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Erster Zwischenstopp: Westeuropa

von Oliver Kotowski

 

Ich will meine Reise in Westeuropa beginnen. Westeuropa heißt hier etwa: Europa westlich des Eisernen Vorhangs und ohne Großbritannien. Selbst ohne Großbritannien ist es schwierig, sich bei den vielen guten Büchern zur Phantastik auf fünf zu beschränken – andererseits ist es auch überraschend schwierig, so viele zusammenzubekommen, da ja nicht mehr als ein Buch pro Land genommen werden soll. Welches deutschsprachige Buch soll man auswählen: Tobias Meißners Starfish Rules, Patrick Süskinds Das Parfum oder doch etwas aus Österreich, vielleicht Thomas Glavinics Das Leben der Wünsche, oder aus der Schweiz wie Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten? Der deutschsprachige Raum bietet noch einiges mehr an guter und kurzer Phantastik. Aus Spanien und Portugal gibt es auch so einiges, aber schon Frankreich ist auf dem deutschen Literaturmarkt nicht mehr stark vertreten und für Skandinavien wird es schon eng – dennoch musste ich im Großen und Ganzen nicht wirklich suchen – das wurde erst im nicht-westlich geprägten Raum nötig.

 

Ich beginne also im Westen, genauer gesagt in Spanien, mit Albert Sánchez Piñol, der nicht nur Schriftsteller, sondern auch Anthropologe ist – ein Umstand, den man seinem spannendem Abenteuerroman deutlich anmerkt.

Ein irischer Freiheitskämpfer sucht als Wetterbeobachter auf einer weit abgelegenen Insel seinen Frieden. Doch statt seines Vorgängers findet er einen groben Leuchtturmwärter. Und statt Frieden steten Krieg – seltsame Froschmenschen aus dem Meer greifen den Leuchtturm an, in dem die beiden Menschen sich verbarrikadierten. Während der Leuchtturmwärter eine Beziehung zu einer der Angreiferinnen unterhält – er demütigt sie, schläft mit ihr, was sie stoisch hinnimmt – entdeckt der Ire, dass die Angreifer mehr als hirnlose Tiere sind und versucht einen Frieden auszuhandeln. Völlig zu Recht wird H. P. Lovecraft mit seinen Tiefen Wesen im Zusammenhang mit diesem Roman genannt, doch wo es bei Lovecraft nur die Angst vor dem Fremden gibt, eröffnet Piñol ein Fenster für die Verständigung – ohne dabei das Fremde zu negieren oder ins Pathetische abzugleiten. Eine Mischung aus Horror- und Abenteuerroman, die wahrlich in der Tradition von Joseph Conrad steht.

Albert Sánchez Piñol, Im Rausch der Stille (Spanien 2002, 252 Seiten)

 

Von hier aus geht es kurz weiter in den Nordosten, nach Frankreich, dem Land der Romantik und des guten Lebens. Der von mir ausgewählte Autor Marc Agapit (ein Pseudonym von Adrien Sobra) zeigt, wohin tragische Liebe führen kann – besonders, wenn übermächtige Richter ihre Finger im Spiel haben.

Die Frau fragt sich, wo sie ist. Sie fragt sich, wer sie ist. Sie hat eine völlige Amnesie erlitten und kann sich an kein Detail aus ihrem Leben erinnern. Ein Polizist schickt sie zur Agentur A. V., die auf den Umgang mit Amnesie-Kranken spezialisiert sind. Schnell finden die heraus, dass sie Jacqueline Vermont heißt. Sie schöpft Hoffnung: Bald wird sie sich wieder an alles erinnern. So kommt es auch. Nach und nach erlebt sie ihre Vergangenheit erneut und stellt fest, dass sie einen heimlichen Hang zum Sadismus hatte und eine Hass-Liebe zu ihrem Zögling unterhielt. Agapits Kurzroman ist eine Charakterstudie des bigotten französischen Kleinbürgertums, dessen verhohlene Schamlosigkeit in grausamen Verbrechen gipfelt; doch die Perspektive der Protagonistin, die nicht mehr über sich weiß als der Leser, die zwischen aufsteigenden Erinnerungen und Fantasien einerseits und aktuell Erlebtem andererseits kaum unterscheiden kann, macht den Text zu einem ungewöhnlichen Leseereignis. Das bitterböse Ende ist ein gelungener Abschluss und positioniert die Geschichte sicher in der Phantastik.

Marc Agapit, Die Agentur (Frankreich 1976, 128 Seiten)

 

Nach diesem kleinen Abstecher wende ich mich sonnigeren Gefilden zu: auf nach Italien. Italo Calvino ist vermutlich der Bekannteste der von mir ausgewählten westeuropäischen Schriftsteller, ob zu Recht, mag der Leser selbst entscheiden; er hat mit jedenfalls einige vergnügliche Stunden beschert.

Du, lieber Leser, beginnst den Calvino "Wenn ein Reisender in einer Winternacht" zu lesen. Überrascht stellst Du fest, dass nach Seite 32 der Text sich wiederholt – es wird immer wieder der zweite Bogen wiederholt. Wie seltsam! Du willst in der Buchhandlung die Ausgabe tauschen und da geschehen zweierlei Dinge: Zum einen verliebst Du dich Hals über Kopf in die Leserin Ludmilla und zum anderen wirst Du mit ihr in eine irrsinnige Verschwörung gezogen, die Bücher auf der ganzen Welt fälscht, um geheime Botschaften zu verbreiten. Mit Wenn ein Reisender in einer Winternacht hat Calvino sich einen festen Platz in der Geschichte der postmodernen Literatur gesichert: Der Protagonist ist "Du, lieber Leser", immer weiter werden Realität und Fiktion miteinander verknüpft, es gibt elf Romananfänge und viele postmoderne Stilmittel mehr. Außerdem gibt es eine humorvolle Romanze und aberwitzige Verschwörung.

Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht (Italien 1979, 277 Seiten)

 

Von Bella Italia geht es straight nach Norden, ins Land des umgedrehten Lächelns: Deutschland. Passend zur pessimistischen Grundstimmung habe ich eine bittere Geschichte der relativen Newcomerin Ricarda Junge ausgesucht.

Die todkranke Studentin Marie beschließt, ihre letzten Wochen nicht in Selbstmitleid zu versinken, sondern das Leben aus vollen Zügen zu genießen, will leben, lernen, lachen, Peter lieben. Doch das ist in der Stadt schwierig: Andauernd verschwindet etwas – Schlüssel, Zigaretten, Haustiere, Menschen, Häuser, ja sogar ganze Straßenzüge. Dafür taucht zwar etwas anderes auf – kein Platz bleibt leer – aber es ist niemals dasselbe. Das Leben in der Stadt ist vom ständigen totalen Wandel geprägt, es ist chaotisch, mal wunderschön, mal gallig-bitter. Eine schöne Geschichte setzt völlig auf Befremdung und Entfremdung. Die Kohärenz ist völlig aufgebrochen, es gibt immer wieder krasse Sprünge in den Erzählsträngen, die Figuren verhalten sich bisweilen sehr widersprüchlich und das bizarre Setting ist die Verkörperung des Chaos. Liegt das an einem Riss in der Realität, in dem die Kausalität aufgehoben ist – oder an der degenerativen Krankheit der Erzählerin? Es bleibt ungeklärt. Klar ist nur, dass es keine schöne, sondern zu tiefst verzweifelte Geschichte ist, die aber auf ihre Weise fasziniert wie keine zweite.

Ricarda Junge, Eine schöne Geschichte (Deutschland 2008, 256 Seiten)

 

Und weiter direkt in den Norden – ins Land der Elche und des wilden Campens: Schweden. Mikael Niemi führt uns den eigenwilligen skurrilen Humor, aber auch die kalte Härte schwedischer Geschichten vor.

"Sich ins Weltall hinaus zu begeben, das bedeutet zu entdecken, dass es keine Geschichte gibt. Das ist das Schlimmste, das Schrecklichste und Unerträglichste, darum sage ich es noch einmal: Es gibt keine Geschichte." Mit diesem Kernsatz im Tornister macht sich Niemi auf, einen Episodenroman über das Weltall und die menschliche Zukunft zu erzählen. Oftmals wird der Roman mit Douglas Adams Per Anhalter durch die Galaxis verglichen: Wie beim Anhalter gibt es beim Loch zahlreiche bizarre und groteske Momente und beide durchweht ein gewisser Zynismus: Mensch, du bist dem Universum scheißegal, also sieh' zu, dass du ihm nicht im Wege stehst. Doch bei Niemi findet sich eine große Vielfältigkeit – auf einer urkomischen Episode mag eine wahrlich bittere folgen. Außerdem greift er viele physikalische und moralische Dilemmata sowie andere SF-Geschichten auf.

Mikael Niemi, Das Loch in der Schwarte (Schweden 2004, 221 Seiten)

 

So viel für heute. Nächsten Monat geht es in den Osten – nach Osteuropa.

 

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Erstellt: 12.05.2010, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 10:38