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Dritter Zwischenstopp: Arabien und Afrika

von Oliver Kotowski

 

Letztes Mal hatten wir uns Osteuropa angesehen, da waren wir mit Albanien dem arabischen Raum kulturell schon nahe gekommen. Heute geht es in den arabischen Siedlungsraum Asiens und nach ganz Afrika. Theoretisch, denn sieht man sich die fünf bereisten Länder auf der Karte an, dann sieht das schon recht dürftig aus – nur Ostafrika und das einzige vertretene Land aus dem betreffenden asiatischen Raum ist Israel. Trotz der großen kulturellen Vielfalt, die der Kontinent und die von mir angeschlossenen Gebiete bieten, trotz der wirkungsmächtigen Textsammlung Tausendundeine Nacht und einigen weiteren bekannten Märchen, war dieser Zwischenstopp für mich der schwierigste – Israel hatte eine Reihe von Werken, die zu den von mir gefassten Kriterien passen, doch in Afrika wird es ungleich schwieriger: Die Werke dieser Kulturräume finden ihren Weg ohnehin schon selten auf den deutschen Buchmarkt, Phantastisches ist gewohntermaßen noch seltener und Kurzes dann noch mal so selten – Ben Okris Die hungrige Straße ist in puncto afrikanischer Phantastik das Vorzeigewerk, aber für meine Zwecke leider auch viel zu lang.

Ein paar Lesenswürdigkeiten habe ich aber dennoch gefunden. Zentrale Themen sind dabei Armut, Krieg im Allgemeinen und Kampf um Ressourcen im Besonderen. Einige der Texte lassen den Zorn der Autoren spüren, alle den Wunsch nach Gerechtigkeit. Selbst die Geschichte des großen Moralisten aus Ägypten, die thematisch deutlich anders gelagert ist, schließt sich diesem Tenor an.

 

Letzten Monat hatten wir mit Bulgarien geendet. Jetzt soll es von dort aus über den Bosporus, die Mittelmeerküste entlang durch Kleinasien, hin zur arabischen Halbinsel, also Afrika. Oder Asien, je nachdem, ob man Geologe oder Geograf ist. Genauer gesagt: zum einzigen jüdischen Staat der Erde, nach Israel. Assaf Gavron greift in seiner hellsichtigen SF-Geschichte verschiedene aktuelle Tendenzen auf – auch die zunehmende Isolation Israels.

Die schwangere Maja ist am Ende: Mit ihrem Gatten Ido ist die gemeinsame kleine Firma Ido-Wasser verschwunden. Ido hatte lange Jahre an einem System gearbeitet, um den großen Wasserkonzernen ihr Monopol abzunehmen und Trinkwasser wieder zu einem Allgemeingut zu machen. Doch als er endlich den Durchbruch hatte, verschwand er. Nun muss sich Maja irgendwie durchschlagen – sie hat noch 9,3 Liter Wasser für die nächsten drei Monate – und sich fragen, wie lange sie noch Ido und seiner Idee gegenüber loyal bleiben kann. Da tritt ein alter Bekannter an sie heran, der ihr helfen will – das wäre zwar illegal, aber die israelische Polizei hat für solche Kleinigkeiten sowieso keine Zeit. Sagt er. Gavrons Roman Hydromania ist eine aparte Mischung aus Proto-Cyberpunk, Hard SF und ambivalenter Utopie, der zudem ein brisantes Zukunftsthema angeht: die Verteilung des Trinkwassers. Das i-Tüpfelchen sind die echten moralischen Dilemmata und die runden und zentrischen Figuren, denen man in der SF viel zu selten begegnet.

Assaf Gavron, Hydromania (Israel 2008, 286 Seiten)

 

Von Israel aus zum Nachbarn, mit dem man seit biblischen Zeiten eine wechselhafte Beziehung pflegt: Ägypten. Ägypten hat eine der reichsten Kulturen, seit etwa 5.000 Jahren wird dort Staat gemacht, eines der verbliebenen Weltwunder, die Pyramiden, ist dort zu bewundern. Dennoch will ich nicht die Pharaonen wählen, die ohnehin eher in historischen, als in phantastischen Geschichten auftauchen, sondern Schehrezads Geschichten – denn Ägypten hat eine besondere Beziehung zu jener Textsammlung. Bearbeitet hat den Stoff Nagib Machfus, der erste arabischsprachige Träger des Literaturnobelpreises.

Endlich, nach drei langen Jahren, akzeptiert Sultan Schehrijar die mutige Schehrezad als Gemahlin und lässt vollends von seinem mörderischen Treiben ab. Die Zeit des Bangens scheint vorbei, die Stadt atmet auf. Doch der Schein trügt, denn viele der besten Männer und Frauen wurden ermordet und so sind viele Skrupellose in Machtpositionen gelangt. Diese unsichere Situation nutzen vier Dschinn, um die Menschen der Stadt auf die Probe zu stellen, die Guten wie die Schlechten – und nicht alle werden bestehen. Die Nacht der Tausend Nächte schließt offenkundig an der Textsammlung Tausendundeine Nacht an; er greift viele Figuren und Motive auf, um sie völlig beiläufig neu auszurichten: Statt naiv die Dinge abzubilden, die die ungebildeten und ärmeren Schichten des Orients zum Staunen brachte, und die Moral jener Menschen widerzuspiegeln, wird bei Machfus durch ein Wunder eine Verhandlung zwischen egoistischer Leidenschaft und altruistischer Moral ausgelöst. Gewissermaßen postmodern lotet Machfus in seinem Episodenroman Aspekte der condition humana aus – vorzüglicher "märchenhafter Realismus".

Nagib Machfus, Die Nacht der Tausend Nächte (Ägypten 1982, 250 Seiten)

 

Weiter geht es weit in den Süden, bis an die Küste des Indischen Ozeans: nach Moçambique. Das Land ist eher unbekannt. Es gibt eine hohe Analphabetenrate, AIDS, schwere Menschenrechtsverletzungen, aber alles im Rahmen des Nicht-Berichtenswerten (aus europäischer Sicht). Außerdem wird es in 1000 Places To See Before You Die nicht erwähnt. Dafür stammt meine afrikanische Lieblingsgeschichte von dort – geschrieben hat sie Mia Couto.

Ermelindo starb kurz vor der Unabhängigkeit von Moçambique. Fernab seiner Familie wurde der Tischler unter einem Frangipanibaum bei einem Altersheim beerdigt. Viele Jahre nach dem Krieg hat die Regierung beschlossen, aus ihm einen Helden zu machen – das würde seine Totenruhe noch weiter einschränken. Um sich dem zu entziehen, muss er in den Körper eines Lebenden fahren und mit diesem zusammen sterben. Ermelindo hat Glück: Im Heim ermittelt der Polizist Naíta wegen des ermordeten Direktors Excelêncio. Der Pangolin sagt, der Polizist habe nur sechs Tage zu leben und so fährt Ermelindo in den Todgeweihten und erlebt mit ihm dessen Ermittlungen, bei denen die Bewohner des Heimes unglaubliche Wundergeschichten erzählen. Couto benutzt einen Krimiplot, um sich den zentralen Fragen des Landes zu widmen: die Leiden des Krieges, der Konflikt zwischen naiver Tradition und gieriger Moderne. Geschickt werden Wunder und unzuverlässige Erzähler verbunden, vielschichtig werden die Figuren entwickelt – bester magischer Realismus.

Mia Couto, Unter dem Frangipanibaum (Moçambique 1996, 156 Seiten)

 

Nun folgen wir der Küste in den Nordosten nach Kenia. Dort gibt es zwar ebenfalls ein großes AIDS-Problem und schwere Menschenrechtsverletzungen, doch es ist für Europäer interessanter, denn es gibt den wunderschönen Nationalpark Masai Mara und weitverbreitete Kinderprostitution – etwa ein Drittel aller jungen Frauen sorgen so für ihre Ernährung. Die menschengemachten Gründe für die unmenschliche Situation greift Ngugi Wa Thiong'o an. Die Regierung Jomo Kenyattas ließ ihn dafür foltern. Auch sein zorniger Matigari war lange Zeit verboten.

Nach einem jahrelangen Kampf ist es Matigari gelungen, Siedler Williams zu töten. Er vergräbt seine AK-47 und verlässt die Wälder, um mit seiner Familie sein Haus in Besitz zu nehmen. Doch obwohl die Kolonisten nicht länger die Herren im Land sind, hat sich die Situation nicht verbessert: Kinder müssen den Müll durchwühlen, junge Frauen müssen sich prostituieren, um ihre Geschwister zu ernähren. Und John Boy, der schwarze Intellektuelle, verspottet sie nur und wohnt in Matigaris Haus. So macht sich der alte Krieger auf die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Bald schickt die Regierungspartei ihre Hascher aus, um den Terroristen zur Strecke zu bringen, doch bei den ausgebeuteten Arbeitern, Bauern und Frauen geht das Gerücht, ein schwarzer Messias sei gekommen, um sie aus ihrem Elend zu erlösen. Matigari ist eine Kampfschrift gegen die Ausbeutung der Machtlosen durch die westlichen Firmen und deren lokale Handlanger. Es ist die Queste nach Wahrheit und Gerechtigkeit, die es in dem fiktiven Land nicht gibt. Außerdem ist der Roman ein Experiment – er greift schlichte orale Erzähltraditionen auf, hinter der sich ungeahnte Komplexität verbergen kann.

Ngugi Wa Thiong'o, Matigari (Kenia 1983, 194 Seiten)

 

Und weiter geht es die Küste entlang in den Norden, um das Kap Guardafui herum in den Golf von Aden hinein nach Dschibuti. Noch ein afrikanisches Land mit großer Armut, internen Konflikten und relativ hoher Analphabetenrate. Alles nicht so aufregend, die Nachbarn Somalia und Äthiopien zeigen, wie echtes Drama für Europäer aussieht. Und doch bringt es Intellektuelle wie Abdourahman A. Waberi hervor, von dem das folgende Werk stammt.

Die Märkte der Vereinigten Staaten von Afrika bestimmen den Herzschlag der Welt. Man zahlt mit der AfriCard und trinkt AfriCola oder Negus-Kaffee bei McDioula. Aus dem von blutigen Kriegen zerrissenen Europa dringt ein steter Strom von Flüchtlingen. Alles Drogendealer oder Prostituierte. Kein Wunder, dass Polizisten die manchmal zu hart anfassen. In diesem Wohlstandsafrika lebt die Künstlerin Maya. Seit die Klassenkameraden sie "Käsemarie" oder "Milchgesicht" nannten, weiß sie, dass sie anders ist. Sie ist weiß. Ihre Eltern sind nicht ihre Erzeuger. Die leben im bitterarmen Frankreich. Seit jener Zeit brannte in Maya der Wunsch, ihre Wurzeln kennenzulernen. Waberi entwirft eine Alternativwelt, doch diese folgt nicht den Vorgaben der Science-Fiction, sondern der politischen Fantasie, die weniger die realen Zustände in Afrika, als viel mehr den Zustand der realen Welt anklagt. Dieses Setting nutzt er, um das Leben der entwurzelten Maya zu schildern. Mit eigenwilligem Erzählduktus – ein aufdringlicher, unangenehmer auktorialer Erzähler spricht den Leser mit "Du, Maya" an – und einer an Metaphern und Anspielungen reichen Sprache richtet sich der Text auch an Europäer. Vielleicht sogar in erster Linie.

Abdourahman A. Waberi, In den Vereinigten Staaten von Afrika (Dschibuti 2006, 159 Seiten)

 

Das war's vom Schwarzen Kontinent und Arabien. Nächsten Monat schicke ich mich an, den Indischen Ozean zu überqueren und Asien und Ozeanien zu erkunden. Hoffentlich wieder mit dem geneigten Leser im Schlepptau.

 

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Erstellt: 07.07.2010, zuletzt aktualisiert: 30.01.2015 00:18