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Obenei! von Marc Hempel

Gregory Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

Wir erinnern uns: Gregory, das war dieser obskure Comic-Charakter mit Zwangsjacke, Riesenschädel, einer vorlaut-literarischen Maus zum Kumpel und Hosen, in denen die Aufseher der Irrenanstalt des Öfteren mal ein Präsent fanden. Nun ist Marc Hempels außergewöhnlicher »Held« zurück - und wieder fordert er seinen Leser in kurzen wie längeren Strips und Geschichten auf vielerlei Art und Weise. Sprachlich und vom Storytelling her, grafisch und von der Seitengestaltung her, ja selbst in Sachen Lettering ist »Obenei!« keine leichte oder auch nur im Ansatz konventionelle Kost.

 

Allerdings sind zumindest die ersten 30 Seiten des zweiten Bandes längst nicht so homogen und spritzig wie der erste Gregory-Sammelband im kompakten Cross Cult-Hardcover. Doch nachdem Gregory sich kurz in der Welt umgesehen hat (und der Leser sich ausgiebig fragen konnte, ob der Irrsinn wirklich nur in der Anstalt lauert), gibt es nach ein paar eigens für die deutsche Ausgabe colorierten und sehr schön anzusehenden Seiten eine gravierende Änderung in Gregorys seltsamen Leben zu bestaunen: der kleine Verrückte wird adoptiert. Foglich darf er die Anstalt verlassen und ist fortan Teil einer kleinen, nicht weniger verrückten Familie ...

 

Plötzlich hat der liebenswerte Irre also eine vorlaute »kleine große« Schwester, einen kleinen Baby-Bruder, eine fürsorgliche Mutter, einen »harten«, strengen Vater und einen neidischen, vorpubertären Bruder, den die anderen Kids »Fettbacke« nennen. In dieser Episode zeigt Gregory-Schöpfer Marc Hempel, dass er mehr kann als Ekeliges so abstrahieren, dass bzw. bis es lustig ist. In Fettbacke zerpflückt er die gutbürgerliche, nicht einmal zwingend amerikanische Kleinfamilie, bringt semiautobiographische Züge in seine Geschichte und wirft hinter all dem schrägen Gregory-Humor einen kritischen Blick auf Adoptionen, die Erziehung von Kindern, Erwartungen von Eltern, das Familienleben in Allgemeinen, ...

 

Dennoch: Weder Marc Hempels eigenwilliger Humor, noch sein Zeichenstil werden jedermanns Sache sein. Gerade die letzte längere Geschichte des Bandes zeigt jedoch, dass sich hinter Hempels verrückten Einfällen mehr verbirgt als eine Laune oder gar bloß gehaltloser Quatsch. Nicht umsonst hat Gregory es bei DCs Sublabel Piranha Press auf zwei Auflagen und 25.000 verkaufte Exemplare gebracht. Hinter Henmpels vielen verrückten Ideen und einem betont weiten Mantel der Narretei steckt stets ein gehaltvoller Kern, sei es nun eine Parodie, ein Spiegel oder gar eine Groteske. Damit folgt Hempel zwar keinerlei Fußwegen des Mainstreams, aber auf gewisse Art und Weise doch der Klassik humoristisch-satirischer Darstellungen mit regelmäßigen Abschweifungen ins Alberne und Skurrile.

 

Die gehaltvolle letzte Geschichte, an deren Schluss Gregory die vermeintliche Normalität wieder verlässt und erneut glücklich in seiner kleinen Zelle landet, macht die etwas maue erste Hälfte des zweiten Hardcover-Bandes also so gut wie vergessen. Hempel schaltet hie und da zwar einen Gang zurück und wirkt über weite Strecken etwas ernster als zuvor - doch auch Fans des Klamauks aus dem Vorgänger werden zu Beginn auf ihre Kosten kommen, wenn etwa das Eigenleben und die obskuren Untermieter von Gregorys Hosen betrachtet werden ...

 

Sicherlich kein Comic für die Masse - aber ein massig andersartiger Comic mit einem liebenswert schrägen Helden. Obenei!

 

Eure Meinung:

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Comic:

Obenei!

Reihe: Gregory Bd. 2

Autor und Zeichner:

Marc Hempel

Verlag: Cross Cult

Album, A5, Hardcover

ISBN-Code: 3936480192

Anzahl Seiten: 144

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 27.11.2007, zuletzt aktualisiert: 01.05.2020 11:16