Point Blank
 
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Point Blank

Rezension von Ingo Gatzer

 

Mit “Point Blank“ haben Colin Wilson und Ed Brubaker eine Mischung aus Krimi- und Superhelden-Comic erschaffen, das der Verlag Cross Cult nun im eher untypischen DIN A 5 Format herausgebracht hat. Während Colin Wilson eher unbekannt ist, aber bereits Judge Dredd und Star Wars bebildert und mit der französischen Comic-Legende Moebius zusammengearbeitet hat, ist Ed Brubaker längst ein Star der amerikanischen Comicszene. Er hat schon für beiden großen US-Comic-Verlage - Marvel und DC-Comics - aber auch für kleinere, innovative Verlage wie Wildstorm getextet. 2007 erhielt der Autor gleich beide US-Comic-Oscars, nämlich den Eisner und den Harway Award. Kann sein bereits 2002 entstandenes Werk “Point Blank“ da mithalten?

 

John Lynch bestellt seinen alten Kumpel Cole Cash, auch bekannt als Grifter, in eine Kneipe. Beide hatten für die Regierung gearbeitet und durch Experimente mit dem sogenannten Gen-Faktor übermenschliche Kräfte erhalten. Lynch bietet Cole einen Job an. Grifter soll ihm den Rücken freihalten, während er Nachforschungen in Unterweltskreisen durchführt. Cash nimmt an und unterstützt seinen Kumpel bald tat- und schusskräftig. Doch wenig später wird Lynch in seinem eigenen Blut liegend aufgefunden und mehr tot als lebendig ins Krankenhaus gebracht. Grifter lässt nichts unversucht, um den Verantwortlichen zu finden und erlebt dabei eine schreckliche Überraschung.

 

Ed Brubaker orientiert sich in seinem Werk unübersehbar am Film Noir. Da ist etwa die für Superhelden-Comics eher untypische dunkle Atmosphäre, die der Handlung von “Point Blank“ einen passenden Rahmen gibt. Hier gibt es ist es keinen Dualismus von strahlenden Helden und fiesen Schurken, die Grenzen sind vielmehr fließend. Grifter wirkt vollkommen kaputt, handelt moralisch alles andere als einwandfrei und ist längst desillusioniert. Die Superhelden werden so entglorifiziert und stehen nicht - wie oft in anderen Comics - über den Dingen. Oder in der drastischen Sprache von Point Blank ausgedrückt: Das Leben f**** alle, auch Superhelden.

 

Statt sich einer konventionellen, linearen Erzählstruktur zu bedienen, beginnt Brubaker mitten in der Story, um seinen Helden Cole Cash dann die Vorgeschichte rekapitulieren zu lassen. Das sorgt nicht für Dynamik, sondern auch für Spannung, denn Grifter steht hier kurz vor seiner Exekution. Die Auflösung am Ende kommt zwar überraschend, ist aber angesichts diverser Andeutungen im Vorfeld trotzdem stimmig.

 

Dass “Point Blank“ auf ganzer Linie überzeugen kann, ist auch Colin Wilson zu verdanken. Denn er schafft es, dass sich die düstere Atmosphäre der Story auch in seinen Zeichnungen wiederspiegelt. In den Gesichtern der Protagonisten finden sich oft Narben und tiefe Falten, nicht selten liegen sie ganz oder teilweise in unheilvoll wirkenden Schatten. Die Figuren sind im wahrsten Sinne vom Leben gezeichnet. Zudem bestechen Wilsons Bilder im DIN A 5-Format, welche die einzelnen Kapital einleiten, durch eine besondere Qualität und Plastizität und intensivieren die in der Story vorherrschende dunkle Stimmung noch.

 

Zum Vergnügen des Lesers finden sich aber in der Geschichte auch einige ironische Seitenhiebe auf die Welt der Comic-Superhelden. Beispielsweise sieht der schwule Superheld Midnighter fast genauso aus, wie Batman, der Star von DC Comics, und ist zudem noch in der St. Christopher´s Bar zu finden.

 

Möglicherweise werden einigen Lesern die blutigen Gewaltdarstellungen - nicht umsonst empfiehlt Cross Cult die Lektüre des Buches erst ab 16 Jahren - nicht vollends zusagen. Das Gleiche könnte für die - von Maria Morlock sehr gut ins Deutsche übertragene - drastische Sprache der Protagonisten gelten. Man sollte sich aber vor Augen führen, dass beides eben nicht Selbstzweck ist, sondern die Funktion hat einen realistischen Gesamteindruck und eine dichte, überzeugende Atmosphäre zu erzeugen.

 

Auch wenn “Point Blank“ als eigenständiges Werk ohne Vorwissen gelesen werden kann, hilft es aber zweifellos, sich im Wildstorm-Universum auszukennen, aus dem Ed Brubaker einige bekannte Charaktere wie Cole Cash, John Lynch oder den Schurken Tao übernimmt.

 

Mit “Point Blank“ ist dem Duo Brubaker/Wilson ein starkes Comic Noir geglückt, das den Spagat zwischen Kriminalroman und Superheldenstory souverän meistert. Brubaker gelingt es mit seiner Story den Leser nicht nur zu fesseln, sondern am Ende auch zu überraschen. Dazu schafft es Wilson in seinen Zeichnungen die dunkle Atmosphäre der Comicwelt brillant einzufangen. “Point Blank“ kann denjenigen uneingeschränkt empfohlen werden, die den eindimensionalen, glatten Superhelden-Comics überdrüssig sind, eine spannende, überzeugend konstruierte Story zu schätzen wissen, und sich an ´explicit lyrics & violence` nicht stören. Wer Frank Millers “Sin City“ gemocht hat, für den ist “Point Blank“ sowieso ein Pflichtkauf.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202406150233259ba2dc62
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Point Blank

Originaltitel: Point Blank

Autor: Ed Brubaker

Zeichner: Colin Wilson

Übersetzerin: Maria Morlock

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 140 Seiten

Verlag: Cross Cult

Erscheinungsdatum: 21. März 2008

Erscheinungsdatum des Originals: 2002/03

ISBN-10: 3936480702

ISBN-13: 978-3936480702

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 23.04.2008, zuletzt aktualisiert: 28.12.2022 16:07, 6350