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Red State (BR; Horror; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Religiöser Fanatismus, fehlgeleitete Überzeugungen – zwangsläufig muss man als US-Amerikaner nicht ins (muslimische) Ausland fahren, um mit derlei gefährlichen Auslegungen konfrontiert zu werden. Und wenn sich schließlich auch noch die staatlichen Exekutive einmischen – ganz schlechte Idee. Man denke nur an den 28. Februar 1993, jenen unrühmlichen Tag, an dem das FBI das Gelände der, zugegebenermaßen radikalen, Davidian-Sekte im texanischen Waco stürmte und dabei 89 Sektenmitglieder, inklusive dem Anführer David Koresh, tötete. Doch so groß die Gefahr der Davidianer gewesen sein mag, die unüberlegte und brachiale Erstürmung war letztlich auch nicht viel besser, als der blinde Hass, der von den Sektenmitgliedern giftgleich verbreitet wurde. Spätestens nach diesem furchtbaren Zusammenstoß zweier Extreme – aus dem ferner der Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City resultierte – war es eigentlich überdeutlich, dass Bundesbehörden, ebenso wie diverse religiösen Gruppierung in ihrem Handeln überwacht und eingeschränkt werden müssen. Gäbe es da nicht den mitunter sehr toleranten US-Kongress beziehungsweise den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der absolute Nichteinmischung des Staats in die Angelegenheiten einer Religion garantiert. Es rumort demnach gewaltig unter dem, laut George W. Bush nicht verhandelbaren American way of life. Spätestens nach 9/11 und den bis in die heutige Gegenwart reichenden Folgen, weiß inzwischen nun auch ein Teil der eigentlich unbeirrbar patriotischen amerikanischen Bevölkerung darüber Bescheid. Die USA mögen weiterhin das Land der Träume sein – von einem Paradies sind sie weit entfernt.

 

Das es nun ausgerechnet ein, eher für derbe, wenngleich herzliche Komödien bekannter Regisseur wie Kevin Smith ist, der sich über besagte Thematiken Luft verschaffen will, ist dann schon etwas verwunderlich. Und so präsentiert der stets gutgelaunte Vollbartträger aus New Jersey keinen Angriff auf die Lachmuskeln, sondern eine knochentrockene Balance aus Thriller, Torture-Porn und politischem Statement.

 

Ganz wie es sich für ihre Altersklasse gehört, spielen auch bei den drei Teenagern Travis (Michael Angarano), Jared (Kyle Gallner) und Billy Ray (Nicholas Braun) die Hormone verrückt. Gewisse Teile der weiblichen Anatomie und der unweigerlich damit einhergehende Sexualtrieb dominieren den Alltag des jugendlichen Trios. Als Jared in der Schulpause seine Kumpels auf eine Internetseite aufmerksam macht, in der sich vorwiegend Frauen für anonymen Sex anbieten, steht für die drei außer Frage, wohin die Fahrt mit dem PKW von Travis’ Vater gehen soll.

Doch schon der Weg zu ihrem Kontakt wird zu einem Fiasko, als Travis unterwegs einen abgestellten Wagen streift und Fahrerflucht begeht. Was er und die anderen nicht ahnen: der Wagen war nicht leer. Vielmehr hatten sich darin der lokale Sheriff (Stephen Root) und seine – männliche – Bekanntschaft ein kleines Schäferstündchen genehmigt; freilich ohne vorher die Frau des Gesetzeshüters informiert zu haben.

Am Ziel angekommen, erweist sich die vermeintliche sexy Enddreißigerin als heruntergekommene, schlechtgelaunte Frau jenseits der Fünfzig. Doch selbst dieser zweite ernüchternde Effekt ihres Ausflugs kann die drei Jungs nicht aufhalten. Schließlich lernt man das Reiten am besten auf einem alten Gaul, oder? Und so folgen sie Sarah Cooper (Oscar-Gewinnerin Melissa Leo) in ihren alten Wohnwagen. Aber anders als ihre Bewunderer, ist Sarah weniger auf eine schnelle Nummer aus. Vielmehr hat sie ihre Beute spinnengleich angelockt und dank präpariertem Bier rasch ausgeknockt. Als Jared wieder zu sich kommt, findet er sich gefesselt in einem Käfig wieder – inmitten einer Kirche. Nicht lange, bis ihm klar wird, wo genau er ist. Jeder in der Umgebung kennt die Five Points Trinity Church respektive deren Oberhaupt, den extrem homophoben, radikalen Prediger Abin Cooper (Michael Parks), der – nicht nur – an den drei Teenagern ein Exempel statuieren möchte. Mit tödlichem Ausgang. Doch dann überschlagen sich die Dinge, bis sich schließlich auch das Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe (ATF), angeführt von Agent Joseph Keenan (John Goodman) einmischt. Was folgt ist ein Inferno aus Gewalt und Chaos …

 

Nach seinem Flop Cop Out (der die, für Smith-Verhältnisse ansehnliche Summe von 37 Millionen Dollar veranschlagte) dachte Kevin Smith gar nicht daran, sich ob der Finanzierung von Red State an ein großes Filmstudio zu wenden. Weniger wegen des Geldes, sondern eher wegen der mitunter ziemlich eindeutigen und harten Aussagen, die Smith in sein Werk integriert hat. Mittelpunkt ist fraglos jener religiöse Fundamentalismus, wie er von den Mitgliedern der Five Points Trinity Church ausgeübt wird, die im Übrigen keine vollständige Erfindung ist, sondern vielmehr der berüchtigten Westboro Baptist Church nachempfunden wurde – wie auch deren Anführer Abin Cooper ein Ebenbild des realen Pastor Fred Phelps ist. Meisterhaft verkörpert der Tarantino-Spezi Michael Parks diesen gefährlichen Fanatiker, dem Kevin Smith zugleich einige gleichermaßen erschreckende wie mitunter durchaus berechtigte Zeilen in den Mund gelegt hat, die den Film ein erschreckend bigottes Wesen verleihen – seien es nun Travis’ Eltern, nachdem sie sich im Fernsehen entdecken; an einem Protest gegen Homosexuelle vorbeifahrend, oder etwa das dunkle Geheimnis des Sheriffs gegenüber seiner Frau (über das Abin Cooper jedoch bestens im Bilde ist). Verborgen von scheinbar löblichen und moralisch anständigen Werten, offenbart Smith eiskalt die heuchlerische Fratze, die darunter verborgen liegt. Übrigens nicht nur auf Seiten der vermeintlich »Bösen«. Mitunter reibt er sogar dem Zuschauer selbst den Spiegel unter die Nase. Gut wird Böse und umgekehrt. Zusätzlich zur thematischen gesellt sich auch eine visuelle Härte und Kaltschnäuzigkeit hinzu, weniger aus Selbstzweck, sondern vielmehr als logische Ergänzung. Glaceehandschuhe gibt’s woanders.

Doch letzten Endes wird besonders an den wirren Fanatikern kein gutes Haar gelassen – bevor der Streifen schließlich um eine weitere Ebene ergänzt wird: den Einsatz der ATF-Beamten rund um Joseph Keenan (ein deutlich abgemagerter und wie immer überzeugender John Goodman), der bewusst kein besonders gutes Bild auf den amerikanischen Justizapparat wirft. Insbesondere, da Smith auch hier mit einigen handfesten Überraschungen aufwerten kann, und sich somit sehr elegant erneut den drögen Klischees entzieht. Spätestens ab dem zweiten Akt spürt man, dass Smith »sein« Tempo und vor allem »seine« Sprache gefunden hat, die weder politisch korrekt noch eingeschränkt daherkommt. Auch wenn viele Aspekte mitunter übertrieben oder gar bizarr anmuten, ihren Ursprung haben sie samt und sonders in realen Ereignissen. Zum Glück wird bei so viel gnadenloser und erstaunlich objektiver Abrechnung nicht die Handlung übersehen, die leider auch ein paar kurze, aber durchaus spürbare Längen aufweist, dennoch bestens zu unterhalten weiß – und dank des besagten, doppelt und dreifach aufgetragenen kontroversen Anstrichs sogar noch hitzköpfiger und unabhängiger daherkommt. Demzufolge ist auch das Finale von Red State zu einer zweischneidigen Sache geworden. Fraglos konsequent, was den cineastischen Tonfall betrifft – aber passend? Falls Smith auch in diesem Aspekt die Gemüter spalten wollte, so ist ihm dies fraglos gelungen. Aber selbst wenn man den, mit einem leichten »esoterischen« (man bedenke die Anführungszeichen!) Hauch versehenen Ausgang nicht goutieren mag, wird man nicht umhin kommen, die Kompromisslosigkeit von Red State zu bewundern – welche sich weniger aus abgetrennten Gliedmaßen und zahllosen Austrittswunden, denn aus bitterbösen Wahrheiten summiert.

 

Fazit:

Ein brutaler, manchmal sogar menschenverachtender Film, dessen Härte aber nur das couragierte politische Statement deutlicher werden lässt, welches Kevin Smiths kontrovers-packende Tour-de-Force vermittelt. Harter Tobak, politischer Schrecken und zugleich bewundernswert mutig. Ein Werk, dass auf dem besten Wege ist, demnächst als Kultfilm deklariert zu werden.

Eure Meinung:


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BR:

Red State

Originaltitel: Red State

USA, 2011

Regisseur: Kevin Smith

Sprache: Deutsch (DTS-HD 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bildseitenformat: 16:9 - 1.85:1

Umfang: 1 BR

FSK: 18

Ascot Elite, 6. Dezember 2011

Spieldauer: 88 Minuten

 

ASIN (Blu Ray): B005SDB6ZM

ASIN (DVD): B005SDB70Q

 

Erhältlich bei Amazon

 

Darsteller:

Michael Parks

John Goodman

Michael Angarano

Kerry Bishé

Nicholas Braun

Kyle Gallner

Stephen Root

Melissa Leo

Kevin Pollak


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Erstellt: 28.02.2012, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23