Vorsichtig lehne ich mich um die Ecke. Ein langer Flur, blinkende Deckenlichter, überall verstreute Aktenordner. Und ein großer Schattenumriss. Das ist einer von denen! Aber ist er aktiv? Er bewegt sich nicht, das kann sich aber jederzeit ändern.
Aber es hilft nichts, ich muss an ihm vorbei!
Ich checke mein C.A.T.-Werkzeug. Noch zwei Batterieeinheiten sind übrig. Zur Not könnte ich den Roboter also kurz mit einem Stromstoß einfrieren lassen.
Tief atme ich ein und aus, dann gehe ich voran.
Wobei das Wort »Gehen« eigentlich falsch ausgedrückt ist – ich schleiche voran, in der Hoffnung, dass der Roboter mich nicht wahrnimmt. Aber eigentlich ist es die System-KI der Lunarstation, die mich nicht erkennen soll. Beide Daumen gedrückt bewege ich mich langsam vorwärts.
Die Silhouette ist furchterregend: kräftige Eisenarme, hoher Stahlbrustkorb, dazu ein Kopf mit beweglichem Kiefer und darin … Zähne! Brrr, mich schüttelt es bei dem Gedanken daran!
Dann bin ich vorbei und erhebe mich, um zur geschlossenen Tür zu laufen, die in die nächste Ebene der Station führt. Am Terminal angekommen, stelle ich fest, dass sie nicht nur geschlossen, sondern verschlossen ist. Shit. Woher kriege ich den Code?
Plötzlich höre ich ein metallisches Geräusch und das Schnarren einer Roboterstimme und weiß: Er ist erwacht und hat mich gesehen!
Hektisch renne ich los, hetze um Ecken und gelange in eine Sackgasse, in der Bürotische gestapelt stehen. Verdammt! Wohin jetzt? Keine Chance zur weiteren Flucht. Hinter mir höre ich den Roboter heran stapfen. Ich muss weg, ich … verzweifelt werfe ich mich zu Boden und krieche unter einen der Tische, beobachte mit bangem Herzen, was der Roboter tut.
Er bleibt vor dem Tisch stehen, zwei stämmige Eisenbeine verharren regungslos. Und als ich schon denke, dass er mich unter dem Tisch hervorziehen wird, dreht er sich um und stapft davon.
Puh, nochmal Glück gehabt!
Routine heißt das Erstlingswerk von Lunar Software, das von Raw Fury als Publisher herausgebracht wird. Und wie die Einleitung schon zeigte, ist es nichts für schwache Nerven. Doch wie gelungen ist das Game? Das soll die nachfolgende Rezension aufzeigen.
Schon einige Jahre Entwicklungszeit hat »Routine« auf dem Buckel und dass es jetzt erscheint, wirkt auf Beobachter wie ein kleines Wunder. Aber was ist eigentlich im Kern des Spiels los? Welche Mechaniken und Hintergrundgeschichten erzählt es?
Man startet an Bord einer Mondstation und stellt sehr schnell fest, dass etwas gewaltig schiefgelaufen ist. Überall ist ein Chaos ausgebrochen, Räume sind verwüstet und kein Mensch ist zu sehen. Einzig die Roboter, welche der System-KI gehorchen, sind noch übrig. Herauszufinden, was passiert ist und wie man vom Mond fliehen kann, ist die Hauptaufgabe des Spielers in »Routine«.
Unter der Haube von »Routine« arbeitet die Grafikengine von Epic in der fünften Iteration. Das macht sich im Detailgrad bemerkbar und bei der Texturendichte. »Routine« sieht knackscharf aus, wenn man die Designentscheidung beachtet, welche das Game mit viel Schatten und in monochromer 70er/80er-Retro-Optik ausstattet.
Dieses Design wird konsequent durchexerziert und daher wirkt es nur stimmig, wenn in der Mondstation Kassettenrekorder und Videobänder zu finden sind, während gleichzeitig SF-Roboter umherstolzieren.
Alle Oberflächen und Werkzeuge fühlten sich extrem haptisch an, vor allem auch das C.A.T.-Multitool. Überall finden sich Schalter, die gedrückt werden und dergleichen mehr. Das erinnert in seinen besten Momenten, wie auch das Gameplay in Teilen, an Alien: Isolation.
Der Sound ist minimalistisch gehalten, es gibt keinen Musikscore im Game selbst. Ansonsten fiept und schnarrt es herrlich altmodisch, was zum gesamten Designkonzept passt.
Der kleine Bruder von »Alien: Isolation« ist erschienen und erwachsen geworden. »Routine« bietet eine knapp sechsstündige Horror-Erfahrung, die es in sich hat. Es ist kein Spiel für Gelegenheitsgamer·innen, hier werden keine einfachen Leitlinien gegeben und es kann schon mal passieren, dass man an einer Stelle länger festhängt.
Doch das ist nicht zwingend negativ zu sehen. »Routine« nimmt die Gamer·innen mit auf einer Hardcore-Reise auf eine Mondstation, fordert ihren Intellekt heraus und strapaziert ihre Nerven. Wer auf eine derartige Horror-Erfahrung steht, sollte »Routine« unbedingt eine Chance geben.
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