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Next BANG! von Pat Mooney

Wie das riskante Spiel mit Megatechnologien unsere Existenz bedroht

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

 

Next BANG! ist eine Sammlung verschiedener Textarten von Pat Mooney. Es gibt fünf Erzähltexte, die zwischen vierzehn und vierundsechzig Seiten lang sind, und acht Sachtexte, die zwischen acht und sechsundzwanzig Seiten lang sind. Thema sind die BANG-Technologien: Bits, Atome, Neuronen und Gene – in Washington heißt die zugrunde liegende Idee "NBIC" (Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und kognitive (cognitive) Wissenschaften), in Brüssel "CTEKS" (Conveging Technologies for the European Knowledge Society). Es geht dabei um die Vorstellung, dass die genannten Forschungsgebiete immer mehr aufeinander zu streben und wenn sie letztlich miteinander verschmelzen etwas auslösen, dass SF-Leser eher als "Singularität" bekannt sein wird. Der ambivalente Name "BANG" ist Programm. Bang, das ist die Explosion, die Häuser und Brücken zerstört, aber auch Wege frei sprengt, das ist der Urknall, der unser Dasein erzeugte, aber auch der vergewaltigungshafte "Fick", der uns entwürdigt. Wohin die Angelegenheit in den Augen des Autors strebt, wird klar, wenn er die Profiteure des Bangs die "Gang" nennt.

 

Nach der Einleitung Ein Ausblick auf 2035 (8 S.), die kurz die BANG-Technologien erläutert, beginnt die erste Geschichte: China Sundown – Weiter so: Geo-Piraterie (64 S.). Der Leser folgt mit der chinesischen Journalistin Suyan Wu den Ereignissen bis ins Jahr 2035 unter der Prämisse, dass die (vom Autor wahrgenommenen) Tendenzen weitergeführt werden. Suyan pflegt eine langjährige Hass-Liebe zum kanadischen Wissenschaftler Qi Qubìng, beginnt eine Affäre mit der äthiopischen Diplomatin Alitash Teferra und erlebt den Verfall der Welt mit, der von auf Profit ausgerichteten und daher scheiternden Geo-Engineerig und der damit verknüpften Korruption dominiert wird; nach biosynthetisch erzeugten Bakterien und Nanofiltern ist der Höhepunkt das künstliche Zünden von Vulkanen, um für die Länder des Nordens den Klimawandel abzumildern. Im anschließenden Sachtext-Komplex werden die Grundlagen und Wahrscheinlichkeiten der aufgezeigten ökologischen, gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen diskutiert. Was ist mit der Zukunft geschehen? (18 S.) reißt die geschichtsphilosophische Frage an, ob die menschliche Geschichte wohl eher ein stetiger Fortschritt oder als eine Pendelbewegung anzusehen sei – Mooney mahnt zur Vorsicht: Zwar hat sich die Menschheit bisher nicht komplett vom Erdball tilgen können, aber es hat genügend Gesellschaften gegeben, denen es gelungen ist; die Existenz einer globalen Gesellschaft stellt also den Fortbestand der gesamten Menschheit infrage, nicht bloß den von Teilen, wie es in vergangenen Zeiten war. Außerdem wird ein knappster Überblick über Themen wie Nanotechnologie, Biosynthese, Geo-Engineering, Pandemien oder die gläserne Gesellschaft gegeben. Der Text BANG! Technologische Konvergenz im Nanobereich (17 S.) geht dann näher auf die positiven wie negativen Möglichkeiten der BANG-Technologien ein und der Text GANG! Die Konvergenz von Politik und Wirtschaft (26 S.) auf die Instrumentalisierung von Politik und Wissenschaft für wirtschaftliche Zwecke – Gesetze sind eben eine Waffe in der Hand der Lobbyisten. Die Sorge vor der "Massiv gewalttätigen Person" erlaubt eine immer schärfere Kontrolle der Zivilgesellschaft. Auch Psychologie und Sozialwissenschaften tragen dazu bei: Die Pharma-Industrie verdient das meiste Geld nicht mit heilenden Medikamenten und auch nicht mit symptomlindernden Medikamenten, sondern mit solchen, die Gesunden ein besseres Gefühl geben. Der Text GONE! Gemeinsam gegen das Klima – Geo-Engineering als Geo-Piraterie (16 S.) zeigt vor allem die Gefahren des Geo-Engineering auf – und, dass die Angelegenheit weitweniger SF ist, als man denken mag. Mit Kurswechsel: Wie sehen die Zukunftsoptionen aus? folgen drei Erzähltexte. In Kurs Nr. 1: Politik – Auf dem Berggipfel Wache halten (39 S.) folgt der Leser der Inderin Anita Krishna, die die Organisation WHO Watch gründet, um den Einfluss der multinationalen Konzerne auf die WHO aufzudecken und entgegenzutreten; dabei geht es um Gesetzesvorlagen und Verträge – etwa um die sorgfältige Archivierung veralteter Technologien, um sie im Zweifelsfall nicht neu erfinden zu müssen, und die öffentliche Kontrolle neuer Technologien via an Wikipedia angelehnte Technologypedia. In Kurs Nr. 2: Frieden – Der Weg aus der Schlacht (33 S.) begleitet der Leser dem äthiopischen körperlich behinderten Abebe Jideani, der zunächst Lastwagen für die UNO durch Krisengebiete fährt und langsam einen Platz bei den Friedensaktivisten einnimmt, und der schwedischen Gewerkschafterin Inga Thorvaldson, die bereits seit ihrer Kindheit in jenem Bereich aktiv ist, durch die Jahre; auch sie entdecken, dass Kriege aus wirtschaftspolitischen Gründen geführt werden – und dass die Gang ihren eigenen Versprechungen hinsichtlich der Nanotechnologie nicht traut und entsprechend einen Plan B vorbereitet. In Kurs Nr. 3: Menschen – Visionen von der Peripherie (29 S.) liest man von der Bolivianerin Marta Flores, die zunächst einfach als Andenbäuerin engagiert verbesserte Quinoa-Sorten züchtet, nach und nach aber ein transnationales Austauschprogramm von Germoplasma unter Bauerngemeinden der Peripherie aufzieht – sie stellt fest, dass die Gang nicht davor zurückscheut, ihre Interessen via Staatsgewalt durchzudrücken und auch die NGOs nicht immer hilfreich, sondern bisweilen arrogant und ausbeuterisch sind, es aber dennoch immer wieder wertvolle Kontakte gibt und gemeinsam öffentlicher Druck aufgebaut werden kann. Der folgende Sachtext Kurswechsel: Was ist möglich? (9 S.) diskutiert die Wahrscheinlichkeiten der drei Kurs-Erzählungen. Dann folgt der letzte Erzähltext Gemeinsamer Kurs: Gemeinschaft im Alten Haus (14 S.), in dem die Protagonisten der früheren Erzählungen zusammenkommen, um ihre Siege zu feiern und über neue Wege nachzudenken; dabei wird klar, dass sie längst nicht einer Meinung sind und gelegentlich persönliche Eitelkeiten die Gemeinsamkeiten überdecken – doch nur zusammen konnten sie erreichen, was sie erreicht haben. Einen abschließenden Ausblick bildet der Sachtext Über Kurswechsel und das halb volle Stundenglas – eine bessere Zukunft (als das in der ersten Geschichte China Sundown entworfene Schreckensszenario) ist möglich, aber man muss dafür kämpfen.

 

Offenkundig soll diese Textsammlung den Leser hinsichtlich der Gefahren einiger neuer Technologien aufrütteln. Hierin gleicht es den üblichen Dystopien à la, George Orwells 1984 oder Anthony Burgess' A Clockwork Orange. Allerdings nur bedingt: Die klassische Dystopie warnt eher vor gesellschaftlichem Wandel, Aldous Huxleys Brave New World oder James Graham Ballards Paradiese der Sonne warnen am Rande vor technologischen bzw. ökologischen Veränderungen, die gesellschaftlichen Wandel nach sich ziehen. Next BANG! macht dies zum zentralen Thema. Überhaupt ist das eine der Stärken der Sammlung: Es geht um Vernetzung, Verkettung und Wechselwirkungen. Im Positiven wie im Negativen: Da ist das Verschmelzen zwischen den Wissenschaften, die zu einer Singularität à la Charles Stross' Accelerando führen (allerdings blickt Next BANG! nur bis zum Jahr 2035 und bleibt damit einigermaßen gemäßigt; auch sind die technischen Nova weniger anorganische Cybertech wie in William Gibsons Neuromancer, sondern mehr organische Biotech wie in Margaret Atwoods Oryx und Crake), da ist die Instrumentalisierung von Politik und Gesellschaftswissenschaften für wirtschaftliche Zwecke und die Vernetzung der Aktivisten – es ist quasi ein Spiel zwischen Gang und Zivilgesellschaft, in dem die Gang (Fehl-)Informationen, Gesetze, Verträge und Gewalt nutzt, um die Zivilgesellschaft von den Vorteilen der eigenen Maßnahmen zu überzeugen und zugleich den Widerstand dagegen zu spalten und minimieren, während die Aktivisten auf jenen Feldern dagegenhalten müssen. Eine weitere Stärke ist die sorgfältige Recherche. Mooney greift eben nicht nur ein paar angedachte Ideen von Forschern auf und spekuliert, was in einiger Zukunft daraus geworden sein mag, sondern analysiert vergangene und gegenwärtige Trends und verlängert sie in die Zukunft – ob man ihm da immer folgen mag, wird jedoch vom Hintergrund des Lesers abhängen. Die dritte Stärke ist die Randständigkeit der Figuren: Sie kommen nicht aus den Machtzentren, sondern von der Peripherie, die Protagonisten sind keine 'starken' Männer, sondern Frauen und 'benachteiligte' Männer – Abebe ist behindert und Qi ist stets ein Wackelkandidat, egal auf welcher Seite er gerade steht. Die Schurken sind dann (zumeist) Männer aus den Machtzentren. Manch einer mag darin alberne politische Korrektheit sehen, gleichwohl aber hier dieselbe einfordern – wenn auch nicht mit expliziten Worten.

Nichtsdestoweniger fällt es nicht leicht, ein eindeutig positives Urteil über die Textsammlung zu sprechen. Die Sachtexte sind fundiert geschrieben, wenn auch eindeutig aus der Position des Aktivisten – hier wäre bisweilen etwas mehr Ausgewogenheit wünschenswert. Auch wird die Seite der BANG-Positivisten zu wenig differenziert – Mooney geht so weit, darin eine Art Verschwörung zu sehen, wenn auch nicht im juristischen Sinne. Hier wäre ein Nachdenken über das System – Stichwort "Gefangenendilemma" – hilfreich gewesen. Gänzlich eigenwillig fallen jedoch die Erzähltexte aus – sie lassen sich kaum als Erzähltexte fassen, da ihnen die dafür nötige Dramaturgie weitgehend abgeht, auch die Figuren sind eher Strichmännchen (bzw. –mädchen); die Texte sind beinahe reiner 'Weltenbau' mit starker temporaler Achse – eben fiktive Geschichtschroniken. Dies wird vor allem durch die Erzähltechnik befördert: Die Erzählsituation ist recht objektiv und bietet wenig Nähe zu den Figuren; erzählte Zeit und Erzählzeit klaffen ebenso weit auseinander – oftmals wird ein Zeitraum von über dreißig Jahren auf etwa dreißig Seiten abgehandelt. Als Kunstwerk geben die Texte wenig her, als Unterhaltung noch weniger (obgleich sie nicht komplett staubtrocken sind: Es gibt eine Reihe von Anspielungen auf die Pop-Kultur in Form von Star Trek, Buffy the Vampire Slayer und dergleichen mehr – mein Liebling ist "Tod durch 1.000 Konferenzen"; auch die Vorhersagen sind nicht immer völlig ernst – etwa dass 2035 die NGO CARE mit einem Konzern zu TupperCARE fusioniert).

Am besten funktioniert es also als Sachtext; die Texte sind informativ und durchaus anregend, auch wenn man sie zwar nie für bare Münze nehmen sollte, sollte man sie ebenfalls nie leichtfertig von der Hand weisen. Die behandelten Themen drängen darauf weiterverwendet zu werden. Vielleicht nutzt man die Sammlung als 'Steinbruch': Man sucht sich die Elemente heraus, die man benötigt, liest und denkt ein wenig darüber nach und baut sie dann in sein eigenes 'Haus' ein, sei es eine Forendiskussion, ein Kaffeeklatsch oder eine SF-Geschichte. Vielleicht wäre dieser Umgang dem Autor am liebsten.

 

Fazit:

Mit dreizehn Texten entwirft Mooney verschiedene Möglichkeiten zukünftiger Entwicklungen – werden wir die BANG-Technologien sorgsam zugunsten der Allgemeinheit einsetzen oder werden einzelne Profiteure für kurzfristige Gewinne die Welt an den Abgrund steuern? Als Unterhaltung taugt die Textsammlung nicht, dafür fehlt es den Erzähltexten zu sehr an Dramaturgie; als Sachbuch ist es nur begrenzt ernst zu nehmen, obwohl sorgfältig recherchiert wurde, da es sehr klar Stellung bezieht. Nichtsdestoweniger sind die Texte informativ und anregend – wer von ungewöhnlicher Position aus einen Blick auf mögliche Entwicklungen werfen will, bekommt hier die Gelegenheit dazu.

 

 

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Sachbuch:

Titel: Next BANG! Wie das riskante Spiel mit Megatechnologien unsere Existenz bedroht

Reihe: ---

Original: BANG! What Next? Collusion, Convergence or Changes in Course?

Autor: Pat Mooney

Übersetzer: Friedrich Pflüger und Werner Roller

Verlag: oekom

Seiten: 317 Gebunden

Titelbild: Diana Sarto

ISBN-13: 978-3-86581-212-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.04.2011, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 11:22