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Remothered: Broken Porcelain

Rezension von Cronn

 

Vorsichtig schleiche ich den Gang entlang. Lediglich ein paar rote Notlichter erhellen ihn. Aus allen Ecken springt mich Dunkelheit an. Ich phantasiere, was wohl sich darin verbergen möge.

Mein Ziel ist der Raum 213. Dort vermute ich meine Freundin, die ich schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Ich vermute, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte. Die Aufseherin Andrea hat auf mich einen verwirrten und brutalen Eindruck hinterlassen, als sie mich auf mein Zimmer begleitet hatte.

Plötzlich höre ich das Rattern einer Nähmaschine. Dazwischen erklingt das leise Gebrabbel von Andrea, die sich über ihre Arbeit und über uns Mädchen beschwert. Redet sie mit sich selbst? Das klingt so, denn ich höre niemanden antworten. Aber da ist das leise Krächzen von Raben oder Krähen zu hören. Seltsam.

Ich ducke mich und schleiche auf dem Teppich um die Ecke. Langsam nähere ich mich dem Durchgang, woher die Geräusche kommen. Und dann sehe ich sie im Raum dahinter: Andrea sitzt seitlich zu mir an einem Arbeitstisch und beackert ihre Nähmaschine. Ein Vogelkäfig mit einem Raben steht hinter ihr. Verdammt. Ich muss an ihr vorbei, um einen Ausweg aus dem Hotel zu finden.

Doch da ruckt Andreas Kopf in meine Richtung: »Ich hab dich gesehen!« Sie springt auf und ich renne los, spurte um die Ecken und spüre die Verfolgerin in meinem Nacken. Sie ist um einiges schwerer als ich, daher kann ich einen Vorsprung herausholen. Doch auf ewig kann das Katz-und-Maus-Spiel nicht andauern.

Ich suche mir ein Versteckt. Dort – die Truhe! Wenn ich mich darin verstecke und Andrea vorbeilotsen kann …

Schnell öffne ich den Deckel der Kiste und behände springe ich hinein. Mein Herz pocht laut in meinen Ohren. Ich flüstere mir aufmunternde Worte zu: »Du schaffst das, Jen!« Trotzdem: Ein ungutes Gefühl lässt sich nicht so einfach abschütteln.

Da! Sie kommt um die Ecke. Finster schaut sie drein, gar nicht die nette, mollige Andrea, so wie ich sie aus dem Alltag kenne. Was hat sie nur so stark verändert?

Sie spricht mit sich selbst, schimpft und zetert. Sie kommt auf mein Versteck zu. In der Hand hält sie eine Schere, zum Stoßen bereit ragt sie aus ihrer Faust.

Jetzt ist meine Verfolgerin direkt vor mir. Ich muss mich beruhigen, sonst findet sie mich durch ein unabsichtliches Geräusch. Ja, mein Herz scheint mir so laut zu sein, dass ich glaube, dass Andrea das Klopfen hören müsse.

»Wo ist sie hin? Ich habe Besseres zu tun, als immer auf die Mädchen aufzupassen. Das ist ein Hotel und kein Waisenhaus!«

Für einen Moment glaube ich, dass sie mich entdeckt hat. Doch dann wendet sie sich um und läuft weiter, öffnet die Türe zu meinem Zimmer und verschwindet darin.

Ich warte ein, zwei Sekunden. Dann steige ich aus der Truhe und setze meinen Weg fort. Das ist ja nochmal gut gegangen. Aber wer weiß, wie die nächste Begegnung ausgehen wird?

 

Remothered: Broken Porcelain ist das neueste Produkt aus dem Haus Modus Games und stellt den direkten Nachfolger zu Remothered: Tormented Fathers dar. Beide Spiele wurden von Chris Darril hauptverantwortlich entwickelt. Wie gelungen sich der Nachfolger zum Indie-Horrorüberraschungshit von 2018 spielt, soll die nachfolgende Rezension klären.

 

Hintergrund:

»Remothered: Broken Porcelain« knüpft von Seiten der Story direkt an den Vorgänger an, weshalb auch dankenswerterweise ein Video enthalten ist, das die Handlungsfäden darlegt. Sie sind bereits in »Remothered: Tormented Fathers« nicht leicht zu entwirren gewesen.

 

Nun schlüpft der Spieler anfangs in die Rolle von Jennifer, einem fünfzehnjährigen Mädchen, das in einem Hotel am Fuß des Vulkans Ätna untergebracht ist. Das Hotel wird zum Teil als Unterbringungsmöglichkeit für schwer erziehbare Mädchen genutzt. Das Spiel beginnt im Jahr 1973, aber im Laufe der Handlung finden mehrere Zeitsprünge statt. Später ist man auch wieder als die vom Vorgänger bekannte Ermittlerin Rose unterwegs.

 

Die Story von »Remothered: Broken Porcelain« ist interessant und bietet spannende Wendungen, aber hier haben die Macher eindeutig übertrieben. Es sind zu viele Sprünge in zu kurzer Zeit, zu viele Wendungen und Plotwists knapp hintereinander in den Zwischensequenzen enthalten, sodass viele Spieler davon verwirrt sein werden. Das ist sehr schade, denn per se ist die Geschichte rund um Drogen und verwechselte Persönlichkeiten durchaus gelungen.

 

Gameplay:

Im Spiel ist man in der Third-Person-Perspektive unterwegs, schaut also der Spielfigur von schräg hinten oben über die Schulter. Die Kamera lässt sich frei bewegen. Allerdings ist hier noch der Wurm drin: Die Kamera ist teilweise bockig und schwer drehbar, was gerade in den Verfolgungssituationen für Frust sorgt. Auch die Bewegungsmöglichkeiten sind mit Schleichen, Gehen und Rennen ähnlich wie im Vorgänger, spielen sich aber aufgrund der hakeligen Kamera und der trägen Steuerung wesentlich behäbiger und daher bei hektischen Situationen deutlich problembehafteter.

 

Erneut verfängt das Prinzip des Schleichens, Versteckens und Gegner-Verwirrens. Allerdings wurde das Gameplay erweitert. Nun kann man wie in einem Rollenspiel seine Fähigkeiten aufleveln. Dabei wird die Gesundheit erhöht, die Schleichfähigkeit verbessert und auch die Attacke-Fähigkeit verändert sich. Das hört sich auf dem Papier spannend an, hat aber im Gameplay wenig sichtbare Veränderungen.

 

»Remothered: Broken Porcelain« macht den Fehler, sich zu sehr auf das Hide-And-Seek-Spielprinzip zu verlassen. Gerade in der ersten Stunde ist man in einem Gameplay-Loop gefangen, was wenig zufriedenstellend ist, da keine Progression in der Spielwelt stattfindet. Immer wieder durchläuft, durchschleicht oder durchrennt man dieselben Gänge und Räume.

 

Hinzu kommt, dass es noch haufenweise Bugs gibt. Das ist vor allem dann ärgerlich, wenn man von einem Gegner bedrängt wird und nicht die Tür-Öffnen-Sequenz einleiten kann, da das Icon wegen eines Bugs nicht erscheint. Fairerweise muss man sagen, dass der Entwickler im Tages-Takt das Bugfixing betreibt und neue Updates erscheinen.

 

Grafik und Sound:

Die Grafik von »Remothered: Broken Porcelain« ist gut gelungen, aber nicht mehr völlig up-to-date wie das noch im Vorgänger war. Man merkt gerade bei den scheinbar nebensächlichen Objekten wie Bäume im Hintergrund, dass sie wegen Budgetmangel mit wenigen Polygonen und Texturen auskommen mussten. Ansonsten sind die meisten Charaktere gelungen modelliert und auch die Umgebungen können mit hoch aufgelösten Texturen gefallen.

 

Der Sound ist ordentlich, wenngleich nicht immer perfekt ortbar. Dies ist aber gerade in den Verfolgungsszenen immens wichtig, sodass Abstriche gemacht werden müssen. Die Musik und die Atmosphärensounds sind sehr gelungen und auch die Sprecher machen ihre Arbeit gut.

 

Fazit:

»Remothered: Broken Porcelain« ist leider nicht so gut geworden wie sein Vorgänger. Wo dieser mit Innovationen und einer dichten Atmosphäre aufwarten konnte, macht der Nachfolger viele zweifelhafte Designentscheidungen. Auch die Bughäufigkeit und Trägheit der Steuerung erschweren dem Spieler den Zugang. Hier sollte man weitere Updates abwarten und sehen, wie sich der Titel entwickelt.

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Eure Meinung:

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PC-Game:

Remothered: Broken Porcelain

Darill Arts / Modus Games, 13. Oktober 2020

USK: 18

 

Erhältlich über Steam


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Erstellt: 01.11.2020, zuletzt aktualisiert: 17.11.2020 16:25