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Schatten über Camotea herausgegeben von Henning Mützlitz und Christian Kopp

Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Camotea befindet sich im Wandel. Jahrtausende alte Zivilisationen stehen an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Ehemals stolze Ritterorden müssen sich der Herrschaft eines Großkönigs unterwerfen, reformatorische Sekten predigen Veränderung und Befreiung, Magier und Beschwörer erheben sich über ihre Könige, Händler, Söldner und Luftschiffpiraten ringen um Macht und Einfluss.

Im Schatten dieser Konflikte wächst eine dunklere Bedrohung heran: Die Jünger des Göttersohns Vandra trachten danach, sich das neue Zeitalter zu unterwerfen. Durch Lügen und Manipulation wollen sie die alte Ordnung der Welt zerstören.

Alte Gewissheiten werden vom Sturm dieser Entwicklungen hinfort gerissen, während die Zukunft des Kontinents am Scheideweg steht. In dieser Epoche des Umbruchs muss jeder Bewohner Camoteas seinen eigenen Weg finden. Von ihren Geschichten handeln die Wächter-Chroniken.

In zehn Novellen und Kurzgeschichten erschaffen elf Autorinnen und Autoren eine Welt voller Gefahren und Bedrohungen, Leid und Hoffnung, Kämpfen und Magie vor dem Hintergrund eines epischen Konflikts.

 

Rezension:

2014 verfassten Henning Mützlitz und Christian Kopp mit Wächter der letzten Pforte die ersten Einträge in die Geschichte der Welt Caldris. Im Rahmen des Anthologieprojektes Schatten über Camotea konnte sie neun weitere AutorInnen dafür gewinnen, mit Novellen und Kurzgeschichten Hintergründe und Mythen ihrer Fantasy-Welt zu erweitern und zu vertiefen.

 

Mit seinen beiden Texten Praeludium – Leuchtfeuer und Postludium – Leuchtfeuer schafft Christian Kopp einen lyrischen Rahmen, der an Tausendundeine Nacht erinnert. Während der junge Urias-Priester Ambros in der Halle des Leuchtfeuer von Agenost Zeuge aufziehender Ereignisse wird, lässt sich unweit im Palast seine Schülerin Inchari von ihrem Vater, dem Großkönig Ghalsar Ennius, Gutenachtgeschichten erzählen. Am Ende blickt der Herrscher hinüber zum Leuchtfeuer, in das ersterbende Licht Urias’.

 

Etwas unglücklich folgen dann zunächst zwei Artikel, die versuchen, einen Überblick über die Cosmologica Camotea und damit einen Einstieg in Die Welt der Wächter-Chroniken zu geben. Wer »Wächter der letzten Pforte« nicht gelesen hat, dürfte durch die Fülle der Informationen, Namen und Orte erschlagen sein. Es empfiehlt sich, diese beiden Texte nur als Glossar zu verwenden und gleich mit dem Geschichtenteil zu beginnen, der zunächst aus vier längeren Novellen besteht bevor die sechs Kurzgeschichten folgen.

 

Henning Mützlitz startet mit Die Königin von Mesoth.

Meisterdiebin Shanti soll in der Metropole Mesoth die Scheibe von Dessalia direkt aus dem Innersten der Zitadelle der Herrscherin Delana stehlen. Doch sie hat nicht mit der Raffinesse der Herrscherin gerechnet und so steht Shanti alsbald vor einer grausamen Hinrichtung …

Henning Mützlitz verbindet hier zwei Abenteuer um die Diebin Shanti miteinander. Zunächst steht der Einbruch in die Zitadelle im Zentrum. Im zweiten Teil muss sich Shanti in politischen Intrigen bewähren. Der Autor baut hier den Kontext weiterer Abenteuer mit Shanti auf.

Die Handlung ist spannend erzählt und man gewinnt erste Eindrücke in die Welt von Caldris.

 

 

Der letzte Wächter von Christian Lange ist eine in sich abgeschlossene Geschichte, die sich einem Mythos widmet.

Als der uralte steinerne Beschützer ihres Dorfes plötzlich davonläuft, folgt ihm die angehende Schamanin A’nima. Doch mit dem wandernden Selo stürzen tiefgreifende Veränderungen in das Leben der jungen Frau, ihres Freundes und der Dorfbewohner …

Christian Lange schildert gefühlvoll die dramatischen Probleme, die sich mit dem Fortlaufen des Beschützers für das Dorf und seine Bewohner ergeben. Er verbindet die Ereignisse mit der Emanzipation seiner Figuren von ihren tief in den Traditionen begründeten, sozialen Positionen. So muss sich A’nima nicht nur ihrer neuen Verantwortung stellen, sie muss auch ihre Liebe damit verknüpfen und ein erschreckendes Schicksal bewältigen lernen.

Zunehmend löst sich der Autor von klassischen Fantasy-Pfaden und ihm gelingt damit die Schöpfung einer Legende, die den mythologischen Unterbau der Fantasywelt bereichert.

 

Stefan Schweikert hingegen liefert in Der Hort der drei Sonnen wieder klassische Abenteuerkost.

Laurena von Aretha hat sich als Schatzsucherin unter dem Namen Thenara Renaual eine neue Existenz aufgebaut, fernab ihrer reichen Herkunft. Doch ihr jüngster Auftraggeber kennt ihr Geheimnis und zwingt sie mit diesem Wissen, eine gefährliche Aufgabe zu übernehmen. Gemeinsam mit dem Faktotum ihres Auftraggebers soll sie eine verschollene Bibliothek finden …

Die eigentliche Schatzsuche bietet die gewohnte Quest und Stefan Schweikert widmet der dunklen Vergangenheit Laurenas einige intime Momente. So ergibt sich eine unterhaltsame, aber auch eher die Standards bedienende Fantasy-Erzählung.

 

In den Straßen von Amhas von Sarah Manthey führt Steampunk-Elemente ein.

Rianis ist schon ihr halbes Leben lang Mechanikerin auf dem Arcanaero Siegel des Südens. Das Luftschiff von Elona Tarantis begegnet auf dem Flug nach Amhas Schatzjägern. Rianis belauscht die Verhandlungen mit Elona – Gegenstand des Interesses ist eine Kette mit blauem Anhänger.

Kaum hat das Luftschiff angedockt, wird es durchsucht und dann überstürzen sich die Ereignisse …

Die Geschichte lebt vom Setting und den verschiedenen Intrigen, die Rianis ebenso auf falsche Spuren locken, wie die Leserinnen und Leser. Dabei spendiert Sarah Manthey ihren Figuren ein buntes Beziehungsgeflecht und würzt es mit Action inklusive der Option auf eine Fortsetzung.

 

In Okulus von Gudrun Schürer lernen wir den halosischen Kaufmann Kandos Rabolnar kennen, der sich mit Hilfe seines Sohnes Estrin unliebsamer Konkurrenten entledigt. Doch Estrin durchschaut den skrupellosen Vater …

Die Autorin greift auf einen bekannten Konflikt zwischen gewissenlosem Elternteil und geschundenem Kind zurück und kleidet es in das Gewand einer typischen Fantasygeschichte.

 

Deutlich interessanter ist Das Blut meiner Brüder von Judith und Christian Vogt.

Die Keliten sind mächtige Elitekrieger, jedoch von der »Grau« genannten Substanz abhängig. Hauptmann Koro ist froh, dass die aktuelle Lieferung pünktlich kommt. Schon bald muss er und sein Trupp in einem Kampf erkennen, wie sehr die Droge sein und das Leben der anderen Keliten bestimmt …

Durch den großartigen Plottwist entwickelt sich »Das Blut meiner Brüder« zu einer herausragenden Story. Hier zeigt sich, wie durch eine geschickte Aushebelung von Klischees und Hintergrund eine spannende Handlung mit zeitgemäßer Phantastik verknüpft werden kann.

 

Alte Bekanntschaft von Carmen Capiti wechselt dann wieder zurück in bekannte Fahrwasser.

Doura nutzt ihre Bekanntschaft mit einer Amme am Hof des Großkönigs Ghalsar Ennius in der valdorischen Hauptstadt Agenost, um für einen Geheimbund fanatischer Urias-Anhänger Informationen zu beschaffen. Ein Jugendfreund öffnet ihr die Augen …

Der Autorin gelingt es nicht, den Konflikt zwischen den Urias-Anhängern und dem Großkönig, der sich plötzlich mit Zauberern abgibt, interessant zu gestalten. Die titelgebende Bekanntschaft wirkt hölzern und entwickelt für die Figuren keinerlei Spannungspotential.

 

Da ist Die Rache des Sternenfalkenvon Jens Womelsdorf schon anders gestrickt.

To’Kein Eshin überlebt als einziger Nunobe einen nächtlichen Angriff. Seine drei Gefährten hatten keine Chance, sein Anführer und Lehrmeister konnte ihn vor seinem Tod gerade noch außer Reichweite stoßen. Jedoch landet der junge Krieger im Gefängnis der Hafenstadt Thalass Horn und sein Stolz und Ehrgefühl verhindern zunächst, dass er die Situation klären kann, denn er sinnt auf Rache. Wie gut, dass Justikar Dhirek es schafft, den Nunobe zum Reden zu bringen und schon bald verbinden sich ihre Wege auch außerhalb des Verlieses …

Ehrbesessener Krieger geht mit unterschätztem Alten auf Monsterjagd – weder Figuren noch das Setting sind sonderlich innovativ oder tiefgründig, dafür aber gekonnt in Szene gesetzt.

 

Stilistisch komplett anders gestaltet sich Der gläserne Himmel von Tobias Rafael Junge. In drei Handlungssträngen begegnen uns eine Jägerin, eine Art Halbgott und ein junger Priester.

Zunächst scheinen die drei ganz unterschiedlichen Storys keine Verbindung zu besitzen, doch schon bald bilden sich Knoten zwischen Legenden, Erinnerungen und längst Vergessenem.

Gerade die Einbindung der an chinesische Fabeln erinnernden Streitgespräche von Arethin mit wilden Tieren macht aus » Der gläserne Himmel« etwas Besonderes. Tobias Rafael Junge wechselt von prosaischen und phantastischen zu philosophischen Passagen und erweitert wie schon » Der letzte Wächter« von Christan Lange sehr stimmungsvoll das Fantasy-Worldbuildung.

 

Als letzte Kurzgeschichte vor dem abschließenden Rahmentext beschert uns Neue Wurzeln von Henning Mützlitz ein Wiedersehen mit Laurena von Aretha aus »Der Hort der drei Sonnen« von

Stefan Schweikert.

Im Zentrum steht aber zunächst der Renegat Arkas. Er will in Vangardia Waffen für die Gegner des Großkönigs beschaffen, dessen Truppen auf die letzte freie Hafenstadt Halosis zumarschieren. Es dräut ein Krieg in Valdora.

Doch ungewöhnliche Zeiten fördern ungewöhnliche Bündnisse, und manchmal auch etwas mehr …

Man spürt, dass Henning Mützlitz hier am Ende der Anthologie die Ereignisse in seiner Fantasy-Welt ordnet und Pfade für einen weiteren Roman oder ähnliche Anthologie-Projekte ebnet. Dafür nutzt er einen Standardplot ohne Seitensprünge, der sich mit einem düster verkniffenen und einem hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft von der Leserschaft verabschiedet.

 

Obwohl nicht alle Beiträge mit inspirierenden Geschichten aufwarten konnten, ergibt sich aber in Summe eine überdurchschnittliche Fantasy-Sammlung, die neben Bekanntem auch mit ein paar tollen Ideen punkten kann.

 

Auf der Homepage zur Anthologie finden sich zu jeder Geschichte eigene Titelbilder von Mia Steingräber, die auch für das Cover des Buches verantwortlich zeichnet. So erhalten einige der Figuren Gesicht und Körper. Zudem kann man auf einer speziellen Landkarte den Schauplatz jeder einzelnen Geschichte erkunden, was die im Buch abgebildete Karte leider noch nicht liefert.

 

Fazit:

Mit »Schatten über Camotea« dringen vier Autorinnen und fünf Autoren in die Fantasywelt Caldris ein, die Henning Mützlitz und Christian Kopp vor Jahren für ihren Roman »Wächter der letzten Pforte« erschufen. Dabei begründen sie neue Legenden, begleiten Frauen und Männer auf abenteuerlichen Schatzsuchen oder in verkommene Spelunken. Eine bunte Mischung, die insgesamt bestens unterhält.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Schatten über Camotea

Herausgeber: Henning Mützlitz und Christian Kopp

Taschenbuch: 506 Seiten

Selbstverlag, 9. April 2019

Cover: Mia Steingräber

 

ISBN-10: 3748109288

ISBN-13: 978-3748109280

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Praeludium – Leuchtfeuer – Christian Kopp
  • Cosmologica Camotea
  • Camotea – Die Welt der Wächter-Chroniken
  • Henning Mützlitz – Die Königin von Mesoth
  • Christian Lange – Der letzte Wächter
  • Stefan Schweikert – Der Hort der drei Sonnen
  • Sarah Manthey – In den Straßen von Amhas
  • Gudrun Schürer – Okulus
  • Judith und Christian Vogt – Das Blut meiner Brüder
  • Carmen Capiti – Alte Bekanntschaft
  • Jens Womelsdorf – Die Rache des Sternenfalken
  • Tobias Rafael Junge – Der gläserne Himmel
  • Henning Mützlitz – Neue Wurzeln
  • Postludium – Leuchtfeuer – Christian Kopp

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.07.2019, zuletzt aktualisiert: 09.10.2019 14:21