Porterville Staffel 1

Hörbuch

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Porterville ist eine abgeschlossene Mystery-Serie in 3 Staffeln und die lang erwartete Fortsetzung der preisgekrönten Serie Darkside Park. Staffel 1 enthält die ersten sechs Folgen (ungekürzte Lesungen) und erscheint als Box mit zwei mp3-CDs sowie als Download.

 

Porterville ist keine normale Serie, wie man sie kennt. Denn sie funktioniert wie eine Art Puzzle: So ist jede neue Folge wie ein neues Puzzle-Teil. Das bedeutet, die Geschichten beginnen nicht unbedingt da, wo man bei der letzten Folge aufgehört hat. Doch mit jeder neuen Folge erhält man tiefere Einblicke in die Stadt und ihre Bewohner, bis sich das rätselhafte Gesamtbild immer mehr zusammensetzt und am Ende die Frage geklärt wird: »Was ist das dunkle Geheimnis der Stadt Porterville?«

 

Rezension:

Die Sammelbox der ersten Staffel von Porterville ist mit fast elf Stunden Spieldauer schon ein echter Brocken Hörbuchkunst. Wie schon »Darkside Park« sind die einzelnen Folgen auf die Lesung hingeschrieben worden, sodass sie in Kombination mit den Leistungen der SprecherInnen fast zu Hörspielen werden – nur ohne Soundeffekte oder Musik.

 

Tatsächlich ist diese Staffel von »Porterville« nur der Auftakt, der erste Teil einer riesigen Trilogie, die sich zwischen Mysterie und Science-Fiction bewegt. So ganz genau weiß man am offenen Ende der ersten Staffel noch nicht, wo es hingehen wird. Eins kann man jedoch ohne Zweifel über die Serie sagen, würde sie im Fernsehen laufen, wäre sie ein Mega-Erfolg.

 

01 Von Draußen

Raimon Weber ist ein erfahrener Hörbuch und Hörspiel Autor. Zuletzt konnten wir den Auftakt seiner Detektiv-Reihe Morgenstern hören.

Er schuf die beiden zusammenhängenden Folgen 1 und 5. Man sollte »Porterville« trotzdem in der gedachten Reihenfolge lesen, weil sonst einige Puzzle-Teile fehlen oder wenig Sinn ergeben.

 

»Von Draußen« spielt in einer nicht definierbaren Zukunft der amerikanischen Stadt Porterville. Diese ist von riesigen Mauern umgeben und durch ein Kraftfeld vor dem Draußen geschützt, dem lebensfeindliche Bedingungen nachgesagt werden. Das Leben in Porterville ist kollektivistisch geordnet, wobei Bürgermeister Sato die Stadt diktatorisch beherrscht. Ähnlichkeiten zur DDR sind offensichtlich. Auch Porterville leidet am Mangel und an Bevölkerungsschwund.

Wir lernen die Zustände in der Stadt anhand der Schülerin Emily Prey kennen, sehr jugendlich gelesen von Leyla Rohrbeck. Ja der Name darf klingeln, Vater Oliver hat wohl einige Neigungen weitergereicht.

Der dystopische Ansatz in Verbindung mit den deutlichen Reminiszenzen an die DDR und auch an »Darkside Park« prägen die Kennenlernphase mit »Porterville«. Wir spüren, dass etwas faul ist in der Stadt, dass sie sich aufzulösen beginnt und ähnlich ihrem historischen Vorbild reicht die Innensicht der Regierenden nicht aus, diesen Zerfall zu erkennen, geschweige denn effektive Maßnahmen dagegen zu finden.

Und mit dem jungen Paar fiebert man dem Draußen entgegen, doch da kommt der erste vieler gemeiner Cliffhanger.

 

02 Die verlorene Kolonie

Anette Strohmeyer gibt uns zwar das Draußen, aber zunächst gibt es keine Verbindungen zu Porterville. Geschichtsstudent Jerry Benchley stößt in der Bibliothek auf eine alte Handschrift, die Hinweise auf eine mysteriöse erste britische Kolonie liefern könnte, deren Existenz unter den Forschern arg umstritten ist. Perfekt für den Start in eine erfolgreiche akademische Karriere. Und so beginnt Jerry mit seinen Freunden, der hübschen Addy und dem Sportler Ben, den Spuren zu folgen …

Die gesamte Folge ist unglaublich spannend. Hörspielprofi Simon Jäger gibt den etwas jämmerlichen Jerry mit großer Spielfreude. Ob die studentischen Niederlagen oder die seltsamen Lücken im Leben seiner Familie, alles fügt sich wunderbar zu einer komplexen Persönlichkeit zusammen.

Vor allem die vielen Seltsamkeiten, Zufälle und zum Teil üblen Twists, steigern die Spannung immer weiter.

Der obligatorische Cliffhanger liefert uns die Frage, ob Termiten träumen und erneut steht der Hörer ziemlich ratlos im Regen.

 

03 Nach dem Sturm

Auch Simon X. Rost liefert die Handlung zweier Folgen.

Im Mittelpunkt steht Jefferson Prey. Bald erfahren wir, dass er der Vater von Emily aus Teil 1 ist, über dessen Verbleib wir dort kaum Aufschlussreiches erfuhren.

Es ist der Anfang der Ära Sato. Gerade wurde der alte Diktator gestürzt und zur Führungsriege des Aufstandes gehörten die beiden Freunde Sato und Prey. Doch während sich Prey um den Wiederaufbau im Sinne der Revolution kümmert und versucht, eine demokratische Ordnung aufzubauen, übersieht er zunächst die Anzeichen, dass sein Freund Sato die neue Machtfülle gar nicht so schlecht findet.

Aber bald kann Prey die Probleme und dräuenden Hinweise nicht mehr ignorieren. Zwar hat er in seinem Bereich alle Hände voll zu tun und seine Frau nervt ihn durch ihre Wünsche, auch etwas von den Früchten des Umsturzes abhaben zu wollen, so wie Sato, doch sein Sinn für Gerechtigkeit zwingt ihn zum Handeln. Er ist sich sicher: Noch ist es nicht zu spät, eine neue Diktatur im Keim zu verhindern.

Gut. Wir Leser wissen, dass Jefferson scheitert. Benjamin Völz liest die inneren Kämpfe Preys mit großer Eindringlichkeit. Die ungeheure Tragik dieser Figur wird offensichtlich, ebenso wie der typische Verlauf von Palastrevolutionen. Da werden Kinder gefressen.

 

04 Träume der Termiten

Fast ist man froh, dass nach dem deprimierenden dritten Teil ein Sprung in Raum und Zeit stattfindet. John Beckmann entführt uns nach Cambridge ins Jahr 1985. Paul Higgins ist Doktorand und seine Arbeit über Termiten führt zu einem überraschend lukrativen Jobangebot. Und schon stellt sich ein mulmiges Gefühl ein. Denn die Bewerberauswahl und die Umstände sind mehr als merkwürdig. Zudem sind die immer wieder eingestreuten Auszüge aus der Doktorarbeit über Termiten irgendwie passend zum bisher Bekannten über Porterville. Die Verbindung zu träumenden Termiten bekam wir schon am Ende von Folge 2 und da ist noch dieser mysteriöse Würfel …

 

Charles Rettinghaus kann in viele Sprechrollen schlüpfen und auch sein John Beckmann fühlt sich sehr authentisch an. Vielleicht nicht ganz nach trockenem Akademiker, aber als stolpernder Typ, der einfach nur forschen und die Alltagsprobleme am liebsten verdrängen will.

Die Story scheint langsam Auflösungen anzubieten, aber so recht passt noch nichts zusammen und man darf den Verdacht hegen, dass diese doch recht frühen Spuren eher verwirren sollen.

 

05 Die Akte Tori

Raimon Weber lässt den fünften Teil dort anknüpfen, wo Teil 1 endete. Das Verschwinden Emilys und ihres Freundes, kein geringerer als der Enkel Bürgermeister Satos, bringt eine Menge Ärger für Emilys Zimmergenossin Tori. Denn Tori wurde heimlich von der Ifis, der Instanz für innere Sicherheit, rekrutiert, um Emily auszuspionieren. Tori ist regimtreu und stark indoktriniert. Sie glaubt an Sato, an der Rechtschaffenheit der stasigleichen Ifis und am Sinn getrenntgeschlechtlicher Erziehung.

Doch längst gibt es keinen Alltag mehr in Porterville. Nach dem schrecklichen Tod einer Lehrerin während eines nächtlichen Arbeitseinsatzes lernt Tori andere Seiten der Stadt kennen. Die Schlachtbänke. Bevor sie aber zum Nachdenken kommt, holt ihr Großvater sie dort wieder heraus und sorgt dafür, dass man ihr bei der Ifis eine andere Aufgabe zuteilt. Ein seltsames Experiment beginnt …

 

Luise Helm stellt sich der Aufgabe, die tief überzeugte Tori darzustellen, deren geregeltes Leben durcheinander gerät und dabei stets versucht, Erklärungen aus dem Fundus ihrer Doktrin zu holen. Das ist umso schwerer, da man als Hörer weiß, wie falsch das Mädchen liegt. Aber tatsächlich erfahren wir so eine ganze Menge aus dem Innenleben der Gesellschaft Portervilles und wie weit der innere Zerfall schon fortgeschritten ist, auch wenn Tori das nicht wahrnehmen kann.

 

06 Vor den Toren

Und weil die trübe Stimmung gerade so schön kuschelig ist, bringt uns Simon X. Rost zurück zur tragischen Figur vom Emilys Vater. Nach einer vorübergehenden Zeit der Anpassung kann Jefferson Prey nicht mehr mitansehen, wie Sato all das verrät, wofür sie einst kämpften. Ein neuerlicher Umsturz scheint die einzige Möglichkeit.

Es ist hart, jemanden dabei zu zusehen, wie er scheitert. Als Hörer wissen wir von Anfang an, dass ein Attentat auf Sato keinen Erfolg hatte. Prey nun dabei zu erleben, wie er in die Katastrophe rennt, schmerzt. Benjamin Völz hat diese Figur so im Griff, dass all das innere Leid, die Getriebenheit und das durch Versagen aufgewühlte Gewissen, bis hin zur Verzweiflung, plastisch und greifbar wird.

Man fragt sich zwar, warum Prey nicht vorher klar war, wie sehr erpressbar er ist, aber das betont vielleicht nur die Blindheit des bedingungslosen Gutmenschen.

Und natürlich endet die erste Staffel mit einem bösen Cliffhanger.

 

Für alle, die die Einzelveröffentlichungen verpasst haben, bietet die Staffelbox eine sehr gute Möglichkeit, die fesselnde erste Staffel in einem Rutsch zu hören. Sofern man soviel Zeit hintereinander zur Verfügung hat und stark genug ist, es auch zu ertragen. Denn die Stimmung ist oft genug sehr, sehr düster. Gerade, weil wir als Hörer immer mehr Wissen ansammeln. Aber nie genug, das Geheimnis jetzt schon stimmig zu entschlüsseln.

Die Box ist zudem ansprechend gestaltet und das Booklet bietet zumindest ein Foto der AutorInnen.

 

Fazit:

»Porterville Staffel 1« bietet sechs zum Teil sehr unterschiedliche Puzzle-Stücke um eine geheimnisvolle Stadt, die irgendwie außerhalb der Zeit gefangen zu sein scheint und deren Gefüge zu zerbrechen droht. Es gelingt SprecherInnen und AutorInnen, die Spannung und vor allem auch die dystopische Stimmung über die ganze Zeit aufrecht zu erhalten. Dabei blicken wir nicht nur tief in die inneren Abgründe der Figuren, sondern auch in die Fallstricke unserer eigenen Geschichte.

Unbedingt empfehlenswert!

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Eure Meinung:

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Hörbuch:

Porterville Staffel 1

Ungekürzte Lesungen

AutorInnen: Raimon Weber (1, 5), Anette Strohmeyer (2), Simon X. Rost (3, 6) und John Beckmann (4)

SprecherInnen: Leyla Rohrbeck (1), Simon Jäger (2), Benjamin Völz (3, 6), Charles Rettinghaus (4), Luise Helm (5)

Folgenreich (Universal), 13. Dezember 2013

Umfang: 2 Mp3-CDs

Gesamtspieldauer: ca.10 Stunden 45 Minuten

FSK: 16

Produktion: Tommi Schneefuß

Regie: Ivar Leon Menger

Lektorat: Hendrik Buchna

SFX und Edit: Tommi Schneefuß, Henrik Cordes, Rainer Pappenberger und Markus Rieger

Aufgenommen im Hörspielstudio Xberg

 

Inhalt:

 

  • 01 Von Draußen – von Raimon Weber, gelesen von Leyla Rohrbeck
  • 02 Die verlorene Kolonie – von Anette Strohmeyer gelesen von Simon Jäger
  • 03: Nach dem Sturm – von Simon X. Rost, gelesen von Benjamin Völz
  • 04: Träume der Termiten – von John Beckmann, gelesen von Charles Rettinghaus
  • 05: Die Akte Tori – von Raimon Weber, gelesen von Luise Helm
  • 06: Vor den Toren – von Simon X. Rost, gelesen von Benjamin Völz

 

 

ASIN: B00GA8CW3O

 

Erhältlich bei Amazon

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zuletzt aktualisiert: 03.09.2018 18:38 | Users Online
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