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»Süßes oder es gibt Saures!«

Fünf Filmtipps zu Halloween

 

von Oliver Kotowski

 

Halloween steht vor der Tür. Kostümierte Kinderhorden gehen um und belästigen "Süßes oder es gibt Saures!" fordernd alte Leute. Dieses "Süßes oder es gibt Saures!" ist der Kernsatz des Festes – Schönes und Schlechtes werden erstmal verbal mit der Entweder-Oder-Junktion verbunden. Doch eigentlich ist Halloween das Fest der atheistischen Moderne, bei dem Grauen zum Amüsement wird: Das Saure kann dem Genießer wohl schmecken, also 'süß' sein. Je nach Fasson wird dabei mehr oder minder auf einen alten Trick zurückgegriffen. Das Grauen wird verulkt, harmlos und komisch – es wird ein "Ridiculus!"-Zauber ausgesprochen. Doch für die meisten Feiernden besteht der Reiz des Festes eben in der Spannung, die aus dem Kontrast des Süßem und des Sauren entsteht – Naschwerk in Form von Spinnen und Fledermäusen, (eher in der Fantasie) blutig rote Getränke im Weinglas und Nudelauflauf, der an eine von Würmern zerfressene, verweste Leiche gemahnt.

Bei vielen Bekannten (und wohl auch weit darüber hinaus) hat sich neben der Feier im kleinen Kreis noch ein anderer Brauch eingebürgert – das Schauen eines Gruselfilmes. Üblicherweise gilt für den Film, was für das ganze Fest gilt: Er muss beim Zuschauer die Spannung zwischen Horror und Humor halten. Im Folgenden will ich fünf Filme vorstellen, die diese Spannung im unterschiedlichen Maße abdecken.

 

Tanz der Vampire

Steifgefroren von ihrer Reise durch die verschneiten Südkarpaten rasten der Königsberger Professor Abronsius (Jack Mac Gowran) und sein treuer Gehilfe Albert (Roman Polanski) im Gasthof des Juden Yoine Shagal (Alfie Bass). Es scheint, als sei der Professor an sein Ziel gelangt, denn überall sind Zeichen des Vampirglaubens zu sehen. Während sich der schüchterne Albert in Shagals hübsche und unartige Tochter Sarah (Sharon Tate) verliebt, entdeckt Abronsius, dass die Dorfbewohner sich zwar gegen den Vampir schützen – überall hängt Knoblauch von der Decke, ihn aber auch so sehr fürchten, dass sie nicht über ihn sprechen. Der Dorftrottel verrät zwar, dass Graf Krolocks Schloss in der Nähe liegt, doch bevor er die Lage ausplaudern kann, bekommen die Dörfler ihn wieder unter Kontrolle. Als Sarah nächtens aus dem Bad entführt und tags darauf die leergesaugte Leiche des Vaters gefunden wird, sprechen die Dörfler von Wölfen, die ungewöhnlich aggressiv seien. Schließlich finden die zwei furchtlosen Vampirjäger doch zum Schloss Krolock, wo sie Sarah retten und den Vampir (Ferdy Mayne) vernichten wollen.

Dem schlichten Plot nach hat Regisseur Roman Polanski hier eine klassische Vampirjagd abgedreht. Auch die Inszenierung ist schön schaurig – unvergessen ist der verschneite Friedhof im Burgfried, aus dessen Gräbern zahllose schwarze Silhouetten krabbeln. Doch Tanz der Vampire ist auch eine Parodie auf Vampirfilme. Polanski dreht die Exzentrik der Figuren seiner Vorlage ins Komische – Abronsius ist eine ungeschickte Vogelscheuche, Albert übermäßig empfindlich und Shagal als Lebender wie als Vampir ein geiler Bock. Zwar zieht der Film viel Komik aus den Figuren, einigen Slapstickszenen und komischen, weil unpassend banalen Dialogen, doch Polanskis eigentliche Stärke sind die subtileren Momente – zu denen etwa der bitterböse Witz um den jüdischen Vampir gehört, der stets mit seinem Sarg vertrieben wird und sich immer wieder einschleichen muss. In der Balance zwischen unheimlicher Inszenierung und komischen Figuren liegt die besondere Stärke des Films.

 

Beetlejuice

Die Maitlands – Adam (Alec Baldwin) und Barbara (Geena Davis) – sind ein glückliches Paar. Doch das Glück hält nicht lange an. Auf dem Weg von der Stadt zurück zum Haus verunglücken die beiden mit dem Wagen und sterben. Als verwirrte Geister versuchen sie zu durchschauen, was vor sich geht. Sie haben zwar ein Handbuch bekommen, aber dass liest sich wie die Betriebsanleitung eines Videorekorders – die Maitlands verstehen sie nicht. Finster aber wird es, als Charles Deetz (Jeffrey Jones), ein überspannter Yuppie, das Haus der Maitlands kauft, denn seine Frau Delia (Catherine O'Hara), eine überspannte New Yorker Amateurkünstlerin, will das Haus radikal umgestalten. Mit allerlei harmlosem Spuk versuchen die beiden Geister die Deetz zu vertreiben, doch diese sind zu abgebrüht, um sich davon ängstigen zu lassen. Nur Tochter Lydia (Winona Ryder), ein überspanntes Goth-Mädchen, hat Mitleid mit den Maitlands und versucht zu vermitteln. Als sich die Situation zuspitzt, beschließt man Beetlejuice (Michael Keaton), einen bösartigen Bio-Exorzisten, zur Hilfe zu rufen, um die Deetz zu vertreiben. Beetlejuice hat aber seine eigenen Pläne.

Dieser Film ist vor allem komisch. Im Kern ist es eine moderne Adaption von Oscar Wildes Das Gespenst von Canterville – die hilflos-harmlosen Geister, die abgebrühte Familie, die mitleidige Tochter. Doch Beetlejuice wartet eben mit Beetlejuice auf: Michael Keaton dreht hier so richtig auf – kein Wunder, dass er für seinen prolligen Ekelgeist den National Society Award als bester Schauspieler erhielt. Keaton hatte die meisten Texte frei improvisiert, was dieser seltsamen Mischung aus alberner Belustigung und sublimer Bedrohlichkeit eine nachhaltige Kraft verlieh. Zudem hat der Film seine unangenehmen Momente. Höhepunkt ist die Besessenheitsszene, in der die Deetz und ihre Freunde zu Harry Belafontes Come Mr. Tallyman, tally me banana tanzen müssen. Hier zeigt sich die Kunst Tim Burtons. Der Regisseur lässt seinen Film diese Gratwanderung vollziehen, wobei er immer wieder auf überzogene Künstlichkeit setzt, die im Leben komisch und im Tode bedrohlich wirkt.

 

Scream 2

Vor zwei Jahren hatten zwei Psychopaten versucht, die Schülerin Sidney Prescott (Neve Campbell) zu ermorden und im Verlauf des sadistischen Vorspiels die Kleinstadt Woodsboro mit grausamen Morden in Angst und Schrecken versetzt. Die ehrgeizige Journalistin Gale Weathers (Courteney Cox) hatte nicht nur Sidney, ihren Schulfreund Randy Meeks (Jamie Kennedy) und den Polizisten "Dewey" (David Arquette) gerettet, sondern ihre Rolle auch für einen steilen Aufstieg optimal ausgenutzt: Sie ist als Fernsehjournalistin und Buchautorin bekannt geworden – die Verfilmung ihrer Aufarbeitung der Ereignisse kommt unter dem Titel "Stab" gerade in die Kinos. Da geht das Grauen wieder los: Während der Filmpremiere ersticht ein Maskierter zwei Studenten und, während alle noch geschockt sind, eine weitere Studentin. Schnell wird klar, dass der Mörder die damaligen Ereignisse in Woodsboro nachspielen will – so tragen die getöteten Studenten Namen von Woodsboro-Opfern. Die Überlebenden von Woodsboro setzen sich zusammen und überlegen, wer der Täter ist, der zu Sidneys Bekanntenkreis gehören muss – und wie sie ihn stellen können.

Was auf dem (virtuellen) Papier wie ein klassischer Slasher-Film aussehen mag, ist beim genaueren Hinsehen wesentlich mehr. Zwar treibt Regisseur Wes Craven die typische Slasher-Jagd auf die Spitze indem er mit der (realen) Nähe und (psychologischen) Ferne von Opfer und Täter spielt, doch die Thematisierung des Slasher-Genres in Film selbst macht den Film zu etwas Besonderem: Der Film beschreibt die Statisten (und damit den Zuschauer?) als Voyeure, lässt die wichtigeren Figuren über die Zusammenhänge von Gewalt in Filmen und realer Gewalt oder von latentem Rassismus in Horror-Filmen philosophieren und dieses so geschickt, dass es einerseits als plausible Figurenrede funktioniert und andererseits als Kommentar des Regisseurs zum Genre selbst. So sieht gewitzte Postmoderne im Pop-Gewand aus. Rasante Action und Horror führt Craven mit makabrem Humor zusammen: Eine Szene kann jederzeit von Grauen in Komik und umgekehrt umschlagen.

 

Die Mumie

Hamunaptra – dort wurde 1290 v. Chr. der Hohepriester Imhotep (Arnold Vosloo) mit dem schlimmsten Fluch des alten Ägyptens belegt: Sein Körper wird auf ewig von Skarabäen gefressen. Dort soll es auch unglaubliche Reichtümer geben und das lockt zahllose Abenteuer in die Wüste. Da sind zum einen die tollpatschige Evelyn Carnahan (Rachel Weisz), die gerade durch eine versehentliche Verwüstung der Bibliothek ihre Karriere torpedierte, und ihr nichtsnutziger Bruder Jonathan (John Hannah), der einen uralten Schlüssel dem amerikanischen Abenteurer Rick O'Connell (Brendan Fraser) gestohlen hat. O'Connell war schon einmal in Hamunaptra, ein Umstand, der ihm mit etwas Hilfe von Evelyn vom Galgen des Gefängnisaufsehers Gad Hassan (Omid Djalili) rettet. Die Vier tun sich zusammen, doch sie sind nicht die Einzigen, die sich für die sagenumworbene Stadt interessieren: Eine weitere Gruppe amerikanischer Abenteurer will ihnen zuvorkommen und ein uralter Geheimbund will alle Fremden von der Stadt fernhalten. Doch aus den Gegnern müssen Verbündete werden, als ein bestimmter Tollpatsch versehentlich Imhotep wiedererweckt.

Regisseur Stephen Sommers hat mit Die Mumie in erster Linie großartiges Popkorn-Kino gezaubert. Etwa die erste Hälfte des Filmes ist eine schnelle Abenteuergeschichte mit vielen Action-Szenen, Slapstick und ironischen Bemerkungen. Hinzukommen die witzigen Figuren, die weder sich selbst noch die Umwelt vollständig ernst nehmen. Das funktioniert vor allem deshalb, weil es ein postmodernes Spiel mit dem Genre ist, das nur in den Grenzbereich der Parodie hineinragt. Dank kluger Einstellungen erinnert der Film optisch immer wieder an Filmklassiker, sei es an Die Mumie von 1932 oder Marschier oder Stirb von 1977. Mit der Wiedererweckung Imhoteps wird der Film dann eine Spur ernster und kippt vom Abenteuerfilm in den Horrorfilm; gerade das Erstarken des untoten Hohepriester, das mit den biblischen zehn Plagen einhergeht, die über Ägypten kamen, bietet einige gruselige Momente. Insgesamt überwiegen aber die humorvollen Momente.

 

Fido – Gute Tote sind schwer zu finden

In den 50er Jahren ist aus dem Weltraum eine Wolke auf die Erde gesunken, die in den Toten die Gier nach dem Fleisch der Lebenden erweckte, doch mithilfe des ZomCom-Konzerns wurde der Zombiekrieg gewonnen und die verbleibenden Untoten mit einem die Fleischgier unterdrückenden Halsband unter Kontrolle gebracht. Jeder, der was auf sich hält, hält sich einen Zombie. Nur die Robinsons haben keinen, da Vater Bill (Dylan Baker) Zombies fürchtet, seit er seinen zombifizierten Vater töten musste. Mutter Helen (Carrie-Anne Moss) will aber nicht schlecht vor den neuen Nachbarn dastehen und kauft trotzdem einen. Sohn Timmy (K'Sun Ray) steht dem Toten (Billy Connolly) zunächst ablehnend gegenüber, doch als dieser Timmy gegen zwei fiese Klassenkameraden verteidigt, ändert der Junge seine Meinung und nennt den Zombie "Fido". Nach und nach wird Fido von Helen und Timmy stärker in die Familie integriert, was Bill sehr missfällt. Als dann Fidos Kontrollhalsband aufgrund eines Unfalls ausfällt und er die garstige Nachbarin frisst, kommen Ereignisse ins Rollen, welche die gesamte Nachbarschaft verändern werden.

Andrew Curries Film ist ein seltsames Ding, denn er liegt sauber zwischen verschiedenen Genres, ohne dabei den Fokus zu verlieren. Es ist natürlich ein Zombiefilm, bei dem Verwesende die Lebenden zerfleischen, auch wenn der Film nicht in Splatterszenen schwelgt. Es ist eine Screwball-Komödie im Stil der 50er Jahre Filme, es ist eine Liebeskomödie um eine unmögliche Dreiecksbeziehung – Fido oder Bill, beide wird Helen nicht behalten können. Und nicht zuletzt ist es ein cleverer Film über Spießertum und Bigotterie in den USA der 50er. Doch bei alle dem bleibt die stärkste Quelle für Humor der Kontrast zwischen den verschiedenen Aspekten: Großartig, wenn die Schulkinder bei den "Außenaktivitäten" nach blutrünstigen Abzählreimen das Erlegen von Zombies üben, Timmy sich in die neue Mitschülerin verguckt und das alles zu stilechter 50er Jahre Musik. Fido, "du verrückter, wundervoller Zombie!" – Filmzitate gibt es auch zuhauf.

 

Wie gesagt, die Filme halten nicht im gleichen Maße die Balance zwischen Horror und Humor. Beetlejuice und Scream 2 sind dabei sicherlich die Eckpunkte: Beetlejuice ist eine Komödie mit horriblen Momenten, Scream 2 ist ein Horrorfilm mit komischen Momenten, die anderen drei liegen dazwischen. Tanz der Vampire und Die Mumie sind dabei einander in wesentlichen Aspekten recht ähnlich: Setting und Plot sind dem Horrorfilm zugehörig, allein die Figuren passen nicht dazu, doch wo Polanski auf Atmosphäre und Subtilität setzt, schiebt Sommers Action und Blut ein. Fido – Gute Tote sind schwer zu finden ist nach meinem Dafürhalten am ausgeglichensten und soll für heute auch mein Geheimtipp sein.

Gleichwie – viel Spaß beim Gruseln!

 

Eure Meinung:

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Achim
Sonntag, 25. Oktober 2009 21:52 Uhr
... wobei für eine Halloween-Party mit jüngeren Zuschauern eigentlich kein Weg vorbei an "Ghostbusters" führt.
Für die etwas älteren Teenager darf es dann auch schon mal "Sleepy Hollow" sein.
Und für die ganz kleinen halt "Hui Buh", "Scooby-Dooh" oder "Casper".

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Tanz der Vampire

(GB/USA 1967, 107 min, FSK 12)

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Beetlejuice - Lottergeist

(USA 1988, 92 min, FSK 12)

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Scream 2

(USA 1997, 115 min, FSK 18 bzw. 16 gekürzt)

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Die Mumie

(USA 1999, 120 min, FSK 12)

Erhältlich bei: Amazon

 

 

Fido - Gute Tote sind schwer zu finden

(Kanada 2006, 91 min, FSK 16)

Erhältlich bei: Amazon

 

 


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Erstellt: 18.10.2009, zuletzt aktualisiert: 15.02.2019 09:28