titel: MORPHOGENESIS

Autor: Michael Marrak

Originalauflage:

Juni 2005

Titelbild: Michael Whelan

Covertypografie und Umschlagsgestaltung: Gisela Kullowatz

Bastei Lübbe TB

684 Seiten, broschiert

ISBN 3-404-24339-0

Erhältlich bei: Amazon

 

Die Entdeckung einer sechsseitigen Pyramide in der Libyschen Wüste veranlasst den Archäologen Hippolyt Krispin, eine private Ausgrabung zu finanzieren. Schnell steht fest: das verwitterte Bauwerk ist weitaus älter als vergleichbare Pyramiden. Ein tragischer Unfall, der die Grabungsarbeiten überschattet, gibt der ägyptischen Antikenverwaltung jedoch den ersehnten Anlass, die archäologische Sensation zu annektieren. Bevor die Behörden das Grabungsfeld besetzen lassen können, gelingt es den Forschern, ins Innere der Pyramide vorzudringen - und damit unbewusst eine Tür zu öffnen zu einer Welt, die nie zuvor ein lebendes Wesen betreten hat: die Duat, das Totenreich der alten Ägypter.

 

Bald muss Krispin am eigenen Leib erfahren, dass die sagenumwobene Jenseitswelt sich auf erschreckende Weise verändert hat: Wo einst der Strom der Seelen floss, erstreckt sich nun eine endlose Stadt, die die Höllen zahlloser irdischer Kulturen in sich vereint. Aber sind die Verdammten, die sie bevölkern, tatsächlich die Seelen von Menschen? Und was hat es mit den Paraboliden auf sich, riesigen Flugkörpern, die bei Nacht über der Stadt kreisen?

 

Auf seiner Odyssee durch die Nekropole findet Krispin immer mehr Hinweise auf eine Katastrophe, die die Duat zu dem werden ließ, was sie heute ist. Ein unheilvoller Prozess, der einst auf der Erde begann - in einem Zeitalter, das von den alten Ägyptern Tep Zepi genannt wurde, die Dynastie der Götter. Und tief unter der Stadt existiert eine Äonen alte Maschine, die womöglich alle Fragen auf das Inferno und die menschliche Schöpfung beantworten könnte …

 

 

 

Leseprobe:

Nekropalladium 16

Ein Auszug aus dem Roman MORPHOGENESIS

 

Es wurde tatsächlich dunkler …

Der Himmel verfinsterte sich jedoch nicht, wie ich es von der Erde gewohnt war, sondern gleichmäßig, als würden sich nur noch mehr Wolken zusammenballen und das Sonnenlicht schlucken. Falls diese Stadt sich auf einem fernen Planeten befand, der sich nur quälend langsam um seine Achse drehte, musste die Dunkelheit trotz der dichten Wolkendecke von einem Horizont zum anderen wandern. Da dies nicht geschah, musste es eine künstliche Umgebung sein, ein exorbitanter Kuppelbau oder eine weitläufige Halle, hermetisch abgeschirmt von der Außenwelt. Womöglich eine Art Extrem-Biosphäre, geschaffen, um herauszufinden, wie lange Menschen einer vom Chaos regierten Welt standhielten, ohne psychische Schäden davonzutragen; eine Stresswelt aus fingierten Alpträumen, religiösem Terror und Gewalt, konstruiert, um die Auslöser und Folgen jeglicher Art von Kriegstraumata zu erforschen.

Falls dem so sein sollte, konnte ich garantiert nicht der einzige Proband sein, den man hierher verschleppt hatte. Es musste Leidensgenossen geben, die ebenfalls gefangengehalten und mit Drogen vollgepumpt wurden. Irgendwo in dieser Stadt. Womöglich sogar in dieser Festung …

Ich sah hinauf in den Pseudohimmel. Mit Sicherheit verwehrten künstliche Wolken den Blick auf das Hallendach; auf unzählige Scheinwerfer, Nebelmaschinen und die in die Kuppel integrierten Kontrollräume. Zweifellos war die Sphäre in Wirklichkeit wesentlich kleiner als sie wirkte, und ihre endlose Weite wurde an die Kuppelwände projiziert und lediglich vorgegaukelt.

Sollte dies aber tatsächlich das Inferno, die Duat, der Scheol oder weiß Gott was für ein verdammter Ort sein, durfte ich annehmen, dass astronomische Abläufe, wie ich sie von der Erde kannte, nur bedingt stattfanden. Vielleicht existierte keine Sonne. Vielleicht gab es außer dieser Welt überhaupt keine Sterne oder Planeten; keinen Mond, der Gezeiten verursachte, keinen Asteroidengürtel und keinen kosmischen Staub, der sich als Sternschnuppen in die Atmosphäre verirrte. Ein leeres, ewig finsteres Paralleluniversum, in dem nur ein einsamer düsterer Planet trieb. Eine Welt, deren Herrscher sich nach der Vielfalt eines lebendigen Universums sehnten und alles taten, um das Leben zu kopieren. Unsterbliche Kreaturen, die nicht in der Lage waren, diese Dimension zu verlassen; denen die äonenlange Einsamkeit und Leere ihres Universums nach und nach den Verstand geraubt hatten, und für die die Pein ihrer künstlichen Schöpfungen mittlerweile das einzige Vergnügen darstellte, das sie noch zu empfinden vermochten …

Nachdenklich lehnte ich mich ans Fenster. Mit der Dämmerung verließen auch die Kinder ihr unterirdisches Reich. Zu Hunderten strömten sie aus den Kanälen, deren Mündungen über Kilometer hinweg das Ufer säumten. Auf der anderen Flussseite, im Haus gegenüber, tauchte ebenfalls eine schattenhafte Gestalt am Fenster auf und beobachtete die nackten Körper, die lärmend ins Wasser sprangen. Die Breite des Flusses betrug an dieser Stelle vielleicht fünfzig Meter. Vom Fundament des Turms bis zum Felsufer der Insel waren es etwa vier Meter. Die Kinder trieben mit ihren Dimetrodon-Rückenflossen wie bizarre Segelboote durchs Wasser, während sie einander mit Algen und Schlamm bewarfen.

Mit dem Einbruch der Nacht veränderten sich auch die Geräusche der Stadt. Im Grunde wurde es leiser, doch die Laute, die dafür einsetzten, waren umso Furcht erregender. Wehe jenen, die bisher kein Versteck gefunden hatten …

Zum ersten Mal bemerkte ich nun, dass die gesamte Stadt glühte. Es waren nicht die Wohnungen der Häuser oder gar das Gestein, das leuchtete, sondern die Zwischenräume. Die Stadt glühte wie eine Neonmetropole im Dunst, flackernd und blitzend, fast so, als hätten ihre Bewohner überall auf den Straßen riesige Feuer entfacht, um Autodafés zu zelebrieren …

Gesang war zu hören. Er klang dumpf und weit entfernt. Ich beuge mich vor, um ein paar Brocken davon zu verstehen, und wurde auf die Lichtfinger aufmerksam. Patrouillenboote kreuzten lautlos auf dem Fluss, grauschwarze Schatten, die ihre Suchscheinwerfer über das nachtschwarze Wasser, die Häuserfronten und die Öffnungen der Schächte wandern ließen. Über den Verlauf der Wasserstraße hinweg blickend, erkannte ich Dutzende von Lichtsäulen.

Ein tiefes, rhythmisches Surren brachte die Mauern zum Vibrieren und ließ mich aufschauen. Über den Turm schob sich der Schatten eines Paraboliden. Ein innerer Instinkt riet mir, mich zu ducken, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Über den Fenstersims hinweg beobachtete ich das monströse Flugobjekt. Es ähnelte in seiner Form einem an der Spitze abgerundeten Kegel mit einem Bodendurchmesser von über fünfzig Metern und war völlig unbeleuchtet. Seine Besatzung brauchte dennoch keine unerwartete Kollision zu befürchten, denn außer den Paraboliden war es Elijah zufolge keinem anderen Flugobjekt erlaubt, den Luftraum über der Stadt während der Dunkelphase zu verletzen. Wer es dennoch tat, wurde ohne Vorwarnung abgeschossen.

Ich hob meinen Kopf, fasziniert von dem Geschehen, das sich am Nachthimmel abspielte. Dutzende der wuchtigen Schiffe sanken aus den Wolken herab, wachsame Giganten, deren Kameras unablässig das Geschehen in den Straßen und Gassen, den Kanälen und Hinterhöfen beobachteten und das Treiben der Menschen observierten. Wenn ich Elijahs Worten Glauben schenken durfte, wurden selbst die unmittelbar unter den Hausdächern gelegenen Wohnungen von den Kameras der Unsichtbarkeit entrissen. Büßer, die in Ungnade fielen, wurden daher mit Vorliebe in die Dachwohnungen einquartiert.

„Es existiert eine Maxime in dieser Stadt“, hatte Elijah erklärt. „Privilegierte und Diener der Herrschenden genießen Immunität und Privatsphäre in den Untergeschossen – mit schalldichten Wänden und Türen und strahlenisolierten, nach außen verspiegelten Fenstern. Bürger mit geringfügigem Strafregister werden der Schallisolierung und Verspiegelung beraubt. Wiederholungstäter und mittelschwere Fälle werden zur eindeutigen Warnung in die oberen Geschosse verlegt – in Wohnungen, die unmittelbar unter den gefürchteten Dachwohnungen liegen, mit Fenstern ohne Scheiben, um den Paraboliden uneingeschränkte Einsicht zu gewähren. Die Unverbesserlichen steckt man in die Mansarden – oder verfrachtet sie sofort in die Bußsektoren.“

„Das bedeutet, dass nicht die gesamte Stadt der Strafe dient“, hatte ich daraus geschlossen.

„Strafe ist ein dehnbarer Terminus“, hatte Elijahs Antwort gelautet. „Ob man bis in alle Ewigkeit von anderen gepeinigt wird oder einen Hoffnungslosigkeit und Langeweile quälen, bleibt sich letzten Endes gleich.“

„Wer steuert die Paraboliden? Die Chroner?“

„Ich kenne niemanden, der bisher das Innere eines solchen Luftschiffes erblickt hat“, hatte der Rabbiner zugegeben.

„Vielleicht steuern sie sich selbst“, hatte Byron eingeworfen. „Wie fette, schwarze Drohnen. Sie sind nicht auf Licht und Suchscheinwerfer angewiesen wie die Patrouillenboote auf dem Fluss oder in der Lagune. Den Kameras unter ihren Metallbäuchen entgeht kaum eine Bodenbewegung, ganz zu schweigen von ihren Strahlenkanonen.“

Ich sah dem gigantischen Schatten über dem Turm hinterher. Das bedächtig um seine Längsachse rotierende Schiff schwebte langsam über den Fluss und verschwand schließlich im Dunst. Erst als die schwarze Masse kaum noch zu sehen und ihr Surren eins geworden war mit den Geräuschen der Stadt, trat ich von meinem Beobachtungsposten an der Fensteröffnung zurück.

Es war an der Zeit, Antworten zu suchen …

 

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Erstellt: 02.06.2005, zuletzt aktualisiert: 29.01.2015 21:45