Richtfest

Reihe: Dorian Hunter 19

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Cruelymoe: Großvater Bloom erzählt der kleinen Lilli Martha vor dem Zubettgehen eine Gutenachtgeschichte – aber was für eine: Die Tante von Lilli war vor vier Jahren mit einem fremden Mann auf dessen Zimmer gegangen. Als der Großvater und seine Söhne davon hörten, griffen sie zu den Gewehren, um dem Kerl mal tüchtig ins Gewissen zu reden. Aber zu spät: Der Fremde hatte sich als Monster entpuppt. Die Tante lag schon ganz zerfetzt auf dem Bett – und der Fremde war tatsächlich ein Dämon. Man schoss auf ihn, man prügelte auf ihn ein, doch nichts schien ihn zu verletzen. Dann kam der Wirt mit dem alten Schwert hinzu und hieb dem Ungeheuer mit einem Streich ein Bein ab. Es flüchtete, doch nicht ohne vorher den Ort zu verfluchen: Jedes Jahr werde es zurückkommen und so viele Dörfler holen, wie es kann – bis irgendwann keiner mehr übrig ist. Und morgen Nacht ist die Nacht des Dämons. Da kommt Sean, der Vater von Lilli Matha, hinzu und beruhigt sie: Es stimme zwar, was der Großvater gesagt habe, doch die Dörfler haben sich etwas ausgedacht – niemand von ihnen wird sterben müssen.

Indes ist eine Gruppe von psychisch Kranken eingeladen worden – zu ihnen gehört Lillian Hunter, die vom missmutigen Marvin Cohen begleitet wird; die ‚Bekloppten’ sollen zum Richtfest, das am Tage vor der Nacht des Dämons gefeiert wird, zu Ehrenbürgern gemacht werden …

 

In Kane, der achtzehnten Dorian Hunter-Folge, war quasi das gesamte Umfeld von Dorian Hunter dämonischen Bedrohungen ausgesetzt – es ging um das letzte Mitglied der Familie Zamis, Coco Zamis. Ausgenommen waren einzig Lilian Hunter und ihr Begleiter Cohen. In dieser Folge wird diese Bedrohung nachgeholt. Steht sie auch im Zusammenhang mit den vorherigen Bedrohungen? Bleibt abzuwarten. Richtfest ist eine relativ typische Geschichte um ein kleines Ritual: Mehr oder minder zufällig gelangt der Ermittler – in diesem Fall Marvin Cohen – an den Schauplatz. Er bemerkt Seltsamkeiten. Je mehr er denen nachgeht, desto schärfer fallen die Reaktionen aus – anfangs ist es schlichte Ablehnung, später kommen physische Attacken hinzu. Als zentrale Spannungsquellen sind also Rätsel und Bedrohung gepaart: Kann der Ermittler herausfinden, worum es geht, wie man es aufhält oder es mindestens überstehen? Zur Erinnerung: Unser MvO („Mann vor Ort“) ist Marvin Cohen, der mit seinen eigenen, etwas rabiaten Methoden – oder eher: reichlich rabiaten Methoden der Sache auf den Grund gehen will. Ein bisschen verkompliziert wird die Angelegenheit dadurch, dass sich langsam etwas zwischen Marvin und Lilian anbahnt, dass Cohen undercover – als ‚Bekloppter’ – im Einsatz ist, und die Pfleger ihn daher etwas gängeln. Außerdem sind da noch die Blooms, die auch nicht mit der Angelegenheit zufrieden sind bzw. Lilli Martha, die die Situation nur sehr begrenzt überblickt.

Insgesamt hat mir das Skript der Folge gut gefallen – es fließt angemessen schnell, bietet besonders mit Cohen einige Momente makabren Humors, und weil die Serien-Größen weitgehend fehlen, ist auch das Überleben der Figuren keineswegs gesetzt. Negativ sind mir eigentlich nur zwei Kleinigkeiten aufgefallen: Zum einen gibt es eine längliche Szene mit Hunter und seinem Chef Sullivan, in der die Ereignisse der letzten Folge zusammengefasst, aber dann in keinen Kontext gebracht werden, sowie das etwas abrupte Ende der Folge – ein paar zusammenfassende Sätze zur Lage nach der Nacht des Dämons wären wünschenswert gewesen.

 

Was einiges an Spannung brachte, bringt auch ein für die Reihe ungewöhnliches Ensemble von Sprechern: Zwar sind Thomas Schmuckert (Dorian Hunter), Marco Sand (Steve Powell) und Konrad Halver (Trevor Sullivan), die allesamt zum regulären Hunter-Team zählen, dabei, doch nur in kleinen Rollen. Sieht man von Frank Gustavus (Marvin Cohen) ab, ist kein weiteres Mitglied des Teams dabei. Alle sprechen ihre Rollen gewohnt gut, auch wenn ich finde, dass Gustavus den Cohen in seiner selbstgefällig-coolen Art ein bisschen zu sehr überzieht; Ähnliches gilt für Iris Artajo, die die Lilian Hunter für meinen Geschmack etwas zu naiv-verliebt spielt. Das ist in beiden Fällen vermutlich von der Regie so gewollt und daher nicht den Sprechern anzulasten.

Neben dem reduzierten Hunter-Team, werden vom Booklet noch elf weitere Sprecher aufgezählt – für eine Hunter-Folge, insbesondere dieser Länge, recht wenige – es schadet indes überhaupt nicht. Von der verbleibenden Sprecherriege will ich besonders die Sprecher der Bloom-Familie hervorheben: Peter Franke spricht der Großvater Preston Bloom, Johannes Steck den Vater Sean Bloom und Lilli Martha König die Tochter Lilli Martha. Franke wird vermutlich eher als Schauspieler bekannt sein (Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Das Wunder von Bern, Komm, schöner Tod), er hat allerdings auch schon einige Hörbücher und –spiele eingesprochen: Himmelsdiebe, Das Zimmer im Spiegel usw.; Freunden der Phantastik ist er vielleicht aus den John Sinclair-Reihen bekannt. Steck ist ebenfalls Schauspieler (In aller Freundschaft), im Hörbuch-Betrieb aber wesentlich umtriebiger: Er ist nicht nur Sprecher zahlreicher Hörbücher (Die Zauberer, Die Zwerge) und –spiele (Die Drei ??? Kids, John Sinclair), sondern auch als Produzent (u. a. Long John Silver) tätig. An der Performanz dieser beiden Veteranen ist kein Fitzelchen auszusetzen, doch die Dritte im Bunde verzaubert den Hörer. Madam König ist, wenn ich richtig recherchiert und gerechnet habe, sechs Jahre alt. Ihren ‚Durchbruch’ hatte sie wohl in Jagd nach Paris, seither sind ein paar Hörspiele der Reihen Die Elfen und John Sinclair dazu gekommen. König spricht ganz wunderbar – nicht nur für ihr Alter.

Alles in allem wieder einmal eine gute bis herausragende Performanz der Sprecherriege.

 

Auch die neunzehnte Dorian Hunter-Folge ist sehr modern Inszeniert: Kein Erzähler, auch wenn in der Eingangsszene Großvater Bloom seiner Enkelin eine Geschichte erzählt. Da hier z. T. quasi zwei Szenen nebeneinander herlaufen – einerseits gibt es die Ereignisse, wie sie sich abgespielt haben mit einem leichten Hall, andererseits das, was der Großvater erzählt – fungiert der Großvater für den Moment wie ein Erzähler. Die Geräusche stehen zumeist für sich selbst – wenn Schritte zu hören sind, ist klar, dass die Figuren gerade gehen, es wird nicht extra erläutert. Dabei ist die Geräuschkulisse sehr dicht gesetzt: Man hört fast beständig etwas im Hintergrund. Die Musik ist wie immer irgendwas zwischen Industrial und orchestraler Filmmusik und ebenso wie immer sehr stimmungsvoll. Meist werden drei Tonschichten verwendet – Sprecherdialog, Geräuschkulisse, Musik – an Höhepunkten werden es aber auch schon mal vier Schichten, es laufen dann zwei Dialoge nebeneinander.

 

Fazit:

Marvin Cohen, der Mann für's Grobe, begleitet Lilian Hunter nach Cruelymoe – einem Dorf, das in Bälde von einen brutalen Dämon heimgesucht wird. Richtfest spielt hinsichtlich der Inszenierung und besonders der Sprecher wieder in der Top-Liga, hinsichtlich der Figurenbesetzung kommen die randständigen stark zum Zuge, was der Spannung sehr gut bekommt. Dorian Hunter wird zunehmend zum Platzhirsch beim Gruselthriller.

 

 

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Eure Meinung:

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Hörspiel:

Richtfest

Reihe: Dorian Hunter 19

Produzent: Dennis Ehrhardt

Regie: Marco Göllner

Folgenreich, August 2012

Umfang: 1 CD

Laufzeit: ca. 75 Minuten

 

ASIN: B008H24CW0

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher

Thomas Schmuckert

Frank Gustavus

Iris Artajo

Marco Sand

Peter Franke

Lilli Martha König

 

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zuletzt aktualisiert: 28.05.2019 19:09 | Users Online
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