Rezension von Cronn
Auf leisen Sohlen schleiche ich durch die finsteren Gänge des heruntergekommenen Hotels. Meine Taschenlampe erleuchtet verbrannte Tapeten und Teppiche, deren Fasern sich aus der stofflichen Verbindung des Gewirkes lösen.
Vor vielen Jahren hat hier ein Brand gewütet. Ich muss das wissen, denn schließlich war ich damals dabei. Und wieder übermannt mich die Erinnerung an die tragische Nacht, als meine Mutter und ich hier im Hotel vor dem Unbekannten flohen und sich die verhängnisvolle Feuersbrunst ausbreitete.
Die Nacht, als meine Mutter starb.
Der Kopfschmerz ist wieder da. Und obwohl ich inzwischen FBI-Agentin bin, fällt es mir schwer, zwischen Realität und Erinnerung zu unterscheiden und professionell zu bleiben.
Plötzlich knallt eine Tür hinter mir zu. Ich erschrecke über meinen Gedanken: Bin ich etwa nicht alleine hier?
Szenenwechsel:
Der Ausbruch des Virus in Racoon City scheint Vergangenheit zu sein und dennoch sitzt du hier im Porsche und grübelst darüber nach, warum die Menschen in der Stadt durchdrehen. Du siehst auf deine Marke: Leon S. Kennedy steht da. Überlebender der Ereignisse in Racoon City und der Aktionen rund um das spanische Bergdorf. Aber nun scheint dich deine Vergangenheit erneut einzuholen.
Du steigst aus und sofort rennt ein Infizierter auf dich zu. Du schnappst dir deine Knarre aus dem Holster, zielst kurz und machst mit dem Typen kurzen Prozess. Weitere zombifizierte Menschen taumeln durch die Straßen, angelockt vom Lärm des Schusses. Hinter Autos erheben sie sich, wanken herum, wollen dich mit vorgereckten Armen greifen, die Hände zu Klauen verbogen.
Du zielst, schießt, lädst nach, zielst erneut und schießt wieder. Wenn sie zu nahe sind, haust du sie mit einem gekonnten Fußtritt auf den Asphalt, wo sie wimmernd liegenbleiben.
Schließlich stehst du mit rauchender Pistole breitbeinig auf der Straße. Nichts rührt sich mehr. Wohin wird der Weg dich nun führen?
Resident Evil – Requiem ist der neunte Teil der erfolgreichen Gamesreihe und bildet im Jahr 2026 das Spiel, das zum 30. Geburtstag des Franchises gratuliert. Wahrhaft 30 Jahre ist es her, dass wir durch die Gänge des Herrenhauses geschlichen sind, die feste Kameraperspektive immer als unsichtbarer Gegner mit dabei.
Viel Zeit ist vergangen und dementsprechend hat sich auch das Gameplay der Reihe immer wieder gewandelt. Mit dem neunten Teil sollen Action und Survival-Horror eine Verbindung eingehen. Skeptisch durfte man nach dem sechsten Teil der Reihe durchaus sein, wenn es um diese Melange geht. Doch zunächst soll ein Blick auf die Storyhintergründe von »Resident Evil – Requiem« gelegt werden.
Für das Spiel hat sich Capcom einiges einfallen lassen, was bereits im Vorfeld für kritisches Stirnrunzeln gesorgt hat. Doch um es vorweg zu sagen: Wir dürfen unsere Stirn glätten, alle Sorgen wurden ausgeräumt.
Man spielt die beiden Charaktere aus verschiedenen Perspektiven. Grace wird aus der Ego- und Leon aus der Third-Person-Perspektive gespielt. So ist es von den Machern gedacht. Aber wir dürfen jederzeit zwischen den Perspektiven wechseln. Beide Kameraperspektiven machen eine gute Figur und funktionieren einwandfrei. Wer sich auf eine Erfahrung wie Resident Evil 4 freut, kann daher ebenso jubeln wie jemand, der sich mit der Immersion von Resident Evil 7 angefreundet hat.
Die Spielerfahrung ist wieder eng an eine Mischung aus Kämpfen und Erkundung / Stealth geknüpft. Die Spielabschnitte mit Grace haben einen höheren Stealth-Anteil als bei Haudrauf-Schießmichtot-Leon. Doch auch hier gilt: Bei beiden ist auch ein Switchen des Spielstils möglich, zumindest in den einfacheren Schwierigkeitsgraden.
Man erwehrt sich der Zombies mit Waffen a la Pistole und Schrotflinte und Messer. Später kommen Anti-Zombie-Spritzen und Granaten dazu. Aber das Umschleichen funktioniert weitgehend ebenfalls.
Dabei sind die Zombies kein hirnloses Kanonenfutter, sondern weisen sogar noch Reste von Persönlichkeitsmerkmalen auf. So ist beispielsweise ein Zombie wohl als Hausmeister tätig gewesen und achtet stets darauf, dass Lichtschalter ausgeknipst werden. Ihn kann man mit Lichtschaltern triggern. Dann kommt er und ist mit dem An-Aus-Schalten beschäftigt – stundenlang. Solange man ihm nicht in die Quere kommt, dann verfolgt er einen, sogar über Treppen.
Andere Zombies waren mal Reinigungskräfte. Sie schrubben die überall verteilten Blutflecken. Diese Flecken kann man mit einem Gerät zum Craften verwenden, indem man eine Spritze daran mit infiziertem Blut füllt und es zusammen mit anderen Materialien, wie beispielsweise Metallschrott, zu Pistolenmunition verwandelt. Klingt komisch, ist aber so. Diese Mechanik erzeugte bei mir regelmäßig ein Grübeln darüber, was ich jetzt wohl am besten brauche: Munition oder Anti-Zombie-Spritze fürs Hinterrücks-Ausschalten oder dergleichen.
Auch Rätsel gibt es immer wieder mal. Diese sind Resident-Evil-typische Schalterrätsel oder man muss die Kombination für Schlösser finden. Ein größerer Grübelpunkt war für mich das Ausbaldowern von Molekülstrukturen, um weitere Blaupausen fürs Crafting freizuschalten. Das erwies sich als knifflig.
Auch immer wieder gern gesehen: Türen lassen sich nur mit dem richtigen Schlüssel oder einem Magnetarmband öffnen, das man vorher gefunden haben muss. Die Suche danach ist motivierend gestaltet und hat kein Frustpotential. Mit Dietrichen können zudem bestimmte Schubladen geöffnet werden.
Geschickt wird das Gameplay bezüglich des Fortschritts mit den Charakteren verknüpft. Beispielsweise gibt es Türen, die Grace nicht öffnen kann, da ihr ein Werkzeug fehlt. Später kommt man mit Leon erneut zu diesen Türen und kann sie öffnen, da Leon eine Axt dabei hat.
Somit ist das Gameplay immer voranschreitend. Stets gibt es Elemente, die man noch nicht lösen kann und die dann später – nach Kenntnis von Codes oder mit Hilfe von Gadgets – erfolgreich aufgelöst werden können.
Die Grafik von »Resident Evil – Requiem« basiert auf dem Grundgerüst der RE Engine. Dieser hauseigene Grafikmotor von Capcom ist bereits seit langer Zeit mitgewachsen und bietet eine sehr gelungene Grafik für moderne Rechner. Selbst Ray- und Pathtracing wird unterstützt. Es gibt momentan kein schöneres Horror-Game.
Der Sound ist bei einem derartigen Spiel extrem wichtig. Die Umgebungsgeräusche tragen viel zur Immersion bei. Die Musik ist gelungen und wirkt direkt mit den Geräuschen verwoben, so dass man sie kaum auseinanderhalten kann. Die Synchronsprecher machen sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch eine gute Figur und hauchen ihren jeweiligen Rollen Leben ein.
»Resident Evil – Requiem« setzt die Latte für kommende Horrorspiele im Triple-A-Bereich hoch. Derart intensiv und gelungen spannend und gleichzeitig fesselnd actionreich Horror zu inszenieren, muss Capcom erst einmal jemand nachmachen. Sicher sind im Indie-Bereich ebenfalls spannende Games möglich, doch mit einer derartigen Grafik- und Soundopulenz, was noch gekrönt wird von durchdachtem Spieldesign, sind keine Indie-Games ausgestattet. Das hat nur »Resident Evil – Requiem«. Für Horrorfans ist das Game eine unbedingte Kaufempfehlung!