Pedro Páramo von Juan Rulfo

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Juan Preciado kehrt ins Dorf Comala zurück. Einst war seine Mutter Dolores mit ihm von dort zur kranken Schwester aufgebrochen und weil ihr Ehemann Pedro Páramo sie nicht zurückrief, war sie bis zum Tode bei ihrer Schwester geblieben. Sterbend drängte sie ihren Sohn dazu von Pedro zu fordern, was ihnen zustehe. In der Hoffnung damit endlich aus der Armut ausbrechen zu können reist der junge Mann zu seinen Geburtsort – und stellt einigermaßen überrascht fest, dass alles menschenleer und verfallen ist. Wie ausgestorben. Das komme daher, teilt ihm der Ortsansässige Abundio, ein unehelicher Sohn Páramos, mit, dass dort niemand mehr lebe. Alle seien fort oder tot. Aber vielleicht könne er von der Edvigues Nachtquartier erhalten. Diese seltsame Alte gewährt ihm ein Zimmer, in dem er Zeuge unheimlicher Ereignisse wird. Juan trifft bald auf einige Comalaer – aber nicht alle von ihnen leben noch. Comala ist ein verfluchter Ort an dem nichts als Gewalt und Bitternis gedeihen kann.

 

Das Geschehen trägt sich zur Gänze im nordmexikanischen Dorf Comala und dem nahe gelegenem Gut Pedro Páramos, der Media Luna, zu. Der Zeitraum lässt sich nicht genau festmachen, aber der gealterte Pedro erhält Besuch von Anhängern Pancho Villas; der Beginn wird also irgendwann in der Mitte des 19 Jh. und das Ende in den zwanziger Jahren des 20. Jh. liegen.

Die Gegend um Comala ist aus unklaren Gründen verdorben: Es ist heiß, trocken und staubig. Nur wenige Pflanzen wachsen dort und ihre Früchte sind bitter und sauer. Die Menschen, die dort leben, sind phlegmatisch, sie ertragen eher Unrecht und Elend als etwas zu unternehmen – und für das Leid der Anderen hat man nur eine lakonische oder zynische Bemerkung übrig. Für ein kleines bisschen Sicherheit geben sie ihren moralischen Standpunkt auf. Krankheiten physischer und vor allem psychischer Natur sind weit verbreitet.

Der Schwerpunkt der Beschreibungen liegt weniger auf der physischen Umgebung und mehr auf dem sozialen Umfeld; das Setting ist damit ein Milieu.

 

Völlig klar ist es nicht, aber es gibt Hinweise darauf, dass es eine mystische Verknüpfung von Pedros Untaten und der Gegend gibt: Pedro ist einerseits eine verdorbene Frucht Comalas, aber sein Wirken scheint die Verdorbenheit des Ortes noch zu verstärken. Wörtlich interpretiert ist das ein phantastisches Element, aber wenn man das Setting als atmosphärische Untermalung versteht, lässt sich die Verknüpfung metaphorisch lesen. In dieser Hinsicht erinnert der Roman an den Thriller Roter April, d. h. eigentlich ist es umgekehrt, da Santiago Roncagliolos Buch knapp 50 Jahre später entstand.

Ein unbestreitbar phantastisches Element sind die Toten: Lange Zeit ist dem Leser nicht klar, wer lebt und wer tot ist – die Seelen der Verstorbenen erzählen von Pedro Páramo und Comalas Unglück. Im Nachwort schreibt Juan Rulfo, dass dieses Vermengen von phantastischen und realistischen Inhalten bei der Veröffentlichung auf viel Ablehnung gestoßen war. Aus der heutigen Perspektive kann man dies als Geburtswehen des lateinamerikanischen Magischen Realismus begreifen, dessen 'Erfindung' besonders auf Rulfo und Jorge Luis Borges zurückgeht.

 

Das Dramatis Personae zählt vierzehn Figuren auf, hinzu kommt noch eine Handvoll ungenannter. Bedenkt man, dass der Roman nur gut 150 Seiten zählt, dann ist klar, dass die meisten von ihnen nicht weit entwickelt werden können. Tatsächlich wird nur der Titel gebenden Figur, Pedro Páramo, eine gewisse Vielschichtigkeit verliehen. Alle anderen bleiben Skizzen. Da es aber eben um den Patron der Media Luna und das Lebensgefühl in Comala geht, welche durch knappe objektive Szenen geschildert werden, stört dieses keineswegs, vor allem weil die Figuren trotz der Unentwickeltheit sehr 'lebendig' wirken.

Pedro Páramo ist ein skrupelloser Opportunist. Als sein Vater stirbt, erbt er ein völlig überschuldetes Gut. Mit Lügen, falschen Versprechungen und Einschüchterungen, die von Gewaltandrohung zur tätlichen Gewalt reichen, macht er sich die Menschen gefügig. Ist nicht anzunehmen, dass die betreffende Person nachgibt, dann schreckt er auch nicht vor Mordaufträgen zurück. Durch seine Verbindungen zu Schlägern, Mördern und Anwälten wird er zum wichtigsten Patron der Gegend; es gelingt dem konservativen Großgrundbesitzer sogar sich mit roten Revolutionären zu arrangieren. Doch er ist kein Sadist oder maßlos: Er setzt nur die notwendigen Mittel ein um seine Ziele zu erreichen. Auch ist er kein kalter Machtmensch – er kann lieben und wenn er liebt, dann liebt er bedingungslos. Letztlich ist seine Liebe und nicht seine Gier oder Gewalt sein Untergang.

 

Der Plot – das ist schon angeklungen – ist sehr wenig auf Handlung bezogen; der Charakter Páramos und das Lebensgefühl stehen halt im Vordergrund. Als Vehikel dafür wird eine Aufstieg-und-Fall-Struktur genutzt.

Da die Spannungsquellen in erster Linie transversaler Natur sind – wichtig ist die Bedeutung und nicht das Ergebnis der Handlungen – lässt sich der Plotfluss schwerlich beschreiben. Dennoch kann man festhalten, dass die Prosa extrem präzise ist. So sucht man Digresse oder ausschweifende Beschreibungen vergebens.

 

Erzähltechnisch ist der Roman sehr ungewöhnlich. Zwar ist es eine episodische Ich-Erzählung

von Juan Preciado, die einem Strang folgt, doch das gibt die Zerrissenheit der Erzählung nicht ansatzweise wieder: Die Unterscheidung zwischen progressiver oder regressiver Erzählung trifft hier nur sehr unzureichend zu.

Juan kommt in das Dorf und begegnet Lebenden wie Toten, die kleine Fragmente aus der Vergangenheit erzählen. Rulfo erzielt hier den Effekt eines mehrfachen Echos, denn die Fragmente sind weder chronologisch noch inhaltlich geordnet und geben eben nur Momente einer Szene wieder. Aus diesen zahllosen, nicht immer zusammenpassenden Mosaiksteinchen muss sich der Leser ein eigenes Bild machen. In dieser Hinsicht erinnert die Erzählung an die von William S. Burroughs propagierten Texte, welche die Cut-Up Technik verwenden. Da in vielen Fragmenten Juan nicht auftritt, wird die Perspektive der Ich-Erzählung aufgebrochen und wirkt oftmals objektiv oder personal.

Die Sätze sind sehr geschickt konstruiert. Einerseits sind sie durchaus lang, andererseits immer gradlinig und flüssig lesbar. Trotz dieser Eleganz gelingt es dem Autor sie wie natürlichen Sprachduktus klingen zu lassen. Die Wortwahl passt gut dazu: Sie springt zwischen eleganter Gewähltheit und natürlicher Saloppheit. Dieser seltsame Bruch unterstützt den Bruch in Setting und Hauptfigur beiläufig, aber wirkungsvoll.

 

Den Abschluss bilden zwei kleine Texte. Juan Rulfo beschreibt in dem sechsseitigen Nachwort Pedro Páramo – dreißig Jahre danach wie beschwerlich es war den Text zu schreiben und zu veröffentlichen; dass er heutzutage so beliebt und weit verbreitet ist, rechnet er vor allem den Lesern an. Gabriel Garcia Márquez berichtet in dem siebenseitigen Kurze Erinnerung an Juan Rulfo eben diese, aber auch die Wirkung, die der mexikanische Schriftsteller und seine Werke auf seinen kolumbianischen Kollegen hatten.

 

Fazit:

Der junge Juan Preciado erfährt von Lebenden wie von Toten, was die Herrschaft seines skrupellosen Vaters Pedro Páramo für die Menschen des verdorbenen Dorfs Comala bedeutete. Juan Rulfo hat mit der fiktionalen Biographie des unangenehmen Patrons der Media Luna wahrlich Bedeutendes geschaffen: Die bittere Geschichte zeichnet nicht nur überhöht die Auswirkungen dieses Opportunismus auf die vorher schon harten Lebensbedingungen der mexikanischen Kleinbauern nach, durch die fragmentarische Erzählung durch die Toten gelingt es ihm mit einem spannenden Werk einen wichtigen Beitrag für den damals in Lateinamerika unbekannten Magischen Realismus zu leisten.

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Eure Meinung:

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Buch:

Pedro Páramo

Original: Pedro Páramo (1955)

Autor: Juan Rulfo

Übersetzerin: Dagmar Ploetz

Hanser, September 2008

Gebunden, 175 Seiten

Titelbild: Peter-Andreas Hassiepen

 

ISBN-13: 978-3-446-23066-8

 

Erhältlich bei: Amazon

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zuletzt aktualisiert: 26.05.2017 11:40 | Users Online
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