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Schwarz (Die innere Welt bringt Frieden)

Autor: Sven Klöpping

 

(Die innere Welt bringt Frieden)

 

Dunkelheit erfasste ihn wie ein Wind, der über das Meer kommt, wie eine Woge, die über ihn hereinbricht.

 

Hier, so wusste er, würde er sein Ende finden. Nichts würde mehr sein wie früher. Man würde ihn abholen, sich grabschen, als wenn es eine Bushaltestelle wäre, bei der eine dunkle Macht bestimmt, wohin es geht. Gleich würde der Bus kommen, mit ihm zur Hölle fahren...

 

Oder war er schon da?

 

Er wusste es nicht. Er spürte nur das Ende - sein eigenes Ende - spürte, wie dessen Klauen sich langsam um ihn legten, ihn einpackten und verhüllten, vor dem Licht verhüllten, das viel zu grell war. Gerne hätte er gewusst, was die Zukunft für ihn bereithielt. Aber da war nichts. Totaler Stromausfall. Blackout.

 

Er schlief ein, und wachte wieder auf - immer noch gefangen von Dunkelheit, doch diesmal enger, umschlungener. Die Arme hatten sich aus zierlich-zerbrechlichen Mädchengelenken in behaarte, vor Muskeln strotzende Stahlröhren verwandelt - sie hatten ihre Zugehörigkeit verändert. Auch er? Er schaute an sich hinunter - nein, stellte er fest. Fast wünschte er, die Wandlung hätte schon begonnen, hätte ihn bereits erfasst, wie ein starker Wind, der den Bäumen die Blätter stiehlt. Fast wünschte er sich den Tod herbei, wünschte, seines Lebens beraubt zu werden. Die letzte Verwandlung. Der Tod als Befreier. Doch nichts dergleichen geschah. Warten, quälendes Warten...

 

Eine (oder zehn) Minuten später dann das Zeichen. Ein lautloser Pfiff, der durch Mark und Knochen ging. Ein schriller, stummer Ton. Nichts Definier- oder Fassbares. Doch es kam näher - Ton um Ton. Immer wieder der grelle, zwickende Schauder in seinen Ohren. ‘Bewusstseinsveränderung, bitte schön’ schien der Wind zu flüstern, zu sagen, zu schreien - doch immer noch blieb er außer Sicht.

 

Die Welt da draußen ahnte nichts von dem Übel drinnen - sie lief weiter, Sekunde für Sekunde, Millimeter für Millimeter auf dem glasüberdachten Ziffernblatt einer Quarzuhr, die nach Terminen schreit und drängt, immer weiter fortdrängt. Minute für Minute verging, verblasste im grausigen Inneren der Zeit, in dem er sich befand. Ihm wurde klar, dass er etwas tun musste, etwas tun musste, um aus diesem Albtraum zu entfliehen - doch er sah nichts. Nirgends ein Knopf zum Abschalten. Träume haben so etwas nicht - höchstens eine Sicherung, die durchbrennen kann. Und manchmal selbst das nicht.

 

Draußen fragten sich seine Freunde, wo er so lange bleibt - mehr als eine Stunde war er nun schon da drin, und noch immer verdeutlichten sich keine Anzeichen seiner baldigen Rückkehr. Sie wurden unruhig, murmelten, schauten auf ihre Armbanduhren...

 

Drinnen fegten ihm die Fetzen um die Ohren - laut kreischend, zermürbend in Armen und Beinen (er konnte sich kaum noch halten) jagte ihn der Wind und fesselte ihn zugleich. Es war ein Martyrium. Er wünschte den Tod herbei - nichts sehnlicher als den Tod, der ihn befreien sollte.

 

Die Qualen wurden unerträglich. Mit bibbernden Lippen versuchte er, seine Finger zu krümmen, obwohl er Angst hatte, dass sie abbrechen würden oder sogar schon abgebrochen waren. Sie bewegten sich. Einer nach dem anderen folgte den Befehlen seines Gehirns und krümmte sich - langsam, viel zu langsam. Wie in Zeitlupe tasteten die zittrigen Finger ihre Umgebung ab. Da war Stahl. Viel Stahl, und Leere. Hinter dem Stahl war Leere. Rauschende Leere, tobende Leere. Die Luftbewegung wurde immer heftiger und riss bald den ganzen Arm nach hinten, je mehr er sich nach draußen wagte, in die Bewegungsunfähigkeit der Außenwelt. Langsam brachte er seine Glieder dazu, sich wieder nach Innen zu orientieren - bald lag die Hand auf seinem Schoß.

 

Auch dort hörte das Tasten nicht auf. Beine - dürre Beine spürte er, und darüber eine faltige Jeans. Levis, erinnerte er sich, doch das hatte keine Bedeutung mehr in diesem Chaos. Markennamen zählten nicht, und auch andere Namen waren wertlos. Wie er selbst hieß, wusste er nur noch undeutlich, in Ansätzen - irgendwas mit ‘Lem...’ oder ‘Men...’. Ob Mädchen oder Junge... So weit hatten sich seine Finger noch nicht vorgetastet. Komisch, dass er sich den Namen seiner Jeans behalten konnte, seinen eigenen aber nicht. Ganz zu schweigen von seiner Identität. Eine Ironie der Außenwelt, dachte er, vergaß einfach alles, und kehrte wieder nach innen zurück. Berührte seine Hosentaschen, steckte die Hand aber nicht hinein - er wollte nicht wissen, was da verborgen lag, wollte seine Identität nicht herausfinden. Noch nicht.

 

An dieser Stelle hingen seine Gedanken schon längst nicht mehr am Leben - zu stark der Wind, zu heftig die Macht, die ihn bedrängte, nach hinten drängte, an die Wand, an die Lehne...

 

Er saß tatsächlich irgendwo, seine Beine waren angewinkelt, und er war angeschnallt. Jetzt spürten seine Fingerkuppen auch das Band, das quer über seinen Körper gespannt war, und den Schließmechanismus, den es zu öffnen galt. Öffnen - das konnte bedeuten, seinen Geist zu öffnen, im metaphorischen Sinne. Wirklich. Das konnte heißen, den Zwängen und wirbelnden Lebensstürmen der Welt zu entkommen, um einzugehen in das geistige Paradies, in den Garten Eden der glücklichen Heimkehrer. Das konnte aber auch Tod bedeuten, den ewigen, quälenden Feuersee. Er wusste es nicht, wollte es nur ausprobieren. Himmel oder Hölle - es war gleich. Immer noch besser, als weiter hier drin gefangen zu sein. Er wusste nicht, wo er gefangen war, und er wusste nicht warum. Tod ist besser als Gefangenschaft, wenn man nicht weiß, wofür man gelebt hat. Besser auch als Nichtigkeit, diese Nichtigkeit im Leben, der er unterworfen war. Manchmal sogar besser als das Leben selbst. Die Suche nach etwas, das über dem Leben steht, hatte ihn letztendlich dazu gebracht, den Tod zu suchen. Und hier war er. Schwarz und unverhüllt. Nie im Leben hatte er eine solche Macht verspürt, eine solche Tatkraft in sich gefühlt - nur das Band zerreißen, und springen. Hinunter in die Wellen der Freiheit...

 

Fallen.

 

Die Innere Welt ankurbeln.

 

Schneller fallen, sausen.

 

Den Flugwind spüren.

 

Die Arme ausbreiten.

 

Ankommen - irgendwo.

 

Anklopfen.

 

Einlass erbitten.

 

Tod oder Leben - das war keine Frage mehr.

 

Jetzt hieß es: Himmel oder Feuer. Über-Menschliches.

 

Das Portal bewegte sich nicht.

 

Heftiger Wind fegte um seine Ohren.

 

Zu dem Wind mengte sich Feuer, das um ihn loderte - heißer Atem aufgewirbelter Flammen.

 

War das ein Knall, der dem Feuer vorausging? War die Tür zugeknallt, sein Anliegen abgelehnt worden?

 

War es Hölle?

 

Er hämmerte an die Tür - vergebens.

 

Der Himmel blieb leer.

 

Am 4. Dezember 2002 fiel nach einer einstündigen Testfahrt die gesamte Elektronik der neuen Indoor-Achterbahn im Freizeitpark Brühl aus - was zur Folge hatte, dass die Bahn zunächst mindestens eine halbe Stunde lang nonstop ihre Runden drehte, bis sie schließlich zusammen mit einem mitfahrenden Testpilot von den Schienen abkam und in die Tiefe stürzte, wo sie explodierte und das gesamte Gebäude in Brand steckte. Das Projekt wurde abgebrochen, in Brühl wurde nie eine Achterbahn betrieben.

 

(Die innere Welt bringt Frieden)

 

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Montag, 20. September 2010 16:13 Uhr
Lieber Sven,

ich habe soeben deine Short-Story "Schwarz" genossen - herrje! Böse, kleine Geschichte. Ich hatte zuerst an einen Fallschirmspringer gedacht, den während des Fluges der Schlag getroffen hatte oder so ähnlich .... verblüffende Auflösung, sehr interessante Idee!

Beim zweiten Lesen - wenn man weiß, worin "sein" Martyrium besteht - entfaltet die Story erst ihre ganze Bösartigkeit. Armer, armer "Lem" (oder "Men")...schauder! Wirklich FIES!

Danke für gute Unterhaltung, ich empfehle die Geschichte gerne weiter und schaue mal, was ich noch so von dir finde


Derweil alles Gute für dich, bleib kreativ...und fahr' nicht so oft Achterbahn - man weiß NIE ^^
Beste Grüße
dot

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Erstellt: 31.08.2010, zuletzt aktualisiert: 26.07.2019 10:10