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Sehnsucht nach aller Weisheit der Welt

Autor: Christoph Gross

 

Einst gab es einen König namens Wulf, der keinen grösseren Wunsch hatte als den, dass sein Königreich durch ihn einzig und alleine von Weisem regiert werde.

Eines Tages liess er all seine weisen Männer zu sich bringen und befahl ihnen, ihm in drei Monaten alle Weisheit der Welt in nur dreihundert Büchern zu bringen! Der älteste der Weisen, er hiess Brand, sagte daraufhin in angemessen respektvollem Ton zum Monarchen, dass die Ausführung dieses Befehls für seine Kollegen und ihn vollkommen unmöglich sei.

„Zu gegebener Zeit werdet ihr erneut hierher geführt werden“, erwiderte kaltschnäuzig der König. „Sicher werdet ihr mir dann das Verlangte geben können.“

Die Weisen wurden fortgeschickt. Später riefen sie gemeinsam die Götter aufrichtig um Hilfe bei der scheinbar unmöglichen Erledigung ihrer Aufgabe an, bevor sie sich an die Befolgung des königlichen Befehls machten. – Ihre Gebete schienen wirklich erhört worden zu sein: Als sie drei Monate später wieder bei Wulf waren, konnten sie diesem voller Stolz die verlangten Bücher präsentieren.

Des Monarchen Freude darüber währte allerdings nicht lange. Sie verflüchtigte sich, nachdem die Weisen ihn verlassen hatten. Ihm wurde bewusst, dass es ihm nie möglich sein würde, ausreichend Zeit dazu zu finden, die erhaltenen Schriften genügend intensiv zu studieren, um auch bloss mit einem Bruchteil der darin enthaltenen Weisheitsfülle etwas anfangen zu können. – Aus diesem Grund liess er am nächsten Tag die weisen Männer wieder zu sich bringen. Er schilderte ihnen sein Problem und befahl ihnen, ihm in drei Monaten den gesamten Weisheitsgehalt der von ihnen verfassten dreihundert Bücher in einem einzigen Satz zu bringen!

Brand und seine Kollegen konnten es nunmehr nicht mehr vermeiden, dass sie ihren Herrscher ungläubig anstarrten. Zwischen ein paar von ihnen war leises Murmeln zu hören. Jedoch war mit Wulfs Befehl die Angelegenheit besiegelt und die Weisen gingen von dannen; ihre Herzen waren schwer.

Erneut baten sie zusammen die Götter aufrichtig um Hilfe bei einer Aufgabe, die sie von ihrem König hatten. – Offensichtlich wurden ihre Gebete auch diesmal erhört: Als sie nach drei Monaten abermals im Thronsaal ihres Königs waren, übergab ein sichtlich stolzer Brand dem Monarchen ein aufgerolltes Stückchen gegerbte Ziegenhaut. „Darauf steht jener Satz geschrieben, nach dem sich Euer Herz so sehr sehnt, Majestät“, erklärte der alte Mann. Wulf entrollte das Ziegenhautstück und sah, dass darauf geschrieben stand: „Die Kreisläufe der Natur sind das Alpha und das Omega.“

Was sollte denn das heissen? Verwirrt starrte der Monarch das Schriftstück in seiner Hand an. Noch etwas verwirrter wurde er, als er feststellen musste, dass er sich aus irgendeinem Grunde nicht getraute, die Weisen über die seltsame Wortformel auszufragen. Frustriert schickte er die weisen Männer weg. – Während der ganzen folgenden Nacht fand er keinen Schlaf, weil seine Gedanken immerzu um die Worte auf der gegerbten Tierhaut kreisten...

Tags drauf liess er Brand und Konsorten abermals vor seinen Thron bringen und eröffnete ihnen, nach Stunden des Nachdenkens könne er nicht mehr so recht glauben, dass der Satz über die Naturkreisläufe alle Weisheit der Welt beinhalte. Nun wolle er ihnen zeigen, dass er ihnen trotzdem nach wie vor selbst grösste Leistungen zutraue. Zu diesem Zweck stelle er ihnen die Aufgabe, ihm in drei Monaten die ganze existierende Weisheitsfülle komprimiert in einem einzigen Wort zu präsentieren!

Anstatt einen sinnlosen Protest gegen diesen ungeheuren Befehl zu wagen, gingen die Weisen erneut um göttlichen Beistand bitten. Anschliessend machten sie sich an die Befolgung des königlichen Befehls. Und drei Monate später entrollte Wulf wieder ein von Brand erhaltenes Stück gegerbte Tierhaut. Darauf stand das Wort „Gott“ geschrieben.

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Erstellt: 23.01.2011, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58