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Interview mit Marc Meyer:

Michael Bernhardt: Du bist Autor & Filmemacher. Wie hat das alles angefangen & sich dann weiter entwickelt?

 

Marc Meyer: Wie bei der Jungfrau mit dem Kind. Irgendwann ergab sich die Gelegenheit und das hat gefruchtet. Ur-ursprünglich, also in der Pubertät, war meine Leidenschaft und große Vision allerdings das Theater und die Schauspielerei. Und als ich dann, 1991, nach Berlin kam – nach der Wende konnte man sich in der Stadt mit freien Kunst- und Theatergruppen totschmeißen – hab ich das auch ausprobiert. Ionesco, Charms, Müller – die Absurden eben. Das brachte viel Spaß und kein Geld. Dann fingen Freunde an Kurzfilme zu machen, so mit Video und Super 8. Was niemand tun wollte, war die lästigen Drehbücher zu schreiben. Ich nahm´s auf mich. Den Leuten gefiel es (erheblich besser als meine Schauspielerei). Also hab ich weitergemacht und plötzlich war die Drehbuchschreiberei die erste Tätigkeit, mit der ich auf einen Schlag mehr Geld verdiente, als ich in einer Woche ausgeben konnte. Zur selben Zeit endete mein Studium und die Krankenkasse schickte mir ein Formular, wo ich einen Beruf eintragen musste. Ich habe "Autor" hingeschrieben. Der Rest: sture Arbeit.

 

 

Michael Bernhardt: Wie kam es zu Deinem mehrjährigen Aufenthalt in Südamerika?

 

Marc Meyer: Der typisch deutsche Fluchtinstinkt. Du fühlst dich in dieser Gesellschaft irgendwann im Leben plötzlich so sinnentleert und entmenschlicht, dass du einfach nicht glauben willst, dass die Welt derart funktioniert, wie du es um dich herum tatsächlich wahrnimmst. Um da raus zu kommen, hilft nur reisen, mir jedenfalls. Und Lateinamerika? Wegen Fußball in erster Linie. Zudem studierte ich damals Politische Wissenschaften, hatte ein T-Shirt mit einem fetten Che-Icon auf dem Bauch und engagierte mich für die Rettung der Regenwälder. Da wollte ich wissen, ob es in Südamerika wirklich so aussieht, wie es in den Fachbüchern steht. Dass ich dann vor Ort die Sprache erstmal lernen musste und Menschen traf, die ich noch nicht kannte, hat den Aufenthalt ein bisschen hinausgezögert.

 

 

Michael Bernhardt: Du scheinst dort in Südamerika einiges erlebt zu haben. Was war Dein spannendstes Erlebnis drüben?

 

Marc Meyer: So absurd es klingt – lies das Buch. Da sind 50% der Highlights drin. Sicher in stilisierter Form, aber alles was da drinnen steht, hat seinen realen Bezug. So war die Cathedral Deus Magno, in der Bella Bonita und Don José im Buch heiraten, zwar nicht die größte Kirche Mexico Citys, sondern eine Autowerkstatt in einem Vorort in Campo Grande (Brasilien). Nur, dass in dieser Werkstatt neben dem regulären Reparaturbetrieb jedes Wochenende Hochzeiten stattfanden. Der zuständige Priester (als Befreiungstheologe von der katholischen Kirche arg geschnitten) konnte anders seine Kirchengemeinde nicht finanzieren und mit der Autowerkstatt einer Reihe von Leuten eine solide Lebensgrundlage bieten. Ehen schließen und Autos reparieren, das war für den Pfarrer letztlich das selbe. Nebenbei: Er war ein Macho vor dem Herrn und träumte davon, eines Tages einen Ferrari zu fahren. Ich war nur ein Wochenende da und sage dir: ich habe selten ein so rauschendes Fest erlebt! Deswegen hat die im Buch die Cathdral Deus Magno auch eine Tiefgarage, aus der Bella und Don José dann flüchten können...

 

 

Michael Bernhardt: Wie bist Du mit dem Antman-Mythos in Berührung gekommen & was hat es mit diesem Mythos auf sich?

 

Marc Meyer: Das war in Amazonien. Die Touristen fürchten sich dort vor allem was kreucht und fleucht, vor allem natürlich vor den Insekten. Die Einheimischen Leute bestätigten natürlich gern die Gefährlichkeit ihrer Tierwelt, um vor den Gringos ordentlich Eindruck zu schinden. Ich hatte vor Ameisen am meisten Schiss: Gleich in meiner ersten Nacht, in Rio, wachte ich am nächsten Morgen mit einer fürchterlichen Penisentzündung auf. Ich schleppte mich ins nächstbeste Krankenhaus und dort stellte man fest: eine Ameise war mir über Nacht in die Harnröhre gekrochen und dort verreckt, vermutlich sehr elendig. Für mich war es auch die Hölle, ich rechnete mit dem Schlimmsten. Es war eine bestimmte Sorte von Ameise bzw. Ameisensäure. Aber mein Körper reagierte darauf Gott-sei-Dank sehr verträglich. Nach vier Wochen war ich wieder top-fit. Als ich dann im Laufe meiner Reise immer wieder das Gringomärchen von einem Ameisenmann hörte, ging ich der Sache einfach mal nach. Nicht jeder kannte die Mär und immer erzählten die Leute was anderes, aber: ich hörte davon an den unterschiedlichsten Orten und es waren weiß Gott nicht nur die Gringos, die daran glaubten. Ich habe dann noch ein paar weitere einschlägige Erfahrungen mit bestimmten Ameisenspezies gemacht, was aber an dieser Stelle zu weit führen würde. Mein Respekt vor Ameisen ist seit jener Zeit jedenfalls immens gewachsen und ob du es glaubst oder nicht: seit dem bin ich von keiner Ameise mehr gebissen worden.

 

 

Michael Bernhardt: Einmal nachgebohrt: Du sprichst davon, dass du weitere „einschlägige Erfahrungen mit bestimmten Ameisenspezies“ gemacht hättest, was hier aber zu weit führen würde. Ging es dabei um die wissenschaftliche Komponente zum Thema Ameisen, oder andere Erfahrungen (wie z.B. die Geschichte mit dem brasilianischen Militär, das aus Ameisensäure Kampfstoffe entwickelt), nach denen sich eine sensationslüsterne Leserschaft die Finger lecken würde?

 

Marc Meyer: Ja, aber ich sagte schon: das würde hier zu weit führen und ist (deswegen) eher eine Sache für Romane denn für Interviews. Und auch schon gesagt: im ANTMAN finden sich viele dieser einschlägigen Erfahrungen in stilisierter Form wieder. Das muss der werten Leserschaft zunächst reichen.

 

 

Michael Bernhardt: Südamerika war scheinbar eine ganz besondere Erfahrung. Hast Du schon mal über einen literarischen Erlebnisbericht über Deinen Aufenthalt dort in quasi autobiographischer Form nachgedacht?

 

Marc Meyer: Nein. Ich sehe mich als Dramatiker, nicht als Dokumentarist

 

 

Michael Bernhardt: Gibt es einen besonderen Grund warum Du die Mythos-Thematik in ein Pulp-Abenteuer verpackt hast?

 

Marc Meyer: Das war nach meinem Treffen mit Jürgen Michel, dem Erfinder der PLANET B Reihe. Ich kam zurück nach Berlin, brauchte einen Job, den Ameisenmann hatte ich schon völlig vergessen. Jürgen Michel hatte ein ganzen Stapel von Ideen für eine absurd-phantastische Erzählreihe, die er PLANET B nannte. Von Galle-Dämonen in der Tokoyer U-Bahn bis zu einem fliegenden Monster-Truthahn in Liverpool - und eben auch über ein Wesen, das nur aus Ameisen besteht, einem Ameisenmann. Ich fragte: man, wo warst du denn unterwegs? Er schaute verwirrt und sagte: "Nirgends. Ich reise ungern." Er hatte sich den Ameisenmann und all die anderen Viecher verdammt nochmal ausgedacht, in irgend einem dunklen Mietsraum im Wedding, und was den Ameisenmann anging: das deckte sich zum großen Teil mit meinen Erfahrungen in Lateinamerika. Wir waren beide baff ob dieses Zufalls und für mich war es der Grund, bei PLANET B einzusteigen.

 

 

Michael Bernhardt: Hast Du das Drehbuch für the Antman der Film geschrieben & anschließend zu einem Roman weiterentwickelt?

 

Marc Meyer: Teils teils. Der Drehbuchauftrag war zuerst da. Und de facto bin ich ja originärer Drehbuchschreiber. Von Anfang an hatten wir aber die Idee, PLANET B unbedingt auch als Romanreihe zu veröffentlichen, allein weil es unmöglich war, all die Absurditäten und ausufernden Phantasien filmisch umzusetzen. Schon aus Budgetgründen; die Filme sind ja sehr schnell und sehr billig produziert worden. Das entstandene Zelluloid-Werk vom ANTMAN als solches hat mich dann zusätzlich angestachelt. Es gab Zeiten, da habe ich mich mit dem Regisseur, Christoph Gampl, regelmäßig vor der Marlene-Dietrich-Halle in Babelsberg duelliert. Und wenn ich heute auch mit dem Film gut leben kann und mit dem Gampl in einer Fußballmannschaft kicke: als Regisseur hatte er einfach einen anderen Ansatz als ich (was Teil des Konzeptes war, aber kill mal deine Darlings für einen anderen!) - und es blieb zuviel Material der Geschichte auf der Strecke, auch inhaltlich. Was ich erzählen wollte, das konnte nur ein Roman leisten. Der BLITZ-Verlag hat es dann möglich gemacht, dass ich den gesamten Mythos vom Ameisenmann zusammentragen konnte, quasi ungekürzt, unzensiert.

 

 

Michael Bernhardt: Wo hast die Ideen für diese coolen Charaktere, vor allem Nebenrollen wie die Generäle Gamo & Pargo oder die Bürgermeisterin von Campo del Sol, hergenommen?

 

Marc Meyer: Keine Ahnung, aber ich beobachte viel meine Umwelt.

 

 

Michael Bernhardt: Stellenweise tauchen in the Antman augenscheinlich recht ernste & nachdenkliche Passagen auf – wenn einzelne Charaktere nachdenken & über Gott und die Welt sinnieren –, die von der Stimmung her irgendwie nicht recht in eine abgefahrene Trash-Geschichte passen wollen. Ist das Absicht oder Zufall (oder Einbildung meinerseits ;-))?

 

Marc Meyer: Was auch immer, in erster Linie ist es meine Erfahrung der Wirklichkeit. Die Dinge, also der profane Effekt und die sinnliche Konsequenz, liegen nun mal so dicht beieinander oder besser: sie liegen in- und übereinander. Ich kann das nicht voneinander trennen. Wenn sich das auch in der Form und im Stil des ANTMAN-Romans widerspiegelt, nehme ich das als Kompliment.

Zudem: als wir uns entschlossen hatten, die PLANET B-Abenteuerreihe aus der Taufe zu heben, ging es uns ja auch darum mit ästhetischen Konventionen rumzuspielen, sich ein Kreativfeld zu erschließen, wo wir endgültig Abschied nehmen können von der erwartungskonformen Welt. Was gibt es denn auch für eine Alternative? Etwas Einheitliches oder Reines? Da lauern meiner Ansicht nach die wirklichen Hirngespinste unserer Zeit und jedenfalls der Selbstbetrug; im besten Fall ist das überflüssig (und nebenbei faschistoid). Emotionale Authentizität –zumal in diesem Genre – basiert ausschließlich auf Widersprüche, Wirrungen, Sprünge und Risse. Das treibt uns ja auch im schnöden Alltag immer wieder an den Rand des Wahnsinns und/oder zwingt uns, an Gott zu glauben. Und nur wer es gar nicht mehr packt, läuft Amok. In der aktuellen Sozialwissenschaftsdebatte gibt es dafür den schönen Begriff der "hybriden Identitäten". Womit nicht etwa Klapsmüller gemeint sind, sondern eine Grundvoraussetzung beschrieben wird, sich in der postmoderne Globalgesellschaft zurechtfinden zu können. In der besseren Comic- und Animeekunst ist das beispielsweise längst ästhetische Konvention. Sich dazu auch im Literarischen zu bekennen, das ist nur ehrlich, mehr nicht. Und im Pulp ist es am ehesten möglich.

 

 

Michael Bernhardt: Wenn man Kritiken über Buch & Film ließt, wird man irgendwann – eher früher als später – auf das Label „Trash“ stoßen. Was ist für dich „Trash“ & würdest du „the Antman“ in diese Kategorie einordnen?

 

Marc Meyer: Wie gesagt: Buch und Film, das ist zwar aus dem selben Laden, aber dennoch zwei Paar Schuh. Und was die Labelisierung angeht: Trash ist letztendlich auch nur eine dieser zahlreichen Kategorien, bitte: ordnen wir den ANTMAN da ruhig hinein. Ich persönlich fühl mich wohl im Trash, da gibt es viel zu entdecken, eben weil es keine originäre literarische oder ästhetische Form ist, eher ein Sammelbecken, wo alles mögliche drin stecken kann. Um uns selbst zu positionieren, quasi aus Wiedererkennungsgründen, bezeichnen wir PLANET B als MODERN PULP. Darunter verstehe ich, neben dem Trivialen und Sinnfahrigen, vor allem auch das Instinkthafte und Anarchische. Wenn allein das beim Leser rüberkommt, bin ich zufrieden. Dann kann man den ANTMAN meinetwegen auch als Entwicklungsroman bezeichnen, das würde ich ertragen.

 

 

Michael Bernhardt: Bei Deinem zweiten Werk Mask under Mask ließe sich, speziell wenn man Deine obigen Worte bedenkt, unter dem „Horror-Label“ auch ein sozialkritischer Tenor heraushören. Siehst Du in der Unterhaltungs-Literatur ein wirkungsvolles Mittel, um auf bestimmte gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen?

 

Marc Meyer: Ich sehe in Literatur allgemein ein wirkungsvolles Mittel, Emotionen auszudrücken und, im besten Fall, zu vermitteln. Auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen, dafür sind Organisationen wie Amnesty International oder Greenpeace geeigneter. Die lassen sich auch nicht so leicht instrumentalisieren wie Literatur oder Kunst. Das muss nicht heißen, dass Literatur, zumal PULP, nicht gesellschaftskritisch oder politisch sein kann. Das ist es ganz automatisch, selbst wenn ich als Autor versuchen würde, es zu vermeiden. Ähnlich wie im Punk oder Reggae in der Musik; das kannst du natürlich hören, um dir beim Pogo ganz ausgelassen die Knochen zu demolieren oder nonstop die Birne zuzukiffen. Das ändert nichts an dem Statement, die diese Musik in sich birgt: die Konstruktion einer Gegenwelt, die Utopie und die Sehnsüchte, die brennen, weil sie verleugnet werden. Hier liegt die politische Dimension, im Anstoß der zur Trägheit neigenden Erregung; nicht im Hinweis auf gesellschaftliche Missstände. Das macht man besser hinterher in Interviews.

 

 

Michael Bernhardt: Was machst Du sonst noch, neben Dingen wie schreiben, Fußball und Gesellschafts-Reflexion?

 

Marc Meyer: Nichts.

 

 

Michael Bernhardt: Gibt es noch andere Dinge, denen Du in Zukunft unbedingt auf den Grund gehen möchtest?

 

Marc Meyer: Ja, aber es ist letztendlich ja immer da selbe Ding: Liebe und/oder Tod.

 

 

Michael Bernhardt: Arbeitest & schreibst Du noch an anderen Werken & kann man sich auf weitere Veröffentlichungen von Dir freuen?

 

Marc Meyer: Geplant sind natürlich weitere PLANET B Abenteuer. Und da steht für mich "Mask under Mask – die Verführung der Zombie-Braut" auf der Warteliste. Nebenher ist der Film natürlich nach wie vor eine Leidenschaft und wichtige Ausdrucksform für mich.

 

 

Michael Bernhardt: Zu guter letzt. Brät man in Mexiko Spiegeleier echt auf den Fensterbänken?

 

Marc Meyer: Auf Fensterbänken und den Rücken reumütiger Liebespartner.

 

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Erstellt: 07.06.2005, zuletzt aktualisiert: 30.01.2015 08:34