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Nova 25 herausgegeben von Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Mit der Nummer 25 verlässt das Science-Fiction-Magazin Nova den Amrûn Verlag. Zudem verabschiedet sich Olaf. G. Hilscher als Herausgeber. So gibt es neben dem gewohnten Vorwort dieses Mal verabschiedende Worte von Olaf und von Verleger Jürgen Eglseer. Der Abschied fand nicht ohne Kontroversen statt, so Jürgen. Die lange Wartezeit auf die Nummer 25 dürfte nur eines der sichtbarsten Zeichen dieser internen Probleme gewesen sein.

 

Mit dreizehn Geschichten ist das Magazin dennoch prall gefüllt. Den Anfang machen darf Dirk Alt mit Die totale Obsoleszenz.

 

In einer nicht allzu fernen Zukunft hat sich die Menschheit geistig von ihren Wurzeln fortentwickelt. Das Interesse an den Kulturgütern der Vorfahren ist fast erloschen. Eine Redakteurin für Lokalnachrichten besucht die von der Schließung bedrohten ARCHIVE. Hier trifft sie auf den letzten Archivar einer digitalen Datenwelt, die niemanden mehr interessiert und die niemand mehr abrufen kann …

 

Dirk Alt wirft einen deprimierender Blick auf das, was durch Digitalisierung verloren gehen könnte. Die komplizierte Erzählersprache soll einen Gegensatz zum Sprech darstellen, in dem man sich in jener Zukunft verständigt. Die doch recht handlungs- und spannungsarme Story hätte vielleicht durch eine konsequente Nutzung der zukünftigen Sprache gewonnen.

Michael Wittmann illustriert die Szenerie mit einer kraftvollen Zeichnung.

 

 

Obwohl man sich im Vorwort brav dafür entschuldigte, dass in der letzten Nova-Ausgabe der Übersetzer der Gaststory verschwiegen wurde, wiederholt sich das Missgeschick prompt bei Gustavo Bondonis Zehnte Umlaufbahn.

 

Der argentinische Autor lässt ein Energiewesen auf einem zehnten Planeten die Marserkundung beobachten.

 

Der weitschweifige und ganz auf eine poetische Innensicht fixierte Text wird jedoch schnell langweilig. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, warum die Redaktion diese Story für veröffentlichungswürdig hielt. Vielleicht sollte man eher solche Informationen anstelle von Redaktionsinterna in das Vorwort packen.

 

 

C. M. Dyrnberg lässt in seiner Geschichte Intervention einen Müllmann anlässlich eines seltsamen Besuchers eine Reihe von Interventionen Revue passieren, die er durchführte, um das Leben auf einer Weltraumstation in seinem Sinne anständiger zu gestalten.

 

Amüsant erzählt, eine moralisch fragwürdige Aktion – also eigentlich eine perfekte Kombination für eine SF-Story. Aber C. M. Dyrnberg liefert zu wenig Charakterisierung seiner Figur, sodass ihre Motivation schwammig bleibt.

Ein klares Bild der Figuren gewinnt man jedoch durch die Portraits in der Zeichnung von Chris Jascuk, die man nach der Lektüre schnell zuordnen kann.

 

 

Wie schon mit Vor dem Fest oder Brief an Mathilde in Nova 24 besticht Marcus Hammerschmitt in Entkoppelt mit einer sensibel erzählten, atmosphärischen Geschichte.

 

Im Jahre 2040 entschließt sich ein vom Netz entkoppelter Mann, als Schmuckeremit für eine alte, reiche Familie zu arbeiten.

 

Die Verbindung von Netztrennung und der historischen Anstellung des Schmuckeremiten bietet eine außergewöhnliche Grundlage. Der Text entstand wohl aus einem Blog-Experiment des Autors. Auch wenn man sich eine umfangreichere Bearbeitung des Stoffes wünscht, ist »Entkoppelt« ein wunderbares Stück Literatur geworden.

 

 

Endlich gibt es mit Baum Baum Baum ein SF-Lebenszeichen von Heidrun Jänchen. Der einzige Beitrag einer Autorin in dieser Nova-Ausgabe bietet eine optimistische Öko-Story.

 

Eine Biologin sieht sich durch eines ihrer Gutachten dafür verantwortlich, dass ein seltenes Biotop auf einem Fremdplaneten zu einem Einkaufszentrum wird und kann es nicht verhindern.

 

Obwohl sich der Plottwist leicht vorhersehen lässt, gelingt Heidrun Jänchen eine schön erzählte und symbolträchtige Story, in der ein Fehler auch einmal glimpflich ausgehen kann.

 

 

Der unbekannte Planet von Tobias Reckermann liefert eine weitere Reise in die Zukunft der Menschheit. Nach einer jahrhundertelangen Säuberungsaktion durch Aliens ist die Erde wieder wie neu. Doch die Expeditionen der unzähligen Menschen-Kolonien zerzanken sich nach ihrer Ankunft sofort und der Planet scheint erneut den Preis dafür tragen zu müssen …

 

Während der Erzählstil sofort mitreißt, fällt schnell auf, dass der Stoff für eine Kurzgeschichte nicht passen will. Es fehlen Charaktere und eine Ausarbeitung der diversen Handlungsansätze. Ein unfertiger Text.

Susanne Jaja liefert dazu zwei visuell starke Illustrationen.

 

 

Es folgt Das Evangelium nach Erasmus von Hans Lammersen.

 

In einer Parallelwelt gab es den Judas aus der christlichen Mythologie wirklich und das hat die politische Situation verändert. Ein Zeitreiseteam soll das ändern …

 

Es gibt viele Geschichten, die versuchen, religiöse Legenden durch Zeitreisen oder Alienbesuche zu unterfüttern, aber diese hier ist einfach nur uninteressant.

Die Illustration von Jan Neidigk ist qualitativ deutlich hochwertiger.

 

 

She’s so unusual vom Fan der schrägen Pulpstory Michael Schmidt ist eine ultraschnelle Geschichte um eine abgebrühte Auftragsdiebin, die sich in einer abgefuckten Welt durchbeißt.

 

Der in dunklem Slang gehaltene Stil passt zur Figur und vermittelt trotz aller Kürze und hohem Tempo eine Menge Atmosphäre, zu der auch die großartige Illustration von Stas Rosin viel beiträgt.

 

 

Der beste und rundeste Text dieser Nova-Ausgabe stammt von Thomas Sieber. Der Nova-Mitarbeiter liefert mit Enola in Ewigkeit eine großartige Kosmologie.

Enola ist die KI in einem wunderschönen Körper einer Androidin und wird während der Reparatur eines Autos in mit dem Oberkörper in ein Stasisfeld versetzt. Der Rest hängt nun frei in die Luft, für immer …

 

Eine epische Geschichte, voller trauriger und witziger Momente, skurrilen Aliens und utopischer Ideen. Das metaphysisch Ende mag überraschen, aber es ist doch tröstlich, dass im letzten Moment des Universums Zeit für Lyrik ist. Nummer 85 mag das mit ihrer Illustration auch gedacht haben.

 

 

Eher altbekannte Wege schlägt Norbert Stöbe in Das Museum der toten Dinge ein.

 

Neira ist eine Art Bewusstseinsklon im Körper eines Androiden und nach einer akustischen Attacke auf dem Zielplaneten ihrer Weltraumexpedition auf sich allein gestellt. Dann wird sie von Einheimischen in ein Museum gesteckt, weil man sie für nicht lebendig hält.

 

Storys, in denen Menschen von Aliens für etwas anderes gehalten und zur Schau gestellt werden, sind nicht wirklich neu. Norbert Stöbes Version bleibt halbgar und endet unbefriedigend bevor sich eine interessante Geschichte entwickeln kann.

Zumindest war sie Christian Günther Inspiration für eine zarte Illustration.

 

 

Beide, der Wärter und der Gefangene von Wolf Welling stellt eine Besonderheit in »Nova 25« dar. Das bitterböse Kammerspiel über die seltsame Beziehung eines Wärters zu seinem einzigen Gefangenen ist ohne Zweifel gelungene Phantastik, weist aber keinerlei SF-Elemente auf. Dennoch lesenswert und einprägsam.

 

 

Ungewohnt experimentiermüde gibt sich Sven Klöpping in Buddha stirbt.

 

Der Mars und seine von der Erde importierten Tiere dienen vergeistigten Menschen als wechselnde Körper. Buddha ist eines der Wesen und jagt einen Panther …

 

Diese Jagd dient Sven Klöpping zu einer überraschend ideenlos präsentierten Hintergrunderklärerei. Der finale Switch erklärt kaum, warum dafür der große Background notwendig war.

Auch die Illustration von Manuel Fischer bleibt eher konservativ.

 

 

Zum Abschluss präsentiert Horst Pukallus mit Selfie mit Alien eine herrlich böse Satire auf Fremdenfeindlichkeit und Angst vor Flüchtlingen.

 

Die Aufzeichnung eines Audioprotokolls lässt uns daran teilhaben, wie ein Zeuge im Alien Observation Center dazu befragt wird, wie es dazu kam, dass er ein Selfie mit einem Kryptiden ins Internet gestellt hat.

 

Ein politischer Text zur aktuellen Lage in einem witzigen SF-Mäntelchen, der den Story-Teil der Nova-Ausgabe mehr als würdig beschließt.

Die Zeichnung von Jessica May Dean kommt an den Witz des Textes leider nicht heran.

 

 

Im Anschluss referiert Dominik Irtenkauf über Smart Cities: Die Zukunft des Urbanismus?. Der Essay wirkt in der Zusammenstellung der Beispiele und Argumente etwas konfus. Die Verknüpfung eines realen technischen Konzeptes mit denen literarischer Ideenschöpfungen bietet keinerlei fassbare Zielrichtung. Geht es um Literaturkritik? Kritik an smarter Technologie? Das Thema ist wohl nicht leicht zu greifen.

 

 

Zwei Nachrufe beenden das Nova-Magazin. Christopher Priest würdigt in Hier hat es angefangen, hier endet es mit persönlichen Worten sein literarisches Vorbild Brian W. Aldiss. Auch hier verschweigt die Redaktion, wer für die Übersetzung Verantwortung trägt, das Korrektorat für diesen Text übernahm offensichtlich niemand.

 

Exodus-Herausgeber René Moreau folgt mit seinem herzlichen Christian Weis – Ein Nachruf und erinnert an den liebenswerten Phantastik-Autor Christian Weis.

 

Fazit:

Die lang verspätete 25. Nova-Ausgabe kann mit nur ganz wenigen guten Texten punkten. Mit einem fürchterlichen Titelbild gehört sie auch optisch zu den schwächeren Nummern des Science-Fiction-Magazins.

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Eure Meinung:

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Magazin:

Nova 25

Herausgeber: Olaf. G. Hilscher und Michael K. Iwoleit

Taschenbuch, 236 Seiten

Amrûn Verlag, 15. März 2018

Cover: Olaf. G. Hilscher

Illustrationen: Susanne Jaja, Jessica May Dean, Michael Wittmann, Chris Jasczuk, Jan Neidigk, Stas Rosin, Christian Günther und Manuel Fischer

 

ISBN-10: 3958693261

ISBN-13: 978-3958693265

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07FXFS8QC

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Dirk Alt – Die totale Obsoleszenz
  • Gustavo Bondoni – Zehnte Umlaufbahn
  • Intervention – C.M.Dyrnberg
  • Marcus Hammerschmitt – Entkoppelt
  • Heidrun Jänchen – Baum Baum Baum
  • Tobias Reckermann – Der unbekannte Planet
  • Hans Lammersen – Das Evangelium nach Erasmus
  • Michael Schmidt – She’s so unusual
  • Thomas Sieber – Enola in Ewigkeit
  • Norbert Stöbe – Das Museum der toten Dinge
  • Wolf Welling – Beide, der Wärter und der Gefangene
  • Sven Klöpping – Buddha stirbt
  • Horst Pukallus – Selfie mit Alien
  • Dominik Irtenkauf – Smart Cities: Die Zukunft des Urbanismus?
  • Christopher Priest –Hier hat es angefangen, hier endet es
  • René Moreau – Christian Weis Ein Nachruf

weitere Infos:

Hintergrundinfos, Rezensionen und mehr zu dem Magazin

7 Fragen im September NOVA - Das etwas andere Magazin


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Erstellt: 14.02.2019, zuletzt aktualisiert: 02.04.2019 14:48