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Napoleon und die Deutschen

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

Aus den Wirren der französischen Revolution trat ein Mann hervor, der mehr noch als der Befreiungssturm der Massen, das Gesicht Europas verändern sollte: Napoleon Bonaparte. Dem Korsen gelang innerhalb weniger Jahre eine beispiellose Karriere - vom Revolutionsgeneral schwang er sich schließlich zum ersten Mann im Staate und sogar zu einem gekrönten Haupt auf, dem ersten Kaiser von Frankreich.

Nur gut 15 Jahre dauerte seine Herrschaft, aber sie sollte Europa für immer verändern. Vor allem Deutschland.

 

Was er und seine Regierungszeit für unser Land bedeuteten zeigen Georg Schiemann, Elmar Bartelmae und Steffen Schneider in ihrer vierteiligen Dokumentation. Sie haben dafür ausgiebig recherchiert, um die damals lebenden Menschen selbst sprechen zu lassen.

In Spielszenen leben die Briefe, Berichte und Erzählungen aus den Anfangstagen des 19. Jahrhunderts noch einmal auf und schildern am Schicksal ganz normaler Menschen, welche Auswirkungen die Revolution und Napoleons Herrschaft auf die Menschen hatten. Denn im Gegensatz zu England leistete das in viele kleine, rivalisierende Staaten zerfallene Deutschland keinen oder nur kaum Widerstand gegen den Eroberer aus dem Westen. Nicht einmal Preußen konnte seinem Vordringen ewig stand halten.

Zunächst einmal sind die Auswirkungen eher gering. In den bereits an Frankreich gefallenen Gebieten und den angrenzenden Ländern wird Propaganda gegen die Fürsten gemacht. Die Vorzüge der Revolution werden gepriesen und stacheln die Menschen an. Vor allem junge Menschen aus dem Bürgertum zeigen sich von den Idealen der Freiheit und Gleichheit begeistert.

Manch ein Fürst - ob nun weltlich oder klerikal, zieht sich lieber zurück und überlässt dem Pöbel das Feld, wenn er merkt, dass er keine Chance mehr hat und es besser ist, die Pfründe in Sicherheit zu bringen.

All das führt zu nachhaltige Veränderungen. Alte Werte werden über den Haufen geworfen und durch neue ersetzt. Die Macht der Kirche wird zerstört, viele Kirchen entweiht und der Sonntag gestrichen. Eheschließungen sind nun nicht mehr eine lebenslange Verbindung vor Gott, sondern eine Sache des Staates und können jederzeit geschieden werden.

Es ist nicht abzuleugnen, dass sich gerade für das Bürgertum viel ändert. Es gewinnt an Macht und Einfluss, denn nicht mehr länger ist die Geburt entscheidend für eine Karriere, sondern das eigene Geschick, das Glück und genügend Geld. Die Klassenschranken sind nicht mehr undurchdringlich, sondern durchaus löchrig für den geworden, der es klug anstellt. Selbst wenn man von Adel ist kann man noch Vorteile aus der ganzen Sache ziehen, wie zum Beispiel ein Graf Belderbusch, der persönliches Glück mit einer Wirtstochter findet, nachdem er sich von seiner Ehefrau hat scheiden lassen.

Napoleon hat leichtes Spiel. Schon bald stehen weite Teile des ehemaligen „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ unter seiner Kontrolle - als Staatengebilde erlischt es im Jahre 1806. Er setzt ihm genehme Gouverneure oder Fürsten an die Spitze der Länder. Nicht nur Städte wie Aachen oder Köln werden in Aix-la-Chapelle oder Cologne umbenannt, auch französisches Recht wird eingeführt. Selbst in Preußen wird die Leibeigenschaft abgeschafft – aber nicht unbedingt zu Lasten der Gutsherren. Noch Generationen werden zum Beispiel die ostpreußischen Bauern an den Entschädigungssummen für ihre Herren zahlen müssen, ehe sie wirklich frei sind.

Die sorgfältig recherchierten Quellen aus den Jahren 1799 bis 1813 zeichnen ein differenziertes Bild: Viele wissen durchaus die Vorteile zu schätzen, die sich ihnen bieten und sind durchaus bereit ihren Anteil an der Revolution zu leisten. Sie erkennen die Vorteile, die sich ihnen und ihrer Umgebung bieten und nutzen sie auch aus - sei es nun zum persönlichen Vorteil oder für die Allgemeinheit.

Andere wieder betrauern den Verlust zu vieler alter Werte, denn der Verlust von Glauben und Sicherheit wirft nicht wenige aus der Bahn. Und nicht jeder ist über die Entwicklungen glücklich, weil er die geheimen Absichten erkennt und die Lügen durchschaut, die man ihm und den anderen auftischt.

Schließlich kommt nach der anfänglichen Begeisterung Ernüchterung über die Deutschen, denn Napoleon bringt auch Leid und Schmerz über die Bevölkerung. Für die Feldzüge des maßlos gewordenen Napoleon Bonaparte werden gnadenlos Männer und Vorräte requiriert, die nicht nur die Dörfer ausbluten sondern auch vielen Familien die Ernährer und Unterstützer nehmen. Zehntausende sterben auf dem in einem Desaster endenden Russlandfeldzug, von dem die Soldaten wie der Förster Fleck in seinem Büchlein, zunächst mit Begeisterung, dann aber mit immer größer werdenden Entsetzen und Verzweiflung berichten.

Mit dem Rückzug beginnt auch der Anfang vom Ende. Widerstand gegen Napoleon regt sich nicht nur im Adel, sondern auch in den unteren Schichten.

Als die Herrschaft des Franzosen im Jahre 1815 endlich ein Ende findet, beginnt man zwar den Status Quo wieder her zu stellen, aber einige Veränderungen sind trotz aller Versuche der Fürsten und Bischöfe nicht mehr rückgängig zu machen: Das Ende der Klassenschranken und nicht zuletzt auch die Ideen von Einigkeit und Recht und Freiheit, die vor allem im erstarkten Bürgertum und unter den Gebildeten aufgegangen sind und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten reifen werden.

 

All das beinhaltet die ca. 210 min lange Dokumentation, die die historische Zeitlinie als roten Faden benutzt, aber immer wieder abweicht, um die Entwicklungen anzudeuten, die durch diese oder jene Veränderung ihren Anfang nahmen, sich aber erst in vielen Jahrzehnten äußern werden. Durch die Spielszenen, die auf Augenzeugenberichten beruhen, bekommt man ein sehr facettenreiches Bild dieser Epoche geboten, denn die Revolution und Napoleon nahmen nicht nur auf politischer, sondern auch auf kultureller und geistiger Ebene großen Einfluss auf die Menschen in Deutschland. Indem lebendige Menschen agieren und zeigen, wie sie auf die Veränderungen reagieren wird Geschichte viel unmittelbarer, nachvollziehbarer und lebendiger. Unwillkürlich beginnt man mit der ostpreußischen Bauersfrau, der jungen Freifrau, dem Förster Fleck während des Russlandfeldzuges zu fühlen und beginnt zu verstehen, welche Aspekte in dieser Zeit für sie bedeutsam waren, egal ob sie nun alles mitbekamen oder nur Gerüchte.

Die Autoren und Regisseure zeigen die Wechselwirkung zwischen dem erstarrten und unbeweglich gewordenen Gesellschaftssystem in Mitteleuropa, dass sich im Westen bereits überlebt hatte – wie sehr man auf der einen Seite die neuen Ideen annahm, aber dennoch damit haderte, die alten Werte ganz von sich zu weisen.

Sie beschreiben die positiven Auswirkungen, die auch nach dem Ende der Herrschaft Napoleons nicht auszutilgen waren, schweigen aber ebensowenig über die negativen Seiten, die Land und Leuten sehr viel gekostet haben.

Dabei setzten sie auf eine natürliche Darstellungsweise, die auf den ein oder andere vielleicht behäbig wirken mag, es aber nicht ist. Von der Sensationsgeilheit amerikanischer Dokumentationen ist nichts zu spüren, dafür werden die Informationen um so einprägsamer und glaubwürdiger vermittelt.

 

 

Fazit:

Das macht „Napoelon und die Deutschen“ zu einer beispielhaften Dokumentation über einen sehr interessanten Abschnitt unserer Geschichte, der bis in die heutigen Tage Auswirkungen zeigt. Und da die historischen Fakten sehr unterhaltsam präsentiert werden ist auch das Zuschauen ein Genuss.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205191202a8f18f19
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DVD:

Napoleon und die Deutschen

Buch und Regie: Georg Schiemann, Elmar Bartelmae und Steffen Schneider

Deutschland,

Bildformat: 16:9

Synchro: dt.& franz. (2.0), Untertitel: dt.

Spieldauer: 208 min (4 x 52 Min.), Extras: Making of, 2 DVD

FSK: Ohne Altersbeschränkung da Infoprogramm

Polyband & Toppic Video/WVG, erschienen 14. Dezember 2007

 

ASIN: B000WMDNI2

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 11.01.2008, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01