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Revolverherz von Simone Buchholz

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Staatsanwältin Chastity Riley hat mit einem Haufen von Problemen zu kämpfen: Da hat sie sich in ihren Nachbarn verliebt – eigentlich nicht weiter schlimm, doch mit ihren knapp vierzig Jahren kommt sie sich zu alt für einen Jungen von Anfang Zwanzig vor. Er – "Klatsche" – sieht das anders. Auch ihre Freundin Carla versucht schon wieder sie zu verkuppeln, dieses Mal mit dem Theaterintendanten Zandvoort. Der ist ein attraktiver Mann im fortgeschrittenen Alter, aber irgendwie nicht ganz geheuer. All das ist schwer für Chastity, denn einerseits sehnt sie sich nach menschlicher Nähe, doch andererseits mag sie sich seit dem Selbstmord ihres Vaters nicht mehr emotional binden. In dieser seelisch unbeständigen Lage wird sie außerdem mit einem grauenhaften Mord konfrontiert: Die nackte Leiche einer schönen, jungen Frau wurde auf nahezu künstlerischer Weise am Hafen drapiert. Und zudem hat sie eine schrille Kunstperücke auf ihrem skalpierten Schädel.

 

2006 wohnt die Staatsanwältin Riley schon seit einigen Jahren auf dem Hamburger Kiez. Dort verbringt sie viel Zeit nach Dienstschluss, dort hat Carla ihr Café. Von dort stammen auch die ermordeten Frauen. Darüber hinaus gibt es noch ein paar Schauplätze in Hamburg – die Leichen werden an der Elbe gefunden usw. – doch liegt nicht nur der Schwerpunkt der Handlung auf dem Kiez, die Darstellung ist auch qualitativ deutlich anders: Außerhalb von Kiez und Hafen sind die Beschreibungen eher unspezifisch; die Orte könnten auch in Berlin oder Frankfurt liegen. Kiez und Hafen werden dann sehr stimmig beschrieben: Als Riley einem alten Mann, der eine Frauenleiche fand, befragt, schildert die Autorin dieses sehr knapp, aber unglaublich treffend. Wer Kiez und Hafen kennt, weiß, dass die Beschreibungen nicht nur authentisch wirken. Die Ich-Erzählerin Riley schätzt zwar die Gegend und die Leute, doch einige Türen bleiben ihr verschlossen – sie ist und bleibt eine Außenseiterin und damit kann auch der Leser keinen tiefen Einblick in die Gesellschaft erhalten. So wird das Setting zu einem mal rauen, mal charmanten Ambiente, aber ein Milieu wird es nicht.

 

Die zentrale Figur ist Chastity Riley. Ihr Vater war ein amerikanischer Soldat; an Chastitys zwanzigsten Geburtstag, beging er Selbstmord. Da ihre Mutter die beiden schon früh verlassen hatte, war Chastitys Bindung an ihren Vater besonders eng. Ihm zu liebe, hatte sie mit dem Jurastudium angefangen und ihm zu liebe zog sie es nach seinem Tod durch. Schließlich ist sie nach Hamburg gekommen – es hatte nur das Sprungbrett nach Berlin sein sollen, doch sie verliebte sich in den Kiez und blieb der Stadt seither treu. Sie ist eher ein bodenständiger Typ: Neben Kiez und Hafen liebt sie Fußball und ihr Verein ist – wie könnte es anders sein – Pauli. Ihr Getränk ist natürlich Astra. Eine besonders feste Persönlichkeit hatte sie wohl nie, aber der Tod ihres Vater machte es keineswegs besser: Seit dem hat sie Kreislaufprobleme, friert ständig und fällt in Stresssituationen in Ohnmacht. Dann schwankt sie zwischen dem netten, aber viel zu jungen Klatsche und dem attraktiven, aber unheimlichen Zandvoort – oder soll sie beiden den Laufpass geben? Ihre beste Freundin Carla hat auch große Probleme mit ihrem Freund und dann ist da noch ein Mörder, der in ihrem Revier Frauen skalpiert – stressige Zeiten kündigen sich an.

Riley ist also eine durchaus interessante Figur, der recht viel Raum gewährt wird. Wie die Protagonistin so neigen auch die Nebenfiguren zur Exzentrik oder mindestens zur Kauzigkeit – Klatsch war mal angehender Einbrecherkönig, Kommissar Faller hegt Beschützerinstinkte für seine Chefin Riley, Carla ist generell ein verrücktes Huhn etc. – allerdings sind sie wesentlich flacher: Interne Konflikte werden bei ihnen nicht spürbar.

 

Mit dem Plot gelangt man zum ersten größeren Problem: Die Autorin bringt zu viele unterschiedliche Elemente ein. Als Krimi funktioniert die Geschichte nicht wirklich, denn neben Details, wie unwahrscheinlichen Zufällen usw. ist die Staatsanwältin kaum an den Ermittlungen beteiligt und trägt entsprechend fast nichts zur Auflösung bei – auf Seite 170 (von 271) bekennt sie: "Ich renne nur als Anhang der Kripo durch die Gegend, und das, was mein eigentlicher Job ist, worin ich auch richtig gut bin, die Idee hinter den Ermittlungen zu sein, das gelingt mir nicht." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Aber was ist denn dann der zentrale Strang? Chastitys Bindungsangst? Die May-December-Romance mit dem jungen Nachbarn? Das klassische Beziehungsdreieck Klatsche – Chastity – Zansvoort? Wie spielt Carla hinein, was hat der Kiez mit all dem zu schaffen? Der Leser steht vor einem Rätsel.

Dementsprechend viele Spannungsquellen gibt es auch – aufgrund der Vielzahl können sie zumeist nur angerissen werden und wirken kaum.

 

Verbunden mit dem unübersichtlichen Plot ist das andere größere Problem: Die falsche Erwartungshaltung. Das Cover zeigt die Neonlicht-Reklame eines nuttigen Cowgirls vor einer schäbigen Klinkermauer. Das erweckt zumindest bei mir den Eindruck, dass es um die Licht- und Schattenseiten des Kiez' gehen wird. Der gelbe Aufkleber mit dem Aufdruck: "Der Kiez-Krimi" trägt das Seinige zur (falschen) Erwartungshaltung bei. Wer einen Krimi a la Eric Amblers Bitte keine Rosen mehr erwartet, in dem das soziale Geflecht um einen Verbrechenstypos (bei Ambler sind das Geldwäsche und Steuerhinterziehung im großen Stil) ausgeleuchtet wird, der wird bitter enttäuscht. Der Kiez ist ein bloßes Ambiente, seine Bewohner spielen nur eine nachrangige Rolle und sind tendenziell Opfer. Revolverherz lässt sich als Regionalkrimi lesen, obwohl auch so der Plot mit den Liebesnöten der Protagonistin überfrachtet ist.

 

Erzähltechnisch wartet der Roman mit einigem Ungewöhnlichen auf. Der Handlungsaufbau ist weitgehend progressiv – die Rekonstruktion des Verbrechens spielt so gut wie keine Rolle; darüber hinaus gibt es eine längere Rückblende. Die Erzählsituation ist weitgehend die der Ich-Erzählerin Riley, aber es gibt zwischen einigen Kapiteln Gedankenfetzen des Mörders, für die Buchholz die Stream-of-Consciousness-Technik verwendet. Außerdem gibt es ein Kapitel, in dem eine Reihe mehr oder weniger wichtiger Figuren preisgeben, was sie gerade bewegt; da die Gedanken in Form autonomer direkter Rede ausgedrückt werden, kann man dem Kapitel eine auktoriale Erzählsituation zuweisen.

Der Stil ist besonders ungewöhnlich: Zunächst sind die Verben im Präsenz, statt im Imperfekt, dem üblichen Erzähltempus, gehalten. Das passt gut zu Satzkonstruktion und Wortwahl, denn die Autorin hat den Kiez-Bewohnern genau auf's Maul geschaut – die Sätze vermitteln einen natürlichen Redefluss und vokabelmäßig hat sie einigen typischen, aber sehr saloppen Schnack am Start – allerdings ohne dabei ins Mundartliche oder gar Alberne abzudriften.

 

Fazit:

Die Staatsanwältin Chastity Riley durchlebt gerade eine chaotische Zeit: Soll sie ihre Bindungsangst ignorieren und sich mit ihrem jungen Kiez-Nachbarn oder dem älteren, etwas unheimlichen Theaterintendanten einlassen? Und dann ist da noch der Frauenmörder, der skalpierte Leichen mit schrillen Kunstperücken hinterlässt. Der Roman ist meines Erachtens durchwachsen: Der Plot will zuviel, aber macht zu wenig, der Kiez wird aber – wenn auch nur in Maßen – authentisch eingefangen, was in erster Linie am Erzählstil liegt. Wer keinen knallharten Krimi, sondern das turbulente Leben der Staatsanwältin und Kiezliebhaberin Riley will, mag es durchaus mit Revolverherz versuchen.

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Titel: Revolverherz

Reihe: -

Original: -

Autor: Simone Buchholz

Übersetzer: -

Verlag: Droemer (April 2008)

Seiten: 271-Klappbroschur

Titelbild: Alan Schein Photography / Corbis

ISBN-13: 978-3-426-19813-1

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.08.2008, zuletzt aktualisiert: 12.05.2016 13:51