Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Sniper Elite 5

Rezension von Cronn

Ich schleiche geduckt durch das hüfthohe Gras in der Hoffnung, dass sie mich noch nicht bemerkt haben. Und in der Tat: Ich kann die Nazi-Schergen hören, wie sie sich laut miteinander unterhalten. Meine Ankunft mit dem U-Boot ist ungesehen geblieben. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, indem ich die Flak-Scheinwerfer am Strand ausgeschaltet habe.
Ich laufe unter Apfelbäumen und suche Schutz hinter einer Hecke. Dann nehme ich mein Fernglas zur Hand und plane mein weiteres Vorgehen:
Drüben an der Scheune stehen drei Typen, einer davon am MG-Nest. Zwei weitere patrouillieren die Gegend. Sie haben einen Generator und ein Alarmsystem. Das sollte ich als erstes ausschalten. Hinter der Scheune kracht ab und an das Küstengeschütz, welches mein Sekundärziel darstellt. Dieses sollte ich nutzen und gedeckt von dessen Krach meine Sniper-Waffe einsetzen.
Ich wechsle zum Sniper-Gewehr, lege die Überschallmunition ein, welche besonders leise ist, und lege mich auf die Lauer.
Schon nach wenigen Sekunden ist es soweit. Ich höre das Krachen des Geschützes und lege das Gewehr an. Den Atem anhaltend visiere ich den Alarmlautsprecher an und drücke ab. Die Kugel fliegt und das Ding ist nur noch Schrott. Dann kümmere ich mich um den herumlaufenden Soldaten, warte bis er nicht mehr in Sichtweite der anderen ist, und schalte ihn dann ebenfalls während eines Geschützdonners aus. Jetzt nur noch die anderen drei.
»Halt! Wer ist da?«
Verflucht, jemand hat Verdacht geschöpft. Ich sehe mich um und erkenne einen Kübelwagen, der angehalten hat. Zwei Nazi-Soldaten steigen aus und erkunden die Gegend. Ich muss mich zurückziehen.
In einem plötzlichen Moment der Unachtsamkeit komme ich in die Sichtlinie der Soldaten.
»Dort ist er!«, ruft einer der Männer.
Sofort pfeifen die Kugeln um mich herum. Zwei davon treffen mich in die Schulter, in den Oberschenkel. Ich hinke über die Apfelbaumwiese und ziehe mich über einen von dichtem Buschwerk flankierten Abhang zum Bauerngehöft zurück. Dort klettere ich in einer Scheune eine Leiter empor und postiere mich am offenen Fenster. Mein Blick geht hoch zu den Büschen. Es gibt nur einen Weg von der Apfelbaumwiese hinab zum Gehöft. Ein Nadelöhr, das ich auszunutzen gedenke.
Einer nach dem anderen stolpern die Soldaten durch die Lücke im Gebüsch und in meine sorgfältig gezielten Kugeln, die ich mit angehaltenem Atem und unter Berücksichtigung der Schwerkraft losschicke.
Bald schon liegt ein Haufen Nazi-Schergen oben an der Hecke und ich kann meinen Weg fortsetzen, um das Geschütz an der Küste auszuschalten. Aber ich sollte beim nächsten Mal vorsichtiger sein …

Sniper Elite 5ist bereits das fünfte Mal, dass der Entwickler Rebellion aus Großbritannien seinen Protagonisten als Sniper in den Zweiten Weltkrieg schickt. Die Vorgänger haben eine sehr interessante und spannende Entwicklung hinter sich, wobei von Spiel zu Spiel mehr Gameplay-Elemente hinzugekommen sind. Ob das auch beim fünften Teil der Spieleserie der Fall ist und ob diese Elemente auch gelungen ineinandergreifen?

Hintergrund:
In »Sniper Elite 5« sind wir als Sniper-Soldat Fairburne unterwegs, diesmal aber nicht wie im Vorgänger in Afrika, sondern in Frankreich. Die Story selbst passt auf einen Bierdeckel und umfasst als großes Ziel, die Pläne eines Nazi-Oberschurken rund um eine Wunderwaffe zu durchkreuzen. Als US-Soldat trifft man auf Verbündete der Resistance oder auch britische Soldaten. Damit ist die Story sicherlich nicht weltbewegend und erfindet das Rad nicht neu, aber sie hält das Spiel storytechnisch zusammen. Die Zwischensequenzen am Ende und zu Beginn der Missionen verknüpfen die Levels zu einem großen Ganzen und das klappt gut. Der wahre Star von »Sniper Elite 5« ist aber das Gameplay.

Gameplay:
Das Spiel verlässt sich ganz auf die durch die vorhandenen vier Teile aufgebauten Gameplay-Mechaniken und tut gut daran. Diese sind poliert, greifen perfekt ineinander und machen das Game zu einer Erfahrung, welche alle Fans der Serie überzeugen sollte.

In der Third-Person-Perspektive sind wir unterwegs und versuchen in den freien Arealen verschiedene Ziele auszuschalten. Unterschieden wird in Primär- und Sekundärziele. Wie man dabei vorgeht, ist recht frei. Die vom Spiel bevorzugte Vorgehensweise ist die Stealth-Mechanik, aber im Gegensatz zu anderen Teilen ist dabei auch das aggressive Vorgehen möglich.

Die Spieler·innen schleichen durch hohes Gras, das sie verdeckt, nutzen das Gelände gut aus und schalten möglichst unbemerkt die Gegner aus der Ferne via Scharfschützengewehr aus. Hier gibt es verschiedene Munitionstypen, darunter leise Patronen oder auch panzerbrechende Munition. Dies ist auch nötig, um die unterschiedlichsten Gegner und Fahrzeuge auszuschalten. Auch Sprengmunition ist wieder dabei, Granaten und Minen. Auf diese Weise kann man intelligent experimentieren.

Sollte man entdeckt werden, muss man allerdings mit heftiger Gegenwehr rechnen. Auf dem höchsten der Schwierigkeitsgrade hält man nur wenig aus. Doch es ist sehr gut gelöst von den Entwicklern, dass das Spiel in allen Bereichen sehr anpassungsfähig ist.

So ist es auch beispielsweise möglich, die von Teilen der Fans geliebt, aber von vielen auch als geschmacklos eingestufte Bullet-Cam abzuschalten, welche in Zeitlupe das Eindringen und Durchdringen der Körperteile in Röntgen-Ansicht zeigt.

Neu ist, dass man beim Zielen über Kimme und Korn visieren kann, wie bei einem Ego-Shooter. Das erleichtert das Vorgehen mit Alternativwaffen a la leichten Maschinengewehren enorm. Im Handkampf hingegen bleibt alles beim Alten: Entweder schaltet man die Gegner tödlich oder nicht-tödlich von hinten aus und trägt sie in eine dunkle Ecke, wo sie nicht entdeckt werden können. Bonuspunkte erhält man, sofern beim Abschluss der Mission noch bewusstlose Soldaten vorhanden sind.

Interessant sind auch die Rollenspielaspekte, welche Eingang in das Spiel gefunden haben. So kann man drei Talentbäume im Lauf des Spiels mit freigeschalteten Erfahrungspunkten hochleveln und somit z. B. seinen Health-Lebensbalken verlängern. Das trägt dazu bei, dass man mehr spielerische Freiheit verspürt.

Diese Freiheit wird noch verstärkt durch den Gunmaster-Bereich. Hier kann man die Waffen sehr vielfältig upgraden, verändern. Das reicht vom Mündungsfeuerdämpfer über den Lauf bis hin zum Griff, was sehr gelungen sich auf das Handling der Waffen auswirkt.

Grafik und Sound:
Das Grafikgerüst von »Sniper Elite 5« ist im Vergleich zum Vorgänger nicht besonders aufgestockt worden. Die Texturen sehen im Nahblick verwaschen aus, sind aber im Normalzustand als gut gelungen zu bezeichnen. Was besonders positiv auffällt ist der Detailreichtum. Die offenen Levels bieten mit ihren unterschiedlichsten Umgebungen viele Möglichkeiten der Darstellung. Viele Objekte sind hier zu finden und tragen dazu bei, dass die Levels immersiv und glaubwürdig wirken.

Auch das Soundgerüst trägt viel zur Immersion bei. Zwar ist die Audioausgabe ausschließlich auf Englisch mit deutschen Untertiteln, aber die Nazi-Gegner sprechen immerhin Deutsch. Die englischen Sprecher machen ihre Sache sehr gut und auch die Sounds im Spiel sind sehr gelungen, vor allem die Waffensounds überzeugen durch Druckkraft und viel Wumms.

Die Musikuntermalung hingegen ist zwar abwechslungsreich, lenkt aber meines Erachtens stark die Aufmerksamkeit des Spielers ab. Man muss sich schon gut konzentrieren, um die Stealth-Mechanik zu nutzen und planvoll vorzugehen. Musik ist da oft störend.

Multiplayer:
»Sniper Elite 5« hat wie auch die Vorgänger einen starken Multiplayer-Anteil. So ist es möglich, das Spiel kooperativ mit einem Mitspieler anzugehen. Auch PvP-Gefechte sind wiederum enthalten. Was interessant ist, ist der Modus »Achsenmächte«. Hier können feindliche Spieler·innen in die Kampagne anderer Spieler·innen eingreifen und dort 1 gegen 1 kämpfen. Eine spannende Sache, die man aber problemlos ausschalten kann, wenn man keine Lust darauf hat, dass einem eine andere spielende Person eventuell ins Handwerk pfuscht.

Fazit:
Mit »Sniper Elite 5« ist Rebellion ein großes Rundumpaket gelungen, was die Fans der Reihe zufriedenstellen wird. Manchmal ist es gar nicht so schwer, einen Nachfolger in einem Franchise zu entwickeln, wenn man weiß, was in den Vorgängern funktioniert hat. Rebellion weiß das und wagt sogar Neuigkeiten, die aber durchdacht sind und sich sehr gut in das vorhandene Gameplay-Gerüst einfügen. Besonders zu loben ist, dass das Spiel sich gut an die Vorlieben der Spieler·innen anpassen lässt und auch das freie Speichern unterstützt.
Ein großes Lob an die Macher von »Sniper Elite 5«! Auf diese Weise kann die Reihe weitergehen und die Fans freuen sich schon auf den nächsten Teil.

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

PC-Spiel:

Sniper Elite 5
Rebellion Software, 25. Mai 2022
USK: 18

Erhältlich bei: steam

Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 04.06.2022, zuletzt aktualisiert: 04.06.2022 13:15