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Sherlock – eine Legende kehrt zurück, Staffel 1

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

Es gibt vermutlich nur wenige literarische Figuren, die sich so eingeprägt haben wie Sherlock Holmes. Der von Sir Arthur Conan Doyle erdachte Meisterdetektiv begeisterte nicht nur die Leser seiner Entstehungszeit – seine Abenteuer fanden und finden bis heute Aufnahme in die populäre Kultur, und das nicht nur in seiner Heimat Großbritannien oder in unterschiedlicher literarischer Form.

Gerade in England werden die Kurzgeschichten von Doyle immer wieder gerne in Filme und Serien umgesetzt oder für deren Grundlage genutzt. Hat man sich in den vergangenen Jahren eher bemüht, einen historisch möglichst korrekten Umgang mit Sherlock Holmes zu pflegen und ihn als den Mann seiner Epoche darzustellen, so ist das in der 2010 entstandenen Serie „Sherlock“ anders.

Die Autoren Stevan Moffat und Mark Gatiss haben eine andere Vorhergehensweise gewählt: Was wäre wenn Sherlock Holmes kein Kind der spätviktorianischen Zeit mehr ist, sondern ein Mensch unserer Tage? Wie würde er heute mit dem ihm zur Verfügung stehenden technischen Mitteln arbeiten? Und wie würde sein ganz eigener Charakter im 21. Jahrhundert auf seine Umgebung wirken?

 

Der Militärarzt John H. Watson kehrt als Kriegsversehrter aus Afghanistan zurück. Während seine Schulterverletzung nicht außer Frage steht, sind die Ärzte der Ansicht, dass die Steifheit seines Beines eher psychosomatische Gründe hat. Deshalb regen sie ihn an, wieder mehr unter die Leute zu gehen und Abstand von den traumatischen Erlebnissen zu finden.

So erscheint es recht günstig, dass er durch einen alten Freund die Möglichkeit bekommt, in eine richtige Wohnung zu ziehen. Sein Mitbewohner würde dann Sherlock Holmes sein, der das Talent hat, durch seine eigenwillige und überhebliche Art so gut wie alle vor den Kopf zu stoßen.

Doch John Watson ist mehr als fasziniert von dem etwas jüngeren Mann, der als freiberuflicher Berater für die Polizei arbeitet und vor allem Inspektor Lestrade bei der Aufklärung von kniffligen Mordfällen unterstützt. Holmes beobachtet nicht nur genau, er weiß auch das, was er bemerkt hat, geschickt miteinander zu kombinieren und die größeren Zusammenhänge zu erkennen.

Wie gut er darin ist, stellt Jahn Watson fest, als er Sherlock zu einem Tatort begleitet. Die ganz in Pink gekleidete Frau ist Opfer eines Serienmörders geworden, der schon eine ganze Weile die Straßen Londons unsicher macht und bisher kein wirkliches Schema bei seinen Morden hatte.

Doch nach und nach kommen die Zusammenhänge ans Licht – und bei einer Verfolgungsjagd durch London vergisst Watson erstmals seine Beinverletzung.

Später soll Sherlock Holmes heraus finden, warum es möglich war, dass trotz des besten Sicherheitssystems in das Büro einer renommierten Bank eingebrochen wurde. Ihn interessieren aber mehr die Zeichen an den Wänden, die an einen Code erinnern. Und richtig – schon bald wird einer der Geschäftsreisenden des Bankhauses tot aufgefunden und in seinem Haus ebenfalls Zeichen gefunden.

Die Spur führt nach China und zu einer geheimen Organisation, die antike Schätze beiseite bringt. Eine junge aus China ausgewanderte Frau, die in einem Museum arbeitet, scheint der Schlüssel zur Lösung des Rätsels zu sein...

Nachdem auch dieser Fall gelöst ist, langweilt sich Sherlock Holmes zu Tode und wird sogar gegenüber Watson unleidlich. Er überlässt seinem Freund sogar einen Auftrag, den ihm sein Bruder Mycroft aufdrücken will.

Doch dann wird er von unbekannter Seite zu einem Spiel herausgefordert, das Menschenleben kosten könnte, wenn Sherlock nur einmal versagt. Das weckt die Lebensgeister der exzentrischen Spürnase. Doch schon bald muss er feststellen, dass sein Gegenspieler keine Skrupel kennt.

 

Man mag die Fälle des Sherlock Holmes vielleicht schon genau so gut kennen wie die Marotten und Eigenheiten des Meisterdetektivs, aber Moffat und Gatiss ist tatsächlich gelungen, den Geschichten neues Leben einzuhauchen, allein durch die Tatsache ihn in die Gegenwart zu versetzen ohne jedoch seinen Charakter und die Beziehung zu Watson sonderlich zu verändern.

Dazu kommen zwei charismatische Hauptdarsteller, die ihren Figuren zusätzliche Tiefe geben. Benedict Cumberbatch gelingt einerseits es die Genialität seines Charakters herauszuarbeiten, andererseits aber auch Holmes’ emotionale Kälte zu zeigen, die es ihm unmöglich macht, die Gefühle anderer Personen zu verstehen oder wahrzunehmen. So zeigt er kein schlechtes Gewissen, wenn er andere mit seinen Worten vor den Kopf stößt und gar nicht nachvollziehen kann, wenn er Grenzen übertritt oder wenn andere Leute nicht aus dem Verstand sondern dem Herzen heraus handeln.

Martin Freeman ist sein etwas menschlicherer Gegenpart. Auch sein Watson hat einem Trauma zu tragen, dass ihn zunächst Distanz wahren lässt, aber er ist auf der anderen Seite auch kein kritikloser Bewunderer seines Mitgenossen und späteren Freundes, sonder wehrt sich auch schon einmal gegen dessen Verhalten.

Dazu kommen Nebenfiguren wie die rührige Mrs. Hudson, die aber auch ihre Leichen im Keller zu haben scheint, der ruhige Inspektor Lestrade oder Mycroft Holmes, der immer ein Auge auf seinen umtriebigen Bruder hat. Man merkt, dass sich die Autoren sehr viel Gedanken über die Auswahl der Schauspieler gemacht haben.

Die Folgen durchzieht als roter Faden, dass hinter allen Gegenspielern immer noch jemand anderes steckt, der die Fäden wirklich in den Händen hält - und tatsächlich offenbart sich dieser am Ende des dritten Filmes in Person und macht damit den ewigen Gegenspieler des Meisterdetektivs ebenfalls präsent. Das sorgt zusammen mit den vielen überraschenden Wendungen und Andeutungen für Spannung in der Handlung, denn die Action wird eher sparsam und sehr gezielt eingesetzt – ist aber trotzdem stärker vorhanden als in früheren Serien. Die dreiteilige Staffel endet schließlich sogar mit einem Cliffhanger.

Dazu kommen augenzwinkernde, sehr oft auch doppeldeutige Dialoge. Sie regen nicht nur zum Schmunzeln an, sondern lockern auch ernste Momente etwas auf oder entspannen Konflikte.

Die Übersetzung bleibt sehr am englischen Original, auch vieles von dem Wortwitz und der Leichtigkeit mancher Unterhaltungen konnte in die deutschen Dialoge mit übernommen werden. Allein die Synchronstimmen der Hauptdarsteller mögen für den ein oder anderen nicht ganz passend sein, aber das ist wohl eher Geschmackssache.

Die Einbindung in das 21. Jahrhundert ist ebenfalls gelungen. Wie selbstverständlich benutzt Holmes Computer und Handy, scheint beides sogar als wichtige Hilfsmittel zu schätzen. Die Hintergrundgeschichten sind sorgsam angepasst und entsprechen dem, was man aus dem Original kennt.

Bild und Ton sind sehr sauber und klar. Auch bei der Ausstattung hat sich Polyband nicht lumpen lassen. Auf den DVDs sind die Extras der britischen Ausgabe inklusive Audiokommentaren von Folge 1 und 3 und dem nicht ausgestrahlten Pilotfilm, der der BBC vorgelegt wurde.

Zusätzlich gibt es noch ein interessantes Booklet, in dem auf die Geschichte Sherlocks Holmes’ in Literatur und Film, die Entstehung der neuen Serie, die Darsteller, Autoren und nicht zuletzt die Folgen eingegangen wird.

 

b>Fazit:

Britische Krimis haben in den letzten Jahren bereits bewiesen, dass sie ihren amerikanischen Brüdern in nichts nachstehen müssen. „Sherlock“ aber setzt noch eines drauf und beweist, dass auch altbekannte nach Meinung vieler verstaubte und ausgelutschte Stoffe spannend und unterhaltsam umgesetzt werden können, wenn man nur wenige Details verändert.

Die dreiteilige Fernsehserie gehört mit zu dem Besten, was in den letzten Jahren von der ARD importiert wurde. Wer neben einer abwechslungsreichen Handlung auch einprägsame Charaktere und spritzige Dialoge liebt, wird keinen Fehler machen, wenn er sich „Sherlock“ zulegt. Denn diese Folgen sieht man sich sicherlich nicht nur einmal an.

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DVD:

Sherlock – eine Legende kehrt zurück, Staffel 1

Sherlock, GB, 2010/11

Regisseur(e): Paul McGuigan, Euros Lyn

Komponist: David Arnold, Michael Price

Format: Dolby, PAL, Region 2

Sprache: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Englisch

Bildseitenformat: 16:9 - 1.78:1

Anzahl Disks: 2

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Studio: Polyband & Toppic Video/WVG

Erscheinungstermin: 8. August 2011

Spieldauer: 270 Minuten ( 3 x 90 min)

ASIN: B0052AJ2KM

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Benedict Cumberbatch

Martin Freeman

Una Stubbs

Rupert Graves

Marc Gatiss

Andrew Scott

 

Extras:

Audiokommentar zu Folge 1 und 3

Ein halbstündiges Making Of

Die unausgestrahlte Pilotfolge

Booklet

 


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Erstellt: 14.08.2011, zuletzt aktualisiert: 22.11.2019 07:56