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Schwarzer Drache

Autor: Dirk Wonhöfer

 

Blubbernd brachen die Sumpfgase aus den braunen Schlammlöchern. Zischend und brodelnd prusteten sie ihren giftigen Inhalt in die schwüle Luft des Dschungels. Ein starker Verwesungsgeruch breitete sich aus, als hätte ihn jemand zwischen den krummen, verknoteten Bäumen wie Laken aufgehängt. Amelyn rümpfte die Nase und trat vorsichtig auf ein Sicherheit verheißendes Blattwerk. Mit den Füßen tastete sie sich voran, um eine feste Stelle zu finden, und winkte dann den anderen, ihr zu folgen. Zwei weitere Gestalten zeigten sich undeutlich im Dickicht hinter ihr, nichts als schwarze Schemen, von der nahenden Dämmerung halb verschluckt. Amelyn musste acht geben, sich in diesem fast undurchdringlichen Urwald aus Lianen und Ranken nicht zu verirren. Nachdenklich blickte sie sich um.

„Vielleicht ist es das Beste, das Lager aufzuschlagen und die Nacht gewähren zu lassen.“

„Wir wissen sowieso nicht, ob wir hier richtig sind. Da machen ein paar Stunden mehr oder weniger auch nichts aus“ meinte einer ihrer Begleiter wenig überzeugend.

Amelyn musterte den stämmigen Mann. Seine schäbige und ungepflegte Lederkleidung wies an vielen Stellen Löcher auf. Eine blonde Mähne wallte über seine Schultern, verdeckte das teilweise von Narben zerfurchte, ehrliche Gesicht. Er war einst ein stolzer Krieger eines ebenso stolzen Landes gewesen. Nun hatte die Finsternis das Königreich überschattet, in dem er lebte. Goldene Felder waren verdorrten Einöden gewichen, freundliche Gesten wurden zu lauernden Gefahren. Hochgesteckte Ziele verloren sich in dem Verlangen, sich an einem versteckten Ort zu verkriechen und einfach abzuwarten. Niemand wollte mehr in die schreckenerfüllten Gesichter derer blicken, denen alle Hoffnung genommen wurde.

„Diese Baumgruppe sieht mir geeignet aus.“ Amelyn zeigte nach oben und wunderte sich, wie heiser ihre Stimme klang. Sie fürchtete, dass eine heimtückische Sumpfkrankheit sich ihrer bemächtigt hatte und sie langsam dahin raffte. Doch mit etwas Glück waren es auch einfach nur die Anstrengungen, die erheblichen Strapazen der Reise, die ihr die Gesundheit abverlangten. Mondelfen waren nicht daran gewöhnt, lange Strecken zurück zu legen oder ihrem Körper solche Qualen zuzumuten. Sehnsüchtig erinnerte sie sich an ihre aus Elfenhaar gewobene Harfe, auf der sie mit Hilfe des Mondlichts wunderbare Musik herbei zaubern konnte. Es waren andere Zeiten gewesen, gewiss. Friedvollere Zeiten, in denen die Menschenländer noch nicht um die Hilfe ihrer Nachbarn gefleht hatten, allein um ihrer bloßen Existenz willen.

Noch ein rascher Blick zum muskulösen Krieger, und schon krabbelte sie flink in das Gewirr aus Ästen und verwucherten Ranken. Tiere kreischten lauthals und empört auf, als ein so großes, fremdes Lebewesen in ihr Reich eindrang, verließen dann jedoch widerwillig das Revier.

„Ludgar?“

Eine Hand reckte sich zur Antwort durch das Blattgewirr nach oben, wurde von Amelyns schmalen, seiden anmutenden Fingern ergriffen. Kurze Zeit später hatte der mächtige Körper des Mannes, der sich lautstark nach oben hievte, auch die letzten Bewohner des kleinen Reiches verdrängt, und es kehrte wieder eine verhaltene Stille ein. Nur selten hörte man von unten platschende Schritte oder das Rascheln von Blättern.

„Schläft er denn nie, dieser... dieser Schatten?“ Ludgar blickte zornig am Stamm des Baumes hinab, doch am Boden war niemand zu erkennen.

„Rastor? Wir sollten froh sein, ihn zu haben. Er wacht selbst dann über uns, wenn wir gezwungen sind, auszuruhen.“

Der Krieger flüsterte: „Ich mag ihn nicht. Er bereitet mir eine Gänsehaut, jedes Mal wenn ich ihm in die Augen blicke.“

„Ja...“ murmelte Amelyn leise. Die Augen ihres zweiten, ihres unheimlichen Begleiters... selbst wenn die Elfe ihre Lider schloss, sah sie dieses Leuchten. Es hatte sich in ihre Netzhaut eingebrannt wie die Sonne, wenn man zu lange hinein blickt. Blau schimmernd, betäubend und doch so lebhaft, wie sie es bei keinem Wesen je erlebt hatte. Die mysteriöse Schattenrasse der Serabi war allen Völkern der Welt schon immer ein Geheimnis gewesen, doch Amelyn spürte, dass diese Seltsamkeit weit über das hinausging, was gemeinhin vermutet wurde.

„Lass uns nicht Gedanken verschwenden an etwas, das uns unserem Ziele nicht näher bringt“ flüsterte sie.

Einige Zeit war es tatsächlich ruhig, und Amelyn schaffte es beinahe, in einen leichten Schlummer zu fallen, bis die Stimme Ludgars sie wieder in die wache Welt riss. „Unser Ziel... glaubst du, es existiert?“

Amelyn nickte stumm, denn sie konnte die Worte des Kriegers nur zu gut verstehen. Es war ungewiss, ob der letzte schwarze Drache noch am Leben war. Mehrere Gruppen waren ausgeschickt worden, ihn zu suchen, doch dieser Schimmer aller Hoffnung leuchtete nur kläglich.

„Der schwarze Drache ist das todbringendste, gefürchtetste Wesen, das man sich nur vorstellen kann“ zitierte sie den alten Magier, der zusammen mit Ludgar an den Mondsee gekommen war. „In seiner Brust schlägt ein Herz, das Zerstörung und Verzweiflung sät. Es besteht aus purer Schwärze, dichter als tausend Nächte und kälter als ein Gefängnis aus Eis. Findet den Drachen und bringt ihn dazu, uns zu helfen. Koste es, was es wolle!“ Der brüchige Tonfall des Alten vibrierte noch immer in ihrem Gedächtnis, spielte auf den Saiten der Erinnerung.

„Ja... der gute alte Veledor.“ Sehnsucht färbte Ludgars Stimme düster. „Kurz vor seinem Tod verriet er mir, dass er bereits mit dem reinen Herzen eines Jungdrachen versuchte, den Kampf aufzunehmen.“

Amelyn blinzelte verwirrt. „Er besaß ein Objekt von solcher Kostbarkeit?“

„Er tötete einen weißen Drachen und nahm in Kauf, von den Göttern für diese Tat bestraft zu werden. Deswegen war er so krank. Er hoffte, meinem Volk mit dieser Tat helfen zu können.“

„Er bezahlte mit mehr als einem Menschenleben.“

Ludgar nickte. „Aber der Tod eines einzelnen Drachen war für ihn vertretbar im Gegensatz zum Tod eines ganzen Reiches. Wenn dieses Herz nur stark genug gewesen wäre! Doch es konnte nicht einmal verzögern, geschweige denn Einhalt gebieten. Die düsteren Scharen zogen weiter.“

Nachdem der Redestrom Ludgars im Flussbett der Wortkargheit verebbt war, schluckte Amelyn hart. Sie hatte nicht geahnt, wie viel die Menschen bereit waren, auf’s Spiel zu setzen. Um ihre eigene kleine Welt vor dem Verfall zu retten, stellten sie sich sogar gegen die Götter und töteten einen Drachen ...

Sie kauerte sich noch enger zusammen und achtete nicht mehr darauf, dass ihre schwarzen Haare sich im Geäst verfingen und herausrissen. Auch nahm sie nicht mehr wahr, dass Ludgar anscheinend noch länger über ein Thema sprechen wollte, das besser nie angeschnitten worden wäre. „Schlaf gut“ sagte sie grob und spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog und ihr Tränen in die Augen schossen, während die Kälte der Nacht sich durch ihre Kleidung stahl, ein dreister Dieb, der sich mit der Wärme ihres Körpers davonmachte. Es dauerte lang, bis sie den Schlaf fand, den sie sich so sehnlich wünschte. Als er kam, brachte er nichts als schlechte Träume und ein Gefühl des Zornes auf die Menschen.

 

 

Rastor starrte an den einstmals gut befestigten Palisaden des kleinen, nun längst verfallenen Dschungeldorfes empor, ohne ein Wort zu sagen. Seine blaue Iris leuchtete hell, doch der Rest seines Leibes wurde von Schwärze verschluckt. Unter einer Kapuze, die nichts außer Dunkelheit und zwei strahlende Punkte zu umhüllen schien, lauerte ein Wesen, das Amelyn so fremdartig anmutete wie der Tod.

Sie sah ihren Begleiter direkt an, und doch blickte er unverwandt durch sie hindurch, als wäre sie gar nicht da, als wäre vielmehr sie der Schatten, und nicht er. Betroffen wandte sie sich ab und ließ ihren Blick über die Pflanzen und Bäume streifen, um Ludgar ausfindig zu machen, der in den Ruinen des Dorfes auf Erkundung gegangen war. Sie hatte gehofft, ein paar Antworten zu finden, wenn sie mit dem Serabi allein wäre. Doch er war wortkarg wie immer.

„Wir sind unserem Ziel sehr nahe, Elfenfrau.“ Etwas Seltsames, fast Gewichtloses legte sich auf Amelyns Schulter. Sie erkannte die Hand des Serabi. Elfenfrau! Nun reisten sie schon seit Wochen, und er kannte ihren Namen, doch trotzdem hatte er sie nicht ein einziges Mal damit angesprochen. „Ich spüre ihn nun mit einer Intensität, die mich erschauern lässt. Er lebt, und er wird sich uns offenbaren.“

„Der Drache ist hier?“ Amelyns Stimme zitterte leicht. Die dunkle Hand ruhte noch immer auf ihrer Schulter. Es war ein Gefühl der Wärme, auch wenn sie die Dunkelheit über ihrem Arm nicht fassen konnte.

Die Augen des Serabi richteten sich nach oben, durchsuchten das dichte Laubwerk der Bäume, die weit über ihnen die Köpfe zusammensteckten. Das Rauschen der Blätter klang für Amelyn wie das Tuscheln von Giganten.

„Er versteckt sich. Jedoch nicht wie ein Räuber, der am Wegesrand lauert und auf Beute hofft, sondern wie ein verwundetes Tier, das sich in eine Höhle verkriecht, um zu sterben.“

„Er ist krank?“

Für einen kurzen Moment verschwanden die blauen Augen, ließen nichts als Finsternis unter der Kapuze zurück. Als sie wieder auftauchten, lag etwas Unergründliches und Kaltes in ihnen, wie ein gefrorener See, der seine wahre Tiefe nicht preis geben will. „Er wird immer krank sein, solange er lebt. Er verkörpert eine Krankheit.“

„Aber wie kann es ein Lebewesen geben, das sich selbst zu Grunde richtet?“

Der Schatten zuckte mit den Schultern. „Sieh mich an.“

„Aber du ... überlebst. In deinen Augen leuchtet ein so starker Wille zu leben, dass-„

„Mein Volk hat sich einst selbst dem Untergang geweiht, und fast hätte es dabei die Welt aus den Angeln gehoben und zerstört. Der Tribut, den wir sogar jetzt noch, Jahrtausende später, entrichten müssen, ist höher, als deine Vorstellung zu fassen vermag.“

Amelyn schwieg, da sie dem harten Blick der blauen Augen nicht länger stand halten konnte. Was hatten diese Wesen nur verbrochen? Sie entwand sich der Aufmerksamkeit des Schattenwesens und flüchtete sich in die Geborgenheit der Ruine. Übergroßen Grabsteinen gleich ragten die halb verfallenen Häuser des Dorfes auf, durch das ihre Füße sie trugen.

Welches Schicksal den Bewohnern wohl zu Teil wurde? Ihr Blick wanderte an den Palisaden entlang bis zu kleinen Wachtürmen. Alles schien wie in Eile zusammengebaut, als hätten die Kreaturen, die hier gelebt hatten, ganz plötzlich einer Bedrohung gegenüber gestanden. Die Hütten, die noch intakt waren, wiesen stabile Decken auf. Die Zäune hatte man oben spitz zugefeilt, und überall stachen meterhohe Pfähle aus dem Boden. Man hatte sich ganz offensichtlich auf einen Angriff aus der Luft vorbereitet. Doch es sah so aus, als hätte der Tod das Dorf von Innen her ereilt ...

Knirschende Schritte hinter ihrem Rücken ließen Amelyn herumfahren.

„Keinerlei Spuren, keine Hinweise, was hier passiert ist.“ Ludgar stützte sich auf einen dicken Ast, der im Boden steckte. „Es gibt einen Begräbnisplatz ganz in der Nähe. Ein paar Skelette wurden dort halbherzig vergraben, die meisten Knochen hat der Regen jedoch wieder freigelegt. Diese Gegend macht mir Angst. Wir sollten zusehen, dass wir weiter kommen.“

„Rastor sagt, der Drache wäre in der Nähe.“

„Ausgerechnet hier?“ Mit einem Ausdruck, der nur schwerlich verbarg, wie unwohl er sich fühlte, sah der Krieger sich um. „Wo sollen wir nach ihm suchen?“

Amelyn blinzelte überrumpelt. „Ich ... weiß es nicht. Ehrlich gesagt hatte ich bis jetzt vermutet, dass wir keine Probleme haben würden, ein so großes Geschöpf wie einen Drachen zu entdecken.“

„Wie viele Drachen hast du denn schon gesehen? Woher weißt du, wie groß sie sind?“

Gerade wollte Amelyn etwas erwidern, als die Stimme Rastors wie ein Rasiermesser dazwischenfuhr und das Gespräch zerschnitt. „Er hat sich zurück gezogen, lebt unter der Erde. Ich spüre ihn selbst durch all die Wurzeln und Steine hindurch.“

Amelyn fühlte sich plötzlich unwohl in der Gegenwart des Serabi. Er begleitete sie, weil diese Wesen bessere Fährtenleser waren als jeder Waldläufer. Doch niemand hatte erwähnt, wie viel diese Kreatur wirklich zu erkennen vermochte. Und wie viel Wissen sie mit sich trug...

„Wieso bist du im Stande, einen schwarzen Drachen zu spüren?“ fragte sie gerade heraus, ohne eine wirkliche Antwort zu erwarten.

„Dunkles gehört zu Dunklem. Er ist wie ich, wenigstens teilweise.“

„Der Drache ist gefährlich. Bist du es ebenfalls?“

Rastor schien die Frage überhört zu haben, da er den Blick auf den erleuchteten Baldachin aus Dschungelwuchs richtete und dann begann, das zerstörte Dorf zu durchqueren. Schnell fassten die beiden anderen Schritt und eskortierten ihn.

Die Pflanzen und Ranken fielen der Reihe nach unter Ludgars Schwert, das ihnen den Weg bahnte. Der Schatten wies ihm die Richtung, die es einzuschlagen galt.

„Macht es einen Unterschied, ob ich gefährlich bin?“ fragte der Serabi, während Amelyn versuchte, sich klettenartige Gewächse aus den Haaren zu rupfen. „Ich helfe euch, diesen Drachen zu finden, um ein Königreich zu retten. Wie gefährlich kann ich sein?“

Die Elfe musterte ihn, doch er besaß kein Gesicht, das etwas verraten könnte, keine Mimik, die ihn bloß stellen würde. Einzig die blauen Augen, so feurig wie das unterste Ende der Flamme, leuchteten sie an. Doch in ihnen lagen keine Antworten, höchstens noch mehr Fragen.

Rastor sagte: „Hier ist es. Hier müssen wir hinab.“

Ludgar blickte sich um. Die großen Bäume des Urwalds beherrschten die Umgebung, das Dschungeldorf war längst aus ihrem Blickfeld verschwunden. „Aber... hier ist nichts.“

„Und doch kam er an diesen Ort, um sich zu verkriechen. Er muss den Fuß dieses Hügels dort genutzt haben, um ins Erdreich zu dringen. Vielleicht ein altes Höhlensystem oder etwas Ähnliches.“

An der Stelle, auf die Rastors Hand gezeigt hatte, schlug Amelyn mit ihrem schlanken Schwert ein paar Ranken ab. Bald kam ein großer Durchgang zum Vorschein, hoch genug, um aufrecht hinein zu gelangen.

„Ist das nicht ein wenig zu klein für einen Drachen?“ wunderte sich Ludgar, und auch Amelyn wandte sich skeptisch um.

„Viele lange Jahre gingen ins Land, seit er durch diese Höhle ins Innere der Erde kroch. Ich zweifle nicht daran, dass der Durchgang einst einem mächtigen Drachen Zugang verschaffte, doch die Zeit schreitet hier schneller voran als an anderen Orten. Der Urwald ist in ständigem Wandel. Was hier heute noch lebt, ist morgen bereits vergessen.“

„Wollen wir hoffen, dass auch der Drache noch lebt.“

„Der Grimm in deiner Stimme zeugt von Verbitterung, Menschenkrieger.“

„Ich bin verbittert!“ brauste Ludgar auf und schüttelte die Faust, die den Holzstab umfasste. „Wenn dieser letzte Hoffnungsschimmer sich als ein Hirngespinst herausstellt, dann sehe ich keinerlei Möglichkeit mehr, meinem Land zu helfen!“

Rastor nickte. „So geh denn voran und suche nach deiner Hoffnung.“

Ludgar schnaubte und sagte mit lauter Stimme: „Du scheinst keine große Hilfe zu sein, Schatten. Dann holen wir uns unsere Antworten eben vom Drachen selbst.“ Er deutete in den dunklen Tunnel. „Wo sind unsere Fackeln?“

Die Elfe trug den Rucksack mit den Ausrüstungsgegenständen. Sie schulterte ihn ab und förderte zwei mit Laken umwickelte Stäbe zu Tage. Mit ein paar Handgriffen tränkte sie den Stoff mit Öl und entzündete sie anschließend. Das Licht wurde von den Tunnelwänden verschluckt, war gerade noch hell genug, um ihnen den Gang zu zeigen, der tief hinab ins Erdreich führte.

Sie hielt Ludgar eine der Fackeln hin. Bereitwillig nahm er sie an und schritt mutig voran in die trübe Düsternis. Schon nach wenigen Schritten hatten sie die Öffnung, durch die sie gekommen waren, hinter einer Biegung aus den Augen verloren, und alsbald gab es nur mehr den tristen Fackelschein, der die lehmigen und steinigen Wände beleuchtete. Unwohl betrachtete die Elfe die lodernden Flammen. Sie stiegen senkrecht nach oben, der Rauch kräuselte sich stinkend zur Decke hinauf. Hier gab es keinen Luftzug, kein Wispern des Windes. Dieser Gang war vermutlich der einzige Ein- und Ausgang des Tunnels...

„Wir gehen in die Richtung, aus der wir gekommen sind“ bemerkte Amelyn und sah an die Decke, die sich merklich von ihnen entfernt hatte. Alles schien nun größer zu werden, die Ausmaße der Höhle nahmen mehr und mehr zu. War sie vorher beinahe mit dem Kopf an die Decke gestoßen, so konnte sie diese nun selbst mit der Spitze ihres Schwerts nicht mehr erreichen. „Wir müssen fast unter dem Dorf sein.“

„Dann ist der Drache nicht mehr weit!“ rief Ludgar und eilte voraus. Amelyn sah sich nach dem Serabi um, doch sein dunkles Gewand machte ihn so gut wie unsichtbar in dieser nachtartigen, schattigen Umgebung. Sie konnte ihn nirgends entdecken, während sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte.

Dicke Wurzeln sprossen über und unter ihnen aus der Erde. Bleich und schlangengleich wanden sie sich hervor, blinde Finger auf der Suche nach Nahrung. In der Luft lag der Geruch von Moder, abgestanden und schal.

„Hier muss es einst Leben gegeben haben“ flüsterte sie leise. Wie aus einem tiefen Grab hallte ihre Stimme von den Wänden wider, die von Erde zu Stein übergingen. Auch der Boden veränderte sich. Er wurde ebener, trittfester, die Unregelmäßigkeiten einer natürlichen Höhle verschwanden zusehends. Mächtige Umrisse türmten sich am Wegesrand auf, hatten die Wände ohne spürbaren Übergang ersetzt. Befand sie sich in einem Traum, in dem die Realität mit ihren Sinnen spielte?

„Kommt hier her“ rief Ludgar erschrocken, und sofort eilte Amelyn an seine Seite. Auch der Serabi fand sich bei ihnen ein, im Schein der zwei Fackeln nun wieder sichtbar. Die allumfassende, die Flammen einrahmende Schwärze schien seine Augen noch stärker hervor zu heben.

„Es ist eine Stadt“ flüsterte der Krieger und deutete mit der freien Hand auf die Schatten von Gebäuden. „Eine Stadt. Unter der Erde!“

„Ein längst vergessenes Relikt einer Kultur, die zu spüren bekam, wie schnell der Dschungel sein Gesicht und seine Laune ändert“ sagte der Serabi und versuchte dabei so nüchtern wie immer zu klingen. Doch in seinem Tonfall schwangen Ehrfurcht und Staunen mit.

Riesige Gebäude, viele Stockwerke hoch und aus grobem Stein gehauen, tauchten vor den Gefährten auf, während sie weitergingen. Straßen, Nischen und Gassen taten sich auf, flackerten so kurz wie der Schein einer Kerze im Wind, bevor sie wieder in der Dunkelheit versanken. Alles trug den Hauch der Vergessenheit, war von einem Odem des Todes belegt. Nichts, was es hier gab, wies mehr Substanz auf als die Bruchstücke eines seltsamen Traumes, aus dem man erwacht war.

Amelyn schluckte, bevor sie sprechen konnte. „Wer hat hier gelebt?“

„Das wird wohl auf ewig ein Geheimnis bleiben“ antwortete Rastor und betrachtete eine zerbrochene Brücke, die sich über ein ausgetrocknetes Flussbett spannte.

Die Elfe schloss die Augen. Ihr war, als könne sie noch immer das leise, entfernte Rauschen von Wasser vernehmen, das durch die unterirdische Welt floss. Das Plätschern wurde lauter, und sie meinte, kleine Wassertröpfchen zu spüren, die ihre Haut benetzten.

„Nicht stehen bleiben“ mahnte die Stimme Ludgars. Sie hob die Lider, und vorbei war der kurze Spuk. Die Brücke war wieder tot, das Wasser vor langer Zeit versickert. Nur die hallenden Schritte ihrer Begleiter füllten die stehende Luft.

Nach einiger Zeit blieben sie stehen, denn ein neues Geräusch war in den Vordergrund getreten. Als sich Amelyn des Lautes bewusst wurde, merkte sie, dass er schon viel länger in der Luft gehangen hatte, unterschwellig. Doch nun traf der Ton sie mit einer Intensität, die sie schaudern ließ. Es war ein Scharren.

„Der Drache“ sagte Ludgar.

Der Serabi nickte. „Er weiß längst, dass wir hier sind.“

Gemeinsam leuchteten sie die nahen Gassen aus, immer weiter auf das schabende Geräusch zu. Finsternis entfleuchte aus den Nischen wie ein Schwarm Fledermäuse, bereit, sich sofort wieder schlafen zu legen, sobald der Fackelschein verschwand.

Hinter der nächsten Häuserfront, die teilweise eingestürzt war, wurden sie fündig. Es dauerte eine Weile, bis Amelyn begriff, dass es ein lebendes Wesen war, das sie vor sich hatte. So schwarz wie die Dunkelheit selbst lag er, die Tatzen schwach nach vorn gestreckt, in der schmalen Schlucht zwischen zwei verfallenen Häusern. Seine Umrisse waren undeutlich, verflossen mit den Schatten. Riesige Schwingen ragten halb aufgerichtet in Richtung der Höhlendecke, doch sie verloren sich in der Finsternis, während sie sich sanft bewegten. Die Elfe fühlte sich von dem Laut, den sie erzeugten, an den Flügelschlag eines Schwans erinnert, nur langsamer, tiefer.

Ludgar wagte sich näher heran, und seine Fackel warf flackernde, tanzende Muster auf das schwarze Schuppenkleid des Tieres. Mit offenem Mund blickte Amelyn in Augen so groß, dass sie ihr eigenes Spiegelbild darin erkannte. Sie mussten die Unendlichkeit gesehen haben, um so viel Trauer und Schmerz zu fassen. Der Drache blinzelte andächtig, während seine schlitzartigen Pupillen die kleine Gruppe anstarrten. Er musste einst Hörner besessen haben, doch nun ragten nur noch Stümpfe aus seinem Kopf, abgebrochen oder möglicherweise von Schwertern abgetrennt.

Er öffnete das Maul, ließ ein Stöhnen erklingen, das hohl und mit Sehnsucht und Leid gefüllt durch die tote Stadt hallte.

„Es ist lange her, seit ich das letzte Mal Licht sah“ seufzte das riesige Tier mit tiefer, angenehm klingender Stimme. „Und es ist lange her, seit ich Wesen des Lichts zu Gesicht bekam. Ihr habt eine anstrengende Wanderung hinter euch. Ihr seid müde und ausgelaugt.“

Amelyn war die erste, die die Sprache wieder fand. „Ich entbiete Euch meinen untertänigsten Gruß, Drachen. Im Namen der Mondelfen und der friedfertigen Völker.“ Sie verbeugte sich hastig und tief.

Der Drache schien ihre Verbeugung amüsiert zur Kenntnis zu nehmen, denn er brachte ein kränkliches Lachen zu Stande. Glitzernd zeigten sich seine Zähne im Schein der Fackeln, als seine Lefzen sich nach oben zogen.

„Seid mir willkommen in meinem kleinen Reich, Amelyn Wasserstein und Ludgar Fjerdhelm. Ich habe euch erwartet.“ Der Drache wandte sein Gesicht dem Serabi zu. „Und auch dich heiße ich willkommen, obwohl du meinen Blicken entweichst, als wärest du kein Kind der Zeit. Ich sehe, du bist ein Serabi. Nur ein Schatten im ständig wechselnden Verlauf der Zukunft.“

Rastors Augen leuchteten hell. „Ich grüße Euch, ehrenwerter Drachen. Tragt Ihr einen Namen?“

Lange starrte das Tier ihn an, und mehrmals schlossen und öffneten sich seine Lider. Dann endlich antwortete es: „Ich trage so viel anderes, dass ich meinen Namen vergessen habe. Der Kummer wiegt schwerer als Worte, wisst ihr?“

„Welcher Kummer plagt Euch?“

„Das Leben selbst“ antwortete das geflügelte Wesen.

Amelyn trat vor Rastor und sah dem Drachen in die Augen. „Ihr seht traurig aus“ sagte sie. Ein bitterer Geschmack lag ihr auf der Zunge. Sie waren gekommen, um etwas zu verlangen, doch nun hatte sie den Wunsch, zu geben. „Können wir Euch helfen?“

Die mächtigen Schwingen hoben und senkten sich. Vielleicht war es das Gegenstück zu einem Schulterzucken.

„Das, was Ihr vorhin sagtet... dass ihr uns erwartet hättet... bedeutet es, dass Ihr in die Zukunft zu sehen vermögt?“ versuchte Amelyn noch einmal, ein Gespräch zu beginnen.

„In der Tat. Ich besitze diese Gabe, falls man von einer solchen sprechen kann. Ich würde mich ihr gern verschließen, doch ist mir das nicht gestattet.“

Amelyn spürte, wie Ludgar sich neben sie drängte. Sie fühlte, wie aufgeregt er war, denn er atmete schnell und flach. „Ihr seht die Zukunft? So lasst mich wissen, ob mein Land befreit wird von der Finsternis, die darauf liegt!“

Heisse Luft entwich den Nüstern des Drachen, bevor er antwortete: „Ich sehe nicht die Zukunft, wie ihr es vermeint. Möglicherweise drückte ich mich falsch aus. Ich sehe die Zeit, in all ihren Windungen und verschlungenen Wegen. Tausend verschiedene Dinge, die nicht sind, aber sein könnten. Tausend verschiedene Dinge, die schon waren, doch auch hätten anders geschehen können. Es gibt nicht viel, was mir verborgen bleibt, und doch weiß ich nicht mit Sicherheit zu bestimmen, welche Zukunft uns vorauseilt.“

„Vorauseilt?“ fragte Amelyn verblüfft.

„Ja. Denn genau das ist es, was sie tut: Sie läuft vor uns davon, und wir können nur ihren Rücken sehen. Niemals aber erblicken wir ihr wahres Gesicht, denn sie dreht sich nicht um und zeigt es.“

„Ihr sprecht in Rätseln“ sagte Rastor schroff.

Der Drache bedachte ihn mit einem langen Blick. „Und du bist ein solches. Ich sehe viele verschiedene Zukünfte, verwaschen im Meer der Zeit. Doch die deine sehe ich nicht, Serabi. Das Schattenvolk war schon immer ein schwarzer Fleck auf meinem Auge. Aber ... ein einzelnes Schicksal ist nicht von Bedeutung ...“ Die Stimme des Drachen klang müde und betrübt.

„Ihr liegt im Sterben“ erkannte Amelyn mit verbissenem Gesicht. Sie fühlte mit dem Wesen und wollte nicht länger über etwas reden, dass ihm augenscheinlich großen Kummer bereitete. Dafür waren sie nicht gekommen. Das war nicht der Sinn dieses Unterfangens. „Verratet uns, woran Ihr erkrankt seid, denn vielleicht können wir Euch helfen.“ Und vielleicht könnt Ihr im Gegenzug dafür uns helfen, fügte sie in Gedanken hinzu.

„So möchtest du also wirklich erfahren, was mich zu Grunde richtet? Nun gut, es sei dir gewährt.“ Der Drache erhob sich auf seine Pranken, obwohl Amelyn sehen konnte, welche Schmerzen es ihm bereiten musste. Doch auch in seiner angeschlagenen Verfassung sah er majestätisch und würdevoll aus. Er sprach: „Es ist das Wissen um die Zukunft, das mich von Innen her zerfrisst und mich zu dem machte, was ich nun bin: Ein gebrochenes Wesen, das letzte meiner Art. Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn ihr euch der Folgen einer jeden Tat bewusst seid? Würdet ihr einer anderen Kreatur das Leben schenken, wenn ihr doch gleichzeitig wüsstet, dass dies dazu führt, dass hundert andere sterben? Und doch könntet ihr die arme Seele auch nicht zu Grunde gehen lassen, stünde es in eurer Macht, sie zu retten. Ich kenne die Konsequenzen jeder Handlung und bin doch daran gebunden. Ich sehe mich in einem Netz aus Fäden gefangen, von denen jeder einzelne ein Schicksal bewirkt, das nur noch von der Grausamkeit des nächsten übertroffen wird. Jede gute Tat wird von zwei schlechten verfolgt und es gibt nichts, das ich daran ändern könnte. Ich bin ein Gefangener meiner selbst, und versuchte ich die Flucht in den Freitod, würde ich nur noch mehr Leid herbeiführen. Dieses Wissen trieb mich in dieses, mein selbst gewähltes Exil. Mein Wille zerstört Leben, auch wenn ich es nicht wünsche, und meine bloße Anwesenheit bringt Verderben. Ich bin eine Kreatur der Dunkelheit, ins Licht geboren, um die Flamme zu ersticken.“

Erschöpft sackte der Drache in sich zusammen. Ein milchiger Film hatte sich über seine Augen gelegt, die kalt nach vorn blickten. Er wirkte orientierungslos, doch Amelyn wusste jetzt, dass das genaue Gegenteil der Fall war. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich verstehe nicht alles, was Ihr gesagt habt, aber ich weiß nun, warum Ihr so seid, wie Ihr seid. Ich hege keinen Groll gegen Euch.“ Sie erinnerte sich an das Dschungeldorf, unter dessen kläglichen Überresten sie sich nun befanden. „Ihr seid für das tragische Schicksal verantwortlich, das die Bewohner des kleinen Dorfes ereilte, nicht wahr?“

„Weiterer Kummer, der meine Seele in einen Abgrund reißt“ antwortete der Drache langsam. „Doch von allen Orten, die ich für mein Exil hätte wählen können, war dies derjenige, der das kleinste Übel herbei führte. Die Dorfbewohner betrachteten mich wohl als böses Omen und bekämpften mich, nachdem ich ankam. Und wer kann ihnen das verdenken, denn hatten sie nicht Recht? Ich zog mich hierher zurück, in die Tiefe, die Gebeine der Welt. Ich wollte keinen Schaden mehr anrichten, doch ich war mir bewusst, dass meine Präsenz den Boden vergiftete, das Wasser in den Flüssen verfaulen ließ und die Tiere verrückt machte. Nach und nach raffte es die Dorfbewohner dahin, bis keiner von ihnen mehr übrig war.“ Für einen Moment hellten sich seine Augen auf. „Eigentlich ein sehr geringes Opfer, gemessen an der unzähligen Zahl der Toten, für die ich mich verantwortlich zeichne. Doch so darf ich es nicht betrachten.“

Seine Lider bebten, und seine Nüstern hüllten Amelyn und ihre Gefährten in heißen, scharf riechenden Dampf.

„Seid Ihr auch für ... das hier verantwortlich?“ Amelyn deutete auf die Häuser, zwischen denen sie standen. Die bröckelnden Bauten, die sich im Fackelschein zu ihnen zu beugen schienen, während düstere, ewige Stille sie umwogte.

Der Drache nickte behäbig. „Die Rasse, die diese Stadt erbaute, ist längst in den Gefilden der Vergangenheit untergetaucht und wird nie wieder hervor kommen. Sie ist bedeutungslos schon seit ewigen Zeiten. Ich war es, der ich sie durch meine Taten zum Tode verurteilte. Ich kenne diesen Ort aus früheren Tagen. Aus Tagen, in denen ich noch versuchte, das Schicksal zu beeinflussen und mein Wissen zu verwenden. Ich wurde hier einst als Gottheit verehrt, doch war ich der Tod selbst. Es kommt mir vor wie Ironie, dass ich hierher zurück kehrte.“

Neugierde regte sich in Amelyn wie ein wildes, nur schwer zu bändigendes Tier. „Was ist geschehen?“

Der Drache schien für einen Augenblick in die Vergangenheit zu blicken und antworten zu wollen, doch dann stahl sich die ausgelaugte Trübheit zurück in seinen Blick. „Es lohnt nicht mehr, Worte darüber zu verlieren. Was geschehen ist, kann nicht mehr geändert werden.“

Nachdenklich nickte die Elfe. Sie fühlte sich plötzlich schuldig, überhaupt in diese Höhle eingedrungen zu sein. Dieses Wesen beherbergte so viele widersprüchliche Gefühle in sich, dass es ihr Leid tat, es noch weiter mit ihrer Anwesenheit zu belästigen. Aber dennoch ... wie viel wog das Wohlergehen eines Einzelnen im Vergleich zu vielen? So einfühlsam wie möglich sagte sie: „Ihr habt Recht, die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Doch die Zukunft liegt noch vor uns, aber sie ist düster und traurig. Allein in Eurer Macht sehen wir die letzte Möglichkeit, ein großes Unheil abzuwenden. Werdet Ihr uns helfen?“

„Euch helfen?“ Die Schwingen des gigantischen Tieres spreizten sich, bis sie an die beengenden Wände der Häuser stießen. Lautes Krachen erfüllte die Luft, als der Drache leidlich mit ihnen zu schlagen versuchte. Er sah wütend aus. „Ihr wollt Zerstörung über eine andere Rasse bringen!“

„Eine Rasse, unter der wir leiden! Ist dies denn kein edles Ansinnen?“ fragte Ludgar. „Wir möchten viele unschuldige Leben retten.“

Nun zitterten die Flügel, bevor der Drache sie wieder an seinen Körper schmiegte. Aufgewirbelter, jahrhunderte alter Staub glitzerte im Fackelschein. „Edel? Du benutzt dieses Wort auf eine Weise, die ich zu verabscheuen gelernt habe. Es zeugt nicht von Großmut, den Tod zu bringen, egal für welches Ziel.“

Ludgar nickte. „Ich verstehe. Du willst uns nicht helfen. Dann ist mein Volk also tatsächlich verloren.“ Der Menschenkrieger sackte in sich zusammen und schluckte hörbar. Wasser schimmerte in seinen Augen, in denen sich Wut und Verzweiflung mischten. „Ich hätte es wissen müssen, dass diese Reise uns nichts bringt! Besser hätte ich an vorderster Front mit meinem Schwert in der Hand gegen den Feind gekämpft. So hätte ich wenigstens einen ehrenvollen Tod erlangt!“

Der Drache beugte sich vor, bis seine Schnauze Ludgar beinahe berührte. „Bist du dir der Tragweite dessen, was du von mir verlangst, auch nur annähernd bewusst, kleiner Mensch?“

Stumm entgegnete der Krieger den Blick. Er nickte langsam.

„Es ist die Kraft meines schwarzen Herzens, die du begehrst. In welcher Form diese Macht auch Zerstörung bringt, sie wird mein Antlitz tragen.“

Amelyn sah den Konflikt, der sich in den Augen des Drachen spiegelte. Er schien mit sich selbst zu ringen.

Auch Ludgar spürte, dass seine Worte das Wesen berührt hatten, und so sagte er verzweifelt: „Ich bin bereit, die Folgen dieser Handlung auf mich zu nehmen. Ihr wärt damit von jeglicher Schuld befreit, Ehrenwerter!“

Das riesige schwarze Wesen musterte den Menschen, der im Vergleich zu ihm so klein und mickrig wirkte, dass sein Angebot, die Last des Drachens auf seine Schultern zu nehmen, wie Hohn schien. „Wie gern würde ich das glauben“ seufzte er schwermütig. „Doch Glauben bedeutet, nicht zu wissen. Und meinem Wissen kann ich mich nicht verschließen.“

„Ihr habt schon früher entgegen diesem Wissen gehandelt. Ich bitte Euch, dies noch ein letztes Mal zu tun. Um des Friedens Willen!“ fügte der Krieger flehend hinzu. „Kommt mit uns und besiegt einen schrecklichen Feind!“

Nun schüttelte der Drache den mächtigen Kopf. „Ich bin bereits zu alt und zu schwach, um meinem selbst gewähltem Grabe zu entfliehen. Ich entschied mich vor langer Zeit dafür, diese Stätte zum Ort meiner letzten Ruhe zu machen. Ich bin es dem Volk, das hier lebte, schuldig.“

Ein innerer Zwist erfüllte das Tier, und die drei Gefährten wagten nicht, etwas zu sagen, als es sich schüttelte und mit seinen Gefühlen zu kämpfen schien. „Und doch ... und doch gibt es eine Möglichkeit für mich, Euch zu helfen. Es ist nicht die ... Zukunft, die ich anstrebte, als ich in mein Exil ging. Aber ich verstehe euer Anliegen und respektiere euren Wunsch nach Frieden.“

„Wie könnt Ihr uns helfen?“ stieß Ludgar hervor.

„Es ist mein Herz, das dunkel ist. Ihr müsst es mit euch nehmen. Es birgt die Schwärze, und es wird vom Tod geleitet. Wohin ihr es tragt, bringt es Verderben. Der Boden, den es sieht, wird faulig und unbrauchbar, und alles, was in seine Nähe gelangt, wird zerfallen und sterben. Es macht seinem Träger jedes Land Untertan, doch es löscht auch jegliches Leben darin aus. Es ist die fürchterlichste Waffe, die ihr euch vorstellen könnt, denn es kennt weder Freund noch Feind, und was ihr damit erobert, wird wertlos sein. Auch seinen Träger wird es nicht verschonen, obgleich er nicht sofort stirbt, wenn er es berührt. Erst, wenn er es gehen lässt, wird er von der Kraft des Herzens zerrissen.“

Amelyn schluckte. „Das bedeutet ... wir können die versklavten Länder befreien, doch der Preis, den wir dafür zahlen ...“

„Der Preis ist hoch, aber gerechtfertigt“ sagte Ludgar neben ihr. „Wir werden den Feind vernichten und ihn daran hindern, noch weitere Länder zu unterjochen!“

Die Elfe zuckte zusammen, als der Drache sie mit blitzenden Augen anblickte. Er schien seinen Konflikt besiegt zu haben ... oder hatte der Konflikt ihn überwältigt?

„Noch ist mein Herz in meinem Körper eingeschlossen“ presste er hervor. Er weckte nun ein Gefühl von Hast und Ungeduld, anstatt von ruhiger Erhabenheit. „Noch wird seine Kraft von meinem Leib eingedämmt. Wenn du es haben willst, Menschenkrieger, so musst du es aus mir heraus schneiden und mich somit töten.“

Unsicher sah Amelyn zu Ludgar, der seine Fackel achtlos zu Boden warf, wo sie davonrollte. Er zog sein Schwert aus der Scheide und hielt es fest umklammert, während er den Drachen beobachtete. In den Augen des Tieres leuchtete unmissverständlich das Verlangen nach dem Tod.

„Ich werde Euch von Euren Schmerzen erlösen“ sagte Ludgar grimmig und nickte der schwarzen Gestalt zu. „Eure großzügige Tat wird mein Land erretten!“

Amelyn biss die Zähne zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren, doch tausend Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. War es wirklich richtig, dieses Tier zu töten und somit einem Menschen eine Waffe in die Hand zu geben, mit der nicht einmal ein so mächtiges Wesen wie ein Drache umzugehen vermochte?

Tränen rannen über ihre Wange, und unsicher sah sie zu Rastor, der wie gebannt die Szene verfolgte. Als er ihren Blick auf sich spürte, richteten sich seine blauen Augen forschend auf die ihren. Sie beinhalteten die stumme Frage: Wieviel ist dir dein Frieden wert?

Der Drache streckte seinen Kopf zur Seite und legte seinen Hals bloß. Die schwarzen Schuppen spannten sich. Kleine Ritzen wurden sichtbar, in die man mit Leichtigkeit ein Schwert rammen konnte...

„Tue es“ dröhnte die Stimme des Tieres voll von Sehnsucht.

Ludgar hob sein Schwert und ließ es schwungvoll herab sausen. Amelyn nahm einen verzerrten Schatten wahr, und noch im selben Augenblick wurde die Gestalt des Kriegers zu Boden geworfen. Das Schwert schepperte auf den Steinen, ohne den Drachen berührt zu haben.

Der dunkle Umriss des Serabi stand vor Ludgar, und seine Augen leuchteten mit blauem Feuer. Er schüttelte den Kopf. „Ich darf dies nicht zulassen.“

Amelyn blinzelte verdutzt und zückte ihr eigenes Schwert, während hinter Rastor der schwarze Drache zitternd in sich zusammenbrach.

„Geh mir aus dem Weg, seelenloser Schatten!“ knurrte Ludgar erbost und erhob sich. Er suchte auf dem staubigen Boden nach seiner Waffe, doch der Serabi war schneller und fegte sie mit dem Fuß bei Seite.

Die blauen Augen loderten unheilvoll, als er sagte: „Ich werde nicht mit ansehen, wie du Verderben über diese Welt bringst.“

„Ich bringe kein Verderben!“ brüllte Ludgar wütend. „Ich rette mein Land, und wenn du das verhindern willst, dann wirst du dafür sterben!“

Fast unantastbar wirkte der Serabi jetzt, wie er vor dem Menschen stand und ihn mit Abscheu musterte. Seine gesamte Fremdartigkeit entlud sich in diesem Augenblick, in dem Amelyn den Drachen leichter zu verstehen glaubte als ihren düsteren Begleiter.

„Du würdest die Schmerzen bringen“ sagte Rastor kühl, ohne Betonung. „Du würdest das Land zerstören und unfruchtbar machen. Meine Rasse war es, die diese Welt beinahe dem Untergang geweiht hätte, und wie wir dafür Buße taten und es noch immer tun müssen, das siehst du an mir. Noch einmal wird niemand eine solche Dummheit begehen, wenn ich es verhindern kann.“

Ludgar kroch nach hinten wie eine vierbeinige Spinne, funkelte den Serabi mit einem so unverhohlenem Hass an, dass Amelyn sich unwillkürlich vor ihm fürchtete. Die Klinge in ihrer Hand schien plötzlich wie in weiter Ferne, und als der Krieger sie um Hilfe heischend ansah, empfing er nur einen stumpfen Blick aus ihren Augen. Die Geräusche in der Höhle dröhnten und flossen ineinander, wurden zu einem verwaschenen, bedeutungslosen Rauschen. Sie beobachtete, wie der Mensch den Mund öffnete und etwas schrie, um sich anschließend auf den Schatten zu stürzen und mit ihm zu Boden zu gehen.

Die rollenden Körper wirkten in der trüben Dunkelheit wie zwei balgende Hundewelpen, doch das verzerrte Gesicht des Drachen zerriss das bizarre Bild und brachte die Elfe in die Wirklichkeit zurück. Sie blickte in die riesigen Augen, aus denen die Todessehnsucht gewichen war. Das Tier schlug mit den Flügeln, als der Serabi sich als Gewinner der Kampfes abzeichnete. Stöhnend richtete Rastor sich auf, und seine schwarzen Finger umschlossen Ludgars Hals so unbarmherzig wie Schraubstöcke.

Amelyn war von der kalten Gewalt, die der Serabi nun wie einen scharfen Geruch verströmte, zutiefst schockiert, doch sie fasste ihre Waffe fester und rief: „Hört sofort auf damit!“

Rastor schien sie entweder nicht zu hören, oder er beachtete sie absichtlich nicht. Noch immer umklammerten seine Hände den Hals des Kriegers, der lediglich ein schwaches Röcheln hervor brachte.

„Wenn du ihn umbringst, stirbst auch du!“ schrie Amelyn nun, doch der schwarze Schatten ließ sich nicht beirren. Erst, als der schlaffe Leib Ludgars aus seinen Fingern glitt, blickte er sie an. Seine Augen waren ausdruckslos und unbestimmbar.

„Wenn du mich töten willst, dann werde ich dich nicht daran hindern. Ich habe nur getan, was ich tun musste.“

Unsicher trat Amelyn vor ihn und hob ihr Schwert, ließ es jedoch ungenutzt wieder sinken. Sie würde keinen Unbewaffneten niederstrecken. „Ich kann nicht“ sagte sie leise. „Ich werde Tod nicht mit noch mehr Tod vergelten.“

Der Serabi nickte anerkennend. Gerade wollte die Elfe ihr Schwert zurückschieben, als eine Klaue aus der Dunkelheit auftauchte und Rastor in zwei Hälften zertrennte. Sie keuchte überrascht, doch unfähig, sich zu bewegen. Eine Pranke schob sich nach vorn, gefolgt vom monströsen Kopf des Drachen. Amelyn blickte nach oben und sah das Wesen an. Es hob die andere Pranke, an der gebogene, säbelartige Klauen blitzten.

Amelyn sackte zu Boden und wartete wie gelähmt darauf, dass das Gewicht der Pranke sie zerquetschte. Doch die Tatze senkte sich nur auf sie herab, bis ihr das Atmen schwer fiel und bunte Punkte in der Luft vor ihr tanzten.

„Es tut mir leid“ hörte sie die Stimme des Drachen. Sie brachte es fertig, zu blinzeln. Die riesigen Augen blickten leidvoll auf sie herab. „Für einen Augenblick war ich schwach in meinem Käfig der Unendlichkeit, wollte mein Schicksal nicht akzeptieren. Ich wäre mit Freuden gestorben, wenn der Serabi den Menschenkrieger nicht im letzten Moment daran gehindert hätte, mich zu erschlagen. Aber jetzt ist mein Wille wieder stark. Ich bleibe mein eigener Gefangener und nehme die Schmerzen auf mich, die mein Dasein mir bereitet. Ich werde die Zukunft nun auf einen Pfad leiten, der weniger Zerstörung bereit hält als andere.“

Die Elfe fragte sich flüchtig, welche Zukunft der Drache zu sehen im Stande war. Welchen Schaden würde sie anrichten, wenn er sie am Leben ließe?

Dann spürte Amelyn schmerzvoll die kalten Klauen in ihrem Körper und versank in der Finsternis.

 

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Erstellt: 27.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58