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Odyssee eines Unvernünftigen von Ray Müller

Rezension von Marianne Labisch

Zwischen den Stühlen ist ein neues Imprint von p.machinery, in dem Bücher veröffentlicht werden sollen, die nicht so recht in gängige Schubladen passen wollen, insofern ist wohl die Odyssee eines Unvernünftigen eine ausgezeichnete Wahl für den ersten Band.

Ray Müller hat als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Autor gearbeitet und nun ist er in Rente und reflektiert sein bisheriges Leben und Arbeiten.

Er nimmt die Leser·innen mit in fremde Länder, lässt uns an seinen Abenteuern ebenso teilhaben wie an seinen Liebschaften. Es gibt kaum ein Land, das er nicht besucht hat, und seine Reiseberichte sind sehr lebendig, sie lassen Filme vorm geistigen Auge entstehen.

Aber nicht nur seine Reisen erleben wir mit, sondern auch seine Einsamkeit, seine Depressionen, sein Unausgefülltsein, seine Suche, dem Tag einen Sinn zu geben. Wir erleben, wie er stundenlang bewegungslos vor einem Fenster steht und sich fragt, was er mit dem Tag anfangen soll. Dort, wo uns die Zeit viel zu schnell vergeht, scheint sie sich bei ihm endlos zu dehnen. Die einzigen Hilfsmittel aus diesem Trott heraus scheinen Frauen zu sein, mit denen er sich auf sexuelle Abenteuer einlässt oder Gedanken, die er zu Papier bringt.

Ich hatte bei Ray Müller nie den Eindruck, dass es sich schlicht um »Altmänner-Sex-Fantasien« handelt, sondern dass er tatsächlich viele wechselnde Partnerinnen gehabt hat und uns einfach nur von diesen Begebenheiten berichtet. Was ein wenig nachdenklich macht, ist, dass er, obwohl selbst nicht mehr taufrisch, beim anderen Geschlecht auf jugendlich, schlankes Aussehen wert legt. Natürlich ist es sein gutes Recht, sein Ideal zu suchen und so lange er es findet, ist alles in Ordnung, aber ich hielte es für realistischer und einfacher, wenn er Abstriche in Kauf nehmen würde. Er versucht seine beginnende Glatze zu verstecken, anstatt dazu zu stehen, wie das heutzutage immer mehr Männer mit extremen Kurzhaarschnitten tun. Auf der einen Seite macht ihn das sympathisch, auf der anderen Seite denkt man, er könnte noch selbstbewusster da stehen, wenn er zu seinen Alterserscheinungen stehen würde. Aber der Autor verspricht, ehrlich zu sein, und das ist sicher nicht immer einfach und insofern sollte man es ihm hoch anrechnen.

Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob es vielleicht ein Phänomen der Einsamen ist, dass sie in erster Linie nach Sexpartner·innen suchen, nicht nach jemandem, mit der oder dem sie viele Interessen teilen können. Darüber habe ich anhand dieses Buches sogar mit meinem Mann diskutiert. Da wir seit über vierzig Jahren verheiratet sind, konnten wir diese Frage nicht beantworten, aber wir konnten uns vorstellen, dass es so sein könnte.

Der Autor erklärt, dass viele Gegebenheiten im Buch autobiografische Züge tragen, aber nicht alles 1:1 so passiert ist, und das merkt man dann auch ganz deutlich, aber erst im Nachwort, in dem der vermeintlich immer einsame, häufig depressive Mann sich bei seiner Lebensgefährtin bedankt. An dieser Stelle fühlte ich mich dann auf den Arm genommen, denn der Mann, für den ich Mitgefühl aufgebracht hatte, hatte mich an der Nase herum geführt. Das war das Einzige, was mich an dem Buch gestört hat.

Es ist kein Roman, es gibt keine große Spannung, aber dennoch versteht der Autor sein Handwerk und erzählt gekonnt aus seinem Leben. Er lässt Bilder entstehen, die farbig oder schwarz-weiß sind. Er nimmt uns mit auf eine Gefühlsachterbahn und unterhält dabei.

Vier von fünf Punkten.

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Eure Meinung:

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Buch:

Odyssee eines Unvernünftigen
Autor: Ray Müller
gebundene Ausgabe, 396 Seiten
p.machinery, Januar 2022
Cover: Ray Müller

ISBN-10: 3957652685
ISBN-13: 978-3957652683

Erhältlich bei: Amazon

Kindle-ASIN: B09PYM7W4G

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 23.06.2022, zuletzt aktualisiert: 23.06.2022 14:48