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Parade's End

Rezension von Christel Scheja

 

Lange Zeit galten die Romane von Ford Madox Ford als unverfilmbar, bis sich Regisseurin Susanna White und Drehbuchautor Tom Stoppard daran machten, die epochale Geschichte vom Untergang der feinen britischen Gesellschaft im Schatten des ersten Weltkrieges, doch noch in eine für den modernen Zuschauer verständliche Form zu bringen. Denn wie andere Reiche zuvor, zerbirst auch das Empire nicht mit einem großen Knall, sondern verrottet von innen her.

 

Christopher Tiedjens ist ein Landadliger und Adliger von altem Schrot und Korn, ein Mann mit überkommenen Prinzipien und großem Ehrempfinden, der zu dem steht, was er anderen vorzuleben versucht. Er arbeitet im statistischen Institut der britischen Regierung und vertritt durchaus liberale Ansichten, aber er merkt auch, dass er mit seinen Ideen und seiner Moral längst alleine da steht.

Im Bewusstsein, dass das Kind nicht von ihm ist, heiratet er dennoch die schöne aber durchtriebene Sylvia, die aus ihren Affären mit anderen Männern keinen Hehl macht. Ganz Gentleman duldet er ihre Eskapaden schweigend und verzeiht ihr, selbst als sie mit einem Liebhaber nach Frankreich geht.

Er selbst zieht sich nur aus London zurück, um in der Arbeit auf dem Gut seiner Familie Vergessen und Ablenkung zu finden und alte Kontakte zu pflegen. Dabei begegnet er während eines Golfspiels mit anderen Herren der Gesellschaft der munteren und ungestümen Valentine Wannop, die als selbstbewusste Frau mit Freundinnen für das Wahlrecht der Frauen eintritt.

Obwohl er es nicht will, fühlt er sich zu ihr hingezogen, ist sie durch ihre Ehrlichkeit und Offenheit ganz anders als die hinterlistige Sylvia und genau die Frau, die bisher unbekannte Gefühle.

Doch er kann sich nicht überwinden, sich von Sylvia scheiden zu lassen. Stattdessen entflieht er der Ehe, die in eine Phase subtiler Grausamkeiten von der Seite seiner Frau ausgeht, in den Krieg, indem er sich zur Armee meldet.

Zugleich muss er miterleben, dass eine neue Zeit anbricht, in der Zurückhaltung und benimm nicht mehr viel zählen und manchmal auch die Rücksicht auf der Strecke bleibt. Letztendlich stellt sich die Frage, ob auch er irgendwann mit seinen eisernen Prinzipien brechen sollte, um wirklich glücklich zu werden...

 

„Parade’s End“ ist kein leicht verdaulicher Stoff, wie andere Serien und Filme, die in dieser Zeit angesiedelt sind, und die negativen Entwicklungen, die Verlogenheit und Doppelmoral der feinen Gesellschaft gerne einmal unter den Tisch kehren, um von der guten alten Zeit zu schwärmen, in der das „Empire“ noch groß, mächtig und unzerstörbar schien.

Im Mittelpunkt steht der stoische und prinzipientreue Christopher Tiedjens, der zwar die Zeichen der Zeit erkennt, aber selbst nicht dazu fähig ist, sich mit ihr zu bewegen. Er hält an alten Prinzipien und Moralbegriffen fest, was seine Ehe zu einer einzigen Qual macht. Denn seine lebenslustige Frau Sylvia ist das genaue Gegenteil von ihm. Sie schert sich nicht um das Wohl und die Achtung der anderen, lebt für ihr Vergnügen und ihren Spaß. Auf der einen Seite schätzt sie die Sicherheit, die ihr die Ehe gibt, auf der anderen Seite hasst sie ihren Mann aber auch, weil sie ihn und sein Verhalten nicht verstehen kann, beschämt sie seine ständige Verzeihung doch eher, als dass sie gerührt ist.

Valentine Wallop ist die dritte im Bunde – gebildet und klug kann sie problemlos mit Christopher mithalten und bringt nicht nur neue Ideen, sondern auch frischen Wind in sein Leben und verkörpert die Zukunft, vor der der letzte Gentleman irgendwann die Augen nicht mehr verschließen kann.

Vor allem Benedict Cumberbatch und Rebecca Hall stechen aus dem hervorragenden Cast heraus, arbeiten sie doch nicht nur die prominenten Charaktereigenschaften ihrer Figuren heraus, sondern gestalten sie facettenreicher als man denkt. Vieles läuft gerade bei Christopher Tiedjens auf der nonverbalen Ebene ab, Sylvia erweist sich als Frau, die auch unter dem Verhalten ihres Mannes leidet, weil sie sich durch seine Freundlichkeit erniedrigt fühlt. Beide Figuren sind nicht unbedingt sympathisch – mal steht man mehr auf der Seite von Christopher, dann wieder versteht man auch Sylvia sehr gut.

Um das Dreiecksverhältnis herum erfährt man mehr über die Doppelmoral der oberen Zehntausend, die betrügen und tricksen, wenn es zu ihrem Wohl ist, vermeintlich „gefallene Frauen“ und „Suffragetten“ schmähen, selbst aber keine Gelegenheit auslassen, sich selbst zu bereichern oder einem Weiberrock nachzujagen. Zudem zeigt sich, dass es einigen sehr wohl bewusst ist, dass die strahlende Fassade eines starken „Empire“ nicht mehr lange aufrecht erhalten werden kann, und es nicht ausbleiben wird, sich der Zukunft zu öffnen.

Die sechs Folgen werden nüchtern und ohne Kitsch erzählt. Sie erlauben es dem Zuschauer, eigene Interpretationen zu entwickeln, überraschen durch eine komplexe Handlung, die sich nicht unbedingt immer vorhersehen lässt und durch vielschichtige Charaktere, die nach und nach enthüllen wie facettenreich sie eigentlich wirklich sind.

Action und Melodram sollte man trotz einiger Kriegsszenen nicht erwarten, dazu ist die Miniserie zu sehr auf das Gesellschaftsdrama ausgerichtet. Daher ist die Spannung selbst auch eher moderat und entwickelt sich durch das Beziehungsgeflecht. Das Ende stimmt zwar zufrieden, ist aber offen genug, um sich selbst auszudenken, ob die Figuren ihr Glück finden werden.

Bild und Ton, aber auch die Ausstattung sind auf der Höhe der Zeit und zeigen durchaus, was BBC und der amerikanische Bezahlsender HBO zu bieten haben. Als Extras sind sechs Postkarten mit Bildern aus dem Film und ein „Behind the Scenes“ auf der zweiten DVD beigefügt.

 

 

Fazit:

 

„Parade’s End“ hebt sich deutlich von anderen Fernseh-Produktionen ab, die die Epoche kurz vor und während des Ersten Weltkriegs beleuchten, man denke nur an „Downtown Abbey“ oder das legendäre „Das Haus am Eaton Place“. Die Literaturverfilmung mag zwar auf den ersten Blick sperrig wirken, hat es aber in sich, was vor allem die hervorragenden Schauspieler durch ihr nuanciertes Spiel hervorheben. Die Miniserie dürfte vor allem die Zuschauer ansprechen, die mehr als nur seichte Liebes- und Familienschicksal sehen wollen, den sie ist ein interessantes Gesellschaftsdrama, das die Zeichen jener Zeit besonders intensiv einfängt.

 

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Eure Meinung:

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DVD:

Parade’s End – Der letzte Gentleman

Parade’s End, GB/USA 2012

Regisseur(e): Susanna White

Drehbuch: Tom Stoppard

Komponist: Dirk Brossé

Format: Dolby, PAL, RC 2

Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1

Anzahl Disks: 2

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Studio: Polyband/WVG

Erscheinungstermin: 26. Juli 2013

Spieldauer: 287 Minuten

ASIN: B00COB77Y0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

  • Darsteller:
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  • Benedict Cumberbatch
  • Rebecca Hall
  • Adelaide Clemens
  • Roger Allam
  • Anne-Marie Duff
  • Rupert Everett
  • Stephen Graham
  • Miranda Richardson
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Erstellt: 04.08.2013, zuletzt aktualisiert: 22.11.2019 07:56