Das Programm des Kleinverlags p. machinery ist immer für eine Überraschung gut. Kein Wunder, denn dahinter steckt Michael Haitel, den ich bereits seit den inzwischen legendären Zeiten des deutschen SF-Fandoms in den 1980er-Jahren kenne. Schon damals war er ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen und hat sehr viel geschrieben, besonders unter dem Pseudonym Mychael Wallensteyn. Und er konnte gefühlt immer schon schneller tippen als sein Schatten. Ich erinnere mich an meine frühe Zeit als Mitglied des PRBCBS (Perry Rhodan Briefclub Bullys Schreibtisch), ein SF-Club, der zu seiner glorreichen Zeit viele BNFs (Big Name Fans) versammelte. So tippte Mychael umfangreiche Liveconberichte ab, mit einer sagenhaften Leichtigkeit und vor allem unglaublichen Schnelligkeit: Er war der Carl Lewis unter den Fanzinemachern.
So verwundert es auch nicht, dass in seinem Verlag ziemlich viel erscheint, denn viel lesen und lektorieren scheint ihm nach wie vor leicht von der Hand zu gehen. Das Verlagsprogramm ist enorm vielseitig, wenn man einmal davon absieht, dass keine Übersetzungen oder Lizenzen aus dem Ausland den Weg ins Portfolio finden. Damit ist er einer der Orte, der deutschsprachigen Autoren, die bei großen Verlagen nicht landen können, die Möglichkeit einer Buchveröffentlichung bietet. Von der Weiterführung gestrandeter Magazine wie Daedalos, Nova oder Reisswolf will ich gar nicht erst anfangen …
Das Programm ist also breit gefächert. Es gibt sogar eine eigene Reihe mit dem Namen Außer der Reihe, in der zunächst Titel veröffentlicht wurden, in keine der vorhandenen Reihen passten. Später wurde das Konzept verändert in »Geschichten, die gut zu lesen sind und die uns gefallen«. Die Bandbreite geht von Titeln wie Kaiserschmarrn, Röschti und andere Schmankerl von Klaus Hübner bis Klettermax – Eine wahre Geschichte über Traumata und die Überwindung von Panikattacken von Anke Jablinski. Ergo: Alles kann, nichts muss.
Als Band 101 der Reihe »Außer der Reihe« ist nun ein Titel erschienen, der für Sammler von Romanheften interessant sein könnte: Spannend auf hohem Niveau – Anspruchsvolle Literatur im Romanheft.
Hierbei handelt es sich um eine weitere Fleißarbeit des auch in hohem Alter noch umtriebigen Jörg Weigand, der sich innerhalb der SF-Szene in erster Linie einen Namen als Herausgeber gemacht hat. Zu seinen wichtigsten Büchern gehört vermutlich das Nachschlagewerk Pseudonyme – ein Lexikon: Decknamen der Autoren deutschsprachiger erzählender Literatur aus dem Jahr 1991, eine akribische Fleißarbeit, deren Ausführung in den Zeiten vor dem Internet und Suchmaschinen wie Google wahrscheinlich einiges an Lebenszeit gefressen hat.
Weigands neuster Streich ist eine Auflistung von Autorennamen und ihrer Werke der anspruchsvollen Literatur im Romanheft. Diese Publikationsform von Belletristik spielt heutzutage keine Rolle mehr und ist zum aussterbenden Vehikel für geschriebene Unterhaltung geworden. Zwar gibt es noch Vertreter wie Perry Rhodan, Jerry Cotton, John Sinclair oder Lassiter, aber ihre Tage scheinen gezählt.
Nun hat Jörg Weigand herausgefunden, dass in diesem oftmals als »Schundromane« verschrienen Format auch »gute Unterhaltungsliteratur, ja Weltliteratur« veröffentlicht wurde. Das Ergebnis seiner Recherche liegt dank p.machinery als »Spannend auf hohem Niveau« in Buchform vor.
Damit das Ganze nicht nur eine trockene Ansammlung von Daten wird, wurde dem Buch eine kurze Einführung zum Thema und eine »Wichtige Vorbemerkung« vorangestellt. Mit der Vorbemerkung vergaloppiert sich Weigand allerdings etwas, wenn er versucht, zwischen den schon immer synonym verwendeten Begriffen »Romanheft« und »Heftroman«, einen Unterschied zu konstruieren. Und dann begeht er auch noch den Anfängerfehler, die beiden Begriffe zu werten und klassifiziert den »Heftroman« mit »oft erschreckend mieser Qualität, was Stil und Einfallsreichtum« betrifft.
Diese künstliche Trennung ist nicht wirklich überzeugend, zumal es letztlich auf den persönlichen Geschmack des Rezipienten ankommt. Dies muss Weigand selbst ein paar Seiten weiter in seiner Einführung auch zugeben, wenn er etwa zu seiner Auswahl der Titel verklausuliert zugibt: »Hier kommt die persönliche Bewertung durch den Kompilator dieser Liste zum Tragen. Mit allen Möglichkeiten des Irrtums.«
Nichtsdestotrotz ist Weigands Buch eine nette Spielerei. So hat er herausgefunden, dass Friedrich Gerstäcker, der Autor mit den meisten Werken in Romanheftform ist. 127 Romanhefte wurden von ihm identifiziert. Warum das so ist, wird leider nicht analysiert, was aber interessanter gewesen wäre als die reine Anzahl zu ermitteln. Das Werk von Gerstäcker ist für mich keine »anspruchsvolle Literatur« und wäre deshalb von mir gar nicht berücksichtigt worden, hätte ich diese Liste zusammengestellt. Gerstäcker ist für mich ein Autor von spannenden Abenteuerromanen und Reiseerzählungen. Aber dann wären auf einen Schlag sechs Seiten des dünnen Büchleins weggefallen. Auch über die Aufnahme von Autoren wie Karl May oder die Vertreter der Märchenfraktion wie die Gebrüder Grimm, Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff könnte man vortrefflich streiten.
Immerhin hat Weigand auch Namen wie Theodor Storm, J. W. von Goethe, E.T.A. Hoffmann, Honoré de Balzac, Leo N. Tolstoi, Adalbert Stifter, Theodor Fontane und viele andere gefunden.
Ein großes Plus des Buchs sind die vielen zahlreichen großformatigen, farbigen Abbildungen von Titelbildern. Allerdings wurden die Bilder nicht auf den Recto-Seiten platziert, sondern auf den Verso-Seiten, die als die aufmerksamkeitsschwächeren Seiten gelten. Das scheint aber ein Spleen von p.machinery zu sein, da ich das schon bei anderen Sekundärwerken so (optisch falsch) gesehen habe.
»Spannend auf hohem Niveau« ist ein kurioses Buch, das aufgrund der sehr persönlichen Zusammenstellung nur so halbwegs als Referenzwerk gelten kann. Es ist dennoch ein lobenswertes Unterfangen, weil es den Blick auf eine sterbende Publikationsform richtet und auch ein bisschen was für den Freund von fantastischer Literatur bietet. Wer gerne in Aufstellungen und Listen blättert wird ebenso auf seine Kosten kommen, wie die Sammler alter Romanhefte.
Aber: Wir sprechen von extremem special interest, also der Nische von der Nische von der Nische. Hier ist ein Buch für alle, die glauben, sie haben schon alles.
Für den verlegerischen Mut von Michael Haitel gibt es von mir einen Extrapunkt: Chapeau!