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Schurken der Landstraße von Michael Chabon

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

In einer abgelegenen Karawanserei des kaukasischen Königreichs Aran wird ein hünenhafter Afrikaner tödlich beleidigt. Der Riese, der einstmals in der Armee des byzantinischen Kaisers diente, nimmt die Herausforderung der bleichen Nebelkrähe aus Franken an. Im Vorhof tanzen die Duelllisten ihren Todestanz, rundherum wird gewettet. Der schwarze Favorit unterliegt schließlich. Jedoch nur scheinbar. In der etwas abseits liegenden Scheune warten die beiden Schurken auf ihren Anteil an den Wetten – der Kampf war mit dem Knecht abgesprochen. Während Zelikman und Amram – so heißen der Franke und der Afrikaner – noch auf ihr Geld warten, kommt ein Gast der Karawanserei hinzu. Es ist ein einäugiger persischer Elefantentreiber. Er hatte das Spiel sofort durchschaut, aber auch ihre Fähigkeiten im Umgang mit Waffen erkannt. Er bietet ihnen Arbeit an: gutes Gold für ihre bewaffnete Begleitung nach Aserbaidschan, wo der den chasarischen Jungen Filaq abliefern soll. Filaq hat überhaupt kein Interesse, in diese Richtung zu reisen. Ist der Perser ein Entführer? Als Zelikman und Amram das Für und Wider des Auftrags streiten, wird die Gruppe überfallen: Der Perser stirbt. Nun will man den Jüngling nicht den Mordbuben überlassen und beschließt, ihn nach Aserbaidschan zu bringen. Doch die Häscher bleiben ihnen auf den Fersen und Filaq hat trotz seines extrem unkooperativen Verhaltens etwas an sich … Das ungleiche Schurkenduo wird sich nolens volens in ein gewaltiges Gaunerstück verwickeln lassen.

 

Das Geschehen trägt sich im asiatischen Raum zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer im späten 10. Jh. des Mittelalters zu. Doch der Roman ist kein historischer im engeren Sinne: Der byzantinische Kaiser, so der Roman, erkenne nur den Kalifen, den westlichen Kaiser und den Khan der Chasaren als seinesgleichen an. Nun wurde 972 n. Chr. durch die Hochzeit des Sohnes von Kaiser Otto I. mit der Nichte von Kaiser Johannes Tzimiskes die Gleichheit anerkannt – doch zu diesem Zeitpunkt war die Macht des chasarischen Khanats aber schon gebrochen. Man sieht, der Autor hat sich gewisse Freiheiten genommen. Bei der Beschreibung des Settings legt er nicht übermäßig viel Wert auf die Konkreta, obwohl die Szene immer anschaulich beschrieben wird – so wird mit Waräger-Axt, Lancet oder sonstigen mittelalterlichen Martialinventar gefochten und der Leser weiß stets, wie die Mordwerkzeuge aussehen. Auch will der Autor nicht die Mentalität jener Zeit erkunden, obgleich die Figuren zweifelsfrei keine modernen Menschen sind. Die meiste Aufmerksamkeit wird den offenen, veränderlichen Verhältnissen und besonders dem chasarischen Khanat zu Teil. Die Chasaren wurden von einem Khan beherrscht. Dieser lebte jedoch nur auf einer Insel in der Wolga und hatte keinerlei echte Machtmittel. Die reale Herrschaft übte der Bek aus. Damit glich das System ein wenig der BRD: Das höchste Amt im Staate hat der Bundespräsident, doch real herrscht der Bundeskanzler. Wirklich bemerkenswert jedoch war die Konfession: Im frühen 10. Jh. konvertierten die Herrscher zum Judentum – damit war das Khanat das einzige jüdische Reich des Mittelalters. Das Setting ist somit eine eher knapp ausgeführte Mischung aus Ambiente und Milieu, das einen gewissen Wert auf begrenzten Exotismus legt.

Phantastische Elemente gibt es keine, sieht man von den historischen Freiheiten ab.

 

Die Anzahl der relevanten Figuren ist durchschnittlich. Zentral sind die jüdischen Spitzbuben Zelikman und Amram. Zelikman ist ein dürrer, bleicher Franke mit blass-blauen Augen und blondem Haar. Der Regensburger trägt nur feine, schwarze Kleidung und hat ein Faible für Hüte. Zwar hatte sich der Medizinstudent schon vorher von seinem Vater entfremdet, doch als er hilflos die Vergewaltigung und Ermordung seiner Mutter und seiner Schwester mit ansehen musste, Taten, die nie gesühnt wurden, da sie von einem Christenmob an Juden begangen wurden, brach der völlig mit dem Vater. Seither treibt er durch die Welt, mal als Heiler die Leben verlängernd, mal als Mörder die Leben verkürzend, aber stets mit seiner sarkastisch-melancholischen Gestalt und seinen wagemutigen Schurkenstücken jedes Leben an Erfahrung reicher und materiellem Besitz ärmer machend – sofern das Leben nach der Begegnung mit ihm noch eines ist. Sein Partner Amram ist ein muskulöser Hüne. Der Schwarze ist ergraut, aber keineswegs in Ehren. Er war schon als Pferdedieb tätig, als er noch in Abessinien lebte. Als seine Tochter eines Tages spurlos verschwand, nahm er sein Wanderleben auf. Er diente in der Armee des byzantinischen Kaisers, als Karawanenwächter, als Straßenräuber und Betrüger – mit Entführern hat er aber nie Geschäfte gemacht. Dabei ist er keineswegs dumm – er spricht viele Sprachen, kann Spuren lesen und manch' anderes mehr. Beide, Zelikman und Amram, empfinden etwas Besonderes für den Dritten im Bunde, den Jungen Filaq, auch wenn sie sich das nicht eingestehen mögen. Der schlaksige Filaq ist fünfzehn oder sechzehn. Er ist grünäugig, sommersprossig und hat rote Haare – ein typischer Chasare. Seine Gestalt verrät dem Menschenkenner Zelikman, dass er aus gutem Hause kommt – tatsächlich ist er das letzte in Freiheit lebende Mitglied der Familie des gerade gestürzten Bek. Filaq will Rache. Der Usurpator soll getötet und Filaqs älterer Bruder Alp auf den Thron gesetzt werden. Stets versucht Filaq wegzulaufen oder beschimpft das Schurkenpaar aufs Übelste. Mit kühlem Kopf ist der Junge aber ein charismatischer Menschenführer, in dem noch einige Überraschungen stecken. Daneben gibt es eine Reihe ähnlich exzentrischer Figuren, denen aber weit weniger Raum gewährt wird. Sie sind auf den ersten Blick typenhaft, doch werden im weiteren Verlauf zumindest andeutungsweise vielschichtig.

 

Vom Plot her ist es eine ganz klassische Abenteuergeschichte: Das Schurkenpaar handelt sich nur halb gewollt ein Mündel ein, das auf Rache sinnt. Es gilt, ihm dabei hilfreich zur Hand zu gehen. Ganz wie es sich für Schurken gehört, geht es dabei eher mit List und Tücke als mit Waffengewalt ans Ziel, obwohl auch die nicht zu kurz kommt. Spannungsquellen sind also einerseits die zahlreichen Actionszenen und die damit verknüpften Bedrohungssituationen, aber auch die vielen unerwarteten Wendungen – oft genug, wenn der Leser gerade vermeint den weiteren Verlauf erraten zu können, schlägt der Plot einen verblüffenden Haken. Entsprechend der Plotart und der ersten Spannungsquelle ist der Plotfluss recht hoch und nimmt im Verlaufe sogar noch etwas an Fahrt auf. Eine weitere Spannungsquelle ist der Humor, der sich aus den zahlreichen exzentrischen Figuren und mehr noch aus den pointierten, lakonischen Dialogen voller spitzen Sarkasmus und bissiger Ironie speist.

Als letzte Spannungsquelle ist die Intertextualität zu nennen, die allerdings eher Hommage als Anspielung ist. Hier sind besonders Mantel und Degen- und Sword & Sorcery-Geschichten zu nennen: Alexandre Dumas' Die drei Musketiere und Robert E. Howards Conan nennt der Autor selbst im Nachwort und Michael Moorcock widmet er gar den Roman – hier ist neben den 'richtigen' Sword & Sorcery-Geschichten wie Elric von Melniboné sicherlich besonders an die semi-historischen Geschichten wie Gloriana oder Die Kriegsmeute zu denken, die den Schurkenhelden Käpt'n Quire und den Freidenker Ulrich von Bek bieten. Auch wenn sie nicht explizit erwähnt werden, man teere und federe mich, wenn Zelikman und Amram nicht eine Art Spiegelbild von Fritz Leibers Fafhrd und dem Grauen Mausling sind: zwei ironische Schurken, Herumtreiber, die vom Schwert und Betrug bilden, ein gebildeter Barbar und ein tödlicher Gelehrter, alle auf der Suche nach ihren Seelenfrieden. Vielleicht beabsichtigt, vielleicht nicht, aber wem Chabons Roman zu wenig Hintergrundmaterial zu den Chasaren bietet, der kann gut zu Milorad Pavićs Lexikonroman Das Chasarische Wörterbuch (etwas runterscrollen) greifen – es passt so gut zu Schurken der Landstraße, dass man meinen könnte, sie seinen füreinander geschaffen – und wer weiß?

 

Erzähltechnisch ist der Roman eher konservativ, wenn auch ungewöhnlich. Es gibt einen Handlungsstrang, der aus einer Mischung aus auktorialer Perspektive und wechselnden personalen Perspektiven erzählt wird. Sieht man von einigen knappen Rückblenden ab, die die wichtigen Figuren charakterisieren, so ist die Handlung progressiv und dramatisch aufgebaut.

Der Stil ist klar ironisch; die Wortwahl ist voller Sprachbilder, etwas gestelzt und altertümelnd, doch der Text bleibt seinem modernen Standpunkt treu, indem er gelegentlich moderne Ausdrücke verwendet. Die Sätze sind dabei häufig verschlungen und nicht immer leicht verständlich; bei einem Leser mit niedriger Banalitätsschwelle können sie sogar den Lesefluss erheblich drosseln.

 

Fazit:

Dem jüdischen Spitzbubenpaar Zelikman und Amram fällt Filaq, der letzte Spross des gerade gestürzten chasarischen Herrschergeschäfts, in die Hand – und es gelingt den Jungen, die beiden nüchternen Schurken in seinen Rachefeldzug gegen den Usurpator hineinzuziehen. Michael Chabon hat mit seinem Abenteuerroman Schurken der Landstraße mit seinen sarkastischen Schurken im semi-historischen chasarischen Khanat ein ganz vorzügliches Stück Unterhaltung für anspruchsvoll gewordene Jungs abgeliefert – bitte mehr davon!

 

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Eure Meinung:

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Roman:

Schurken der Landstraße

Original: Gentleman of the Road (2007)

Autor: Michael Chabon

Übersetzerin: Andrea Fischer

Kiepenheuer & Witsch (April 2010)

Gebunden, 184 Seiten

Titelbild: Rudolfo Linn

 

ISBN-10: 3462041894

ISBN-13: 978-3462041897

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.07.2010, zuletzt aktualisiert: 17.01.2019 10:10