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Sandman: Präludien & Notturni

Reihe: Sandman Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

 

Die Saat der Träume ...

 

... oder auch das erste Korn, aus dem die märchenhaft verspielten oder zuweilen auch albtraumhaft düsteren »Sandschlösser« in den Weiten des Traumlandes gemacht sind – oder einfach nur der erste Sammelband der Sandman-Gesamtausgabe bei DC Vertigo/Panini. Zu Beginn des 240 Seiten starken Bandes sehen wir Dream, den düsteren Sandmann und schweigsamen Herrn der Träume, wie er vom skrupellosen Magier Roderick Burgess durch eine mächtige Beschwörung gefangen genommen wird – eine eitle, selbstherrliche Handlung des »Dämonenkönigs« mit fatalen Folgen für die Welt der Menschen, die fortan vor allem in Angelegenheiten des Schlafens – und Träumens – aus dem Gleichgewicht gerät. Nach über sechzig Jahren kann Dream sich schließlich doch befreien und in seiner Eigenheit als Morpheus sogar Rache am Geschlecht der Burgess nehmen, nur um sich hiernach endlich auf den Rückweg in sein Reich des Schlafes zu machen.

 

Dort angekommen, muss der Herr der Träume jedoch feststellen, dass sich die Traumlanden während seiner Abwesenheit merklich verändert haben – und das nicht zum Positiven. Also macht ein geschwächter Dream sich auf die Suche nach den drei Insignien seiner Macht, um sowohl sich selbst, als auch sein Reich wieder zu alter Stärke zurückzuführen. Dazu muss sich der Sandman allerdings in irdischeren Gefilden erst einmal mit John Constantine, dem Hellblazer, zusammentun und aufbegehrenden Träumen stellen, außerdem in die Hölle hinabsteigen, wo er unter anderem dem eloquenten Dämon Etrigan und den drei Regenten der Hölle begegnet, und sich sogar mit der JLA befassen – das alles für einen Beutel mit Sand, einen Helm und einen Rubin. Letztlich trifft der zurückgekehrte und wieder erstarkte Morpheus sogar den Tod – was aber nicht weiter schlimm ist, denn schließlich ist die schnuckelige junge Frau im Gothic Look niemand anderes als Death, ihres Zeichens ebenfalls eine der Ewigen. Und nicht zuletzt Dreams ältere Schwester ...

 

Neil Gaimans Sandman ist eine dieser Comic-Serien, die immer wieder als »moderner Klassiker« bezeichnet werden. Darüber hinaus sind Gaimans Storys aus der Welt der Ewigen mittlerweile die Referenz für moderne Fantasy-Geschichten im Comic sowie dem Rest der [phantastischen] Literatur. Und für die späteren Bände trifft diese Titulierung samt des damit einhergehenden Klassiker-Anspruchs auch ohne jeden Zweifel zu – »Sandman: Präludien & Notturni«, der erste Sammelband also, hat, wie sowohl Vertigo-Chefredakteurin und Sandman-Geburtshelferin Karen Berger in ihrem Vorwort, als auch Neil Gaiman in seinem sympathischen Nachwort freimütig zugeben, allerdings seine Schwächen. Sicherlich hat er auch viele brillante und schon zu diesem frühen Zeitpunkt wegweisende Momente, aber optisch und inhaltlich ist das noch nicht das Maß der Dinge – erst Recht nicht, wenn man den späteren Erfolg und die ungebrochene Popularität von Gaimans phantasievollem Kosmos um die Ewigen berücksichtigt. Doch jede Saga braucht ihren Anfang, und jedes schillernde, flimmernde Luftschloss aus unseren Träumen oder den Gefilden unserer Phantasie hat letztlich ein Sandkorn als grundlegende Basis, auf das viele weitere folgen sollen, um es zu erbauen. Und auch bereits jetzt erlesener, feiner Quarzsand kann trotz einiger Unreinheiten irgendwann zu klarem, strahlendem und funkelndem Kristallglas werden ...

 

Streng genommen ist es aber trotzdem so, dass »Sandman: Präludien & Notturni« erst nach knapp der Hälfte des Bandes (und von dort aus leider nicht einmal durchgehend bis zum Schluss) zu überzeugen weiß – was nicht zuletzt der Verdienst von John Constantine ist, der, egal ob von Moore, Ennis, Azzarello oder eben Gaiman geschrieben, einfach eine herrlich schräge, kantige Figur ist, mit der sich viel machen lässt. Und auch der nachfolgende Abstieg in die Hölle steht Dreams Charakter sehr gut zu Gesicht und fördert vor allem den Status des Sandmans als mächtigern Herr über den Schlaf. Hier sind Gaiman und der Band für zwei Kapitel erstmals voll im Fahrwasser, ehe es in der Episode mit den Helden der Gerechtigkeitsliga und dem irren Dee noch einmal einige schwache Szenen zu verkraften, nachfolgend dafür aber wieder ausreichend-ausgleichend Gutes mit Dream und Death im Epilog zu bestaunen gibt. Nach der doch recht schwachen Geschichte über die vermeintliche Wiedererlangung von Dreams Rubin ist es vor allem jener Epilog mit Death, Das Rauschen ihrer Flügel, also Einzelheft #8, der als exemplarisch für die künftige Magie und den allgemeinen Ton der Sandman-Comics bezeichnet werden darf.

 

Aufmachung, Layout und Artwork der Sandman-Bände hängen vor allem bei den späteren Episoden – und nicht zuletzt Dank Grafik- und Illustrationsgott Dave McKean – eng zusammen. Hier im ersten Band beschränkt sich McKeans Arbeit aber noch auf die Cover sowie kleinere Illustrationen zwischen den einzelnen Geschichten, während Sam Kieth und Mike Dringenberg bzw. später Dingenberg und Malcolm Jones III. die Arbeiten mit Bleistift und Tusche übernahmen und Gaimans Ideen und erste Schritte in den Gefilden der Ewigen visualisierten. Das Endprodukt erinnert von der Optik her ein bisschen an DCs Horror-Comics der frühen 1980er – eine zum Teil etwas bemühte Mischung aus Steve Bissette und Bernie Wrightson, wenn man so möchte, also ein manchmal noch etwas unausgegorener Spagat zwischen Tradition und Moderne, Anspruch und Innovation. Die farbliche Neubearbeitung der Seiten hat dem Artwork allerdings mehr als nur gut getan und setzt es trotz seines leicht antiquierten Zeichenstils in einen zwar nicht weniger ambivalenten, aber unterm Strich eben auch eher zeitlosen Kontext, welcher der gleichfalls zeitlosen Story und ihren ewigen Charakteren vollauf gerecht wird. Auch die gelungene Aufmachung des Trades mit seiner Klappenbroschur, seinem mit Drucklack veredelten Cover und dem üppigen Vor- und Nachwort, trägt einiges dazu bei, damit Gaimans Ewige endlich eine ultimative, würdige Heimat bekommen.

 

Fazit: Das ist er also, der Beginn des vielleicht bedeutungsvollsten Fantasy-Comics unserer Zeit – passenderweise getextet von einem der wohl bedeutensten zeitgenössischen Phantastik-Autoren. Ein wenig Nachsicht und Geduld braucht man mit Gaiman, den drei Künstlern und den ersten Geschichten aus dem Sandman-Universum allerdings schon, wenngleich man schon in diesem Auftaktband das unbändige Potential und die schöpferische Kraft der Figuren und des ganzen Konzepts erkennen kann – doch man muss eben auch ein Auge zukneifen können wie z. B. in der recht schwachen Geschichte mit Dee.

 

Große Dinge nähern sich mit riesigen Traumschwingen und dem »Rauschen ihrer Flügel« aus der Welt jenseits der Wirklichkeit, jenseits von Märchen, Mythen und – natürlich – Träumen. Dies hier ist der Anfang der Sandman-Erfolgsstory: vielleicht nicht immer überragend, vielleicht nicht immer ganz treffsicher oder perfekt, aber dennoch bereits jetzt über alle Maße originell – und dabei von überbordender Phantasie, Kreativität und einem allgegenwärtigen Mut zur Andersartigkeit beseelt.

 

Mit Storys wie Träum einen Traum von mir (Constantine) sowie Hoffnung in der Hölle (Lucifer, Etrigan) und dem eben schon erwähnten Das Rauschen ihrer Flügel als Wegweiser für die Zukunft dieser Reihe, bestehen die » Präludien & Notturni« mit einigen Abstrichen durchaus als ein innovativer Fantasy-Comic, der wirklich Großes verspricht, wenn er bald schon seine Schwingen ganz entfalten wird ...

 

 

 

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Comic:

Präludien & Notturni

Reihe: Sandman Bd. 1

Autor: Neil Gaiman

Zeichnungen: Sam Kieth,

Mike Dringenberg & Malcom Jones III.

Paperback, Klappenbroschur 240 Seiten, Panini, April 2007

ISBN: 3866073550

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 04.06.2007, zuletzt aktualisiert: 02.06.2019 18:26